Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 22.-28.02.2021

Aktien sind billig? Kommt drauf an!

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ISIN: DE0008469008
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Zum DAX

Aktien sind an der Börse aktuell noch spottbillig, heisst es oft. Verblüffend, wie soll das wohl mitten in einer schwierigen Phase der Weltwirtschaft, mit Aktienindizes auf Rekordlevels, möglich sein? Aber solche Sprüche kommen natürlich bei vielen Anlegern gut an, verheissen sie doch weitere, grosse Gewinne fürs Depot. Da haken die meisten gar nicht erst genauer nach. Das sollte man aber!

Wenn man das mal über die Jahrzehnte verfolgt, kommt man nicht umhin zu bemerken, dass so mancher Börsenexperte immer dann besonders laut trommelt und Aktien als „billig“ anpreist, wenn die Kurse bereits jahrelang gestiegen sind und der Hausse die Argumente und das Momentum ausgehen. Dabei richten sich solche Aussagen nicht an diejenigen, die schon lange dabei sind, sondern an noch unerfahrene Anleger und vor allem an solche, die es noch werden sollen. Ziel: Die Hausse soll weitergehen, neue Käufer sollen verhindern, dass ein bereits überhitzter Markt kippt. Das klappt recht oft für recht lange Zeit. Auf Dauer aber endet es aber doch mit einem bösen Erwachen.

Die Finanzindustrie braucht immer „frisches“ Anlegergeld

Eines sollte man nicht vergessen: Banken müssen Geld verdienen. Und wenn Anleger fleissig Aktien kaufen, springt eben für die Bank etwas dabei heraus. Oder für die Fondsgesellschaft, den ETF, den Börsenbetreiber. Und bei diesen grossen Adressen weiss man eben, dass die meisten Marktteilnehmer nicht flexibel traden, sondern kaufen und dabei bleiben, ggf. mal aussteigen und wieder zurückkaufen, aber nicht auf fallende Kurse setzen.

Würden sehr viele Investoren Trends in beide Richtungen handeln, konsequent von chart- und markttechnischen Indikationen geleitet von Long auf Short und wieder zurück wechseln, wären solche Aussagen wie „Aktien sind billig“ nicht hilfreich. So aber funktionieren diese Aussagen seit Jahrzehnten immer wieder und locken zum Kauf. Nur sind die Argumente, die dafür herhalten sollen, dieses günstige Niveau zu belegen, oft ein wenig problematisch … wenn man es freundlich ausdrücken möchte.

Aber wie will man denn eine bereits altersschwach und/oder ausgereizt wirkende Hausse mit Argumenten neu beleben, wenn doch auch ein Neueinsteiger anhand eines Charts sehen kann, wie immens die Kurse bereits gestiegen sind? Da müsste doch jeder skeptisch werden … oder?

Nein, nicht unbedingt. Zum einen nicht, weil tatsächlich viele einem Herdentrieb unterliegen und gerade weil etwas schon lange steigt den Eindruck haben, dass es deswegen noch weiter steigen wird. Das ist nicht logisch, aber emotional durchaus nachvollziehbar. Zum anderen nicht, weil diese Aussagen gezielt an die Gier appellieren, die sich die darauf anspringenden Anleger indes nie selbst eingestehen würden. Was die Sache umso erfolgversprechender macht.

Erzähle ihnen, was sie hören wollen, und sie folgen dir

Es läuft tatsächlich so: Erzähle den Menschen, was sie von der Börse aktell wollen und sie folgen dir. Das klappt in der Politik seit eh und je, daher darf es nicht wundern, dass es ebenso tadellos funktioniert, wenn es um Geld geht. Und da eben der ganz überwiegende Teil derjenigen, die ein Aktiendepot haben, nur Hausse „kann“ bzw. will, sind Leute, die vor Risiken warnen, ebenso gut gelitten wie ein Magengeschwür; die Hausse-Propheten, die stets weiter steigende Kurse an der Börse weissagen, sind hingegen äusserst beliebt.

Was diesen Perma-Bullen mit ihrem Argument eines stets zum niederknien billigen Aktienmarkts zusätzlich in die Karten spielt ist, dass viele Anleger fatale Fehleinschätzungen a la Hausse leichter verzeihen als anders herum. Denn man fühlt sich mit denen, die die ewige Hausse versprachen, als in einem Boot sitzend. Und wie leicht ist es dann, der „Börse“ an sich die Schuld zu geben, wenn es statt immer weiter nach oben auf einmal dramatisch abwärts geht. Da kommt dann immer das Argument: Es konnte ja niemand vorhersehen, dass das Ereignis X oder Y auf einmal die Situation auf den Kopf gestellt hat. Nun, das kann man nie, weshalb solche Hausse-Prognosen auch grundsätzlich fragwürdig sind … aber das ist ein anderes Thema.

Dabei sollte ich vielleicht eines klarstellen, bevor ich mich mit den drei typischen Argumenten auseinandersetze, die ins Feld geführt werden um zu „beweisen“, das Aktien billig seien: Über die Jahre hinweg betrachtet sind Aktien in der Tat bisweilen “billig“ und lange Zeit zumindest günstig bis fair bewertet und hätten deswegen Aufwärtspotenzial. Vor allem natürlich nach starken Abwärtsbewegungen. Aber wenn erst nach einer Super-Hausse an der Börse das Wort „billig“ fällt, sollte man eben genauer hinschauen. Also, welche Argumente werden in der Regel aufgefahren, wenn es darum geht, den Aktienmarkt insgesamt oder einzelne Aktien als „billig“ darzustellen?

Im Verhältnis zu Anleihen sind Aktien billig?

Die in den meisten Laufzeiten unter null gesunkenen Renditen am Anleihemarkt haben an der börse aktuell einen immensen Exodus von Anlegern in Richtung Aktienmarkt ausgelöst. Wenn es keine Zinsen mehr gibt, scheinen Aktien die einzige logische Alternative zu sein. Denn dort sind die Gewinne immens, hinzukommt, dass ja auch Aktien sozusagen einen „Zins“ in Form der Dividende abwerfen. Und die liegt, wie der folgende Chart zeigt, weit über der Rendite deutscher Bundesanleihen. Soweit ist das alles richtig. Doch Aktien deswegen als „billiger“ als Anleihen zu bezeichnen, ist eine problematische Sache.

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklungm der Dividendenrendite deutscher Aktien und Bundesanleihen von 2011 bis 2021 | Online Broker LYNX

Richtiger wäre, Aktien als „gewinnträchtiger“ zu bezeichnen, was indes den Haken hat, dass diese Formulierung impliziert, dass es so sein kann, aber eben nicht muss. Und genau so ist es ja auch. Ja, Aktien haben, was die Kursentwicklung oder die Gesamtrendite (Kursentwicklung + Zins bzw. Kursentwicklung + Dividende) angeht, Anleihen meilenweit hinter sich gelassen. Und das ist in den letzten Jahrzehnten fast ausnahmslos der Fall gewesen. Aber der folgende Chart zeigt eben auch, dass das Risiko der Aktien höher ist, kurz: Das kann eben auch mal dramatisch schiefgehen, wenn man zum falschen Zeitpunkt ein- und aussteigt. So beispielsweise in der Zeit zwischen Mitte 2015 und Mitte 2016, als man mit einer Anleihe bei Weitem besser gefahren wäre. Und Dividenden sind, im Gegensatz zum Zinskupon einer Anleihe, eben nicht garantiert.

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung der Gesamtrenditen von DAX und Bundesanleihen von 2014 bis 2021 | Online Broker LYNX

Letztlich sind Anleihen und Aktien zwei derart verschiedene Paar Schuhe, dass man sie nicht wirklich miteinander vergleichen sollte. Entscheidend ist, dass der Aktienmarkt weitaus höhere Gewinnchancen bietet, die aber eben auch, wie bei allem, mit höheren Risiken erkauft werden. „Billiger“ sind Aktien deswegen aber nicht.

Unsummen an Sparergeld warten auf Einstiegschancen?

Gerne wird argumentiert, dass die Negativzinsen dazu geführt haben, dass gigantische Summen auf den Konten der Sparer liegen, die in den Aktienmarkt strömen werden. Auch die Geldmenge wird immer wieder ins Feld geführt: Je höher die steigt, desto mehr Geld ist im Umlauf, von dem zwangsläufig einiges in den Aktienmarkt strömen wird. Letzteres ist nicht verkehrt, aber der folgende Chart zeigt:

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung von DAX und der Geldmenge M3 in Deutschland von 1985 bis 2021 | Online Broker LYNX

Das ist vor allem der Fall, solange die Geldmenge steigt. Aktuell hat sie, in der Eurozone im Allgemeinen ebenso wie in Deutschland im Besonderen, die Hochs der letzten Jahrzehnte erreicht. Ob sie noch weiter steigt, wird sich erst zeigen müssen. Und die Hausse-Phasen des Aktienmarkts, hier im Chart die des DAX, laufen eben parallel zum Geldmengenanstieg und stocken meist umgehend, wenn die Ausweitung der Geldmenge endet. Und:

Dass viel Cash auf deutschen Konten herumliegt, mag wohl stimmen. Aber auch, wenn daraus viele das Argument ableiten, die Aktien seien an der Börse aktuell „noch“ billig, weil dieses Geld die Kurse in Kürze immer höher treiben müsse: Das Argument hat keine Substanz.

Denn wer wollte a) zu wissen behaupten, wie viel Geld davon wirklich zur freien Verfügung steht und b) ob die Menschen dieses Geld überhaupt am Aktienmarkt anlegen wollen, nachdem sie es bisher nicht getan haben? Die Tatsache, dass grundsätzlich Geld da wäre mit der Fortsetzung der Hausse zu koppeln, basiert nicht auf Logik. Dieses Argument klingt gut, mehr aber nicht.

Das Kurs/Gewinn-Verhältnis am Aktienmarkt ist niedrig wie selten?

Es sind, das muss man immer wieder dick unterstreichen, beileibe nicht alle Experten, die mit fadenscheinigen Argumenten daherkommen. Im Gegenteil, es sind eher wenige, die derart für die ewige Hausse trommeln. Aber deren Aussagen werden eben gerne gehört und bleiben im Gedächtnis. Eine Analyse, die zu dem Schluss kommt, dass der DAX 2021 mit ein wenig Glück die 15.000 erreichen und bis zum Jahresende halten kann, ist eben nicht so plakativ und damit für den Werbenden effektiv wie „DAX 20.000 ist sicher“.

Für solche weit über dem derzeitigen Niveau liegenden Kursziele wird immer wieder ein nahezu lächerlich niedriges Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) ins Feld geführt. Da lese ich momentan z.B., dass die Aktien des Dow Jones im Schnitt gerade mal ein KGV von 15 ausweisen, was im Vergleich zu den vergangenen Jahren ungewöhnlich niedrig ist. Dann geht dieser „Experte“ hin und errechnet, dass der Dow Jones bis zum Erreichen eines „fairen“, über Jahre hinweg durchschnittlichen KGV von 22 somit um 46 Prozent steigen muss. Vergleichbares, wenngleich nicht gar so hanebüchen, hört man bisweilen auch für den DAX. Was stimmt an dieser Aussage?

Nichts. Es sei denn, man nennt die Parameter dazu, die zu diesen Zahlen führen. Was aber nie passiert, sonst wäre die Werbeaussage nämlich futsch. Auch so kann man vorgaukeln, dass Aktien an der Börse aktuell spottbillig sind und Anleger zum Einstieg locken. Vor allem solche, die kein Fachwissen haben, womöglich nicht einmal wissen, was ein KGV ist. Sehen wir uns mal an, wo das KGV des Dow Jones derzeit in Wirklichkeit liegt:

Börse aktuell: Entwicklung KGV (Kurs/Gewinn-Verhältnis) des Dow Jones von 1985 bis 2021 | Online Broker LYNX

Mit 33,19 liegt dieses KGV so hoch wie seit elf Jahren nicht mehr. Und eben nicht bei 15. Wie kommen diese Leute dann darauf, dass es so niedrig sei? Ganz einfach. Was wir in diesem Chart abbilden, ist das KGV auf Basis der tatsächlich gemeldeten Gewinne der im Dow Jones gelisteten Unternehmen. Will man dieses KGV auf „billig“ umlackieren, nimmt man einfach Gewinnprognosen.

Die alleine sind schon überaus fragwürdig, denn man sollte sich fragen, wie ein Analyst imstande sein soll, den Gewinn eines Unternehmens für das gerade erst begonnene Jahr richtig zu schätzen, wenn das Unternehmen selbst sogar bei der Prognose für das laufende Quartal vorsichtig ist! Und das gilt erst Recht, wenn solche Auguren den Gewinn für 2022 oder gar 2023 weissagen. Was sie nicht davon abhält, es zu tun. Und natürlich sehen diese Gewinnprognosen grandios aus. Steigende Gewinne ohne Unterlass, und das satt. Das hatte man für 2020 übrigens auch so gesehen – bis dummerweise Corona kam. Aber das konnte man ja nicht ahnen … siehe oben. Also:

Ein KGV „billig zu rechnen“, indem man einfach irgendwelche Glaskugel-Zahlen für 2023 hernimmt und diesen geschätzten Gewinn dann als Basis benutzt, um ihn mit dem Kursniveau von heute ins Verhältnis zu setzen, ist nicht okay. Wenn man dann auch noch vergisst, das zu erwähnen, ist es noch weit weniger in Ordnung. Aber damit ist der Witz noch nicht zu Ende.

Denn man kommt ja dann daher und sagt, dass dieses angeblich niedrige KGV wieder auf das „Normalniveau“ von 22 steigen werde. Wie? Indem die Kurse entsprechend steigen – so einfach ist das scheinbar. Nur ist auch dieses „Normalniveau“ von 22 eine Irreführung. Sie sehen im vorstehenden Chart: Ja, wenn man über gut 35 Jahre den Durchschnittswert des Dow Jones-KGV errechnet (die grüne Linie), kommt man wirklich auf 22. Aber da sind eben dann die Super-Ausreisser des KGV nach oben mit dabei, die in den Rezessionen Anfang der Neunziger und 2008/2009 aufgetreten sind. Und die sollte man besser nicht mit einrechnen.

Solche Sprünge entstehen, wenn die Gewinne der Unternehmen im Zuge einer Rezession schlagartig wegbrechen, viele der Firmen sogar in die Verlustzone rutschen. Da die Kurse der entsprechenden Aktien nicht so stark einbrechen, explodiert dann das KGV kurzzeitig, bis die Gewinne sich erholen. Solche Ausreisser sind selten und vor allem: Das zieht aktuell nicht, um das ausserhalb dieser Ausreisser derzeit extrem hohe KGV zu rechtfertigen. Denn was ebenso wenig erwähnt wird: Die meisten Dow Jones-Unternehmen haben in der Corona-Krise keinen Gewinn-Crash gesehen, viele von ihnen haben sogar in diesem vergangenen Jahr mehr verdient als je zuvor.

Manche Aktien sind wirklich relativ „billig“

An der Börse geht es um Geld und, was Sie als Investor angeht, erst einmal um ihr eigenes. Das zu schützen und im Idealfall zu vermehren, ist das Ziel. Daran wollen viele mitverdienen, denen es in erster Linie darum geht, dass Sie kaufen und verkaufen und immer mehr Geld investieren. Aber dieser Klientel ist es am Ende egal, ob sie Verluste erleiden.

Börsenlegende André Kostolany hat einmal geschrieben, dass die meisten Menschen sich weitaus mehr Gedanken machen, wenn sie sich ein gebrauchtes Fahrrad kaufen wollen als wenn es um ihre Börseninvestments geht. Das hat sich seit damals nicht geändert. Machen Sie es anders: Hinterfragen Sie, was andere zu wissen glauben, vor allem, wenn es allzu gut klingt!

Manche Aktien liessen sich hier und heute tatsächlich als billig ansehen. Aber das sind niemals diejenigen, die gerade 100 Prozent in vier Wochen gestiegen sind und über die alle reden. Billige Aktien sind dies, sobald alle davon wissen, im Handumdrehen nicht mehr, weil sie dann ja jeder sofort kauft und das den Kurs nach oben treibt. Meist über ein normales, sinnvolles Niveau hinaus hin zu „atemberaubend überzogen“. Billig sind in der Regel die „leisen Aktien“, die Mauerblümchen, die nicht im Rampenlicht stehen, aber deren Unternehmen anständige Dividenden zahlen, die fest in ihrer Branche etabliert sind und eben nur solide und nicht schlagzeilenträchtige Umsatz- und Gewinnsteigerungen vorweisen. Solche Aktien mögen kurzfristig vielleicht langweilig wirken. Aber schauen Sie sich zum Abschluss einmal diesen Chart an, der daran erinnern soll, dass die scheinbar immer billigen Superstars, mit denen die gierigen unter den Anlegern nach den Sternen greifen, eben nicht nur schnell hoch stiegen, sondern auch noch schneller tief fallen können!

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung von DAX und TecDAX von 1999 bis 2003 | Online Broker LYNX

Die Phase des Jahres 2000 ist lange her, sicher. Aber vieles erinnert an der Börse aktuell daran, gerade diese wilde Hatz bei den besonders rasant steigenden Aktien. Ich denke, es kann nicht schaden, daran zu denken, dass sich die Geschichte zu wiederholen pflegt, wenn niemand aus den Fehlern der Vergangenheit lernt. Und heute ist eben eine neue Generation von Anlegern mit dabei, die 2000 noch im Kindergarten war und diese Erfahrung von damals nicht gemacht hat. Denen fällt es leicht zu behaupten, damals sei alles ganz anders gewesen. Aber das war es nicht. Vorsicht und ein wenig Skepsis können also nicht schaden … das konnten sie noch nie!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 18.2.2021, Chartquelle marketmarker pp4

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Ronald Gehrt, Chart- & Fundamentalanalyst | LYNX Börsenexperten
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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden massgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Am Aktienmarkt tut man so, als bewege man sich dort in der besten aller Welten. Auf den ersten Blick scheint das Gegenteil wahr zu sein. Aber diese Hausse hat durchaus handfeste Hintergründe und Argumente. Nur stellt sich die Frage, ob die nicht bald zum Bumerang werden. Das könnte passieren. Es muss aber nicht … sehen wir uns das mal an.

So seltsam es klingt: Es ist viel Geld unterwegs. So gross die Not vieler Menschen derzeit ist, so viele kleine und mittlere Unternehmen auch Gefahr laufen, an dieser Situation zugrunde zu gehen: Wenn man sich ansieht, wie viel Geld seit Anfang 2020 auf Knopfdruck erzeugt wurde, kommt man nicht umhin, von einer Geldschwemme zu sprechen.

Die „Corona-Billionen“ landen zum Teil am Aktienmarkt

Dass dieses Geld nicht dort ankommt, wo es hin muss, ist grossenteils richtig. Aber das ist eben nicht das Problem des Aktienmarkts. Denn dort kommt sehr wohl ein Teil dieser Billionen an und treibt die Kurse. Dabei basiert die Hausse an der Börse aktuell nicht nur darauf, dass Banken sich bei den Notenbanken Geld besorgen können, dafür sogar höchst fragwürdige Sicherheiten hinterlegen können und dieses Geld dann nicht für Kredite nutzen, wofür es gedacht ist, sondern am Aktienmarkt „parken“.

Auch Menschen, die nicht in finanzieller Not sind, aufgrund der unsicheren Perspektive aber Anschaffungen zurückstellen, scheinen ihr Geld in den Aktienmarkt umzuleiten in der Erwartung, dass es sich da noch ein wenig vermehrt, bevor man das Auto, die neue Einrichtung oder was auch immer dann später kauft. Ein Beleg dafür ist, wie immens das Anlagevolumen vieler ETFs in den letzten zwölf Monaten gestiegen ist. Und wer zuletzt sein Geld in den Aktienmarkt gesteckt hat, sagt sich natürlich:

Börse aktuell: Vergleich Entwicklung Geldmenge und BIP in den USA von 1988 bis 2021 | Online Broker LYNX

Warum sollte das schiefgehen? Schliesslich ist die Erholung auf dem Weg. Man nimmt ja bloss vorweg, was kommen muss. Das hat 2003 funktioniert. Das hat 2009 funktioniert. Warum also diesmal nicht auch? Schliesslich wurde diesmal zumindest in den USA so viel Geld „erschaffen“ wie nie zuvor. Und die vorstehende Grafik zeigt es ja (die Skalierung orientiert sich an der Geldmenge, nicht am BIP): Erst wird Geld gedruckt, dann springt das Wachstum wieder an.

Das müsste dann ebenso für Europa gelten, auch, wenn die Geldmenge bei uns nicht gar so extrem aufgeblasen wurde wie in den USA. Der folgende Chart zeigt, dass bei uns bislang nur die Hochs der letzten Jahrzehnte erreicht wurden, nicht aber ein derart unfassbares Level wie in den USA. Und dass der hier mit abgebildete Euro Stoxx 50 weniger stark gelaufen ist als die US-Indizes, hängt nicht nur, aber auch genau damit zusammen. Je mehr Geld in den Ring geworfen wird, desto mehr landet am Aktienmarkt, desto höher steigen die Kurse. Was bedeutet:

Börse aktuell: Vergleich Entwicklung Geldmenge in der Eurozone und Euro Stoxx 50 von 1985 bis 2021 | Online Broker LYNX

Bis hierhin ist die Hausse an der Börse aktuell nachvollziehbar. Die Frage ist indes, ob man sich dadurch auf stabilem Boden bewegt oder auf dünnem Eis. Worauf käme es da an? Nicht auf die Geldmenge an sich. Sie schiebt an, muss aber, wenn sie reduziert wird, deswegen nicht bremsen. Richtig ist zwar, dass man versucht, diese „Geldblase“ wieder zurückzuführen, wenn sich die Lage stabilisiert hat und das Wachstum auf eigenen Beinen stehen kann. Aber Sie sehen in den beiden vorstehenden Charts, dass das nicht dazu führen muss, dass wieder Geld aus dem Aktienmarkt abfliesst. Weil?

Ein wichtiger Unterschied zu den früheren Geldschwemmen

Weil es zu einer Art „geordneter Übergabe“ kommen kann, wenn nichts schief läuft, indem wieder mehr Menschen auf finanziell stabilen Füssen stehen, die dann ebenfalls wieder investieren können und, aufgrund der besseren Rahmenbedingungen, auch wollen. Das klingt, als könne in Sachen Aktienmarkt-Hausse auch diesmal nichts schiefgehen. Und genau das erwarten auch viele.

Das kann es aber sehr wohl. Denn diese Schere zwischen den Kursen und den Rahmenbedingungen wurde in den letzten beiden Krisenphasen (drei, wenn man die Eurokrise mit hinzunimmt) relativ schnell geschlossen. Man nahm die Stabilisierung der Wirtschaft sowie die Wiederbelebung des Wachstums zwar vorweg, das passierte dann aber auch. Das heisst, die Unternehmensgewinne stiegen zügig wieder an und führten die zuvor völlig überzogenen Bewertungen der Aktien, hervorgerufen durch diese Vorkäufe in der Erwartung der Aufwärtswende der Wirtschaft, schnell wieder auf normale Levels zurück.

Das ist aber, wie der folgende Chart zeigt, diesmal schon von der Ausgangsbasis her anders … und in der Perspektive zumindest äusserst unsicher.

Börse aktuell: Vergleich Entwicklung Dow Jones und KGV Dow Jones Aktien von 2008 bis 2021 | Online Broker LYNX

Denn während die Gewinne der grossen Unternehmen im Zuge der Finanz- und Subprime-Krise 2008 tatsächlich zeitweise dramatisch wegbrachen, ist das diesmal gar nicht der Fall. Das mit derzeit 32,5 untypisch hohe durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis der 30 im Dow Jones gelisteten Aktien (errechnet auf Basis der tatsächlich gemeldeten Gewinne, nicht auf Basis von Prognosen) ist also nicht so hoch, weil die Gewinne in Relation zu den Aktienkursen schneller gefallen sind, sondern weil die Aktien schneller gestiegen sind als die Gewinne. Hier hat man also nicht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich die Unternehmensgewinne im Zuge einer Normalisierung wieder auf die vorherigen Levels begeben. Man nimmt also einen kräftigen Gewinnanstieg vorweg, der voraussetzen würde, dass sich die US-Wirtschaft umgehend in eine gewaltige Boom-Phase begeben würde. Was zum zweiten kritischen Punkt führt: den der Perspektive.

Wie ein Schwamm: Die Überschuldung saugt das Geld auf, es treibt nichts an

Denn ob in Europa oder den USA, die Billionen, die seitens Regierungen und Notenbanken in den Markt gepumpt wurden, waren nicht dazu gedacht, das Wachstum anzukurbeln. Sie waren in dieser irrwitzigen Grössenordnung erforderlich, um den Zusammenbruch der Finanzindustrie zu verhindern. Die Basis der Gefahr: die immense Schuldenlast, die, angefacht durch die unselige, jahrelange Nullzinspolitik der grossen Industrieregionen, auf Unternehmen und Privathaushalten lastet.

Die Billionen mussten bislang dafür sorgen, dass die Banken weiter liquide blieben, Unternehmen nicht in die Insolvenz torkelten, Privatkredite und Hypotheken nicht platzten. Und wenn man sich umschaut, ist diese Gefahr trotz des bislang geflossenen Geldes, trotz dieser explodierten Geldmengen in den USA und der Eurozone, noch nicht gebannt. Nicht einmal ansatzweise.

Das erkennt man beispielsweise an dem immensen, avisierten Stellenabbau der grossen Unternehmen dies- und jenseits des Atlantiks, der sich beschleunigen würde, sollten die Hilfsgelder enden. Für die kleinen und mittelgrossen Unternehmen gibt es da gar keinen Überblick … und die hat es ja, im Gegensatz zu den Grossen, deutlich härter getroffen. Es ist völlig offen, wie viele Hypotheken platzen, wenn die Entlassungen wieder losgehen bzw. in Europa erst richtig starten, wie viele Banken unter Kreditausfällen in Not geraten.

Diese immense Überschuldung bedeutete eine zunehmende Instabilität des Kartenhauses namens Finanzindustrie. Es brauchte nur eines kleinen Anstosses, um es ins Wanken zu bringen. Der kam in Form der Corona-Krise, aber es hätte auch etwas völlig anderes sein können, denn das Fass war nun einmal am Überlaufen. Daraus folgt:

Man dürfte noch eine ziemliche Zeit mit der Stabilisierung der Wirtschaft beschäftigt sein. Bis noch mehr Geld dann zu einem „Booster“ für das Wachstum wird, wird es dauern. Aber die Aktienmärkte haben an der Börse aktuell Bewertungslevels erreicht, als würde das bereits übermorgen der Fall sein. Dass man von organischem, solidem Wachstum noch ziemlich lange nicht wird sprechen können, deutet z.B. auch der ifo Geschäftsklimaindex an, den Sie in der folgenden Grafik sehen.

Börse aktuell: Vergleich Entwicklung DAX und ifo Geschäftsklimaindex von 1999 bis 2021 | Online Broker LYNX

Die deutsche Konjunktur bewegt sich schon seit 2018 auf der schiefen Ebene abwärts, ein Faktum, das durch die Hektik im Zuge der Corona-Krise manchem gar nicht mehr gewärtig ist. Die Geldspritzen waren zwar imstande, den dramatischen Einbruch in der Stimmungslage der deutschen Unternehmen wieder aufzuholen. Aber Sie sehen: Der Abwärtstrend in der Einschätzungen der deutschen Unternehmen ist geblieben. Und der DAX ist zugleich nach oben ausgebrochen. Fazit:

Die Schere ist vorhanden … und sie schliesst sich nicht von alleine

Ja, diese Schere zwischen Realität und Aktienmarkt ist sehr wohl vorhanden. Und sie kann jederzeit zuschnappen. Solange weiter immer mehr Geld generiert wird, um ein Fass ohne Boden abzudichten, kann zwar auch immer wieder frisches Geld für den Aktienmarkt „abgezweigt“ werden. Und diese Gemengelage lässt zudem nicht zu, dass die Notenbanken die Geldmengen reduzieren könnten. Aber:

Börse aktuell: Vergleich Entwicklung DAX und deutsche Anleiherendite von 2000 bis 2021 | Online Broker LYNX

Zwei Aspekte sollte man besser immer im Kopf behalten, die man z.B. am Anleihemarkt, der grundsätzlich viel enger an der Realität läuft, sehr wohl erkennt und hier keineswegs bereits die Wende spielt, wie Sie im vorstehenden Chart sehen können.

Zum einen wird sich diese Schere nicht von alleine schliessen, indem ein nachhaltiges, starkes Wachstum die jetzt irrwitzig hohen Bewertungen der Aktienmärkte zügig auf normale Levels zurückführen wird.

Zum anderen sollte man sich darüber im Klaren sein, dass eine solche Krise, die aufgrund der gewaltigen offenen Kredite eben nicht sofort verschwunden ist, wenn ihr Auslöser in Form des Corona-Virus besiegt ist, dazu führen kann, dass die grossen Summen, die derzeit am Aktienmarkt gelandet sind, wieder abgezogen werden müssen, weil Banken und auch Private das Geld schlicht benötigen. Und zugleich bliebe die „geordnete Übergabe“ aus, weil mitnichten in Kürze wieder mehr Menschen genug auf der hohen Kante haben, um investieren zu können … es könnten im Gegenteil noch weniger werden.

Jetzt also die ewige Hausse zu verkünden und gelassen die Füsse hochzulegen, das sollte man sich besser noch einmal überlegen. Der DAX mag 15.000 oder 16.000 Punkte im Windschatten der „Corona-Billionen“ erreichen, aber er muss es nicht. Hier ohne Fallschirm in Form konsequenter Stop Loss-Verkaufsorders, die sofort und automatisch Verkäufe generieren, mitzufliegen, wäre mehr als gewagt.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 12.2.2021, Chartquelle marketmarker pp4

Die Rahmenbedingungen sind an der Börse aktuell völlig andere als zur Zeit der Internetblase der Jahre 1999/2000, das ist schon richtig. Aber wenn es für den Aktienmarkt gefährlich wird, spielen diese Rahmenbedingungen auch nicht die entscheidende Rolle. Aber was dann? Ich möchte in diesem Beitrag darlegen, wo die aus meiner Sicht entscheidenden Parallelen liegen.

Vorab möchte ich eines unterstreichen: Dass wir uns meiner Ansicht nach in einer der Internetblase von damals ähnlichen Phase befinden bedeutet nicht, dass ich prognostizieren würde, dass die Sache auch genauso fatal endet wie damals. Das kann so kommen. Aber es muss nicht. Und je mehr Akteure sich der eigentlichen Risiken bewusst werden, desto grösser ist die Chance, dass die Blase nicht platzt, sondern sich ohne Baisse langsam auf einen ungefährlichen Level zurückbildet.

Zunächst einmal zu der Frage, was die aktuelle Börsenphase von der damaligen unterscheidet. Ab dem Herbst 1999 etablierte sich eine wilde Spekulationswelle. Einen immensen Kursanstieg haben wir auch heute. Nur ist heute die Argumentation ebenso anders wie die betroffenen Branchen.

Was unterscheidet die heutige Blase von der vor gut 20 Jahren?

Damals konzentrierten sich die Käufe auf die aufstrebenden, jungen Branchen im Bereich Internet und Biotechnologie. Es kam zu technischen Fortschritten, die viele glauben machten, es würde eine völlig neue Zeit beginnen. Eine Zeit, die jeden, der frühzeitig in diese Branchen investiert, reich machen werde. Dabei war der Grundgedanke gar nicht verkehrt. Falsch und fatal war, wie das dann angegangen wurde, nämlich ohne Mass und Verstand. Was zu einem ganz entscheidenden Punkt führt, aber dazu gleich. Diese Fokussierung auf die „neuen Märkte“ Internet und Biotechnologie führte dazu, dass man damals Aktien aus klassischen Branchen als langweilig ansah und oft links liegen liess. Dazu der folgende Vergleich, der links die Entwicklung von DAX und TecDAX (damals noch der „Neue Markt“) in den Jahren 1999/2000 und rechts die Entwicklung dieser beiden Indizes seit Anfang 2020 zeigt.

Börse aktuell: Entwicklung DAX und TecDAX während Dot.Com Blase Januar 1999 bis Dezember 2000 und heute 2021 | Online Broker LYNX

Damals hinkte der DAX diesem „Neuen Markt“ auffällig hinterher, weil der deutsche Leitindex in Sachen Hightech-Branchen kaum besetzt war. Ausserdem unterstellten diejenigen, die hier Haus und Hof auf eine Zeit explodierender Aktienkurse verwetteten, dass es nur die neuen Unternehmen sein würden, die solche Gewinne bringen und verlegten sich darauf, Neuemissionen zu jedem Preis zu zeichnen oder, wenn sie nicht zum Zuge kamen, sofort, oft zu einem Vielfachen des Ausgabepreises, an der Börse zu kaufen.

Der linke Chart zeigt, dass man damit fatal falsch lag. Die wilde Spekulation des „Neuen Markts“ brach brutal zusammen, doch wer dem Hype widerstanden und realisiert hatte, dass „alte“ Bewertungsmodelle mitnichten ausgedient haben, solide Umsätze und Gewinne ebenso nicht zu verachten sind wie gute Dividenden, kam gut davon, denn der DAX hielt sich zunächst tadellos.

Diese beiden Chartbilder scheinen in der Tat auf den ersten Blick nichts miteinander gemein zu haben. Damals zog nur der neue Markt massiv davon, zumindest scheint es so. Und auch nur er brach damals dramatisch ein, zumindest, bevor die Rezession ab 2001 auch den Gesamtmarkt drückte. Diesmal aber laufen DAX und TecDAX einigermassen parallel. Letzterer zog zwar zuletzt etwas stärker an, aber das relativiert sich, wenn man die Entwicklung vom Startpunkt der Rallye im Herbst 1999 mit der vom März-Tief 2020 vergleicht:

Börse aktuell: Entwicklung DAX und TecDAX Oktober 1999 bis März 2000 und heute 2021 | Online Broker LYNX

Hinzu kommt, dass die grundsätzliche Ausgangslage eine andere war. 1999 sahen wir ein solides Wachstum der Weltwirtschaft. Man dachte nur, diese neuen Technologien würde dieses Wachstum noch immens beschleunigen und intensivieren, was von der Grundidee her auch richtig war. Heute indes startete die Hausse in einer extremen Krisensituation, d.h. man setzt an der Börse aktuell nicht auf die Beschleunigung des Wachstums, sondern auf dessen Rückkehr.

Ausserdem sehen wir in dieser zweiten, auf die Kernphase der Rallye fokussierten Darstellung der beiden Phasen, dass der Technologiesektor heute doch gar nicht so extrem davonzieht wie damals, so dass man die Entwicklung als solider ansehen darf. Oder?

Worum es wirklich geht, wenn man von Blasen spricht

Das stimmt zwar im Prinzip. Aber wenn Sie diesen vorstehenden Doppel-Chart noch einmal anschauen, werden Sie feststellen, dass der DAX damals bis zum Hoch der Internetblase sogar noch etwas weniger stark zulegte als seit März 2020 bis Anfang Februar. Und da wird es dann schon bemerkenswert. Denn wie gesagt: 1999/2000 steigen die Notierungen in einer Phase des weltweiten Wachstums, heute inmitten einer unsicheren Perspektive nach einem Wachstums-Crash aufgrund der Corona-Krise. Sie mögen richtig einwenden, dass das Plus des DAX diesmal auf einen herben Kurseinbruch folgte, damals nicht. Aber kommt es darauf eigentlich an?

Wenn es darum geht, eine Blase zu identifizieren, ist dieser Aspekt meiner Ansicht nach ebenso wenig entscheidend wie das Argument, dass sich die Blase damals auf die neuen Technologien konzentriert hat, während jetzt der Gesamtmarkt steigt, die Hausse also (scheinbar, dazu gleich) besser verteilt ist.

Worauf es wirklich ankommt ist nicht, wie sich die Rahmenbedingungen darstellen. Denn wie oft stellen wir fest, dass der Aktienmarkt sich um diese Rahmenbedingungen nicht im Geringsten schert, sondern sich eine Hausse auch dann fortsetzt, wenn sich erwartete Entwicklungen nicht einstellen oder sich ein zuvor positives Szenario massiv eintrübt? Wenn man das weiss, wenn man verstanden hat, dass die Marktteilnehmer weniger rational als emotional handeln und ihre Aktionen nicht wie Computer präzise an dem ausrichten, was sein „müsste“, sondern an ihren ureigenen, subjektiven Erwartungen und Hoffnungen, müsste eigentlich klar sein:

Es geht, wenn man eine „Blasen-Prüfung“ vornimmt, nicht um Dinge ausserhalb der Börsensäle. Es geht einzig und alleine darum, was die Trader tatsächlich tun! Und genau da finden sich eben die entscheidenden Parallelen.

Eine Blase entsteht, wenn zu viele zu viel riskieren und sich zu wenig Gedanken machen

Ah, werden jetzt einige sagen, jetzt kommt er mit den „Robinhood“-Zockern und Aktien wie GameStop daher. Ja, das hat mit dem Problem zu tun, aber es ist nicht unbedingt entscheidend. Denn hier geht es nicht um den Gesamtmarkt. Solchen Exzessen kann man daher als Investor recht leicht ausweichen. Aber!

Börse aktuell: Entwicklung GameStop Aktie im Januar 2021 | Online Broker LYNX

GameStop und die anderen unlängst durch die Decke gezockten und dann einbrechenden Aktien unterstreichen, dass da am Markt Leute auftauchen, die viel zu viel riskieren, ohne die Risiken zu verstehen. Was immer dann passiert, wenn eine neue Generation an Marktteilnehmern auftaucht. Und die meisten älteren und erfahreneren Trader von Ihnen werden mir zustimmen, weil viele es selber erlebt haben:

Wer neu dabei ist und dann auch noch anfänglich Glück hat, glaubt schnall, dass man hier nichts wissen muss, um Geld zu machen, dass er/sie den Markt im Griff hat und man am besten noch auf Kredit traden sollte, denn man gewinnt ja sowieso. Ich kenne so einige, die in ihrer „Rookie-Phase“ so dachten und handelten. Und ich will mich da nicht ausnehmen! Und das macht das Risiko einer Blase aus. Und damit nicht genug: Es gibt so einige Indikationen, anhand derer man erkennen kann, ob sich eine Blase bildet. Und zwar anhand vieler sogenannter „interner Daten“, die nicht die Kurse selbst, sondern das „Drumherum“ abbilden. Sehen Sie sich mal die folgenden Charts an:

Typische Indizien für eine Blase

Es ist fast ein Garant dafür, dass sich etwas zusammenbraut, wenn immer mehr Anleger, aber auch vorgebliche Experten, proklamieren, dass die Zeit alter, verstaubter Bewertungsmodelle wie des Kurs/Gewinn-Verhältnisses (KGV) vorbei sei. So etwas hören Sie nie, wenn das KGV niedrig ist, sondern immer nur dann, wenn es gerade durch die Decke geht und man sich schwertut, das zu rechtfertigen. Richtig ist: Hohe KGVs können gerechtfertigt sein, wenn man sicher sein kann, dass die Gewinne in Kürze so extrem steigen, dass das KGV dadurch schnell wieder auf normale Level zurückkehrt. Ist das gerade der Fall?

Börse aktuell: Entwicklung der KGVs der Dow Jones Aktien von 2011 bis 2021 | Online Broker LYNX

Das ist es nicht. Denn um das vorstehende KGV von atemberaubenden 31 beim Dow Jones zu rechtfertigen, das sich aus dem Durchschnitt der KGVs der einzelnen Dow-Aktien errechnet und so wie hier abgebildet nicht auf irgendwelchen wilden Weissagungen über zukünftige Gewinne, sondern auf den tatsächlichen, bislang gemeldeten Gewinnen basiert, müssten sich diese Gewinne zeitnah verdoppeln. Das wäre denkbar, wenn sie a) zuvor extrem eingebrochen wären und b) eine Boom-Phase ansteht. Aber beides ist nicht der Fall. Dieses Bild macht nur eines deutlich: Zu viele Anleger ignorieren Risiken und machen sich zu wenig Gedanken über das, was ihrem Geld widerfahren könnte. Noch extremer sieht man das im nächsten Chart:

Börse aktuell: Entwicklung der Börsenkredite in den USA von 1997 bis 2021 | Online Broker LYNX

Was Sie hier sehen, ist das Volumen der Kredite, die zur Finanzierung der Sicherheitsleistungen für Derivate in den USA laufen. Und zwar in Milliarden US-Dollar. Nach jeder kalten Dusche kamen die Zocker schneller zurück und spielten mit noch viel höheren Kreditvolumina. 778 Milliarden US-Dollar waren das zuletzt. Und da sind Kredite, die normale Aktienpositionen decken sollen, noch gar nicht dabei! Wer sich diesen Chart ansieht, dürfte sich schwertun mit der Aussage, dass derzeit alles völlig normal läuft und das Risiko an der Börse aktuell nicht höher wäre als sonst. Noch ein weiteres Indiz:

Börse aktuell: Vergleich neuer Aktienhochs während der Dot.com Blase und heute | Online Broker LYNX

Spekulationsblasen pflegen meist kanalisiert abzulaufen. Das Argument, dass der DAX derzeit fast so stark steigt wie der TecDAX und der Dow Jones immerhin recht gut mit dem Nasdaq 100 mithalten kann, zieht da nicht. Es geht nicht um die Indizes, die sind ja nur die Quersumme der in ihnen enthaltenen Aktien. Worauf man achten muss, ist die Marktbreite an sich.

Wenn die Kurse immer schneller steigen, dafür aber die Zahl neuer Hochs abnimmt, wird es brenzlig. Denn das macht deutlich, dass sich die Hausse-Spekulanten nicht auf den Gesamtmarkt stützen, sondern immer weniger verschiedene Aktien kaufen, diese dafür aber umso extremer. Diese Kursraketen gewinnen dadurch natürlich an Gewicht in ihren Indizes und suggerieren so ein „alles bestens“ … aber eben nicht, wenn man sich diese Internals ansieht. Sie sehen in dieser vorstehenden Abbildung, welche die Zahl der neuen 52-Wochen-Hochs am US-Aktienmarkt zeigt, dass die Zahl neuer Hochs im Zuge der Dot.Com-Blase ebenso deutlich sank wie in den vergangenen Jahren.

Die brisante Basis der „Alles-Blase“

Aber noch einmal zurück zu den Rahmenbedingungen. Da haben wir an der Börse aktuell eine Situation, die wir in der Tat 1999/2000 nicht hatten. Nur ist das nicht gut, sondern schlecht. Denn was wir momentan erleben, ist die Quittung aus der Nullzinspolitik der Notenbanken, mit der sie seit Jahren versuchen, fatale Entwicklungen der Vergangenheit daran zu hindern, das Kartenhaus der Finanzwirtschaft zusammenbrechen zu lassen: Den Anlegern wurde der Zins genommen. Und das führt dazu, dass wir heute keine reine Phase wüster Zockerei sehen, sondern eine Phase, in der gleich drei Einflüsse wirken:

Zum einen führt der unfreiwillige Abschied vom Zins dazu, dass Menschen an den Aktienmarkt gespült werden, die eigentlich gar nicht die Mentalität eines Investors besitzen, aber den Eindruck haben, es bliebe ihnen halt nichts anderes übrig. Dazu kommen zwei weitere Gruppen:

Die einen kaufen wie wild, weil sie sicher sind, dass die Hausse wegen der Nullzinsen weitergehen muss und die Erholung der Weltwirtschaft die Kurse immer weiter tragen wird. Was weder zwingend ist noch von der Geschichte des Aktienmarkts unterstützt würde, aber das ist ein anderes, abendfüllendes Thema.

Die anderen fürchten, dass dieses jahrzehntelange Wasserschöpfen im leck geschlagenen Boot namens Finanzindustrie schief geht und versuchen, ihr Geld irgendwie in Sicherheit zu bringen, indem sie „Sachwerte“ kaufen. Wenn Sie sich mal ansehen, wie sich die Preise von Immobilien entwickelt haben … wie die Preise für Oldtimer, altes Spielzeug, antiquarische Bücher und Comics in den letzten Jahren explodiert sind und feststellen, dass Leute diese Märkte leerkaufen, erkennen Sie:

Hier haben sich Logik und Besonnenheit verabschiedet. Immer mehr Menschen handeln emotional, die einen aus Verunsicherung, die anderen aus Gier, die nächsten aus Angst. Aber alle drei Emotionen verleiten dazu, jegliches Mass zu verlieren. Genau das unterfüttern auch die obenstehenden „internen“ Daten. Und diesmal erstreckt sich die Blase nicht auf die Hightech-Aktien, sondern auf so ziemlich alles.

Börse aktuell: Wie man der Gefahr entgehen könnte

Damit sehen wir sehr wohl ein ähnliches Szenario wie 1999/2000, es ist eher noch gefährlicher. Denn wie gesagt: Es geht nicht darum, ob die Bäume damals blau waren und heute gelb sind, es geht einzig und alleine darum, was die Akteure tun. Ist Sorge, womöglich gelinde Panik angebracht?

Nein. Denn so banal das klingen mag: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt! Wer weiss, dass die Börse längst höher kocht als es der äussere Anschein suggeriert und als die allgemeine Meinung ein „alles bestens“ kommuniziert (die indes nie vor einem Kurseinbruch negativ wird, am Hoch ist die Stimmung logischerweise ja am besten), kann sich ja problemlos wappnen:

Vorsichtigere Positionierung, geringerer Kapitaleinsatz, konsequenter Einsatz von Stoppkursen und das Umgehen der besonders „heissen“ Bereiche sind an der Börse aktuell völlig ausreichend, um nicht mit dem Schiff unterzugehen, wenn die Horde an Leichtmatrosen den Kahn zum Kentern gebracht hat!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 4.2.2021, Chartquelle marketmarker pp4

Zuerst starrte man in den USA verblüfft auf Aktien, deren Kurse sich binnen weniger Stunden vervielfachten, einbrachen, erneut nach oben schossen und dabei an einem Tag Handelsspannen zeigten, die man sonst für Jahre erwartet. Jetzt sehen wir dieses Phänomen, wenngleich in abgeschwächter Form, auch bei uns. Basis dieser extremen Schwankungen sind Attacken gegen Leerverkäufer, ausgehend von meist sehr jungen und unerfahrenen Tradern, die sich über Foren wie „WallStreetBets“ zusammenschliessen und in grossen Gruppen konzertierte Aktionen durchführen. Muss man sich um die Börse aktuell Sorgen machen?

Es ist wieder genug Zeit vergangen, um eine neue Generation an jungen Leuten hervorzubringen, die sich an der Börse aktuell verleiten lässt. Die Generation, die vor gut 20 Jahren beim Platzen der Internetblase ihr Geld verlor, ist entweder klug geworden oder nie wieder an die Börse zurückgekehrt. Deren Erfahrungen und Warnungen schiessen die heutigen Jung-Zocker ebenso in den Wind, wie das die vorherige Generation der Verlierer mit den damaligen Warnungen der Älteren tat. Dieses Rad dreht sich wohl auf ewig. Und ich schreibe bewusst „Verlierer“, denn die grosse Mehrheit derjenigen, die den Markt heute durcheinanderwirbelt, wird genau das sein bzw. ist es längst.

Das angebliche Ziel: Die Hedgefonds „ausquetschen“

Sogenannte „Trading-Apps“ oder auch „Neo-Trader“ ermöglichen das Handeln von Aktien und Derivaten mit einem kurzen Tippen des Zeigefingers. Das wirkt wie ein Spiel auf der Spielekonsole, man verliert leicht den mentalen Kontakt zum Geld … zum eigenen Geld. Hinzu kommen Foren wie „WallStreetBets“ (wobei es in den USA mehrere gibt, dieses ist nur das derzeit bekannteste), in denen diese fast ausnahmslos jungen und unerfahrenen Trader das Gefühl bekommen, eine Gemeinschaft zu sein.

Dort wird der Eindruck suggeriert, man sei cool und heldenhaft, wenn man es den angeblich „bösen“ Hedgefonds zusammen mit anderen Trader mal so richtig heimzahlt, indem man diesen ihre Leerverkaufs-Positionen um die Ohren haut. Dabei wird die alte Mär neu belebt, dass fallende Kurse immer „falsch“, steigende Kurse „gut“ sind und damit jemand, der auf Baisse spekuliert, „schlecht“ ist, in den USA geht man bisweilen so weit, die Bären als unpatriotisch zu bezeichnen. Was Blödsinn ist, aber lautstarke Behauptungen ziehen nun einmal immer besser als ein besonnener Beweis.

Und ja, wenn viele Leute an der Börse aktuell ihre relativ kleinen Ersparnisse nehmen und eine Aktie zeitgleich massiv kaufen, dann fliegen den Hedgefonds ihre Leerverkäufe wirklich um die Ohren. Der folgende Chart zeigt das aktuell bekannteste Beispiel, wenngleich das beileibe nicht die einzige Aktie ist, um die es geht: GameStop, die Aktie einer Ladenkette für Computerspiele. Sie sehen hier den Kursverlauf ausschliesslich der vergangenen Woche, jede Kerze deckt die Handelszeit einer Viertelstunde ab:

Börse aktuell: Entwicklung GameStop Aktie Ende Januar 2021 | Online Broker LYNX

Die Aktie hatte die vorvergangene Woche bei 65 US-Dollar beendet. Am Montag verdreifachte sich der Kurs plötzlich kurzzeitig, fiel dann aber auf den alten Level zurück. Der erste Versuch, die Leerverkäufer „auszuquetschen“, d.h. einen Short Squeeze zu erzwingen, funktionierte also nicht recht. Aber am Dienstag blieb der nächste Kursanstieg erhalten … und am Mittwoch brach das Chaos aus. So sehr, dass der Kurs am Donnerstag bis 483 US-Dollar nach oben schoss, bevor Meldungen kamen, man werde den Optionshandel für diese und andere betroffene Aktien einschränken. Zeitweise konnten nur noch Optionen verkauft, nicht aber mehr gekauft werden. Der Kurs crashte daraufhin binnen 90 Minuten auf weniger als ein Viertel des kurz zuvor markierten Hochs … und schoss am Freitag gleich wieder nach oben, als die Trading-App-Betreiber den Optionskauf wieder ermöglichten. Was soll das?

Börse aktuell: Hedgefonds und Leerverkäufe

Auf diese Weise werden Hedgefonds, die bei solchen Aktien grosse Leerverkäufe halten bzw. am Optionsmarkt entweder Put-Optionen halten oder Call-Optionen verkauft haben (Short Call), empfindlich getroffen. Nur mal anhand GameStop als Beispiel gerechnet:

Angenommen, ein Hedgefonds hätte hier bei 70 US-Dollar 100.000 Aktien leer verkauft. D.h. man leiht sich die Aktien bei jemandem, der sie hat und derzeit nicht verkaufen will, gegen eine geringe Gebühr. Die Erwartung ist, dass die Aktie fällt, nehmen wir als Ziel einfach mal 60 US-Dollar. Der Hedgefonds würde die geliehenen und am Markt zu 70 verkauften Aktien dann bei 60 US-Dollar zurückkaufen und dem Verleiher zurückgeben. Abzüglich der Gebühr für den Verleiher würden dann die zehn US-Dollar, die man die Papiere billiger bekam, als Gewinn bleiben. Zehn US-Dollar mal 100.000 Stück macht eine Million. Wenn nichts schiefgeht. Aber diese „konzertierten Aktionen“ der Jung-Zocker lassen eben genau das schiefgehen!

Plötzlich schiesst der Kurs auf 150 US-Dollar. Dann auf 300. Und höher. Der Hedgefonds gerät verständlicherweise in Panik. Schliesslich sind sie dem Verleiher noch 100.000 Aktien schuldig. Und je höher der Kurs steigt, desto übler wird es, die Position zurückzukaufen und damit aus der Sache herauszukommen. Nehmen wir an, der Hedgefonds zog bei 300 US-Dollar die Reissleine. Dann hätte er 100.000 Aktien zu 300 US-Dollar gekauft, sprich 30 Millionen auf den Tisch legen müssen, denen die 7 Millionen Einnahmen beim Verkauf der 100.000 Aktien zu 70 US-Dollar gegenüberstehen. Statt der erhofften eine Million US-Dollar Gewinn sind so 23 Millionen Verlust entstanden. Katastrophal!

Und diejenigen, die da angeblich heldenhaft an der Börse aktuell gegen die ebenso angeblich „bösen“ Hedgefonds angetreten waren, sind dafür reich? Die meisten nicht, im Gegenteil, sie gehen ebenso zugrunde, denn wir reden hier von völlig unerfahrenen Akteuren, die einem fatalen Denkfehler unterliegen.

Der fatale Denkfehler der „jungen Helden“

In der Phase, in der diese Trader-Gruppen alle zusammen massiv kaufen, um die Hedgefonds in die Bredouille zu bringen, geht es senkrecht höher, weil die dadurch provozierten Eindeckungen der Leerverkäufer die Aufwärtsbewegung noch intensivieren. Aber was passiert in dem Moment, in dem diese Leerverkäufe wirklich eingedeckt wurden, d.h. das Ziel erreicht ist?

Der Kaufdruck der Leerverkäufer endet schlagartig, die Hedgefonds sind dadurch neutral. Die Zocker haben gekauft und sind dadurch massiv Long, meist über Optionen mit hohem Hebel und kurzer Laufzeit. Und all diejenigen, die die Aktie bereits längst vorher im Depot hatten, werden, wenn sie beispielweise wie beim folgenden Beispiel der US-Aktie Koss, von fünf Dollar am Montag ausgehend auf einmal einen Kurs von 100 Dollar blinken sehen, nicht kaufen … nein, sie werden, fassungslos vor Glück, diesen unverhofften Geldregen natürlich mitnehmen. Also?

Also sind an einem vorher nicht bestimmbaren Punkt X keine Käufer mehr da, aber alle wollen aus der Aktie raus, der Kurs bricht somit wieder weg. Die Zocker glauben, da dann die nächste Attacke fahren zu können, aber das basiert auf ihrer Unerfahrenheit. Sehen wir uns Koss an der Börse aktuell mal an:

Börse aktuell: Entwicklung Koss Aktie Ende Januar 2021 | Online Broker LYNX

Schon am Mittwoch brach ein gigantischer Short Squeeze in sich zusammen. Am Donnerstag war relative Ruhe, weil da der Optionshandel eingeschränkt war. Aber kaum lief das am Freitag wieder, schoss die Aktie erneut senkrecht höher. Aber wenn da gar keine Leerverkäufer mehr übrig sind, die man zum Eindecken zwingen kann, was dann? Dann treiben die Zocker die Aktie alleine in die Höhe und sehen, wie der Kurs wieder wegbricht, kaum, dass ihre eigenen Käufe aufhören, weil sie das Spiel, ohne es zu merken, längst alleine spielen. Das kann ganz leicht dazu führen, dass solche Aktien relativ bald wieder dahin zurückfallen, wo sie herkamen. Denn das war der „normale“ Marktpreis, der wieder eingenommen wird, wenn diese ausserordentlichen Impulse enden. Und das bedeutet für viele dieser „Hedgefonds-Bekämpfer“, dass sie auf weit aus dem Geld liegenden Call-Optionen sitzen, die sie nicht mehr verkauft bekommen oder wenn, dann mit Verlusten von 80 oder 90 Prozent. Aber wieso tun sie dann so etwas?

Wie beim Rattenfänger von Hameln …

Weil dieses „Spiel“ wie eine Hypnose wirkt. Vielleicht sind unter Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, noch einige, die das 1999/2000 selbst erlebt haben. Extreme Kurssprünge, dazu der Umstand, dass das Umfeld natürlich immer nur von gewaltigen Gewinnen redet und nicht von den Verlusten. Es wirkt, als könne man ohne viel Aufwand an der Börse aktuell schnell reich werden. Ferrari statt Maloche … wenn man 20, 25, 30 Jahre alt ist, kann man dem ganz, ganz leicht auf den Leim gehen. Und man muss sich vorstellen, wie potenziert das heute abläuft, mit den Neo-Trader-Apps, die das ganze wie ein PlayStation-Spiel wirken lassen, mit den Foren, in denen man sich gegenseitig aufheizt.

Ich habe dazu in US-Medien Berichte gelesen, die wirken, als wären wir auf einmal 20 Jahre in die Vergangenheit katapultiert worden. Junge Leute, die mit Optionen alles verloren haben und sich Geld leihen, um die Verluste wieder aufzuholen. Und das geliehene Geld natürlich auch verlieren, weil es seine Zeit braucht, zu erkennen, dass man mehr können muss als mit dem Zeigefinger einen Button anzutippen, um an der Börse zu bestehen. Und weil das Geld schneller weg ist als man das lernen kann, wenn man sich mitreissen lässt. Man fragt sich, ob es da somit nur Verlierer gibt …

… und die Antwort liegt auf der Hand. Die meisten verlieren, aber einige wenige machen damit an der Börse aktuell das grosse Geld. Die, die in den Foren die Ideen bringen, die die „Helden“ anführen und sie beeinflussen und kanalisieren wie einst der Rattenfänger von Hameln. Die Flötentöne versprechen das grosse Geld, aber bekommen tut es allein der Rattenfänger. Die wissen ja, welche Aktien sie ins Spiel bringen werden und wann die Kaufwellen gestartet werden sollen. Die sind längst vorher eingestiegen. Und verkaufen, während ihre „Truppe“, ihr „Kanonenfutter“, noch kauft.

Und um zu verhindern, dass die anderen vor der Zeit verkaufen und ihnen damit das Spiel vermasseln, werden Verluste zu Heldentaten stilisiert. Es gibt dort Bereiche in den Foren, die man „Loss Porn“ nennt, in denen Zocker ihre Verluste posten, die sie, glauben sie, für die „gute Sache“ erlitten haben. Und es geht die Parole der „diamond hands“ um, d.h. Alles oder Nichts, Positionen halten bis zur Abrechnung, Optionen sollen nicht vor dem Laufzeitende verkauft werden. Idiotisch, aber erklären Sie das mal jemandem, der wie Goethes Zauberlehrling mit Dingen hantiert, über die er die Kontrolle verloren hat (bzw. nie hatte).

Es gewinnen die, die im Hintergrund die Fäden ziehen. Und da wir hier nicht über 100 oder 1.000 Leute reden … alleine das Forum „WallStreetBets“ hat aktuell nach CNN-Angaben fünf Millionen Mitglieder … torkeln wir gerade auf eine Situation zu, in der, wie schon 2000 ff., unzählige junge Leute ihre Ersparnisse verzocken. Damals war das ein entscheidender Auslöser dafür, dass eine Rezession begann. Heute sind wir schon mittendrin in der Wirtschaftskrise, man kann sich also vorstellen, welche Konsequenzen das haben kann. In dieser Hinsicht muss man sich in der Tat Sorgen machen. Aber was ist mit dem Aktienhandel an sich?

Weichen Sie dem Irrsinn einfach aus!

Diese Entwicklung macht den Gesamtmarkt momentan so nervös, dass es denkbar wäre, dass das der Tropfen wird, der das Fass zum Überlaufen bringt. Immerhin haben wir seit zehn Monaten eine Hausse, die eine Gesundung der Rahmenbedingungen vorwegnimmt, die bislang nicht erreicht wurde … und wir sehen Dow, DAX & Co. zuletzt auf neuen Allzeithochs. Ausserdem kommen dadurch grosse Adressen, nicht zwingend nur Hedgefonds, unter Druck. Da die nur minimale Barreserven fahren, müssen sie schnell auch Aktienbestände verkaufen, um das Geld zu beschaffen, um schief gegangene Leerverkäufe beenden zu können. Aber:

Käme es so, wäre das letztlich ein Impuls wie alle anderen auch. Wer flexibel agiert, kann an Abwärtstrends ebenso verdienen wie an Aufwärtstrends, denn im Gegensatz zu der so gerne geschürten Ansicht, dass „runter“ gleich „falsch“ ist, sind Richtungswechsel am Markt nun einmal ebenso normal wie nötig und gesund. Das einzige, das die Sache brenzlig machen könnte wäre, wenn solche Kurssprünge wie bei diesen gezeigten Beispielen auch den Gesamtmarkt erfassen würden, indem der DAX morgens bei 14.000, mittags bei 12.000 und am Abend womöglich bei 15.000 Punkten stünde. Ist das zu befürchten?

Nein. Wir sehen zwar bei einigen heimischen Aktien an der Börse aktuell ebenfalls solche Ansätze, die Leerverkäufer „ausquetschen“ zu wollen, so z.B. in den letzten Tagen bei Evotec oder VARTA, siehe der folgende Chart. Aber solche Aktionen müssen sich auf kleinere, etwas marktengere Aktien beschränken. Denn egal, wie viele Zocker sich da zusammenrotten würden, die Umsätze bei Blue Chips wie Daimler, Siemens oder anderer DAX-Unternehmen sind viel zu hoch, um da Chaos auslösen zu können. Es müsste schon der kollektive Wahnsinn ausbrechen, sich normale Investoren von dieser Entwicklung anstecken lassen, um ernsthafte Probleme auszulösen. Aber dem dürften die Berichte über die vielen, die schon jetzt mit diesem „Spiel“ ihre Ersparnisse verloren haben, heilsam entgegenwirken. Damals, 2000, hörte man erst von solchen Schicksalen, als die Blase geplatzt war. Heute hört man rechtzeitig davon.

Börse aktuell: Entwicklung Varta Aktie Ende Januar 2021 | Online Broker LYNX

Meiden Sie momentan das Trading mit kleinen und kleinsten Aktien. Und wenn Sie dergleichen bereits im Depot haben: Diese Aktionen führen zunächst ja dazu, dass die Kurse explodieren. Wenn sie also entdecken, dass eine Aktie aus ihrem Depot auf einmal senkrecht nach oben davonzieht, nutzen Sie die Gunst der Stunde und streichen den Gewinn ein. Vor allem, wenn Sie für den Kurssprung keine entsprechenden Auslöser auf der Nachrichtenseite finden können. Da heisst es dann: Geschenk annehmen, bevor es denen, die es gebracht haben, auf die Füsse fällt!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Die aktuelle Börse steht im Zeichen des Regierungswechsels in den USA. Es ist eine Atmosphäre des Aufbruchs. Nach dem lähmenden Stillstand zwischen der Wahl und der Amtseinführung werden jetzt die Ärmel hochgekrempelt. Das klingt nach goldenen Zeiten für den Aktienmarkt. Aber kommt es wirklich so? Wie gross ist der Einfluss der US-Politik auf die Wall Street wirklich? Und wie gross ist die Strahlkraft der US-Politik auf unsere Märkte in Europa? Schauen wir uns das mal an und werfen dabei auch einen Blick zurück auf die Amtszeiten früherer Präsidenten.

Die Pandemie fordert stetig mehr Todesopfer in den USA. Die Erholung der Wirtschaft ist seit November vorbei, immer mehr Konjunkturdaten zeigen, dass die Konjunktur bereits wieder auf dem Rückzug ist. Doch seit Monaten passierte auf politischer Ebene an beiden Fronten nichts mehr.

Das wird jetzt umgehend anders. Jetzt werden die Dinge angegangen, die Probleme gelöst, der Motor wieder angeworfen und der tiefe Graben, der sich durchs Land zieht, zugeschüttet. Wie sagte der neue Präsident: „Es gibt nichts, was wir nicht tun könnten, solange wir es zusammen tun“. So wird es kommen … oder?

Kein neuer Präsident kann Wunder wirken

Es mag sein, dass ein Ruck durchs Land gehen wird. Aber vorerst würde der sich in den Köpfen abspielen, nicht auf der Strasse, am Arbeitsmarkt oder in den Konjunkturdaten. Nicht, weil der Wille nicht da wäre oder wieder einmal grosse Worte sehr schnell durch Halbherzigkeit ersetzt werden. Aber um umfassend etwas zu bewegen, braucht es Zeit und einen Brückenschlag zwischen den Republikanern und Demokraten im Kongress. Ob der gelingt, ob man imstande und willens sein wird, wieder nach Notwendigkeiten und dem eigenen Empfinden statt wie zuletzt streng entlang parteipolitischer Grenzlinien zu agieren, ist völlig offen.

Aber nur, wenn die Politik den Willen zum Zusammenhalt vorlebt, wird die Zuversicht nachhaltig genug sein, um Jobs zu schaffen, den Konsum anzukurbeln, d.h. mehr sein als ein kurzes Aufbäumen. Joe Biden hat umgehend einige Dekrete unterschrieben, in denen einige erste Schritte unternommen werden, um seinen Weg aufzuzeigen. Aber um ihn wirklich nachhaltig zu gehen, braucht er die Politik. Ein Präsident alleine kann, so gross die Macht eines Präsidenten in den USA auch ist, nichts nachhaltig verändern. Das kann er nur, wenn die Abgeordneten in Repräsentantenhaus und Senat mitziehen. Dass die Demokraten in beiden Kammern eine knappe Mehrheit haben, ist da zwar von Vorteil. Aber dass all seine Parteifreunde allem, was Biden anschieben will, zustimmen, ist illusorisch. Nur mit der Hilfe der Republikaner kann Biden wirklich etwas bewegen.

Das ist ein Aspekt, dem sich jeder neue Präsident gegenübersah, ob er nun Trump, Obama, Bush oder Clinton hiess. Trotzdem wirkt es, als würde der US-Aktienmarkt an der Börse aktuell genau das erwarten: Eine Wende auf dem Absatz, hin zu einem idealen Umfeld für Wachstum. Kann das gutgehen?

Aufbruchsstimmung an der Wall Street: Da spielen neue Präsidenten nicht die erste Geige

Das kann es, zumindest eine Zeit lang. Aber es kann jederzeit zu Rückschlägen kommen, eben weil kein neuer Präsident hexen kann, er alleine nicht den Konsum ankurbeln, Jobs schaffen, Geld drucken, Optimismus und Zusammenhalt generieren kann. Und so wünschenswert ein „wir alle zusammen“, das Joe Biden bei seiner Vereidigung eingefordert hat, auch wäre: Das wünschten und forderten alle neuen Präsidenten. Mal gelang es besser, mal schlechter, aber nie von eben auf sofort. Aber wenn man sich fragt, welcher Perspektive sich die US-Börsen aktuell und in deren Kielwasser die Euro-Börsen gegenübersehen, muss man eines festhalten:

Wall Street ist nicht Main Street! Die Börse ist zum einen kein Spiegel der Realität und zum anderen kein Spiel des politischen Klimas. Das war sie, von kurzen Phasen abgesehen, nie, ist sie heute nicht und wird es auch nie sein. An der Wall Street handelt man zwei Dinge:

Zum einen sind das Hoffnungen. Die können wachsen, wenn eine scheidende Regierung zwar in Lethargie versinkt, die kommende Regierung aber in dieser Zeit grosse Pläne schmiedet … und das umso mehr, wenn das Land in einer Krise feststeckt. Aber das muss nicht immer so laufen. Sehen wir uns das mal im Vergleich zu früheren Amtswechseln an:

Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 zwischen Wahl und Amtseinführung der letzten 4 US-Präsidenten | Online Broker LYNX

Die vorstehende Grafik zeigt die letzten vier Präsidenten-Wechsel, wobei die Charts jeweils von Ende September bis zur Amtseinführung des neuen Präsidenten am 20. Januar reichen. Bemerkenswert dabei:

Alle vier Amtswechsel fielen mit kritischen Phasen zusammen. 2000 war die Dot.Com-Blase geplatzt. 2008 tobte die Subprime-Krise. 2016 war für die Weltwirtschaft ein Flaute-Jahr. Und 2020 war es die Pandemie. Trotzdem sehen wir hier keine einheitliche Struktur. 2000 und 2008 war man zwischen Wahl und Vereidigung eher skeptisch, 2016 und 2020 optimistisch. Die Existenz einer Krise an sich bestimmt offenbar nicht, wohin es in dieser Phase geht, die Parteizugehörigkeit des neuen Präsidenten auch nicht. Und das gilt auch für die Entwicklung des Aktienmarkts bezogen auf die gesamte Amtszeit eines Präsidenten. Das sehen wir im folgenden Chart:

Börse aktuell: Entwicklung Dow Jones 1992 bis 2021 | Online Broker LYNX

Allgemein wird gerne behauptet, Republikaner seien für die Wirtschaft weit besser als demokratische Präsidenten, ebenso, wie man hierzulande gerne der CDU die höhere wirtschaftliche Kompetenz im Vergleich zur SPD zubilligt. Aber der Chart zeigt es: Ob der Präsident Republikaner oder Demokrat ist, scheint dem Aktienmarkt herzlich egal zu sein. Wie das? Das lässt sich durchaus begründen:

Die Wirtschaft macht „ihr eigenes Ding“

Denn da ist noch der andere Aspekt, der die Börse neben Hoffnungen und Erwartungen leitet: Fakten. Aber weniger die Fakten der „Main Street“. Denn wie es der Gesamtwirtschaft geht, ist zwar grundsätzlich ein Leitstrahl des übergeordneten Trends. Aber primär interessieren sich die Investoren für die Unternehmen, die an der Börse notiert sind. Und da vor allem für die Blue Chips, die grössten der grossen Unternehmen, die mit ihrem hohen Gewicht in den Aktienindizes den Trend dominieren.

Wenn die gut durch eine Krise kommen, und sei es, weil sie auf dem Rücken der mittleren und kleinen Unternehmen von einer schwierigen Situation profitieren, werden diese Aktien stur weiter gekauft und der Aktienmarkt legt zu. Und über die Jahrzehnte hat sich da ein Leitsatz etabliert, der für die USA ebenso wie für den Rest der Welt gültig ist:

Solange die Politik die Wirtschaft in Ruhe lässt, läuft es an der Börse rund.

Die grossen Unternehmen sind besser imstande, auf wirtschaftliche Herausforderungen zu reagieren als die Politik. Was umgekehrt bedeutet, dass die Börse gerne dann ins Wanken gerät, wenn sich die Regierungen zu sehr in das Wirtschaftsgeschehen einmischen. Das kann durch eine Veränderung der Arbeitsmarktgesetze, durch eine zu rigide Fiskalpolitik oder andere Einflüsse passieren. Oder, wie im Fall der letzten US-Regierung, durch das Stören des Handels im Zuge des Handelskriegs USA/China, was weltweit negative Auswirkungen hatte.

Daher sind es eher die Reaktionen der grossen Unternehmen auf die Politik, auf welche die Investoren reagieren. Wenn es zum Beispiel zu einer Veränderung der Fiskalpolitik kommt, die vom Grossteil der grossen Unternehmen positiv gewertet wird (und das müssen dann nicht zwingend Steuersenkungen sein), verlassen sich die Anleger meist darauf, eben weil sie die wahre Expertise in Sachen Börse und Wachstum bei den Unternehmenslenkern und weniger bei der Regierung sehen.

Hinzu kommt der Aspekt der Berechenbarkeit. Um ein positives Marktumfeld sicherzustellen, dürfen die politischen Einflüsse nicht wie ein Blitz vom Himmel kommen, wie dies in der Trump-Ära zu oft der Fall war. Kurz:

Die Politik muss für ein grundsätzlich günstiges Umfeld für Wachstum sorgen und sich ansonsten heraushalten, dann passt es. Welches Parteibuch der Präsident hat, spielt dann nicht die geringste Rolle.

Und sie sehen im folgenden Chart: Dann läuft es auch beim DAX, denn die Vorlagen für die Weltwirtschaft kamen immer aus Übersee. Das ist nur dann anders, wenn die heimische Politik ein komplett anderen Kurs fahren würde, was aber, da Deutschland im Konsens der EU agiert und diese wiederum nicht ohne die USA auskommt, eher selten der Fall sein wird.

Börse aktuell: Vergleich Entwicklung DAX und Dow Jones von 1992 bis 2021 | Online Broker LYNX

Aber zurück zur neuen US-Regierung. Was wird sich an der Börse aktuell für den Aktienmarkt ändern? Und hat man das am Markt bereits wahrgenommen?

Warum Joe Biden für den Aktienmarkt positiv wirken könnte

Ich meine, das, was sich jetzt ändern wird, ist genau das, was man am US-Aktienmarkt ebenso wie bei uns in Europa seit Anfang November bereits einpreist: Biden hat jahrzehntelange politische Erfahrung, einen relativ guten Draht zu den Entscheidern der republikanischen Partei und ist berechenbarer. Er hat genug Erfahrung um zu wissen, dass er die Wirtschaft mit Samthandschuhen anfassen muss. Dass er Janet Yellen als Finanzministerin eingesetzt hat und dass er die Steuern nicht umgehend wieder anheben will, belegt das … man hat es mit Freude zur Kenntnis genommen.

Ebenso wissen Unternehmen wie Investoren gleichermassen, dass es mittel- und langfristig zwar knifflig wird, die explodierte Neuverschuldung wieder einzudämmen, jetzt aber viel Geld in die Hand genommen werden muss, um den Bann der aktuell wieder beginnenden Abwärtsspirale der Wirtschaft zu brechen. Und genau das soll zeitnah mit einem weiteren Konjunkturpaket sichergestellt werden.

So lange die Regierung Biden tut, was die US-Wirtschaft braucht und zugleich deutlich macht, dass man die Krise zusammen mit den anderen grossen Wirtschaftsräumen bewältigen will statt auf deren Kosten, kann die derzeitige Aufbruchsstimmung vorhalten. Die Rückkehr zur klassischen US-Politik bedeutet indes nicht, dass der Gedanke von „America First“ verschwinden würde. Denn auch, wenn das ein Trump-Slogan war, die USA waren schon immer sehr entschieden auf ihren Vorteil bedacht, nur passierte das früher – und ab jetzt wieder – mit einem freundlicheren Umgangston. Dass auch die neue US-Regierung darangehen wird, mit China, der EU und dem Rest der Welt hart zu verhandeln, dessen darf man gewiss sein. Aber wie gesagt: Solange man dabei die Unternehmen weitestgehend in Ruhe lässt, wird das den Aktienmarkt nicht weiter stören.

Der Risikofaktor: Zu grosse Erwartungen

Auch, wenn die Investoren aus meiner Sicht damit richtig liegen dürften, dass die neue US-Regierung die Probleme mit Bedacht, aber zugleich entschlossen angehen wird, wie eingangs betont kann auch Joe Biden nicht übers Wasser gehen und die Krise umgehend beenden, dazu ist die Problematik viel zu komplex. Auch wenn man in Washington alles richtig machen würde und der Widerstand der Opposition begrenzt wäre, wird es mindestens ein halbes Jahr dauern, bis man über den Berg wäre. Ist das denen, die den marktbreiten S&P 500 seit dem Wahltag um sagenhafte 15 Prozent nach oben getrieben haben, bewusst?

Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 von Wahl im November 2020 bis Januar 2021 | Online Broker LYNX

Wenn man an der Börse aktuell zu viel zu schnell erwartet … und das ist zu befürchten … wird es in den kommenden Wochen und Monaten immer mal wieder zu „Eisduschen“ für die Bullen kommen. Ob dies dann indes den übergeordneten Aufwärtstrend brechen wird, ist jedoch fraglich, denn solange Bidens Regierung nicht massiv negativ überrascht, kann sich die derzeitige Aufbruchsstimmung lange halten.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 21.12.2020, Chartquelle marketmarker pp4

Erst reagiert der Aktienmarkt ewig nicht auf wachsende Risiken und wirkt dadurch unverwundbar, dann plötzlich brechen die Kurse doch noch ein. Das passiert immer wieder und wirkt völlig unlogisch. Und diese scheinbare Unverwundbarkeit angesichts steigender Gefahren wiegt so manchen Anleger in trügerischer Sicherheit, die dazu führt, dass viele nicht aussteigen, wenn es dann eben doch ernst wird. Was steckt hinter diesem Phänomen? Die Ursache findet sich bei den sogenannten „grossen Adressen“.

Die Lage ist eigentlich kritisch, aber ob DAX oder Dow Jones, die grossen Aktienindizes sind auf Rekordkurs. Dabei müssten an der Börse aktuell die Marktteilnehmer doch eigentlich wissen, dass sich die Rahmenbedingungen nicht so entwickelt haben, wie sie das erwartet hatten, als im Frühjahr/Sommer 2020 das grosse Kaufen begann. Und doch steigt scheinbar niemand aus, wird immer weiter gekauft. Der Aktienmarkt wirkt, als könne ihn nichts aufhalten. Doch die Börsenhistorie lehrt uns: der Schein trügt. Ob 1929, 1987, 2000, 2008 oder zuletzt im Frühjahr 2020 (siehe der folgende Chart), irgendwann brechen die Kurse dann eben doch ein, wenn die Last der negativen Einflüsse zu gross wird. Nur:

Börse aktuell: Entwicklung des DAX von 2020 bis 2021 | Online Broker LYNX

Warum passiert so etwas meist mit grosser Zeitverzögerung? Warum wirkt es, als stünden die Akteure auf der Leitung, während man die Risiken ausserhalb der Börsensäle mit Händen greifen kann? Angeblich handelt man an der Börse doch die Zukunft, so aber wirkt es, als sei man dort mit den Reaktionen monatelang hintendran, zumindest, wenn es um Abwärtsbewegungen geht. Das hat Gründe, die man aber nicht auf den ersten Blick erkennt. Entscheidend ist dabei die untrennbare Symbiose zwischen den vielen „passiven“ Sparern und denen, die deren Geld verwalten.

Warum die „alten Hasen“ tun müssen, was ihnen die „Frischlinge“ vorgeben

Wenn ein Sparer nicht selbst investiert, sondern investieren lässt, indem er sich einen ETF kauft, der 1:1 den Markt widerspiegelt, in Fonds einzahlt oder Geld in Spar- oder Rentenpläne mit Aktienanteil steckt, geht er davon aus, dass dort erfahrene Menschen sitzen, die das Beste für sein Geld herausholen. Damit hat der Sparer im Prinzip auch Recht. Doch die Sache hat einen Haken.

Die Entscheider bei diesen sogenannten „grossen Adressen“, den institutionellen Investoren, mögen viel Erfahrung haben, aber am Ende müssen sie tun, was diejenigen, die diese Erfahrung nicht haben und ihnen deshalb ihr Geld überantworten, vorgeben. Denn was passiert mit einem Aktienfonds, der aufgrund zunehmender Risiken eine höhere Barreserve hält, lassen wir es mal 20 Prozent sein?

Er verliert seine Kunden an die, die das nicht tun, die nur eine winzige Barreserve halten und deshalb eine bessere Performance erreichen. Cash erzielt nun einmal keine Performance. Ja, aber, könnten Sie nun einwenden: Wenn der vorsichtige Fonds Recht behält, weil die Kurse sinken, werden die Kunden erkennen, dass sie da viel besser gefahren sind, weil dessen Performance durch eine flexible, umfassende Anpassung der Barreserven an die Lage mittelfristig mehr Gewinn macht. Theoretisch schon. Nur hat diese Überlegung eben einen Haken:

Die Sorge, Kunden zu verlieren, führt dazu, dass kaum ein Fonds an der Börse aktuell den Mut hat, höhere Cash-Reserven zu halten, weil man dort eben auch weiss: Wenn alle anderen das zufliessende Geld sofort und fast restlos anlegen, steigen die Kurse nun einmal. Und wenn die Kurse steigen, wird immer mehr Geld an den Markt fliessen, weil diejenigen, die es den Institutionellen vor die Tür karren, eben neu an der Börse und/oder ohne Fachkenntnis sind. Sie orientieren sich daher nicht an Hintergrunddaten oder Konjunkturdaten, sie vertiefen sich nicht in Unternehmensbilanzen oder Hintergrundanalysen. Sie sehen nur eines: Am Anleihemarkt wird das Geld eher weniger, siehe der folgende Chart, auf dem Konto ebenso, also mache ich da mal mit bei dieser „Aktiensache“. Und wenn die Kurse steigen, warum damit aufhören?

Börse aktuell: Entwicklung der Rendite von US-Staatsanleihen von 1985 bis 2021 | Online Broker LYNX

Wenn ein Fonds also zu vorsichtig ist, strömen die Kunden und ihr Geld an ihm vorbei, weil diejenigen, die neu hinzukommen, diese Vorsicht nicht zu schätzen wissen. Sie sehen nur eine dadurch tendenziell niedrige Performance und gehen woandershin.

Ein scheinbares „Perpetuum Mobile“

Die Kurse steigen also, weil viele genauso denken und handeln. Ein scheinbares Perpetuum mobile, bei dem die Rahmenbedingungen keine Rolle spielen. Die Hausse nährt die Hausse, eben weil die institutionellen diese Verhaltensweise erkennen und genau deswegen neues Geld auch immer umgehend in den Markt geben, um den „Schornstein der Hausse“ weiter rauchen zu lassen.

Die erfahrenen Entscheider auf Seiten der grossen Adressen mögen das Unheil an der Börse aktuell kommen sehen, sie haben dennoch keine Wahl: Das Geld muss arbeiten … und weil das funktioniert, kommt noch mehr Geld, das die Kurse treibt, was wiederum dazu führt, dass immer mehr Geld an den Markt fliesst.

Erneut könnten Sie einwenden: Aber in einer Situation wie dieser halten doch viele ihr Geld lieber beisammen! Stimmt. Werfen wir dazu einem Blick auf die Sparquote in den USA, d.h. auf den prozentualen Anteil des Einkommens, der gespart wird (siehe der folgende Chart). Auch, wenn diese Sparquote nach dem ersten Schock im Frühjahr 2020 deutlich zurückgekommen ist, so liegt sie per Ende November, das sind die aktuellsten Daten, immer noch bei 12,9 Prozent und damit höher als in den letzten knapp 40 Jahren, ausgenommen eben die Monate unmittelbar davor.

Börse aktuell: Entwicklung der Sparquote in der USA von 1980 bis 2021 | Online Broker LYNX

Aber was heisst „Sparen“? In den USA mehr noch als bei uns heisst das eben, dass man sein Geld nicht in den Konsum steckt, sondern „anlegt“. Und überlegen wir mal: Die Lage ist eigentlich ernst, aber die Kurse steigen an der Börse aktuell. Wir gehen hier von der grossen Zahl passiver Anleger aus, d.h. denen, die eben kein Fachwissen und/oder Erfahrung haben, deswegen ihr Geld anlegen „lassen“ und somit als einzige Orientierung haben, dass ihr Geld mehr wird … oder nicht. Warum sollte diese (riesige) Klientel nicht weiter ihr Erspartes dorthin stecken, wo es sich vermehrt? Zumal diese Sparer ja sehen, dass der Aktienmarkt trotz Krise steigt und daraus schliessen müssen, dass es risikolos ist, hier Geld zu investieren? Zumal man sich überlegen könnte, dass die Kurse, wenn die Krise vorbei ist, ja erst Recht steigen müssen?

Sie sehen, hier entsteht ein sich selbst nährender Kreislauf unter Ausschluss der Realität:

Die passiven Sparer kaufen, das treibt die Kurse, weil die institutionellen Investoren dieses Geld umgehend anlegen, das bestärkt die passiven Sparer darin, richtig zu handeln und noch mehr Geld zu überweisen. Verrückt, aber zugleich nachvollziehbar. Aber wieso kommt es dann eben doch immer wieder zu massiven Abwärtsbewegungen? Da kommt die Achillesferse der unverwundbaren Hausse ins Spiel: Die Emotionen einerseits und die Kehrseite zu geringer Cash-Reserven andererseits.

Der Lawineneffekt I: Wenn wackere Sparer wanken

Es gibt einen „Punkt X“, dessen Zeitpunkt des Eintretens niemand vorhersehen kann, weil sich die Sache auf der Ebene der unberechenbaren Emotionen abspielt. Folgende Elemente spielen mit hinein, wenn es dazu kommt, dass dieser Punkt erreicht wird und die ganze Sache schiefgeht.

Zunächst einmal dürften mir wohl nur wenige Akteure widersprechen, wenn ich behaupte, dass es drei Ebenen des Schmerzes für einen Anleger gibt. Ebene 1 ist: Ich liege schief und erleide Verluste. Nicht schön, aber weniger hässlich als Ebene 2: Ich verpasse eine Gelegenheit, die Kurse steigen ohne mich. Das ist richtig bitter, wird aber übertroffen von Ebene 3: Ich verliere einen zwischenzeitig erreichten Gewinne wieder. Fatal. Das tut weh. Warum? Weil wir, da wir nun einmal keine Roboter sind, das Gefühl bekommen, dass ein Gewinn mir gehört, obwohl er noch gar nicht realisiert ist. Beispiel:

Ich habe eine Aktie zu 100 Euro gekauft und die ist jetzt auf 120 Euro gestiegen. Wieviel Geld habe ich? Richtig wäre: Keinen müden Cent, solange, bis ich verkauft habe und das Geld wieder auf dem Konto ist, denn aus 120 Euro können, wenn irgendwas Unerwartetes passiert, über Nacht 50 oder gar 0 Euro werden. Gefühlt aber habe ich eben 120 Euro. Und die will ich nicht mehr hergeben … aber eigentlich auch nicht verkaufen. Denn es könnte ja noch mehr werden, nicht wahr?

Das führt zu zwei widerstreitenden Emotionen: Zu Angst, ich könnte meinen Gewinn wieder verlieren. Und zu Gier, die mir sagt, da ist bestimmt noch viel mehr Gewinn drin.

Die Angst beginnt erst dann die Oberhand zu gewinnen, wenn der Gewinn so gross ist, dass mir ein kleiner Mann im Ohr sagt, dass das so viel mehr ist, als eigentlich zu erwarten war, dass man das Geld lieber mitnehmen sollte. Wenn dieser kleine Mann auch noch mit den unterbewusst ja vorhandenen und nur verdrängten Informationen ankommt, dass die Lage ja eh kritisch ist und es vielleicht doch mal kippt, ja dann wird der eine oder andere auf einmal doch zum Verkäufer und verwandelt seine Fondsanteile oder ETFs in Bares.

Naja, der eine oder andere, das kippt doch keinen Trend! Nein, das nicht. Was den Trend kippt, ist der Umstand, dass aus einigen wenigen leicht viele und aus vielen alle werden können, zumindest, wenn die Rahmenbedingungen negativ sind. Die, die Anleger ja entweder nicht kennen oder ignorieren? Ja, genau die, denn:

Es gibt einige, die wirklich keine Ahnung davon haben, dass sich da eine Schere zwischen Kursen und Rahmenbedingungen an der Börse aktuell aufgetan hat. Aber es gibt sehr viele, die das wissen oder zumindest ahnen, die das aber, vom eigenen Gewinn in Sicherheit gewogen, verdrängen. Verdrängen aber bedeutet: Die Information ist da, sie ist nur in die Besenkammer verbannt worden. Und solche Fakten pflegen schlagartig dann wieder präsent zu sein, auf einmal die Wahrnehmung komplett zu beherrschen, wenn die Kurse fallen und damit die Basis der Verdrängung wegfällt. Von himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt … dieser alte Spruch gilt auch und gerade für dieses Phänomen.

Warum es scheinbar ohne Grund dann doch kippt

Je höher und länger die Kurse steigen, je weniger die Rahmenbedingungen dazu passen, desto näher rückt der Moment, an dem eine Kettenreaktion entsteht, eine Lawine losgetreten wird.

Und das kann dann eben auch ohne jeglichen, eindeutig zuordenbaren Auslöser passieren. Warum kippten die Kurse an einem bestimmten Tag 1987, 2000, 2008, 2020 und nicht ein paar Tage oder Wochen zuvor oder danach? Da sucht man dann in den Nachrichten nach „der“ Nachricht und sucht vergebens, denn:

Meist ist es nur die Angst, gewaltige Gewinne wieder zu verlieren, die erste, grössere Gewinnmitnahmen auslöst. Wenn da ein paar Akteure zu viel ankommen und ihr Geld aus dem Markt nehmen, während ausgerechnet dann zu wenige Käufer unterwegs sind, geht es eben mehr als sonst abwärts. Zu viel für diejenigen, die zwar auch Angst um ihre Gewinne hatten, bei denen die Gier aber noch zu gross war, um auszusteigen. Und dann kommt auch noch der oben erwähnte kleine Mann im Ohr und flüstert denen, die diese Erkenntnis nur verdrängt hatten, zu: Du weisst doch, die Lage ist gefährlich …

Too big to run: die „Grossen“ können nicht einfach aussteigen

Dann ist die Lawine losgetreten und nicht mehr aufzuhalten. Ohne „externen“ Auslöser. Und die Rolle der grossen Adressen ist in diesem Moment erneut eine fatale. Denn ebenso, wie die gefährlich niedrigen Barreserven aus Angst vor der Konkurrenz die Hausse unnatürlich lange am Leben erhalten kann, sorgt dieser Faktor auch dafür, dass eine kalte Dusche umso eisiger wird.

Der folgende Chart zeigt, wie niedrig z.B. die Barreserven bei den US-Fonds derzeit sind: sie liegen im Schnitt bei nur vier Prozent. Diese Grafik geht 40 Jahre zurück und macht deutlich, dass wir uns da am unteren Ende der langfristigen Spanne bewegen. Was bedeutet das?

Börse aktuell: Entwicklung der Barreserven der US-Fonds 1985 bis 2021 | Online Broker LYNX

Das bedeutet, dass die institutionellen Investoren an der Börse aktuell aufgrund ihrer nahezu hundertprozentigen Investitionsquote nur geringe Möglichkeiten haben, sich dem Auf und Ab des Gesamtmarkts zu entziehen. Unproblematisch, wenn es aufwärts geht, ein übles Problem, wenn es abwärts geht. Denn mal eben, wenn die See rauer wird, auf 20 Prozent Cash hochzufahren, das geht eben nicht so einfach, weil wir hier von gigantischen Portfolios sprechen. Wollte auch nur ein grösserer Fonds ein Zehntel seines Portfolios an einem Tag loswerden, wäre das so viel mehr als die übliche Nachfrage seitens der Käufer, dass damit der Kurseinbruch ausgelöst würde, dem man eigentlich entkommen wollte. Und wir reden von Hunderten riesiger Fonds, dazu kommen die Pensionskassen und Versicherungen mit ihren Aktienanteilen. Das heisst:

Diese grossen Adressen sind „too big to run“, sie sind zu gross und zu schwerfällig, um einer Lawine entkommen zu können.

Nur schwieriger ist die Lage dann für die ETFs, denn um die ihnen zugrunde liegenden Indizes oder Themenbereiche 1:1 abbilden zu können, muss das zufliessende Kapital sofort und nahezu komplett investiert werden.

Was ist die Folge, wenn die Anleger sehen, dass die Blase der Zuversicht platzt, die ersten verkaufen, die Kurse kippen und deswegen zügig ihr Geld abziehen? Dann tritt die Crux der grossen Adressen erst so richtig zutage:

Der Lawineneffekt II: Der unsichtbare Kampf der Institutionellen

Denn da sie kaum Barreserven haben, müssen diese institutionellen Investoren dann Positionen verkaufen, um imstande zu sein, den Sparern ihr Geld zurückzugeben, die wegen fallenden Kursen aussteigen wollen. Das erhöht also den Abgabedruck noch weiter. Noch mehr Akteure werden nervös und wollen raus, die Institutionellen müssen noch mehr verkaufen … die Lawine wird also immer grösser und schneller, wie wir es nicht nur beim Beispiel des „Corona-Crashs“ erlebt haben. Das ist schlicht ein normales Phänomen, das aus dieser Crux der geringen Cash-Reserven geboren wird.

Natürlich wollen die grossen Adressen vermeiden, dass es dazu kommt. Aber wie? Der einzige Weg zu verhindern, dass den Sparern die kritischen Rahmenbedingungen wieder ins Bewusstsein kommen ist, den Grund dafür anzugehen: die kippenden Kurse. Wie?

Indem man kauft, statt zu verkaufen, die Kurse stabil hält, damit die Marktstimmung nur ja nicht kippt. Denn wenn erst einmal ein Exodus der Sparer einsetzt, verdienen diese institutionellen Investoren ja immer weniger, sie leben ja von ihren Kunden. Das Motto heisst also: Gegenangriff, Flucht nach vorne.

Diejenigen, die anderer Leute Geld verwalten, kämpfen also bisweilen gegen aufkommende Unruhe der eigenen Kundschaft, indem sie noch mehr von deren Kapital einsetzen. Aber das kann nicht ewig durchgehalten werden. Bei einer durchschnittlichen Barreserve von im Schnitt vier Prozent in den USA kann das Wochen gutgehen, bedenkt man, wie gigantisch solche Portfolios sind. Aber nicht Monate.

Und diese Phase erleben wir an der Börse aktuell? Hundertprozentig sicher kann man da nie sein, denn natürlich wird so etwas nicht öffentlich verkündet. Zumal nicht alle „Grossen“ eine solche Strategie verfolgen. Aber die Rahmenbedingungen würden dazu passen, dieses verblüffende Ausbleiben grösserer Korrekturen, das umgehende Aufkaufen von Rücksetzern.

Was man beobachten sollte ist, ob Ausbruchsversuche nach oben jetzt abverkauft werden. Denn um mit wenig so viel wie möglich zu erreichen, gehört zu dieser Vorgehensweise auch, dass man Bestände, die zur Stützung des Marktes eingesammelt wurden, schnell wieder zu Barem macht, sobald sich die Kurse und mit ihnen die Marktstimmung stabilisiert haben, damit die Cash-Reserve länger hält. Aber wie gesagt:

Solange die Rahmenbedingungen sich nicht bessern, wird so das dicke Ende der scheinbar unverwundbaren Aufwärtstrends nur herausgezögert. Entweder, die Gesamtsituation wird zügig besser, oder wir werden in einigen Wochen erneut die verblüfften Fragen hören, warum es denn ausgerechnet jetzt doch noch abwärts ging …

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 15.12.2020, Chartquelle marketmarker pp4