Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 16.-22.05.2022

Nicht nur die Notenbanken hinken der Entwicklung hinterher

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In letzter Zeit hört man von verschiedensten Seiten, dass die Notenbanken „hinter die Kurve“ geraten seien. Das klingt übel, aber was soll das eigentlich heissen? Und, wichtiger noch: Stimmt das denn und wenn ja: Gilt das nicht womöglich auch für den Aktienmarkt?

Dieses „hinter der Kurve“ oder besser, weil diese Formulierung ihren Ursprung im englischen hat, „behind the curve“, soll heissen: Man ist zu spät dran und muss deshalb viel stärker gegensteuern als hätte man rechtzeitig gebremst und eingelenkt. Und „behind the curve“ soll damit auch aussagen: Man kann, wenn es dumm läuft, auch aus der Kurve fliegen und Totalschaden erleiden.

Zu lange Zügel lassen die Pferde irgendwann durchgehen

Unter anderem ist der frühere EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing dieser Ansicht und hat das in einem Interview mit der „Financial Times“ schon Ende April sehr klar formuliert. Und er hat meiner Ansicht nach in grossen Teilen völlig Recht, ich hatte das ja seit Monaten ebenso thematisiert. Man hat sich auf Prognosemodelle verlassen, die überhaupt nicht auf die derzeitige, ungewöhnliche Situation passen. Und man hat, ob US-Notenbank oder EZB, viel zu lange mit billigem Geld um sich geworfen, vor allem die „Fed“. Die Wirtschaft lief gut, die Arbeitslosenrate war niedrig, trotzdem wurde immer weiter „stimuliert“.

Und jetzt fürchtet man, dass passiert, was bei einem der letzten Male passierte, als die Notenbanken, vor allem die in den USA, wo man ja am Null-Zins festhielt, obgleich da alles viel besser lief als in der Eurozone, hinter die Kurve gerieten und die Inflation nicht rechtzeitig in den Griff bekamen. Damals liess der Ölpreis-Schock die Sache aus dem Ruder laufen. Die US-Notenbank reagierte spät mit höheren Leitzinsen. Und was dann passierte, zeigt der folgende Chart: Die Leitzinsen wurden bis auf 19 Prozent (!!) angehoben. Kann sich so etwas wirklich wiederholen?

Börse aktuell: Entwicklung der US-Inflationsrate und der US-Leitzinsen im Vergleich von 1976 bis 2022 | Online Broker LYNX

Das Szenario ähnelt dem der 70er schon ein wenig

Das könnte es zumindest. Es muss nicht, es ist, in dieser damaligen Ausprägung, nicht einmal wahrscheinlich. Aber je mehr Entscheider sich stur darauf versteifen, dass sich die Inflations- und Hochzinsphase der 70er nicht wiederholen kann, desto grösser wird das Risiko, dass es doch in diese Richtung geht, weil man zu lange zaudert. Was jetzt vor allem für die EZB gilt. Denn es gibt da schon ein paar Ähnlichkeiten. Vor allem, weil wir jetzt aus einer jahrelangen Nullzinsphase kommen, was damals nicht der Fall war.

Wenn die Verbraucher billige Kredite förmlich nachgeworfen bekommen, dann kann man zwar einerseits Wachstum generieren, wo es ansonsten nicht mehr entstehen würde. Man läuft aber auch Gefahr, dass einem die Inflation ins Genick springt. Nicht, wenn das Angebot grösser ist als das, was die Menschen kaufen könnten, selbst auf Kredit. Und das war lange auch so. Die Inflation liess sich daher nicht blicken und die Notenbanken dachten: Prima, das böse Ende ist noch weit weg.

Aber lass mal das Angebot kleiner werden, dann wird es ungemütlich. Sicher, das wurde durch Dinge ausgelöst, die man vor Jahren nicht ahnen konnte: Erst Corona, dann die reissenden Lieferketten, jetzt auch noch der Ukraine-Konflikt. Nicht die Nachfrage ging durch die Decke und löste massiv steigende Preise aus, das Angebot wurde zu gering. Und das vornehmlich nicht bei den Verbrauchern, sondern bezogen auf die Produktion. Das war genauso wenig vorhersehbar wie die Ölpreiskrise der 70er Jahre. Aber man hätte eben mit unvorhergesehenen Problemen rechnen müssen. Ist nicht einer der ehernen Leitsprüche an den Börsen: „Erwarte das Unerwartete“?

Man sah sich gegenüber dem Unerwarteten erhaben und verliess sich auf Prognosemodelle, die der Realität nicht gewachsen waren. Sie erinnern sich sicher, ich hatte das im letzten Jahr mehrfach anhand der Inflationsprognosen der EZB und der US-Notenbank gezeigt. Die lagen noch bei „alles Bestens“, als die Erzeugerpreise längst durch die Decke gegangen waren. Erst jetzt „eiern“ diese Prognosen der Wirklichkeit hinterher. Jawohl, die Notenbanken sind glasklar „behind the curve“. Was aber auch einen Grund hat, der meiner Ansicht nach in den kommenden Jahren das grössere Problem sein wird: Das Verhalten der Konsumenten und/oder Anleger.

Auch die meisten von uns sind „behind the curve“

Dass die Notenbanken einen grossen Anteil daran haben, dass viel zu viele Menschen immer mehr auf Pump leben, steht schon ausser Frage. Aber jetzt ist es eben so: Wir haben einen Verschuldungsgrad, der zu hoch ist, um höhere Leitzinsen verkraften zu können, ohne dass Kredite umfallen wie Dominosteine und dadurch die Gesamtwirtschaft in die Bredouille gerät. Und dass das „Unerwartete“ jetzt ziemlich schnell zum Inflationsproblem wurde, machte es nicht möglich, diese Schuldenblase rechtzeitig zumindest ein wenig abzubauen. Irgendwann musste das schiefgehen. Niemand konnte vor zwei, drei Jahren wissen, dass es ausgerechnet jetzt passieren würde. Aber den Notenbankern musste klar sein: Passieren wird es.

Trotzdem hat man sich nicht getraut, die Zinsen auf Normalniveau zurückzuführen. Jetzt glaubt man, dass es keinen anderen Weg gibt. Und das dürfte, auch, wenn man erst danach klüger ist, wohl stimmen. Aber zurück zum Punkt:

Auch die meisten Verbraucher sind „hinter der Kurve“, indem sie nicht umgehend und konsequent reagieren. Ich höre von überall her zwar, man müsste, ja man werde jetzt den Gürtel enger schnallen. Aber die meisten, die davon reden … zumindest habe ich das so beobachtet … tun es nicht. Im Gegenteil, es passiert das, was typisch ist, wenn die Inflation Fahrt aufnimmt:

Man tätigt noch schnell grössere Anschaffungen, womöglich auch Dinge, die man wegen Corona aufgeschoben hatte, bevor alles noch teurer wird. Und nicht nur das: Man kauft auch noch schnell auf Kredit, bevor die Kreditzinsen steigen. Dieses Verbraucherverhalten intensiviert die Probleme noch … und verzerrt das Gesamtbild so, dass nicht wenige glauben, irgendwie sei doch alles noch wie immer. Und selbst wenn nicht: Das würde schon irgendwie wieder ins Lot kommen. Kam es doch immer.

Börse aktuell: Entwicklung US-Konsumentenvertrauen von 1980 bis 2022 | Online Broker LYNX

Dass viele immer noch herzlich sorglos sind, zeigt der vorstehende Chart des US-Verbrauchervertrauens. Das lag für den April immer noch deutlich über dem durchschnittlichen Level der letzten gut 40 Jahre, das von der grünen Geraden im Chart angezeigt wird. Weil? Zumindest bei dem parallel zum hier gezeigten Verbrauchervertrauen des Conference Board gemessenen Verbrauchervertrauen der Universität von Michigan wurde eine Begründung für das so solide wirkende Niveau mitgeliefert:

Viele seien überzeugt davon, dass man ihnen wegen der hohen Inflation entsprechende Lohnerhöhungen geben werde und glauben ebenso daran, dass die US-Regierung die Benzin und Heizölpreise wieder senken werde. Das ist naiv, sicher. Aber wer kann denn erwarten, dass ganz normale Leute Ahnung von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen haben! Aber überlegen wir mal, was das bedeutet:

Geblendet vom finalen Feuer des Konsums

Dass die Industrieproduktion noch stark ist, der Einzelhandel grossenteils noch wächst, basiert vor allem auf diesen hektischen Käufen aus Angst vor noch höheren Zinsen und Preisen. Es ist diese letzte Bugwelle an Aktivität, die aber dann auch folgerichtig in ein Loch führt: Wer heute schnell noch Anschaffungen tätigt, weil er/sie glaubt, in einem halben Jahr könne man das alles wegen der Inflation nicht mehr bezahlen, sorgt hier und jetzt für starke Konjunkturdaten. Die sehen viele Anleger, ebenso wie die daraus resultierenden, noch guten Bilanzen vieler Unternehmen für das erste Quartal … und sehen daher auch den Rückgang des Aktienmarkts als Schnäppchen an und nicht als ersten Abwärtsschritt von mehreren. Man erkennt nicht, dass auch die Verbraucher „behind the curve“ sind, glaubt, die Lage sei doch viel besser als von der Schwarzseher-Gilde behauptet und greift an der Börse aktuell in fallende Kurse hinein zu. Und Regierungen, Notenbanken und Finanzindustrie sind nicht dafür bekannt, eine kritische Lage zeitgerecht zu kommunizieren, denken Sie an 2008!

Börse aktuell: Entwicklung ZEW Index im Vergleich zum Dax | Online Broker LYNX

Und das kann ja auch nicht überraschen. Man muss sich doch nur einen Spiegel vorhalten: Wenn man es gewohnt ist, dass etwas jahrelang funktioniert, tut man sich eben schwer damit, sich plötzlich völlig anders verhalten zu müssen. Es ist ein bisschen wie mit dem Linksverkehr in England: Wer 40 Jahre lang immer nur rechts gefahren ist, kommt damit nicht so einfach klar. Und wenn man dann auch noch in einem britischen Fahrzeug und damit rechts sitzt …

Notenbanker sind auch nur Menschen … Investoren ebenso

Sich gegen Unerfreuliches innerlich zu wehren, ist menschlich. Die Notenbanker haben es getan, indem sie ein ums andere Mal vermieden haben, die Konsequenzen aus einer viel zu lange viel zu laxen Geldpolitik zu ziehen. Erst jetzt, wo es wirklich nicht mehr anders geht, beginnt man zu handeln. Zu spät? Ja.

Aber wenn sogar Notenbanken sich weigern, eine Realität anzuerkennen, die ihnen Probleme bereitet, wie wollte man das dann von den ganz normalen Investoren erwarten, die die komplexe Gesamtsituation und ihre Risiken ohnehin mehrheitlich gar nicht einordnen können? Schliesslich muss man kein Volks- und/oder Betriebswirt sein, um Anleger sein zu können. Und weil alles immer so wunderbar lief, sah auch kaum jemand die Notwendigkeit, sich sachkundig zu machen. Deswegen reagiert der Aktienmarkt ebenso fast immer zu spät, deswegen kommt es immer wieder zu Kaufwellen im Abwärtstrend: Weil auch viele der Investoren „behind the curve“ sind. Notenbanker sind auch nur Menschen, Investoren ebenso!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 13.05.2022, Chartquelle marketmaker pp4

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden massgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Dass der Aktienmarkt insgesamt abwärts tendiert, ist völlig nachvollziehbar. Dass da grundsätzlich noch einiges an Luft nach unten vorhanden wäre, auch. Aber wenn man sich mal ansieht, wie sich diese Abwärtsbewegung im „Mikrokosmos“ abspielt, habe ich den Eindruck: Da wird zu viel gezockt, das läuft unrund, da muss man ein Auge drauf haben. Hier ein paar Aspekte, die mir derzeit auffallen.

Was war das nur für eine Nummer letzte Woche. Die US-Notenbank tat, was zu erwarten war. Und jeder, der das für die Börse erforderliche Grundwissen hat, weiss: Das ist nicht bullisch, ganz und gar nicht. Nötig, ja. Sogar unvermeidlich. Aber eben nicht bullisch. Die „Fed“ wird dem Markt durch das Verkaufen ihrer Anleihebestände Geld entziehen. Und hier geht es nicht um Peanuts. Bonds im Wert von knapp 50 Milliarden werden da pro Monat den Anleihemarkt fluten, ab Juni. Und in drei Monaten will man diese Summe verdoppeln. Das ist „quantitative easing“ anders herum. Nicht bullisch. Aber was sahen des erfahrenen Traders entzündete Augen am Mittwochabend? Das hier:

Börse aktuell: Kursbewegung Nasdaq 100 nach dem FED Entscheid Anfang Mai 2022 | Online Broker LYNX

Eine gewaltige Rallye. Die aber nicht mit der Notenbankentscheidung direkt begann, sondern etwa eine halbe Stunde später, als Fed-Chef Powell im Rahmen der Pressekonferenz andeutete, dass man eher nicht plant, die Dimension der Zinsschritte auf 0,75 Prozent aufzustocken. Na und? Das ist ein Detail. Ob die Leitzinsen in 0,50 oder in 0,75 Prozent-Schritten nach oben gehen, ist sekundär. Das Problem wird dadurch nicht kleiner. Und das wissen die Trader. Eigentlich. Oder wissen sie es womöglich nicht?

Planlos, aber mit der Brechstange

Die, die dann den zweiten Akt dieser Posse einläuteten, wissen es definitiv. Sicher, eine Rallye nach einer Notenbankentscheidung, das kann den Markt schon ein paar Tage positiv färben. Nach solchen Entscheidungen ist es immer das Geld, das die Richtung vorgibt, nicht die Logik. Wer das meiste Geld ins Rennen schickt, gewinnt. Und die Medien tun dann, was sie immer tun: Sie passen die Berichterstattung dem Kursverlauf an. Also behauptete man, dass man am Aktienmarkt erleichtert zur Kenntnis nahm, dass die „Fed“ keine 0,75er-Schritte plant. Bitte, ja, erleichtert kann man sein. Aber das bringt mich ja nicht dazu, den Nasdaq 100 binnen anderthalb Stunden um fast fünf Prozent nach oben zu kaufen. Es sei denn ich habe die Kontrolle über das, was ich da so treibe, ein wenig verloren.

Wir sehen: Diejenigen, denen glasklar war, dass es da nichts zu Jubeln gab, konnten ihr Glück kaum fassen und nutzten es sofort. Dass es nicht einmal am Folgetag zu Anschlusskäufen kam, sondern gleich draufgehauen wurde, ist bezeichnend. So extrem sieht man das selten. Und ruckzuck notierte der Nasdaq 100 am Donnerstagabend weit tiefer als vor der Fed-Entscheidung. Was mir dabei Sorge bereitet, ist diese vorherige Rallye. Denn sie deutet an, dass da einige nicht wirklich wissen, was sie tun. Und wenn man sich die Dimension dieser wilden Kaufwelle so ansieht, können das nicht alleine ein paar unbedarfte Privatanleger gewesen sein. Da müssen grosse Adressen vornweg gelaufen sein. Also Adressen, die Geld anderer Leute verwalten. Das ist schon beunruhigend.

Viele lassen das Grundwissen vermissen

Und dann dieses Phänomen, dass einige Aktien stabil wirken wie Beton, einfach nicht in den Abwärtstrend übergehen, obwohl es stapelweise Gründe gäbe, da in Deckung zu gehen, weil die Perspektiven problematisch sind. Da stechen vor allem die Autobauer ins Auge. Ja, die haben gerade beeindruckende Gewinne für das erste Quartal abgeliefert. Aber schaut denn keiner so weit nach vorne, um zu erkennen, dass das nicht für die Ewigkeit so bleiben kann? Alleine, wenn ich sehe, wie die meisten Aktien der Zulieferer der Automobilindustrie an der Börse aktuell aussehen, im Folgechart nur als Beispiele Conti und Dürr, müsste ich doch stutzig werden.

Denn wenn die Probleme haben, dann oft deswegen, weil die Autobauer versuchen, die Preise zu drücken oder zumindest das Abwälzen gestiegener Kosten nicht zulassen. Wenn das passiert, haben die Autobauer selbst auch schon Probleme. Die man zwar nicht unmittelbar und bereits jetzt in der Bilanz sieht, aber man könnte, ja müsste das verstehen.

Börse aktuell: Kursentwicklung der Aktien von Autobauern und Zulieferern im Vergleich zum DAX von November 2021 bis Mai 2022 | Online Broker LYNX

Aber vielleicht schauen die meisten da gar nicht hin? Oder verstehen nicht, was sie da sehen? Es wäre übel. Aber überraschen würde es nicht. Diejenigen, die in meinem rein privaten Umfeld Aktien oder Fonds/ETFs haben, haben von Tuten und Blasen keine Ahnung, glauben aber, sich auszukennen, weil sie in den letzten Jahren Gewinne gemacht haben. Dass die absolut jeder gemacht hat, der einfach mal irgendwas kaufte, dass die Phase, in der man etwas draufhaben muss, erst jetzt begonnen hat, ist ihnen absolut nicht bewusst. Und sie haben, obwohl sie wissen, was ich beruflich so treibe, auch nicht das mindeste Interesse, irgendetwas zu lernen. Weil‘s nämlich sowieso bald wieder steigt. Tut es nämlich immer. Und da pflege ich auch nicht zu widersprechen.

Denn davon mal abgesehen, dass ich es nach zig Jahren einfach leid bin zu diskutieren: Ja, langfristig steigen Aktien immer. Aber es gab halt so ein paar Phasen, wie z.B. die Sechziger und Siebziger Jahre, da war „langfristig“ eben wirklich „lang“ … und man hätte da besser nicht zu alt sein sollen, um am Ende einen Gewinn zu sehen, hätte man unbedarft einfach mal irgendwann zugelangt. Was übrigens ohnehin der Punkt ist: Wieso soll ich mich auf diese Mär langfristig immer steigender Aktien verlassen und dadurch womöglich jahrelang im Minus herumkrebsen, wenn ich mich mit ein bisschen Eigeninitiative relativ nahe an einem mittel- oder langfristigen Tief einkaufen und eben nicht langfristig, sondern bald Gewinne sehen könnte?

Ich sach mal, ich mach mal

Ich fürchte, das ist ein Phänomen, das vor allem deshalb entstand, weil es zu lange aufwärts ging und weil der Corona-Crash so schnell ausgebügelt wurde. Aber das passierte, weil massiv Geld in die Wirtschaft gepumpt wurde und nicht gerade wenig davon, durchaus beabsichtigt, auch am Aktienmarkt ankam. Jetzt aber lautet die Notenbank-Parole „Geldentzug“. Das ist nicht nur etwas anderes, das ist das Gegenteil.

In die Rubrik „denn sie wissen nicht, was sie tun“, gehört auch der nächste Chart. Das wirkt, als würden verblüffend viele einfach mal das kaufen, was die anderen auch kaufen. Ich mach einfach mal. Natürlich funktioniert das, wenn man konsequent den Trends dieser hier gezeigten drei Beispiele Bayer, Delivery Hero und Sartorius folgt. Aber es deutet an, dass viele … und für mein Befinden einfach viel zu viele … der Herde hinterherlaufen, die wenn, dann nur wenige Leithammel hat. Und diese Leithammel, die Meinungen „machen“, aber kein Wissen verbreiten, sind die ersten, die unten Long gehen und oben auf Short drehen. Die kommen prima klar. Aber die Herde selbst eher nicht.

Börse aktuell: Kursentwicklung der Aktien von Sartorius, Bayer und Delivery Hero im Vergleich zum DAX von Mai 2021 bis Mai 2022 | Online Broker LYNX

Hier fehlt einfach der Sachverstand im Markt. Dass Delivery Hero zu teuer war, dass da eine Menge Luft nach unten ist, hätte man auch vor dem Spätherbst wissen müssen. Dass Sartorius grandios dasteht, aber einfach massiv überbewertet war, ebenfalls. Dass Bayer als einzige DAX-Aktie zuletzt davonzog wie eine Rakete, ist kaum zu begründen …

… ausser mit dem Herdentrieb. Aber den können wir jetzt nicht gebrauchen. Nicht in einem Umfeld wie diesem. So etwas hatten wir schon mal, 1999/2000. Und Sie werden sich erinnern: Das ging nicht gut aus. Und vor allem zog es die Gesamtwirtschaft in Mitleidenschaft, die damals aber weit stabiler war als das, was wir heute sehen.

Es scheint, die „Rookies“ haben die Short-Seite entdeckt

Was mir zudem auffällt ist: ausgerechnet die Aktien, die vorher bei den „Rookies“, den Anfängern „hip“ waren, werden jetzt nicht nur gedrückt, sondern zerschmettert. Das ist ungewöhnlich. Delivery Hero, HelloFresh, Zalando … die US-Hightech-Lieblinge, aber auch die so wild gekauften Nebenwerte wie dieser hier, Eckert & Ziegler:

Börse aktuell: Einst Gehypte Aktien werden abverkauft - Beispiel Kursentwicklung Eckert und Ziegler Aktie von 2018 bis 2022 | Online Broker LYNX

Sicher, die waren zu teuer. Aber das sah kaum jemand bzw. wollte kaum jemand sehen. Jetzt aber sind diese Aktien so massiv abverkauft worden, dass sie eben nicht mehr zu teuer sind. Da könnte man bei einigen schon behaupten, dass sie selbst dann langsam günstig bis unterbewertet wären, wenn die Misere sich so entwickelt, wie man es befürchten darf. Das heisst: Der masslosen Übertreibung nach oben folgt gerade eine masslose Übertreibung nach unten.

Und das lässt vermuten, dass die „Rookies“ mit dem geringen bis nicht vorhandenen Fachwissen und, vor allem, der nicht vorhandenen Erfahrung, jetzt die Short-Seite entdeckt haben und mit ihren gewohnten Aktien weiterzocken, nur eben in die Gegenrichtung. Für den Gesamtmarkt reicht das Volumen und das Interesse noch nicht … es sind nicht wenige Titel, aber eben doch zu wenige, um DAX, EuroStoxx 50 oder die US-Indizes so aussehen zu lassen wie das Beispiel Eckert & Ziegler. Aber ich fühle mich unwohl damit, einfach mit den Schultern zu zucken und gut ist.

Es ist zu hoffen, dass das, was wir letzte Woche nach der US-Notenbankentscheidung gesehen haben, nicht einreisst, dass nicht auch noch zu viele Hedgefonds u.ä. dazu übergehen, wild herum zu zocken, mit dem Geld von Leuten die glauben, mit ihrem Ersparten würde sorgsam und weise umgegangen. Denn wenn das passiert, wenn auch noch einige „Grosse“ masslos werden, wird es unschön.

Hirn statt Hektik: Jetzt ist Besonnenheit gefragt

Wie zuletzt schon erwähnt: Ich rege mich nicht mehr auf. Ein gutes Gefühl, das. Aber besorgt bin ich dennoch. Wenn ein paar Leichtfertige ihr Geld vor die Wand fahren, meine Güte, was soll’s. Das Problem, das ich sehe ist: Es sind nicht ein paar. Es sind schon jetzt zu viele. Und wenn zu viele Menschen glauben, Börse sei so leicht wie Sackhüpfen und dann dort wie hier auf der Nase landen, ist das für uns alle ein Problem, denn das intensiviert eine rezessive Entwicklung natürlich. Wenn zu viele in Sachen Konsum die Notbremse ziehen müssen, wenn sie ihr Erspartes verballert haben und ihre Kredite nicht mehr bedienen können, wird es auch für andere ungemütlich.

Daher muss man hoffen und, wo machbar, selbst mit dahingehend einwirken, dass genug Anleger rechtzeitig klug werden, sich hinsetzen und ihr Handwerk zu lernen beginnen, damit der Aktienmarkt das bleibt, was er sein soll: Ein Ort, an dem man sein Vermögen erhalten und vermehren kann und kein Malstrom, der das Ersparte verschlingt!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 06.05.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Man kann Bilanzen lesen können wie einen simplen Schulaufsatz, so ziemlich alles über Chart-, Markt- und Sentiment-Technik wissen, über 30 Jahre lang Trader sein und trotzdem an der Börse aktuell verzweifeln. Vor ein paar Jahren wäre es mir so gegangen. Heute stelle ich überrascht fest: Diesmal rege ich mich in keiner Weise mehr auf. Da ich vermute, dass das manchem dienlich sein könnte, will ich die Gründe für meine mir selbst so ungewohnte Gelassenheit einmal in Worte fassen.

Wenn man sich Charts wie den folgenden so anschaut, kommt man kaum um die Feststellung herum: alle plemplem! Natürlich laufen Aktien eines Index nicht alle im Gleichschritt, auch, wenn das wachsende Volumen an ETF-Investments das grundsätzlich fördert. Aber so etwas? Wir haben gerade einmal vier Monate in diesem Jahr 2022 absolviert. Und die Spanne zwischen dem besten Performer per 29.4. (Bayer mit +34 Prozent) und dem Top-Loser (Delivery Hero mit -65 Prozent) beträgt fast 100 Prozent!

Börse aktuell: Kursentwicklung DAX im Vergleich zu den besten und schlechtesten DAX von Januar bis April 2022 | Online Broker LYNX

Und überhaupt, dieses wirre Auf und Ab, wie soll man denn damit vernünftig umgehen! Natürlich wissen wir alle, dass die Marktteilnehmer umso emotionaler handeln, je kritischer die Lage wird. Und wir wissen ebenso alle, dass sie derzeit kritischer kaum sein könnte. Eine Kombination aus explodierten Erzeugerpreisen, nervösen Verbrauchern, steigenden Zinsen, Materialknappheit und dann auch noch geopolitischen Spannungen: Mehr Krise geht nicht.

So schwierig der Markt derzeit auch wirkt: Was da passiert, ist völlig normal

Und wir wissen ebenso alle … bis auf diejenigen, die genau das tun … dass in solchen Phasen immer Akteure existieren, die die Realität ausblenden, weil ihre Wahrnehmung von einem immer weiter ins Minus rutschenden Depotbestand gekapert wurde. Und das ist für manche nur zu ertragen, wenn man so tut, als warte die nächste Hausse um die Ecke, so dass es clever ist, sich in fallende Kurse hinein das Opium namens „Einstandskurs-Verbilligung“ zu verpassen. Ist es nicht, dass wissen wir. Aber viele eben nicht. Und das sorgt halt für plötzliche Rallyes, die von der Nachrichtenlage nicht unterfüttert werden.

Ausserdem, auch das weiss ein relativ erfahrener Trader, sorgen Gewinnmitnahmen der Short-Seller, sprich der „Bären“, für steigende Kurse, weil man eben kaufen muss, um den Gewinn eines Short-Trades im Future oder vorher leer verkaufter Aktien zu sichern. Es muss also immer mal wieder zu Rallyes kommen. Und je mehr Akteure da mit hohen Einsätzen und hohen Hebeln spekulieren, desto extremer fallen nicht nur die Abwärtsschübe aus, sondern auch die Gegenbewegungen nach oben. Aber muss es dann auch noch alle Nase lang zu Bullen- oder Bärenfallen kommen?

Börse aktuell: Beispiel für eine Bullenfalle und Bärenfalle anhand des Chart der Satorius Aktie | Online Broker LYNX

Es muss zwar nicht. Aber man darf sich darüber auch nicht wundern. Grosse Adressen agieren auf Trading-Ebene oft so, dass sie selbst eine Rallye oder einen Selloff lostreten und dann ihre Positionen mit Gewinn glattstellen und meist auch drehen, wenn die „Masse“ durch ein charttechnisches Signal dann in Rallyes kauft oder bei einem Selloff durch den Bruch einer Unterstützung aussteigt. Einfach, weil dann das Umsatzvolumen ideal ist, um die eigene Position glattzustellen. Und dass wir solche Bullen- und Bärenfallen umso öfter erleben, je hektischer es insgesamt am Markt zugeht … das ist nicht neu, das geht seit 20 Jahren schon so. Kein Grund also, sich aufzuregen oder dauernd Verluste einzufahren. Eigentlich.

Zu viel Kopfschütteln macht das Trading nicht besser, schadet aber der Halswirbelsäule

Aber Hektik ist ansteckend. Je scheinbar wirrer die Kurse auf und ab springen, desto leichter wird man in diesen Sog hineingezogen. Eines habe ich mir zwar schon lange abgewöhnt: Wegen teilweise völlig närrisch wirkenden Kursimpulsen (oft sind sie es ja auch) den Kopf zu schütteln. Zu wissen, dass sehr viele nicht wissen, was sie da tun, ist eine Sache. Sich darüber aufzuregen aber eine andere. Es bringt nichts. Zu viel Kopfschütteln schadet am Ende nur der Halswirbelsäule, ohne dem eigenen Konto zu nutzen.

Zu wissen, dass man nichts weiss … im Sinne von: „wo steht der DAX heute Abend“ … ist da schon mal hilfreich. Bloss keine Meinung bilden, sondern nur auf zwei Ebenen agieren: Einmal in Richtung des übergeordneten Trends, d.h. grundsätzlich momentan Short. Auch, wenn Long manchmal sehr verlockend ist. Und zum anderen auf der kurzfristigen Ebene raus, wenn der Markt markttechnisch gnadenlos überverkauft ist und wieder rein, wenn er überkauft ist. Klingt einfach. Aber ist es das auch?

Für mich war es das lange Zeit nicht. Weil man immer das Gefühl hat, eine Position haben zu müssen. In dieser Hinsicht war ich das, was Börsenlegende Jesse Livermore einst einen „Tickerwurm“ nannte. Ohne Position im Markt, das fühlte sich an wie ohne Hose dazustehen. Und das war nicht das einzige emotionale Problem, das ich hatte und, wie ich aus vielen Gesprächen weiss, mit vielen geteilt habe. Es gab auch noch zwei weitere.

Börse aktuell: Wilde Kursbewegungen im DAX Ende April 2022 | Online Broker LYNX

Da wäre zum einen dieses beständige Gefühl, dass es hätte besser laufen müssen. Normalerweise sollte man doch zufrieden sein, wenn man nach einem Tag, der wie so oft in emotional geprägten Marktphasen unberechenbar war, mit einem Plus abschneidet. Aber ein kleiner Mann im Ohr trompetete mir ständig ins Ohr, dass das eine höchst mittelmässige Leistung war. Da hätte man früher reagieren und später aussteigen können. Eine sinnlose Selbstkritik … für die Nerven keine gute Sache.

Und dann ist da auch noch diese fatale Neigung, im Fall einer gegen einen laufenden Entwicklung, wenn das Adrenalin hochfährt und es heisst „Fight, Flight or Freeze“ automatisch „Fight“ zu wählen. Als Beispiel: Man ist Long. Plötzlich brechen die Kurse binnen Sekunden scharf ein. Man hat noch keinen blassen Schimmer, was überhaupt los ist, weiss, die entsprechende Nachricht bekommt man wohl erst in ein paar Minuten zu sehen. Was tut der emotionale Trader: Er kauft hektisch zu, um eben irgendetwas gegen die plötzliche Schieflage zu tun.

Gegen einen Impuls handeln, statt abzuwarten … ohne zu wissen, ob der Abverkauf nicht womöglich immer weitergeht? Saublöd. Aber während man sich das gerade selber denkt, macht es schon „klick“ und irgendeine Hand, die scheinbar einem selbst gehört, hat gerade in fallende Kurse Long zugekauft. Meine Güte.

Fazit: Man weiss, dass man nichts weiss. Man hat Erfahrung. Man hat Fachwissen. Und trotzdem stellt man fest, irgendwie halt doch ein Sklave der eigenen Emotionen zu sein. So kann man zwar trotzdem einigermassen Geld verdienen. Aber es macht nicht wirklich den Spass, den es machen könnte. Das war mir klar … jedes Mal, wenn ich mich bei einem Fehler ertappt habe, den ich nie hätte machen dürfen. Zumal, Sie kennen das: Ein zackiger Fehler kann den Gewinn von vier soliden Trades ruckzuck aufzehren. Doch dann änderte sich das.

Wenn es einmal geklappt hat, wundert man sich über sich selbst

Da ich vor einiger Zeit das Rauchen eingestellt habe (ich nenne es „pausieren“, das fällt dann leichter), kann ich sagen: Das ist vergleichbar mit diesem Wandel im Trading: Man fragt sich verblüfft, wieso man das nicht längst getan hat. Denn ist es erst einmal gelungen, wirkt es leicht. War es nicht wirklich, in beiden Fällen. Aber was war der Auslöser der Veränderung?

Sie werden womöglich lachen: Der Knoten platzte, als mir das Trading begann, herzlich egal zu sein. In dem Moment, in dem ich nur noch getradet habe, um nebenher ein bisschen was zum „Spielen“ zu haben, verschwanden diese vorstehenden Kardinalsfehler schlagartig. Fehler kann man natürlich nicht vermeiden. Aber es ist ein Unterschied, ob man sie oft oder selten macht. Und ob man dann imstande ist, völlig gelassen zu konstatieren: „Hoppla, das war jetzt aber ziemlich dämlich“.

Auslöser war ein durch die ständige Präsenz in einem unberechenbaren, nachrichtenüberfluteten Markt verursachter Stresslevel, der so hoch war, dass irgendein Bereich sich abschalten musste, um die „Maschine Gehrt“ nicht gegen die Wand zu fahren. Das Trading war der am wenigsten wichtige, aber letztlich am meisten Energie zehrende Bereich … der Kopf hat das dann von alleine geregelt. Die Folge war:

Ich habe meine Positionsgrössen und damit den Risikolevel zurückgefahren. Ich schaue deutlich weniger auf den Kursmonitor als früher, als ich auch nachts wider die Vernunft immer mal wieder auf die US-Futures gestarrt habe. Ich verkaufe auch mal komplett, ohne dann hektisch und ausgerechnet vor einer Gegenbewegung wieder einzusteigen, weil ich Angst hatte, womöglich den „big move“ zu verpassen. Ich lasse jedwede Versuche bleiben, gegen den Trend „schnell mal die Gegenbewegung mitzunehmen“. Und ich habe völlig aufgehört, irgendwelche Ambitionen für das Trading zu haben, sprich mir Gewinnziele zu setzen.

Und all das fällt deswegen auf einmal so leicht, weil auf einmal alles irgendwie von alleine geht.

Ja, man könnte vielleicht an der Börse aktuell viel mehr Gewinn machen, wenn man mit mehr Geld agieren würde. Ja, man könnte vielleicht mehr herausholen, wenn man nachts die US-Futures handelt, wenn Japan und China aufmachen. Aber eben nur vielleicht. Und nie auf Dauer. Aber wenn man erst einmal ein „Tickerwurm“ ist, hört man nicht auf damit, wenn man eigentlich merken sollte, dass man sich zu sehr unter Druck setzt … Fehler macht … und am Ende viel weniger verdient, als wenn man es gelassen und locker angehen würde.

Für diejenigen, die sich jetzt fragen, wen denn bitte dieses, mein Einzelschicksal interessieren mag: Danke, dass Sie trotzdem bis zum Schluss durchgehalten haben. Für diejenigen, die sich in meiner vorherigen Trader-Gestalt wiedererkennen: Versuchen Sie es mal mit Gemütlichkeit … um einen bekannten Bären aus dem Dschungelbuch zu zitieren. Ich würde mich freuen, wenn dieses Plaudern aus dem Nähkästchen Ihnen ein wenig dienlich sein konnte!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 29.04.2022, Chartquelle marketmaker pp4

„Kann man schon wieder kaufen?“ ist die Frage, die ich derzeit am häufigsten höre. Damit ist eigentlich schon klar, warum der Aktienmarkt immer wieder Rallyes zeigt, obwohl die Rahmenbedingungen kritischer kaum sein könnten. Aber wer als Trader mit diesem scheinbar „falschen“ Kursverhalten zurechtkommen will, muss auch verstehen, warum viele einfach so tun, als hinge der Himmel voller Geigen.

Der DAX beendete die vergangene Handelswoche mit einem Minus von 46 Punkten im Vergleich zum Ende der Vorwoche. Am Freitagabend ging es nachbörslich dann sogar noch tiefer. Wenn man sich als erfahrener Investor überlegt, wie sich die Gesamtsituation darstellt, ist das kein Wunder. Für viele scheint es aber doch keineswegs normal zu sein, dass eine Woche so ausgeht. Denn zwischenzeitig hatte der deutsche Leitindex gegenüber dem Handelsende des Gründonnerstags über 400 Punkte zugelegt.

Ein Verhalten wie einst bei Sisyphos

Man könnte meinen, dass diejenigen, die da bis Donnerstagmittag wie wild gekauft haben, Spass daran haben, wie der Sisyphos in der griechischen Sage immer wieder einen Stein den Berg hochzurollen, um dann zu sehen, wie er ihnen über die Füsse rumpelt. Na sowas, sagt der bullische Anleger und fängt frohgemut von vorne an. Nur: Sisyphos musste es tun. Die derzeit vermeintliche „Schnäppchen“ jagenden Anleger müssen es nicht. Sie tun es an der Börse aktuell trotzdem.

Börse aktuell: Kaufversuche im Abwärtstrend am Beispiel des DAX | Online Broker LYNX

Erst blieb der DAX genau dort hängen, wo ein Pullback hängen bleiben musste, um einen Abwärtstrend zu bestätigen: In der Nackenlinien-Zone des grossen, vollendeten Topps. Und als wäre das nie passiert, als hätte der Markt damit nicht klar gemacht, dass die Lage negativ und die Verkäufer an entscheidenden Punkten zur Stelle sind, versuchte man es letzte Woche einfach nochmal. Nur um zu sehen, dass der DAX schon wieder genau da abdreht, wo er muss, in einem Abwärtstrend: Im Bereich seiner übergeordneten Abwärtstrendlinien.

Das müsste jetzt eigentlich Erkenntnis genug geben, um das Kaufen in Abwärtstrends bleiben zu lassen. Aber nachdem ich nach mittlerweile 33 Jahren als Anleger schon mehrere Baissen miterlebt und mit gehandelt habe, würde es mich sehr wundern, wenn die nächste Rallye nicht schon um die Ecke lauert. Von tieferem Niveau aus, vielleicht. Aber die, die zuletzt kauften, werden wieder kaufen, den Stein wieder den Berg hinauf rollen. Was ist die Motivation dieser Käufer?

„Man müsste doch eigentlich wissen“ … genau da liegt des Pudels Kern!

Das zu verstehen ist deswegen hilfreich, wenn nicht gar zwingend erforderlich, um als jemand, der verstanden hat, was die Stunde geschlagen hat, nicht an einem solchen Markt zu verzweifeln und sich zu unklugen Aktionen hinreissen zu lassen. Dabei ist die Basis, um sich weiter trendkonform verhalten zu können, vor allem: Mit „müsste eigentlich“ kommt man an der Börse deswegen nie weit, weil das ein Funktionieren der Logik voraussetzen müsste. Weil das voraussetzt, dass das Gros der aktiv agierenden Marktteilnehmer ebenso alle Fakten kennt und sie objektiv und nicht subjektiv interpretiert. Und genau da liegt, wenn es um Rallyes in Abwärtstrends geht, des Pudels Kern.

Denn tatsächlich wissen die wenigsten, wie sich die Lage und die Perspektiven für den Aktienmarkt wirklich darstellen. Was nicht einmal wundern darf. Wenn wir uns den folgenden Chart ansehen, wäre dessen Interpretation klar: der Baum brennt lichterloh … und das kann am Aktienmarkt nicht ohne heftige Folgen bleiben. Aber:

Börse aktuell: Entwicklung der Erzeugerpreise und Verbraucherpreise im Vergleich von 1989 bis 2022 | Online Broker LYNX

Wer sieht denn solche Charts? Sie? Ja sicher, aber wer Kolumnen wie diese liest, gehört eben fast durchweg zur Gruppe der erfahrenen Investoren. Sich um das nötige Grundwissen eines Investors zu bemühen, auf chart- und markttechnischer ebenso wie auf volkswirtschaftlicher, fundamentaler Ebene, ist aber heutzutage nicht nur nicht selbstverständlich, sondern selten.

Die meisten sehen eben nicht, wie extrem die deutschen Erzeugerpreise gestiegen sind. Sie sehen es nicht und wenn, würde es ihnen am Grundwissen fehlen, die Logik-Kette zu bilden, die da aussagt: Diese immens höheren Kosten werden entweder auf die noch weit zurückgebliebenen Verbraucherpreise abgewälzt, was den Konsum erdrosselt und den Mengen-Output der Unternehmen bremst. Oder aber man kann diese höheren Kosten nicht weitergeben, dann drückt das dramatisch auf die Margen. Und damit auf die Unternehmensgewinne, deren Anstieg aber das Rückgrat jedweden Aufwärtstrends am Aktienmarkt wäre.

Logisch … wenn man hinschaut und auch versteht, was man da sieht. Diese mich momentan verfolgende Frage so vieler angeblicher „Investoren“, die da lautet „kann man schon wieder kaufen?“ macht sehr deutlich, dass die Mehrzahl der Akteure offenbar gar nicht erkennt, dass sie sich als Sisyphos betätigen, wenn sie in scheinbar billige Kurse hinein zulangen, als würde es morgen verboten. Diese Frage, dieses „kann man schon wieder kaufen?“ hätten nach dem 1987er-Crash, den ich damals als BWL-Student erlebt habe (Gott sei Dank nicht nur ohne Erfahrung, sondern auch ohne Geld, das ich hätte verlieren können) die wenigsten gestellt. Die Zeiten ändern sich.

Wundern verboten – schliesslich wird Arglosigkeit gefördert

Und dass sie sich geändert haben, geht zu einem nicht unwesentlichen Teil auf das Konto derer, die diese Krise mit verschuldet haben. Denn Corona oder Ukraine, das sind nur die Auslöser, die Steinchen, die die Lawine haben abgehen lassen. Aber die Instabilität, die die Lawinengefahr begründet hat, ist alt … und wurde jahrelang übertüncht.

Regierungen, Notenbanken, Finanzindustrie, sie alle haben doch jahrelang so getan, als sei alles gut und würde immer besser, als gebe es keine Schuldenblase, kein Rezessionsrisiko, keine Überbewertungen. Und als sei Inflation ein kleines, temporäres Problem. Und immer wurde gepredigt, dass man ein Narr sei, würde man sein Geld nicht in Aktien stecken. „Buy the dip“, viel mehr vermochten manche angeblichen Experten über Jahre hinweg nicht von sich zu geben. Wundert es denn da, dass so viele glauben, nichts wissen zu müssen als die vermeintlich sichere Regel, dass, was fällt, sehr bald auf neue Rekorde steigen wird?

Wie kann das wundern, wenn Regierungen permanent Optimismus verbreiten, indem sie mit Wachstumsprognosen hantieren, die dann zwar immer wieder nach unten genommen werden müssen, dabei aber der Realität immer hinterherhinken? Zudem sehen wir die Neigung von Regierungen und Volkswirten von Banken und Wirtschaftsinstituten, bei Prognosesenkungen die blühenden Landschaften, die dann eben doch nicht kommen, einfach aufs nächste Jahr zu verlegen. Immer wieder … wie kann man da als Anleger, der sich mit solchen volkswirtschaftlichen Aspekten nicht auskennt, skeptisch sein?

Wenn Analysten Gewinnschätzungen vornehmen, schätzen sie vor allem in den USA gerne bewusst zu tief. Dadurch wird der Eindruck erweckt, dass die Gewinnentwicklung der Unternehmen als Basis für prosperierende Aktienmärkte tadellos ist, weil doch 70 und mehr Prozent der meldenden Unternehmen die Gewinnprognosen übertroffen haben. Ein Mummenschanz, den erfahrene Anleger natürlich durschauen. Aber unerfahrene eben nicht. Die sollen glauben, dass das Umfeld ideal ist, um zu kaufen, zu halten und zuzukaufen. Und das funktioniert, seit vielen, vielen Jahren, denn neue, unerfahrene Anleger sind ja für die Börse so etwas wie ein „nachwachsender Rohstoff“.

Zugleich geben die Analysten Kursziele aus, die wie eine Möhre vor den Nüstern eines Esels funktionieren. Grandios hohe Kursziele, die zum Kauf locken. Beispiel Netflix, im folgenden Chart. Die Aktie war bereits im Januar heftig eingebrochen, fiel in den Bereich um 350/400 US-Dollar. Letzte Woche kam dann der zweite Crash nach einem enttäuschenden Ausblick im Zuge der Quartalsbilanz. Im Chart rechts sehen Sie einige „Anpassungen“ der Kursziele durch Analysten, die nach diesem jüngsten Kurseinbruch von 349 auf 226 US-Dollar vorgenommen wurden:

Börse aktuell: Kurszielanpassungen für die Netflixaktie nach dem 2. Crash im April 2022 | Online Broker LYNX

Im Vorfeld lagen diese Kursziele so hoch, dass, wer daran glauben wollte, mit immensen Kursgewinnen rechnete, wenn er/sie um 350 US-Dollar kaufte. Jetzt ist es genauso: Die neuen Kursziele liegen erneut meilenweit über dem aktuellen Kurs. Dass solche Anpassungen immer zu spät kommen, aber trotzdem immer wieder suggerieren, dass man fleissig kaufen müsse, ist ein weiterer Grund, warum so viele Anleger auch heute noch nicht wirklich erkennen, wie ernst die Lage ist.

Und die Notenbanken? Die verteilen ebenso Opium unter dem Volk. 2021 taten alle grossen Notenbanken so, als sei die von ihnen in keiner Weise vorhergesehene Inflation überhaupt kein Problem und werde schnell wieder verschwinden. Dabei ignorierte man die auf der Hand liegende Bugwelle der längst aus dem Ruder gelaufenen Erzeugerpreise und ging sogar so weit, die zu hohe, faktische Inflation kleinzureden, indem man sich auf die sogenannte „Kernrate“ konzentrierte. Bei der werden Nahrungsmittel- und Energiepreise einfach herausgerechnet. Was indes denen, die ab und an heizen, tanken und essen, nichts hilft. Und auch jetzt, nachdem die Zinserhöhungen begonnen haben, spricht man hinsichtlich der Konsequenzen von einer sanften Landung statt dem Risiko einer Stagflation.

Wer aus der grossen Masse der Anleger versteht denn wirklich, was es für den Aktienmarkt bedeutet, wenn die Notenbanken das jahrelange „billige Geld“ vom Tisch nehmen und den Geldhahn zudrehen … und das auch noch in einer Schuldenblase? Wer kümmert sich, macht sich schlau, wenn man ein solches Umfeld noch nie erlebt hat und alle behaupten, man müsse sich keine Sorgen machen?

Kaufwellen in einem bärischen Umfeld? Das ist einfach normal

Es ist deshalb einfach nachvollziehbar, dass immer noch viele glauben, dass wir derzeit nur eine moderate Abschwächung des Wachstums sehen. Dass die Wirtschaft stark genug ist, um höhere Zinsen zu verkraften. Und dass diese dann schnell dafür sorgen, dass die Inflation verschwindet.

Dass der Aktienmarkt immer wieder Kaufwellen sieht und der Realität damit im Schneckentempo hinterher kriecht, ist daher keine Überraschung. Ja, die Profis, die sehen zu, dass sie ihr Geld in Sicherheit bringen, wie der deutliche Rückgang des Volumens an Krediten zeigt, mit denen Sicherheitsleistungen im Derivatebereich finanziert werden. Aber auch da gilt: Wer schaut da schon hin? Wer weiss auch nur, dass es da etwas gibt, wohin man schauen müsste?

Börse aktuell: Entwicklung der Marginkredite und Kursentwicklung Dow Jones im Vergleich von 1999 bis 2022 | Online Broker LYNX

2008 haben wir ein ähnliches Szenario erlebt. Auch da dauerte es ewig, bis die Realität am Aktienmarkt ankam. Aber als sie dann kam, wurde es äusserst ungemütlich. Aber 2008 ist lange her. Seither sind so viele Anleger neu hinzugekommen, die nicht ahnen, dass der Baum brennt, dass es einfach nicht wundert, dass es immer wieder zu scheinbar absurden Kaufwellen kommt. Wer von den volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen keine Ahnung hat, von Chart- und Markttechnik ebenso wenig und dann noch von den Nonstop-Beschönigungen seitens Regierungen, Notenbanken und Finanzindustrie eingeschläfert wird, macht weiter wie immer: „buy the dip“.

Machen lassen und die „Torero-Taktik“ anwenden

Dass das am Ende übel ausgeht, ist kaum zu vermeiden. Aber eines muss man eben auch sehen: Was mehr wiegt als die Realität, ist das Geld. Fliesst mehr Geld an den Aktienmarkt als abgezogen wird, steigen die Kurse nun einmal. Ob das rational unterfüttert ist oder nicht, spielt keine Rolle. Man muss also einfach damit rechnen, dass die Kurse immer wieder Rallyes zeigen. Die auch mal über wichtige Hürden hinaus führen könnten. Denn Hoffnung und Gier wiegen die meiste Zeit über stärker als die Ratio. Wie geht man damit um? Ich würde tun, was erfahrene Anleger in solchen Phasen schon immer getan haben: die „Torero-Taktik“ anwenden. Was bedeutet:

Nicht mit der Brechstange dagegenhalten, wenn die Kurse mal wieder nach oben sausen. Wenn der Trend nach unten weist, agiert man ebenso sinnvoll mit dem Trend Short wie man Long gehen muss, wenn er nach oben weist, sicher. Aber man sollte immer versuchen, in Selloffs dann Gewinne mitzunehmen und in Rallyes hinein die Short-Trades wieder hochzufahren. Dazu sollte man abwarten, bis die Bullen müde geworden sind, bis sich abzeichnet, dass die Käufe schwächer werden bzw. vorbei sind. Erst dann ist es opportun, wieder mit dem Trend auf Short zu setzen, denn eine wildgewordene, ahnungslose Bullenherde aufhalten zu wollen, das kostet nur Nerven und Geld!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 22.04.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Wenn zwei sich streiten, gibt es meist einen, der davon profitiert. Der Gedanke liegt nahe, dass die Sanktionen, die Europa und die USA gegenüber Russland verhängt haben, China zum Vorteil gereichen. Aber ob man deswegen vermehrt in den chinesischen Aktienmarkt investieren sollte? Sehen wir uns das mal an.

Einzelne Stimmen waren gestern zu hören, die das Wachstum von „nur“ 4,8 Prozent, das China als Anstieg des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal 2022 gemeldet hatte, als enttäuschend werteten. Richtig ist zwar, dass der Shanghai Composite Index, den man als chinesischen Leitindex sehen könnte, am Montag im Minus schloss. Aber im Vorquartal waren es nur 4,0 Prozent gewesen, zudem hatten die Volkswirte im Vorfeld nur 4,4 Prozent erwartet.

So mager ist das Wachstum also keineswegs, wenn man zudem bedenkt, dass es China mit seiner „Null Covid-Politik“ fertigbringt, ganze Industriezentren zeitweise in den Lockdown zu schicken. Da müsste man erst einmal schauen, was z.B. die USA und die Eurozone im ersten Quartal an Wachstum zuwege brachten. Was wir erst Ende April auf den Tisch bekommen, aber für die USA liegt die bisherige Schätzung bei nur +1,0 Prozent, in Europa könnte man über eine „schwarze Null“ wohl froh sein. China hat es, scheint es, besser.

Börse aktuell: Entwicklung Wachstumsrate BIP China von 1999 bis 2022 | Online Broker LYNX

In Sachen Exporte ist China in der Tat der „lachende Dritte“

Der Eindruck wird umso intensiver, wenn man sich im folgenden Chart ansieht, wie sich das Volumen chinesischer Exporte, in US-Dollar gerechnet, seit dem Jahr 2000 entwickelt hat. Dass die Entwicklung des monatlichen Exportvolumens immens unstet wirkt, liegt an der langen Folge von Feiertagen zum chinesischen Neujahr, die meist zu einem grossen Teil im Februar liegen und die Exportsumme dieses Monats dadurch immens mindern. Unter dem Strich bleibt aber folgende Erkenntnis:

Chinas Exporte waren 2020 insgesamt beeindruckend stabil geblieben (weil man dort einen radikalen, aber frühen und relativ kurzen Lockdown verhängt hatte) und stiegen noch im Jahr 2020 massiv an, weil man da dann von den durch Lockdowns ausgelösten Produktionsausfällen in den USA und Europa profitierte. Aber der Anstieg der Exporte erreichte dann keinen Sockel, sondern blieb dynamisch. Das Exportplus Chinas seit Anfang 2020 ist deutlich grösser als das, was die USA dahingehend haben zulegen können.

Börse aktuell: Entwicklung der Exporte China von 1999 bis 2022 | Online Broker LYNX

Ist das ein Resultat von reissenden Lieferketten, Materialmangel und jetzt vor allem der Sanktionen gegen Russland und des Kriegs in der Ukraine, die durch ausbleibende Lieferungen und explodierende Produktionskosten Probleme für europäische Betriebe bringen? Ja. Zumal, das zeigt uns der nächste Chart, die Berechnung der China-Exporte in US-Dollar derzeit sogar noch als Bremse fungiert, denn:

Börse aktuell: Kursentwicklung des Währungspaares US-Dollar / Yuan | Online Broker LYNX

Der US-Dollar ist zwar im Verhältnis zu den meisten anderen grossen Weltwährungen derzeit immens stark, zum einen aufgrund der bereits gestarteten Serie an US-Leitzinserhöhungen, zum anderen, weil Investoren den US-Dollar bei geopolitischen Krisen als „sicheren Hafen“ ansehen. Aber zum chinesischen Yuan ist der Preis für einen US-Dollar gegenüber Frühjahr 2020 sehr deutlich gefallen. Das mindert den Wert chinesischer Exporte, wenn man den Warenwert in Dollar umrechnet. Und es macht chinesische Waren im US-Dollar-Raum relativ gesehen teurer. Das macht diesen markanten Anstieg der chinesischen Exporte noch beeindruckender.

Chinas Aktienmarkt läuft – scheinbar – in die falsche Richtung

Und ja, momentan liefert China vieles von dem, was europäische oder US-amerikanische Unternehmen gerade nicht liefern können. Und ebenfalls ja, man darf annehmen, dass die chinesischen Unternehmen mit ihren fast immer deutlich billigeren Produkten dieses Stück vom grossen Konsumkuchen behalten werden, jetzt, wo eine massive Inflation den Verbrauchern in den etablierten Industrieländern auf die Taschen drückt. Aber liesse sich daraus unmittelbar ableiten, dass es geboten wäre, „mehr China“ ins Depot zu nehmen? Ich wäre da eher vorsichtig. Sehen wir uns mal an, wie sich die grossen Indizes in den USA, Europa und China seit Anfang 2020 geschlagen haben. Denn eigentlich müsste China ja, angesichts der derzeit grösseren wirtschaftlichen Stärke, auch deutlich besser gelaufen sein.

Börse aktuell: Kursentwicklung der Indizes S&P 500, Shanghai Composite, Euro Stoxx 50 und Hang Seng China von 2020 bis 2022 | Online Broker LYNX

Ist es aber nicht, wie der vorstehende Chart zeigt. Und das hat Gründe, die man im Bruttoinlandsprodukt oder dem Volumen der Exporte bislang nicht bzw. kaum erkennen kann. Dabei sehen wir zudem:

Der Shanghai Composite Index als chinesischer Leitindex ist zwar wenigstens in etwa so gut bzw. schlecht gelaufen wie der Euro Stoxx 50. Aber der ebenfalls dort abgebildete Hang Seng China Enterprises Index (kurz HSCEI) ist dramatisch gefallen, ist bereits seit gut einem Jahr in einer waschechten Baisse. Dieser HSCEI umfasst die 50 wichtigsten chinesischen Unternehmen, die auch oder nur in Hongkong gehandelt werden. Dort, wo bestimmte Regulationen, die die Börsen in Shanghai und Shenzen betreffen, nicht gelten. Es ist daher vor allem der HSCEI, den man als Spiegel der wahren Lage ansehen müsste. Der folgende Chart zeigt diese Schere zwischen dem Shanghai Composite und dem HSCEI noch deutlicher:

Börse aktuell: Kursentwicklung Shanghai Composite und Hang Seng China Enterprises Index im Vergleich von 2020 bis 2022 | Online Broker LYNX

Seit Anfang 2021 läuft der Shanghai Composite seitwärts, der HSCEI hingegen fiel immens und fast unaufhörlich. Was ist da los? Der HSCEI spiegelt genau die Gefahrenmomente wider, denen die chinesische Wirtschaft aktuell unterliegt: den Folgen von Chinas „Null Covid“-Politik und ihren Lockdowns und den Konsequenzen einer durch billiges Geld aufgeblähten und jetzt platzenden Immobilienblase.

„Null Covid“-Politik und der Immobilienmarkt: Das sind die beiden grossen Risiken

Letztere ist zwar momentan aus den hiesigen Schlagzeilen verdrängt worden. Aber der Immobiliensektor bleibt am Boden, wie der folgende Chart zeigt, der den Shanghai Composite im Vergleich zu den Aktien einiger der wichtigsten chinesischen Immobilienkonzerne abbildet: China Evergrande, Fantasia Holdings, Kaisa Group, Modern Land und Sinic Holdings. Was mit deren Aktien passiert ist, spricht für sich.

Börse aktuell: Kursentwicklung Shanghai Composite und Aktien wichtiger chinesischer Immobilienunternehmen im Vergleich von 2020 bis 2022 | Online Broker LYNX

Die geplatzte Immobilienblase in China hat viele Anleger viel ihres Ersparten gekostet, denn bevor die Sache ausser Kontrolle geriet, wollten viele von diesem Boom profitieren. Hinzu kommen die unmittelbar betroffenen Immobilienkäufer und die Unternehmen, die für diese Konzerne arbeiteten bzw. noch arbeiten und oft lange, zu lange auf ihr Geld warten, d.h. Handwerker, Zulieferer etc.

Zugleich sorgen die radikalen Lockdowns wie momentan gerade in der Riesen-Metropole Shanghai für immense Verunsicherung unter den Konsumenten, weil man nicht absehen kann, ob und wie deutlich sich dieses Vorgehen auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Das zeigt sich, wenn man sich die ebenfalls gestern Früh vorgelegten Konjunkturdaten Chinas für den März ansieht:

Die Industrieproduktion liegt zwar solide 5,0 Prozent über dem Level des Vorjahresmonats. Aber der Einzelhandelsumsatz liegt um 3,5 Prozent niedriger als im März 2021. Das ist das erste Minus seit dem ersten Halbjahr 2020, damals auch Lockdown-bedingt. Und vor 2020 gab es beim Einzelhandel seit Beginn der Datenreihe vor knapp 30 Jahren nie einen Rückgang!

Der Konsum ist das Rückgrat allen Wachstums. Wenn es da klemmt, wird es am Ende überall klemmen. Das kann Chinas Export alleine nicht kompensieren. Und wenn wir uns abschliessend ansehen, wie die fünf am schwersten im HSCEI gewichteten Aktien seit Anfang 2021 gelaufen sind, wird noch klarer, dass China unter der immer noch robust wirkenden Oberfläche ein Problem hat:

Börse aktuell: Kursentwicklung der 5 Schwergewichte im Hang Seng China Enterprises Index im Vergleich von 2021 bis 2022 | Online Broker LYNX

Diese fünf Unternehmen machen etwa 40 Prozent des Hang Seng China Enterprises Index aus. Die beiden Banken haben sich, relativ zum Index, noch wacker gehalten. Aber die anderen drei, Alibaba, Tencent und Meituan, sind allesamt Internetunternehmen mit Konsumorientierung. Und alle drei stehen heftig unter Druck.

Fazit: Investments in China sind auch heutzutage noch riskant

Ich meine, man sollte mit China weiterhin eher vorsichtig sein. Wegen der Probleme, die diese „Null Covid“-Politik auslöst. Wegen des Damoklesschwerts namens Immobilienmarkt. Aber auch wegen der strengen und oft unberechenbaren Regulierung der Wirtschaft durch die Regierung. China wurde nicht umsonst immer noch nicht in den MSCI World Index aufgenommen, gilt immer noch nicht als etablierte Industrienation, all seiner Grösse zum Trotz. China als Beimischung? Allemal spannend. Aber einen nennenswerten Anteil des eigenen Vermögens würde ich eher nicht im Reich der Mitte investieren, denn dieses so unerschütterlich wirkende Wachstum steht bei genauem Hinsehen eben doch auf relativ wackligen Beinen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 14./18.04.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Stagflation ist ein Kunstwort, das aus Stagnation und Inflation zusammengesetzt ist. Zwei negative Faktoren, die normalerweise nicht zusammen auftauchen. Aber wenn es passiert, wird die Lage knifflig. Und streng genommen hat sie, bezogen auf Deutschland, bereits begonnen. Was tun?

Was eine Stagflation ist, ist schnell erklärt, das geht ja schon aus den einleitenden drei Zeilen hervor: Eine Situation, in der das Wirtschaftswachstum stagniert oder sogar eine Rezession vorliegt, kombiniert mit einer Teuerungsrate, die deutlich über dem Normalniveau liegt. Wie man damit umgeht, ist jedoch weit weniger leicht zu sagen. Denn wie meistens in solchen Dingen muss die einleitende Phrase lauten: „Es kommt darauf an …“.

Es kommt darauf an, wie stark dieses Phänomen wird. Es kommt darauf an, wie lange es vorhält. Und es kommt darauf an, wie die Regierungen und Notenbanken dem begegnen und was die Verbraucher tun können bzw. dann auch wirklich tun. Klar ist nur eines:

Stagflation: Ein Blick zurück auf die Siebzigerjahre

Es geht hier um ein ungewöhnliches und seltenes Phänomen. Es ist immer praktisch, im Fall eines Problems ins Geschichtsbuch schauen zu können um zu sehen, was man da früher getan hat und ob man es … je nachdem, ob frühere Massnahmen funktionierten … genauso oder völlig anders machen sollte. Aber eine Stagflation, wie wir sie jetzt vor uns haben könnten (bzw. genau genommen in Deutschland schon haben, weil das erste Quartal 2022 das zweite Quartal in Folge mit schrumpfender Wirtschaftsleistung war und wir daher laut Lehrbuch schon wieder in einer Rezession wären), gab es so noch nicht. Auch nicht in den Siebzigerjahren?

Damals kam es in der Tat zu einer Stagflation. Aber die Rahmenbedingungen waren andere. Daher kann man die damalige Situation, die durch den sogenannten „Ölpreisschock“ ausgelöst wurde, nicht einfach 1:1 auf die heutige übertragen. Damals hatten die arabischen Ölförderländer als Reaktion auf den Israel-Konflikt den Ölhahn zugedreht. Die Ölpreise schossen nach oben, dadurch wurde eine heftige Inflation ausgelöst, zugleich würgten die hohen Ölpreise das Wachstum ab. Das passierte in zwei Wellen 1973/1974 und 1979/1980. Meine Konjunkturdatenbank ist zwar umfassend, aber sie reicht eigentlich „nur“ knapp 40 Jahre zurück. Die Daten, die ich Ihnen hier für die USA zeige, sind für die Siebzigerjahre Jahresenddaten und aus historischen Dateilisten entnommen. Diese Daten zu sehen, hilft zwar, aber:

Börse aktuell: Entwicklung der Wachstumsrate des US-Bruttoinlandsprodukts von der Ölpreiskrise bis 2022 | Online Broker LYNX

Auch das kann nur ein sehr ungenaues Bild zeichnen, denn um wirklich einordnen zu können, was damals genau passierte, was schiefging und was gelang, müsste man zudem die Arbeitslosenzahlen sehen, die Industrieproduktion, den Einzelhandelsumsatz, die Kreditentwicklung und, und, und. Ich für meinen Teil sass damals noch auf der Schulbank, musste also mein Geld noch nicht selbst verdienen und hatte erst recht keine Kredite am Hals, aber ich habe vor diesem Artikel bei älteren Bekannten und der Familie nachgefragt: Das war damals unangenehm, als Benzin auf einmal eine Mark statt 60 Pfennig kostete, aber Existenzangst brach deswegen nicht aus. Das könnte heute anders werden, falls die Sache aus dem Ruder läuft. Und das aus mehreren Gründen:

Börse aktuell: Entwicklung der Inflation in den USA von der Ölpreiskrise bis 2022 | Online Broker LYNX

Heute ist man deutlich weniger für Krisen gerüstet

In den Siebzigern gab es ein „Leben auf Pump“ in der Art, wie wir das heute sehen, nicht. Die Zahl an Haushalten, aber auch an Unternehmen, die immense Kreditbelastungen haben, ist heute extrem hoch. Das ist ein Problem. Ein Problem ist auch, dass man seit Jahrzehnten keine echte Wirtschaftskrise erlebt hat. Bis auf ältere Mitbürger weiss kaum jemand, was da auf einen zukommen kann, so dass, was auch meine Erfahrung im persönlichen Umfeld ist, kaum jemand Vorsorge trifft.

Und es geht diesmal nicht um ein „Kernproblem“ in Form des Ölpreises wie damals. Es geht um eine breiter gefasste Inflation, die nahezu alle Rohstoffbereiche erfasst. Wir haben im Gegensatz zu damals eine jahrelange Nullzinsphase gesehen, so dass ein einigermassen tauglicher Zins als Rettungsboot vor Inflation nicht existiert. Und wir sehen eine geopolitische Situation, die die Sache noch weitaus weniger berechenbar macht.

Das fiese an einer Stagflation ist …

Der folgende Chart zeigt, dass die US-Notenbank die Leitzinsen damals dramatisch anheben musste, um die Inflation zu bremsen. Und genau das ist das Problem an der Sache. Der Punkt, der aus einer kniffligen Situation eine fatale und langwierige Krise machen kann, wenn das schiefgeht.

Börse aktuell: Entwicklung des Leitzinses in den USA von der Ölpreiskrise bis 2022 | Online Broker LYNX

Das fiese an einer Stagflation ist, dass Stagnation/Rezession und Inflation normalerweise nicht zusammen auftauchen sollten. Wenn die Wirtschaft schrumpft, haben immer mehr Menschen immer weniger Geld zur Verfügung. D.h. die Nachfrage sinkt, was die Rezession verschärft und verselbständigt. Aber durch die sinkende Nachfrage fallen eben auch die Preise. Daher können Regierungen Konjunkturprogramme lostreten und die Notenbanken die Zinsen senken, um die Kreditaufnahme zu fördern – und schon springt der Konjunkturmotor wieder an. Klingt simpel und klappt meistens auch. Aber diesmal sieht es anders aus. Diesmal haben wir eben ein wankendes Wachstum und steigende Preise. Und zwar deutlich steigende Preise.

Basis dessen sind zum einen die Spätfolgen der Corona-Lockdowns (bzw. die Folgen der aktuellen Lockdowns in China). Man hätte nicht gedacht, dass die weltweite Vernetzung der Wirtschaft und die Hochrüstung der Logistik so empfindlich auf Störungen reagiert … und vor allem einfach nicht wieder in die Spur kommen will. Zum anderen sind das jetzt die Folgen der Sanktionen wegen des Ukraine-Konflikts. Ohne diesen neuen Faktor hätte sich das ganze vielleicht in ein paar Monaten wieder in die richtige Richtung bewegen lassen. Aber jetzt haben sich Preisanstieg und Materialengpässe eben noch weiter intensiviert. Dauer? Unbekannt.

Mittendrin in der Zwickmühle

Aber was können die Entscheider jetzt tun? Alles, was normalerweise gegen die eine Hälfte der Stagflation hilft, ist schlecht für die andere.

Mit höheren Leitzinsen auf die viel zu hohe Inflation zu reagieren, ist normalerweise schon richtig. Das bremst die Nachfrage, weil Kredite teurer werden. Und da viele Menschen in den Industriestaaten seit Jahrzehnten immer mehr auf Pump leben, wäre der Nachfragerückgang immens, zumal dann auch der Schuldendienst teurer wird und das für Konsum freie Kapital beschneidet. Aber die Inflation hat das Wachstum jetzt bereits unter Druck gesetzt. Höhere Zinsen würden das Problem verschärfen, weil ja eigentlich weniger die zu hohe Nachfrage das Problem ist, sondern das zu geringe Angebot. Und das wird mit höheren Zinsen eben nicht grösser.

Und was passiert, wenn man das Gegenteil tut und die Zinsen senkt? Erstens geht das nicht, weil die Zinsen bei null liegen, da man während der letzten über 20 Jahre immer absichtlich „vergessen“ hatte, die Zinsen nach Senkungsphasen wieder anzuheben, weil ohne billiges Geld kein Wachstum mehr generierbar gewesen wäre. Was übrigens auch klar macht, was passiert, wenn Geld durch Leitzinserhöhungen nicht mehr billig ist. Das hätte jetzt ganz andere, brutalere Auswirkungen als damals in den Siebzigern. Zweitens würde den Sparern das Geld nur noch schneller durch die Hände rinnen, weil der Realzins, sprich Verzinsung abzüglich Inflation, dann noch negativer würde.

Aus dieser Situation herauszukommen, das Richtige zu tun, ist für Regierungen und Notenbanken daher eine Herausforderung, die schwer zu stemmen sein wird. Da niemand absehen kann, wie sich die das Problem befeuernden Faktoren entwickeln, seien es die gerissenen Lieferketten, der Chip- und Materialmangel oder die Sanktionen und Gegensanktionen, ist für die Entscheider, aber auch für uns als Verbraucher und Anleger derzeit Sichtweite null angesagt. Was kann man da tun, um als Investor heil durch diese Phase zu kommen?

Guter Rat ist teuer, wenn die Sichtweite bei null liegt

Wenn das Wachstum unter Druck gerät und zugleich die Zinsen steigen, reduziert sich das freie Kapital, das an den Aktienmarkt fliessen könnte. Denn leicht verfügbares und zugleich billiges Geld findet immer seinen Weg an die Aktienmärkte. Das hat diese Hausse der letzten zwei Jahre massgeblich angetrieben. Wird dieser Geldzufluss weniger, wird es natürlich eng. Dementsprechend lief der Dow Jones in den Siebzigerjahren miserabel. Vor allem in der Zeit der ersten Ölpreiskrise 1973/1974 ging es dramatisch bergab, wie der folgende Chart zeigt. Und das könnte diesmal vergleichbar laufen, zumal:

Börse aktuell: Entwicklung Dow Jones während der Ölpreiskrise | Online Broker LYNX

Anleihen werden dann immer mehr zu einer tauglichen Konkurrenz, da deren Renditen, in den letzten Jahren unattraktiv und oft sogar negativ, dann steigen. Und da die US-Notenbank plant, ihre über die Jahre der Stützungskäufe am Anleihemarkt aufgehäuften Bestände sukzessiv wieder in den Markt zu geben, wird das Anleihe-Angebot noch künstlich aufgestockt, das treibt die Renditen erst recht höher. Die Leitzinserhöhungen haben in den USA gerade erst begonnen – und trotzdem bekommt man für US-Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit bereits eine Rendite von 2,7 Prozent, wie der nächste Chart zeigt. Und sogar in Deutschland bekommt man für zehn Jahre Laufzeit bei Bundesanleihen auf einmal wieder Zinsen, wenngleich bislang nur 0,7 Prozent. Aber immerhin, die Rendite war da zuvor drei Jahre lang negativ.

Börse aktuell: Rendite der US-Staatsanleihen von 2013 bis 2022 | Online Broker LYNX

Natürlich ist das alles immer noch weniger als die Inflationsrate. Aber ist der Aktienmarkt denn die bessere Alternative? Ja, wenn man dort auch Gewinne macht. Aber wenn der Gesamtmarkt tendenziell unter Druck steht, womit an der Börse aktuell zu rechnen ist und was, siehe die Siebzigerjahre, ein normales Szenario im Zuge einer Stagflation wäre, dann kommen zur Geldentwertung durch Inflation auch noch Kursverluste hinzu. Also, was tun?

Stagflation: Massnahmen, über die man jetzt nachdenken könnte

Wie bereits unterstrichen, gibt es kein simples Patentrezept, wie man gut durch eine Stagflationsphase kommt, weil Intensität und Dauer solcher Phasen nicht vorhersehbar sind und keine Situation genauso ablaufen wird wie eine frühere. Die Siebziger sind keine Blaupause für heute, weil sich einige Faktoren unterscheiden, im aktuellen Fall eher kritischer sind, vor allem die hohe Überschuldung und die geopolitischen Spannungen sind derzeit unwägbare Elemente. Aber vier Ideen, deren Umsetzung zumindest nicht schaden könnte, hätte ich dann doch.

  • Sehen Sie zu, dass Sie keine unnötigen, neuen Kredite aufnehmen und versuchen Sie, bestehende Kredite entweder loszuwerden oder sich aktuelle Zinslevels noch einige Zeit zu sichern.
  • Am Aktienmarkt dürfte die wachsende Konkurrenz durch steigende Renditen bei Anleihen einerseits und der Druck auf den Konsum durch immer höhere Preise zuerst die Aktien treffen, die sehr konjunktursensibel sind und kaum oder keine Dividenden bieten. Dass der Nasdaq 100 seit einigen Monaten deutlich mehr unter Druck steht als der Dow Jones mit seinem Übergewicht an klassischen, etablierten Grossunternehmen mit höheren Dividenden, ist womöglich erst der Beginn dieses Prozesses. Jetzt ein wenig mehr in Richtung konservative und auch von der Branche her defensive Aktien umzuschichten, kann sich auszahlen.
Börse aktuell: Kursentwicklung Dow Jones im Vergleich zum Nasdaq 100 im ersten Quartal 2022 | Online Broker LYNX
  • Gold und Silber sind Assets, die keinen wirklich klar fixierbaren Wert haben. Man kann nie fest davon ausgehen, dass eine Situation X zu einem Goldpreis Y führt. Aber wenn Menschen Angst um ihr Geld haben, profitiert Gold meistens. Und wenn Sie sich einmal ansehen, wie Gold in den Jahren der Stagflation der siebziger im Vergleich zum Dow Jones lief, kann man allemal darüber nachdenken, einen etwas grösseren Teil des Kapitals in Gold zu investieren als in normalen Zeiten.
Börse aktuell: Entwicklung Goldpreis im Vergleich zum Dow Jones in den Stagflations-Jahren 1973 bis 1981 | Online Broker LYNX
  • Die sukzessiv steigenden Zinsen an den Anleihemärkten bieten Alternativen, die man durchaus nutzen kann und sollte. Dabei ist der ideale Moment, um Anleihen zu kaufen aber erst gekommen, wenn man annehmen darf, dass die Notenbanken mit ihren Zinsanhebungen „durch“ sind und das Renditelevel am Markt daher nicht mehr nennenswert steigt. Kauft man bereits in die Phase noch steigender Renditen, müsste man die Anleihen bis zum Laufzeitende halten und nicht vorher verkaufen, weil weiter steigende Renditen bei bereits umlaufenden Anleihen für sinkende Kurse sorgen.

Fazit: Jetzt zählen Besonnenheit und Vorsicht

Zu wissen, was Stagflation ist und dass sie jetzt eine wahrscheinliche Perspektive ist, ist hilfreich, um sich der Risiken gewärtig zu werden, mit denen man sich konfrontiert sehen würde, wenn es nicht gelingt, das Ruder umgehend und massiv herumzureissen. Aber einen sicheren Fahrplan, um da heil oder gar mit grossen Gewinnen hindurchzukommen, gibt es nicht. Einfach, weil sich positive wie negative Phasen der Weltwirtschaft mit der Zeit entwickeln, immer wieder durch neue Situationen verändert werden und daher nicht wie eine Strassenkarte überschaubar sind.

Entscheidend ist aber vor allem zu wissen, dass Vorsicht und Besonnenheit jetzt angebracht sind, weil Rahmenbedingungen, die viele über Jahre und Jahrzehnte als unverrückbar ansahen, in Bewegung kommen. Nicht einfach weiterzumachen wie bisher und Handlungsweisen nach Schema F wie z.B. „buy the dips“ in Frage zu stellen, ist der beste Weg, sich Veränderungen erfolgreich zu stellen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 08.04.2022, Chartquelle marketmaker pp4