MDAX: Bullen oder Bären – wessen Stricke reissen jetzt?

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Zur MDAX

Ist die „Omikron“-Mutation gefährlicher oder ungefährlicher für den Menschen? Die Antwort auf diese Frage ist entscheidend. Aber bis sie kommt, kann es zwei, drei Wochen dauern. Aber die Anleger müssen beim MDAX jetzt handeln. Daher ist entscheidend, wer da kauft!

Angenommen, Omikron würde eine höhere Gesundheitsgefährdung bedeuten als die aktuell dominierende Delta-Variante, hätte die Welt ein ernstes Problem, denn auch, wenn einige Impfstoffhersteller erklären, dass man binnen ca. drei Monaten einen angepassten Impfstoff entwickeln könne: In drei Monaten kann viel passieren. Und herstellen und verteilen muss man ihn dann auch noch. Sollte Omikron den menschlichen Körper jedoch weniger attackieren als Delta, wäre das ein immenser Glücksfall. Nur weiss man das eben nicht, denn dass man bislang nur milde Verläufe gesehen hat, hat noch nicht viel zu sagen, da die meisten Infizierten jung sind und nicht wenige bereits schon einmal mit Corona infiziert waren. Man muss es einfach abwarten. Aber wer am Aktienmarkt engagiert ist, muss jetzt Entscheidungen treffen.

Entscheidungen unter Unsicherheit … eigentlich ist das ja des Anlegers täglich Brot, denn die Zukunft ist nun einmal immer ungewiss. Aber normalerweise behelfen sich Anleger dadurch, dass sie sich eine Meinung darüber bilden, wie es weitergeht und entsprechend dieser Linie agieren. Das sah man gestern beispielsweise an der Reaktion auf die Vorab-Berechnung der deutschen Inflation für November. Die lag zwar mit 5,2 Prozent zum Vorjahresmonat über den Prognosen der Volkswirte (Eurozone-harmonisiert mit +6,0 Prozent erst recht).

Aber viele verlassen sich darauf, dass die EZB Recht behält und sich das Problem bald von alleine erledigen wird. Die EZB lag zwar mit ihren Voraussagen in Bezug auf Wachstum und Inflation zuletzt immer daneben. Aber was den meist ausschliesslich Long agierenden Marktteilnehmern da versprochen wird, ist genau das, was sie hören wollen. So etwas glaubt man gerne auch mal unbesehen. Bei Corona ist das anders.

Noch ist die Inflation in einem Rahmen, den viele nicht massiv im Geldbeutel spüren. Strom oder Gas laufen meist über im Vertrag für ein Jahr fixierte Preise, die neuen Abschläge sind noch nicht da, das wirkt alles relativ weit weg. Einen Lockdown oder andere Verschärfungen, die hat man indes direkt vor der Nase. Das provoziert Reaktionen. Reaktionen wie die nahezu panisch wirkenden Verkäufe am vergangenen Freitag. Und wie die Käufe des Montags. Die Frage ist: Welches von beidem ist hier die Eintagsfliege?

Den aktuellen Kurs und Chart des MDAX sowie Kursinformationen und alle Aktien des Index finden Sie hier.

Expertenmeinung: Da bewegen wir uns im Bereich von „behavioural finance“, der Lehre, die sich mit „Börsenpsychologie“ befasst. Wie gesagt: Ob sich die Omikron-Mutation als fatal oder im Gegenteil als ideal erweisen wird, wird wohl frühestens in zwei Wochen tauglich erkennbar sein. Bis dahin bewegen sich die Marktteilnehmer in dichtem Nebel. Was dazu führen wird, dass sie danach handeln, was sie als wahrscheinlicher ansehen. Ohne Daten als Fundament wird es also darum gehen, ob Optimismus oder Pessimismus stärker vertreten sein werden.

Dabei kann es zwar sein, dass neue Konjunkturdaten oder Statements von Unternehmen zum laufenden, von explodierten Erzeugerpreisen und gerissenen Lieferketten beeinträchtigten Quartal mit ins mentale Boot genommen werden. Aber es muss nicht. Wenn die Stricke der Bullen reissen, ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass zuvor erfolgreich verdrängte, negative Aspekte schlagartig ins Bewusstsein zurückkehren. Aber wenn es gelingt, diese Stricke zu stabilisieren, kann es gut sein, dass man weiterhin so tut, als würden alle anderen Probleme entweder nicht existieren oder von alleine verschwinden. So weit, so gut, aber was wird sich denn nun durchsetzen?

Da man den Menschen nicht in die Köpfe schauen kann und die meisten in Phasen wie diesen ohnehin heute noch nicht wissen, wozu sie sich morgen entscheiden, muss man gar nicht erst versuchen, sich dahingehend den Kopf zu zerbrechen. Besser ist es, konsequent auf den Chart zu schauen. Denn letztlich sind es ja die Kurse, die ausweisen, in welche Richtung sich das Pendel bewegt. Und da sehen wir beim MDAX eine Situation, in der jetzt eine Entscheidung fallen muss, weil die nicht zwei oder drei Wochen warten kann. Denn der MDAX ringt um seine 200-Tage-Linie. Und damit steht hier eine Weichenstellung an, bevor die Fakten geliefert werden können, anhand denen man absehen könnte, welche Richtung von dieser Linie aus eigentlich die richtige wäre.

Sie sehen in den Charts auf Tages- und Wochenbasis gleichermassen, dass dem MDAX eine markante Trendwendeformation in Form eines Doppeltopps droht. Dessen Nackenlinie wäre die Supportzone 33.159/33.411 Punkte. Aber ihr vorgelagert verläuft eben diese 200-Tage-Linie bei ziemlich genau 34.000 Punkten. Am Freitag wurde sie zwar knapp unterboten, aber das war noch keineswegs signifikant. Als diese Linie im Oktober getestet wurde, schloss der Index auch zweimal knapp darunter, nach fünf Tagen zähen Ringens gelang es trotzdem, die Kurve nach oben zu kriegen.

MDAX: Tages-Chart vom 29.11.2021, Kurs 34.052,04 Punkte, Kürzel MDAX | Online Broker LYNX

Das führte zu einem Anlauf an das Anfang September bei 36.429 Punkten markierte Rekordhoch. Doch dieser Anlauf scheiterte, was den MDAX jetzt in diese kritische Situation gebracht hat. Und das macht klar: Bullen und Bären können und werden nicht warten, bis klar wird, wie sich die Sachlage bei Omikron darstellt. Und da eine Entscheidung an einer derart wichtigen Linie imstande ist, das Meinungsbild zu beeinflussen, Hoffende in Pessimisten zu verwandeln oder umgekehrt, ist dieser Test eine sinnvolle Entscheidungsgrundlage für Trader, die jetzt vor der Frage stehen: rein … oder raus?

Da die eigentliche Nackenlinien-Zone des jetzt ja noch nicht vollendeten Doppeltopps bei 33.159/33.411 Punkten liegt, sollte man aber diese Zone und nicht die 200-Tage-Linie als Basis der Entscheidung wählen. Denn der Bereich von 33.159/33.411 Punkten würde ja als Rettungsanker fungieren, falls die 200-Tage-Linie bricht. Erst unter 33.000 Punkten würde der MDAX ein bärisches Signal auf mittelfristiger Ebene abliefern.

Auf der Oberseite wäre ein wirklich signifikantes Schliessen der am Freitagmorgen entstandenen Abwärts-Kurslücke ein bullisches Signal, dem sich viele Trader wohl anschliessen würden. Auch da sollte man nicht zu voreilig agieren: Erst, wenn auch das Hoch des Vortages, d.h. des Donnerstags, mit Schlusskursen über 35.070 Punkten überboten wäre, liesse sich unterstellen, dass die Bullen wieder die Kontrolle haben.

Aber Vorsicht: Da diese Sache mit Omikron erst später Fakten liefern dürfte, muss man auch nach einer charttechnisch klar wirkenden Entscheidung weiterhin auf Überraschungen gefasst sein!

MDAX: Wochen-Chart vom 29.11.2021, Kurs 34.052,04 Punkte, Kürzel MDAX | Online Broker LYNX

 

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Seit fünf Tagen versucht man sich beim MDAX an einer Stabilisierung auf Höhe der wichtigen 200-Tage-Linie, die zudem mitten in einer mittelfristig relevanten Supportzone liegt. Das wäre eine perfekte Basis für eine Rallye – aber wehe, wenn das schiefgeht. Und noch ist alles offen!

Nach dem Ende September erfolgten Bruch der mittelfristigen, im März 2020 etablierten Aufwärtstrendlinie hielten sich die Käufer unübersehbar zurück. Das änderte sich in dem Moment, als der MDAX die nächste wichtige Unterstützungszone erreichte: Die Zone zwischen 33.160 und 33.650 Punkten, bestehend aus den Hochs der Monate Februar und April, dem Juni-Tief und, am wichtigsten von allen Linien, aus der 200-Tage-Linie.

Hier geht es seit mittlerweile fünf Handelstagen hin und her. An jedem dieser Tage stand die 200-Tage-Linie im Feuer, gestern gelang es erstmals, sie etwas mehr als ein halbes Prozent unter dem Schlusskurs zu lassen. Grundsätzlich ist das eine perfekte Basis für eine Rallye, nicht zuletzt mit Blick auf den RSI-Indikator, der auf Tagesbasis die überverkaufte Zone erreicht hatte. Und man sieht an den Tiefs der letzten Tage, die präzise auf der unteren Begrenzung dieser Auffangzone liegen, dass die Trader diesen Bereich klar als Entscheidungszone erkennen. Aber mit dem gestrigen Schlusskurs ist die obere Begrenzung dieser Unterstützungszone nur erreicht, nicht bereits überboten worden. Und damit ist der Dienstag zwar ein Matchball für die Bullen, aber der muss eben erst einmal verwandelt werden.

Expertenmeinung: Und dafür reicht es nicht, sich aus der Zone 33.160/33.650 Punkte knapp heraus zu kämpfen. Die Mindestanforderung dafür, den MDAX wieder als bullisch einstufen zu können, ist ein Schlusskurs über 34.510 Punkten. Dort lag das Tief vom 20. September, als der Index die mittelfristigen Aufwärtstrendlinie zunächst noch hatte verteidigen können. Schlusskurse über diesem Zwischentief würden zugleich einen Schlusskurs über der für kurzfristige Trader wichtigen 20-Tage-Linie bedeuten. Erst dann liesse sich unterstellen, dass die aktuellen Bemühungen erfolgreich waren und so das Fundament für eine Rallye Richtung Jahresende geschaffen wurde.

Chart vom 12.10.2021, Kurs 33.624,67 Punkte, Kürzel MDAX | Online Broker LYNX

Ein entscheidender Grund, momentan lieber ein bisschen zu vorsichtig als zu wagemutig zu sein und einen Beleg für eine Aufwärtswende einzufordern, liegt in den Rahmenbedingungen. Materialknappheit, massiv steigende Produktionskosten, Transportprobleme: Diese Symptome des „Flaschenhalses“ treffen vor allem exportlastige Unternehmen und Zulieferer. Und von denen wimmelt es im MDAX. Dass sich Umsatz- und Gewinnwarnungen bislang in Grenzen halten, sollte dabei nicht dazu führen, die MDAX-Unternehmen als nicht betroffen zu wähnen. Denn im jetzt beendeten, dritten Quartal hatten diese Schwierigkeiten erst ihren Anfang genommen. Wichtiger als der Blick zurück im Rahmen der in den kommenden Wochen beginnenden Flut der Quartalsbilanzen ist daher der Blick nach vorne, sind die Perspektiven, die die Unternehmen für das angelaufene vierte Quartal und das Gesamtjahr vorlegen werden.

Nicht wenige im bullischen Lager dürften ahnen, dass da Ungemach ansteht … die Bären nicht minder. Besser wäre es daher abzuwarten, ob die Verteidigung der Auffangzone 33.160/33.650 Punkte nicht nur gelingt, sondern ob auch Anschlusskäufe kommen, die die nächsten Hürden zu nehmen imstande sind!

Monatelang gelang es, schnelle, scharfe Rücksetzer sofort zu drehen und neue Allzeithochs zu erreichen. Doch jetzt sieht das Chartbild des MDAX kritisch aus. So schwer haben sich die Bullen in diesem Jahr noch nicht getan, die Sache zu drehen – diesmal könnten sie scheitern.

Das Chartbild sieht kritisch aus. Die Situation erinnerte bisher an die April/Mai-Korrektur. Es ging damals einige Wochen lang eher moderat abwärts, doch als die Abgaben dynamischer wurden, bliesen die Bullen zum Gegenangriff, drehten den MDAX und schafften es binnen weniger Wochen, das vorherige Rekordhoch zu überwinden. Das Drehen des Index lief damals recht schnell und reibungslos ab, das galt auch für die Rücksetzer davor und danach. Diesmal läuft es anders.

Der Chart auf Tagesbasis zeigt, dass man zwar am Mittwoch nach dem am Vortag erfolgten Bruch der mittelfristigen Aufwärtstrendlinie versuchte, das Ruder herum zu reissen.

MDAX: Tages-Chart vom 30.09.2021, Kurs 34.369,69 Euro, Kürzel MDAX | Online Broker LYNX

Aber dieser Versuch wurde abverkauft. Dass die Wende nicht im ersten Anlauf gelingt, ist indes keine Seltenheit, daher griffen die Käufer am gestrigen Donnerstag unbeeindruckt erneut zu. Doch auch dieser Versuch, den Index zu stabilisieren und schnell wieder über die Trendlinie zu heben, ging schief. Und das ist ungewöhnlich. Was ist jetzt anders als in den Monaten zuvor?

Expertenmeinung: Ist es langsam zu viel geworden, was man an Risiken beiseiteschieben muss, um in fallende Kurse hinein ein ums andere Mal beherzt zuzugreifen? Ist es die Angst davor, dass der wankende chinesische Immobilienmarkt entgegen der Beteuerung vieler doch Stosswellen aussenden könnte, die das ohnehin wacklige deutsche Wachstum, von Inflation und „Flaschenhals“ gebeutelt, ins Gegenteil verkehren? Möglich ist es.

Aber vielleicht braucht es das Damoklesschwert China nicht einmal mehr. Immerhin hatten viele bei den MDAX-Aktien zugegriffen, weil sie sicher waren, dass die durch Corona freigesetzte Geldflut für rasant steigende Unternehmensgewinne sorgen würde, befeuert durch ein starkes und zugleich stabiles Wachstum auf Basis eines kräftig anziehenden Konsums. Aber je älter das Jahr 2021 wird, desto deutlicher wird, dass es so nicht laufen wird. Und wenn man sich die Charts ansieht, stellt man fest: Der MDAX ist gegenüber Ende 2020 trotzdem noch weit in der Gewinnzone. Es kann also allemal sein, dass diese schon verdächtig lange Schwächephase dazu führt, dass sich mehr und mehr Akteure sagen: Wer zuerst verkauft, bekommt noch die besten Kurse.

Sollte der Index sich nicht heute glaubwürdig fangen, sondern im Gegenteil noch weiter nachgeben, besteht die Gefahr, dass sich die Verkäufe deutlich intensivieren. Nachdem der MDAX das Vorwochentief (im Gegensatz zum DAX) bereits unterboten hat, könnten viele Akteure nach einem schwachen September auf die wichtige, durch die 200-Tage-Linie verstärkte Supportzone 33.160/33.650 Punkte starren und diese als potenziellen Einstiegspunkt definieren. Das wäre, immer vorausgesetzt, die Bullen bekämen heute erneut nichts zuwege, das nächste Kursziel. Und würde es erreicht, ginge es sofort um die mittelfristige Tendenz, d.h. dann wird es hier erst richtig spannend!

MDAX: Monats-Chart vom 30.09.2021, Kurs 34.369,69 Euro, Kürzel MDAX | Online Broker LYNX

Wäre durch die Erweiterung des DAX auf 40 Aktien ein Ruck durch Aktienmarkt gegangen, hätte sich das im MDAX niederschlagen müssen, denn bis kommenden Montag sind die zehn DAX-Neulinge ja noch dort notiert. Aber es tut sich nichts. Worauf warten die Bullen?

Der MDAX ist aktuell so spannend wie ein Glas Leitungswasser. Dabei hätte man wirklich darauf hoffen können, dass die Benennung der zehn zukünftigen DAX-Mitglieder irgendetwas wachrütteln würde. Sei es der Beginn von Gewinnmitnahmen bei diesen zehn Noch-MDAX-Schwergewichten durch all diejenigen, die seit Monaten in der Erwartung eines grossen Sprungs vorgekauft hatten, sobald die Kandidaten feststehen. Oder kräftige Käufe bei den verbleibenden 50 MDAX-Titeln, weil man bei MDAX-Fonds und –ETFs durch den Verkauf der zehn DAX-Aufsteiger frei werdendes Kapital auf die verbleibenden Aktien verteilen muss.

MDAX: Monats-Chart vom 10.09.2021, Kurs 36.092,12 Punkte, Kürzel MDAX | Online Broker LYNX

Aber nein, man wünscht sich ja glatt das seichte Aufwärts-Schleichen der vorangegangenen drei Monate zurück. Besser das als das Nichts, das wir jetzt sehen. Worauf warten die Käufer? Was braucht es, um wieder Dynamik in den MDAX zu bekommen?

Expertenmeinung: So banal es klingt, die meisten warten darauf, dass irgendjemand anderes etwas tut, damit man eine Vorlage hat. Die Argumente, die den MDAX in den vergangenen Monaten von einem Rekordhoch zum nächsten getragen hatten, sind verbraucht. Daraufhin ist längst eingestiegen, wer einsteigen wollte. Und jetzt zeichnet sich ab, dass man mit seinem Optimismus zu Jahresbeginn womöglich zu hoch gegriffen hatte. Der „Flaschenhals“ bremst die Produktion in vielen Branchen, Corona ist immer noch ein Thema und die Verbraucher agieren nicht so beherzt, wie man sich das mit dem Ende des letzten Lockdowns noch vorgestellt hatte. Damit dürften viele, die im MDAX hoch investiert sind, auf gepackten Koffern sitzen. Aber es geht eben auch nicht nach unten, denn dem Ausstieg steht ein „aber“ entgegen.

Noch ist der Geldhahn weit offen. Noch kann man darauf hoffen, dass der Umstand, dass eine über kosmetische Aktionen hinaus weiter untätige EZB den Effekt hat, dass sukzessiv weiteres Kapital in den Aktienmarkt wandert, weil es an Alternativen fehlt. Also warten die meisten Akteure darauf, dass sich eine Richtung durchsetzt. Wenn zu viele so denken, kann man da natürlich lange warten. Aber eine derart schmale Seitwärts-Spanne, wie wir sie seit drei Wochen sehen, wird auf Dauer nicht durchgehalten. Denkbar wäre, dass der am Freitag anstehende Abrechnungstermin für Futures und Optionen den Index noch in dieser Spanne hält, sofern genug grosse Adressen am Terminmarkt das Ziel einer Abrechnung nahe Rekordniveau haben, zugleich aber genug Call-Optionen verkauft haben, um einen Ausbruch nach oben nicht zu wollen. Aber spätestens nach dieser Abrechnung am 17. September sollte hier wieder Bewegung in den Markt kommen.

Achten Sie dabei unbedingt auf das Momentum. Sollte die im August etablierte, kurzfristige Abwärtstendenz des Indikators auf Tagesbasis durchbrochen werden, wäre es möglich, dass der MDAX einen Anlauf an die obere Begrenzung des mittelfristigen Aufwärtstrendkanals nimmt, die derzeit immerhin Spielraum bis 37.000 Punkte bieten würde. Sollte das Momentum jedoch so deutlich in negatives Terrain abgleiten, dass das Zwischentief vom Juli unterschritten wird, ist hier etwas angebrannt, dann müsste man zumindest mit einem Test der im vergangenen Herbst etablierten Aufwärtstrendlinie bei aktuell 34.700 Punkten rechnen.

MDAX: Tages-Chart vom 10.09.2021, Kurs 36.092,12 Punkte, Kürzel MDAX | Online Broker LYNX

Vergleicht man die Rallye des MDAX seit März 2020 mit der Hausse, die im Frühjahr 2009 begann, nimmt sich der aktuelle Anstieg klein aus. Und die hohe Bewertung und die überkaufte Markttechnik? Sie können die Hausse zu Fall bringen, das muss aber nicht so kommen.

Das hätte leicht eine Toppbildung werden könnten, was sich da beim MDAX, dem „Index der zweiten Reihe“, zwischen Februar und Mai abgespielt hat. Irgendwie war die Luft raus, es ging volatil seitwärts, wichtige Unterstützungen hätten da leicht fallen und dadurch die zuvor so positive Stimmung kippen können. Aber dann bekam der MDAX ab Mitte Mai die zweite Luft. Und die hält bis heute vor. Bis auf einen kurzen Schwächeanfall Mitte Juni, der aber zügig wieder „repariert“ wurde, steigt der Index wie auf Schienen. Und wenn es nach denen geht, die hier hoch investiert sind, wird sich daran auch so schnell nichts ändern. Die Frage ist:

MDAX: Tages-Chart vom 17.08.2021, Kurs 35.732,96 Punkte, Kürzel MDAX | Online Broker LYNX

Geht es nach den Bullen? Was ist mit dem auch nach den jetzt für das zweite Quartal eingelaufenen Bilanzen noch relativ hohen Bewertungsniveau? Was ist mit all denen, die schon seit Monaten dabei sind und so hohe Gewinne eingefahren haben, dass ihnen Verkäufe leicht von der Hand gehen würden? Was ist mit den markttechnischen Indikatoren, die nicht nur auf Tagesbasis, sondern auf Wochen- und sogar auf Monatsbasis indizieren, dass der MDAX jetzt langsam heiss gelaufen ist? Muss sich das nicht über kurz oder lang auswirken?

Expertenmeinung: Das muss es und das wird es, aber offen ist nun einmal, ob es „über kurz“ oder „über lang“ sein wird. Denn überkaufte markttechnische Indikatoren können sich lange in diesen Überhitzungszonen halten, wenn nur das Momentum des Trends noch positiv ist – was derzeit der Fall wäre. Und ein hohes Bewertungsniveau pflegt die meisten Trader erst dann zu interessieren, wenn der entsprechende Index bereits ins Wanken geraten ist und zu kippen droht. Was noch nicht der Fall ist. Und die vielen, die jetzt ihren Gewinn mitnehmen könnten?

Denen stellt sich die Frage: Wenn man verkauft, wohin dann mit dem Geld? Liegen lassen und dann billiger einsteigen, sicher, das klingt nach einem guten Plan. Aber was, wenn es eben doch nicht weit nach unten geht, man womöglich sogar später zu höheren Kursen wieder einsteigen müsste, weil einem der Markt davongelaufen ist? Dass so mancher hoch investierte Anleger seit einiger Zeit grundsätzlich auf gepackten Koffern sitzt, mag zwar sein. Aber solange die Akteure nicht sehen, dass nicht mehr funktioniert, was sie zuletzt fast als normal ansahen, nämlich, dass Rücksetzer sofort aufgekauft werden und in erneute Rekordhochs münden, werden sie nicht abreisen.

MDAX: Monats-Chart vom 17.08.2021, Kurs 35.732,96 Punkte, Kürzel MDAX | Online Broker LYNX

Genau das wäre es, wonach man, wenn man hier dem Trend folgend Long ist, Ausschau halten sollte: Nach einem Bruch dieser „Tradition“, das schwache Tage sofort in erneute Käufe münden. Wenn ein Rücksetzer auf einmal nicht sofort „weggekauft“ wird, eine Gegenbewegung nach oben scheitert und umgehend in erneute Verkäufe mündet, ist etwas faul. Das charttechnisch in Zahlen zu pressen, ist kaum möglich. Aber spätestens, wenn die wichtige Auffangzone 33.150/33.800 fallen sollte, ist es Zeit, hier lieber nicht in fallende Kurse weiter zu kaufen, denn dann kann der MDAX blitzschnell zu einem fallenden Messer werden.

Der MDAX wird heute den neunten Monat in Folge einen Monats-Schlussrekord verbuchen. Blickt man auf die grosse Aufwärtswende 2009 zurück, stellt man fest: Damals ging es über zwei Jahre fast am Stück aufwärts. Doch die Rahmenbedingungen sind nicht die gleichen!

Charttechnisch passt alles, keine Frage. Der „Index der zweiten Reihe“ hat in den vergangenen sechs Wochen mehrfach kurze, scharfe Rücksetzer souverän wieder ausgebügelt und jeweils oberhalb der alten Rekordlevels vom Februar und April wieder nach oben gedreht, wodurch diese Zone 33.160/33.410 Punkte zu einer soliden Unterstützungszone wurde, die aktuell noch durch die Ende Oktober etablierte, mittelfristige Aufwärtstrendlinie verstärkt wird. Dass die markttechnischen Indikatoren ebenso auf Tages- wie auf Wochenbasis in der überkauften Zone rangieren, ist zwar richtig, aber der Blick auf den Chart macht klar: Da können sie sich, solange das Momentum des Trends hoch bleibt, ziemlich lange aufhalten. Allein deswegen jetzt sukzessive Positionen abzubauen, erscheint daher verfrüht.

Einen anderen Aspekt sollte man aber besser nicht ausser Acht lassen: die Bewertung. Man kann es drehen und wenden wie man will, der MDAX ist ungewöhnlich teuer. Auf Basis der für 2021 geschätzten Gewinne der 60 im Index gelisteten Unternehmen käme man derzeit auf ein Kurs/Gewinn-Verhältnis von knapp 40. Das wäre nicht wirklich etwas, bei dem eine Augenbraue nach oben gehen müsste, wenn die Gemengelage der aus dem Jahr 2009 gleichen würde. Das tut sie aber nur bedingt.

MDAX: Monatschart vom 29.07.2021, Kurs 35.272,92 Punkte, Kürzel MDAX | Online Broker LYNX

Das Chartbild ähnelt der aktuellen Phase durchaus, wie Sie im langfristigen, logarithmisch skalierten Monatschart sehen können: Es ging massiv abwärts, dann kam es im März 2009 zu einer vergleichbar abrupten und dynamischen Aufwärtswende wie im März 2020. Und damals ging es über zwei Jahre ohne nennenswerte Korrekturen aufwärts: bis Juni 2011. Aber die Rahmenbedingungen sind nicht dieselben, denn:

Damals waren die Gewinne der Unternehmen wirklich massiv unter Druck geraten, immerhin ging es da über anderthalb Jahre mit der Konjunktur bergab. Die Basis war fast bei null. 2020 jedoch hat die Corona-Problematik insgesamt bei den Unternehmensgewinnen nur einen überschaubaren Schaden hinterlassen. Einige Unternehmen gingen dramatisch in die Knie, so z.B. die Lufthansa und Airbus. Andere hingegen wie HelloFresh oder Medizintechnik-Unternehmen wie Carl Zeiss und Sartorius konnten 2020 sogar steigende Gewinne verbuchen. Die „Gewinndelle“ ist also diesmal weit kleiner und die Bewertung über das Kurs/Gewinn-Verhältnis dadurch schon jetzt ungewöhnlich hoch. Und:

Die Erholung damals lief zwar auch auf dem Rücken „billigen Geldes“ seitens Regierungen und Notenbanken, wurde jedoch nicht von einem vergleichbaren Inflationsproblem begleitet. Damals stiegen die Preise zwar ebenfalls mit. Aber im Vorfeld der Eurokrise, die den MDAX dann 2011 wieder drückte, hatte die deutsche Inflation gerade einmal 2,6 Prozent erreicht. Da konnte die EZB relativ gelassen bleiben und den für die Aktien-Hausse so wichtigen Geldhahn offenlassen. Aktuell sieht das hingegen anders aus: Gestern kamen die Juli-Inflationsdaten für Deutschland mit +3,8 Prozent zum Vorjahresmonat und +0,5 Prozent zum Vormonat herein. Seit Dezember sehen wir hier jeden Monat deutlich anziehende Preise zum Vormonat.

Der MDAX wurde zwar, so wie die anderen grossen Indizes weltweit ebenfalls, durch eine grosse Zahl neu hinzugekommener Anleger massiv höher getragen. Aber der Zustrom neuer Anleger und frischen Geldes ist, vor allem, da die Löhne nicht parallel zu den Preisen steigen, endlich. Wann er endet, wann die hohe Bewertung den MDAX kippt und/oder wann die EZB klein beigeben und doch am Geldhahn drehen muss, lässt sich nicht vorhersagen. Aber klar wird dadurch:

Dass diese Hausse zu einer exakten Kopie der Phase zwischen März 2009 und Juni 2011 wird und demnach noch fast ein Jahr weitergeht, ist fraglich. Es wäre unbedingt zu überlegen, sich für den Fall des „Unerwarteten“ in Form einer Abwärtswende zu wappnen, indem man seine Positionen auf den Index knapp unterhalb der jetzt entscheidenden Unterstützungszone 33.160/33.410 Punkte mit Stoppkursen absichert. Denn die alten Hasen wissen: Das Unerwartete ist an der Börse quasi zu Hause!

MDAX: Tageschart vom 29.07.2021, Kurs 35.272,92 Punkte, Kürzel MDAX | Online Broker LYNX