Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 19.-25.07.2021

Inflation: Das wird kein reines US-Problem bleiben

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Derzeit sind viele Investoren davon überzeugt, dass die aus dem Ruder laufende Inflation ein reines US-Problem bleiben werde. Das ist nicht völlig ausgeschlossen, aber wahrscheinlich ist, dass die Teuerung Europa ebenfalls in einer gefährlichen Grössenordnung heimsuchen wird – zum Beispiel durch das Hintertürchen namens US-Dollar. Und die Eurozone würde einer zu hohen Inflation noch machtloser gegenüberstehen als die US-Notenbank.

Wer ein guter Pokerspieler sein will, muss es verkraften können zu verlieren, nervlich wie in monetärer Hinsicht. Es sei denn, man ist in einer Position wie die US-Notenbank. Denn die pokert mit dem Geld anderer Leute. Und was die Inflation angeht, pokert sie äusserst hoch. Und sie hat nicht gerade ein gutes Blatt in der Hand.

Vergangene Woche sagte US-Notenbankchef Powell vor einem Senatsausschuss, dass es nicht angemessen sei, geldpolitisch auf eine nur vorübergehende Inflation zu reagieren. Stimmt schon. Nur hat die Sache einen Haken: Die US-Notenbank kann nicht wissen, ob die Inflation nur vorübergehend ist! Sie hofft es. Aber ihre Hoffnungen basieren auf der Angst vor den Folgen, wenn sie die Inflation bekämpft, nicht auf tauglichen Argumenten. Und sie hofft, dass sie mit Taschenspielertricks durchkommt. Inwiefern Letzteres?

Das gefährliche Spiel mit dem Basiseffekt

Die Inflationsrate bezieht sich immer auf den entsprechenden Monat des Vorjahres. Und das bedeutet: Wenn die Preise im entsprechenden Monat des Vorjahres, z.B. im Juni 2020, ungewöhnlich stark gestiegen sind, liegt die Inflationsrate im Juni 2021 niedriger, als wären die Preise erst später, im Juli oder August 2020, stark angestiegen. Das versteht man am besten anhand eines konkreten Beispiels. Und da bietet sich der scheinbare Rückgang der deutschen Inflation im Juni 2021 ideal an. Sehen wir uns den Chart an:

Börse aktuell: Entwicklung der Inflation in Deutschland von 2017 bis 2021 | Online Broker LYNX

Hier sehen wir genau den Effekt, auf den die US-Notenbank spekuliert. Im Juni 2020 waren die Preise in Deutschland direkt nach Ende des ersten Lockdowns deutlich angesprungen. Dieser höhere Preislevel der Berechnungsbasis für die Inflation im Juni 2021 führte dazu, dass die Inflationsrate von 2,5 Prozent im Mai auf 2,3 Prozent im Juni fiel, immer verglichen zum Preisniveau des Vorjahresmonats. Das sieht aus, als würde der Preisdruck nachlassen.

Und da die USA momentan jeden Monat deutliche Preissteigerungen zum Vorjahresmonat und Vormonat sehen, hoffen die Notenbanker darauf, dass die Teuerung nicht so extrem weitergeht, dadurch nächstes Jahr alleine durch den Basiseffekt niedrigere Inflationsraten auf dem Papier stehen und sie deswegen nicht aktiv werden müssen. Übrigens sehen wir im vorstehenden Chart auch einen Grund, warum wir schon im Juli wohl wieder klar höhere Inflationsraten bekommen dürften: Im Juli 2020 waren die Preise wieder deutlich zurückgekommen. Man rechnet für Juli also von einer viel tieferen Basis aus, daher ist es recht wahrscheinlich, dass wir da deutlich höhere Raten sehen als für den Juni.

Dieses Pokern auf den Basiseffekt ist indes etwas, das der Aufgabe zur Erhaltung der Geldwertstabilität widerspricht, das gilt für die US-Notenbank ebenso wie für die EZB, denn es ist ja eine Mogelpackung aus der statistischen Trickkiste. Wirklich entscheidend ist die tatsächliche Teuerung. Und die lässt sich am besten anhand des HVPI, des „harmonisierten Verbraucherpreisindex“ erkennen. Leider habe ich für den nur die deutsche Datenreihe, es gibt aber auch einen solchen Index als „VPI“ für die USA … der vergleichbar übel aussieht:

Börse aktuell: Entwicklung des harmonisierten Verbraucherpreisindex von 1996 bis 2021 | Online Broker LYNX

Anhand dieses Charts sehen Sie, dass diese Inflationsraten zum Vorjahresmonat immer eine Mogelpackung sein können. Denn während die Inflationsrate hierzulande im Juni von 2,5 auf 2,3 Prozent fiel, sehen wir hier, dass die Preise in Wahrheit einfach weiter gestiegen sind: um satte 0,4 Prozent gegenüber Mai. Was bedeutet:

Die US-Notenbank rechnet sich die Lage schön, während die Verbraucher immer weniger Kaufkraft haben. Mit den US-Inflationsdaten für Juni, die vergangene Woche mit satten 5,4 Prozent einliefen, wurde auch die Veränderung der Reallöhne zum Vorjahresmonat vorgelegt: sie betrug -0,9 Prozent!

Die Inflation wird sich von alleine totlaufen? Wirklich?

Man könnte jetzt sagen: Na, dann müssen die Unternehmen doch nur die Löhne anheben und schon bleibt die Kaufkraft konstant. Aber dadurch steigen die Kosten der Unternehmen ja. Und das holen sie über steigende Preise wieder herein.

Und der sinkende Reallohn in den USA zeigt es ja: Am Ende sind die Löhne und damit die Verbraucher immer die Verlierer in einer solchen Lohn/Preis-Spirale! Und die hat ja noch nicht einmal wirklich begonnen. Momentan sind es die Rohstoffe, die die Kosten der US-Unternehmen und damit die Erzeugerpreise immer höher treiben. Und per Ende Juni haben die immer noch einen Vorsprung, steigen schneller als die Verbraucherpreise. Da ist also weiterhin einiges an Kosten da, die die Unternehmen noch auf die Verbrauer abwälzen werden, wenn es irgend geht.

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung der US-Inflation und der US-Erzeugerpreise von 2014 bis 2021 | Online Broker LYNX

Noch sind es die Rohstoffe, die die Inflation massiv befeuern. Optimisten verweisen dann gerne auf den eingebrochenen Preis für Bauholz als Beleg dafür, dass die Preise bei den Commodities schon wieder von allein fallen. Aber erstens ist Bauholz immer noch doppelt so teuer wie vor Beginn dieser Preisexplosion. Zweitens spielt Bauholz zwar keine unwesentliche, aber auch keine entscheidende Rolle für die Preisentwicklung insgesamt. Und drittens sollte man nicht vergessen, dass die Preise bei den Rohstoffen nicht einfach durch die reale Entwicklung von Angebot und Nachfrage bestimmt werden, sondern auch durch Spekulation.

Börse aktuell: Preisentwicklung bei Bauholz von 2016 bis 2021 | Online Broker LYNX

Diesen Spuk der Zocker, die imstande sind, durch wilde Spekulation grosse konjunkturelle Probleme auszulösen, hatten wir schon 2007/2008 gesehen. Damals waren Forderungen laut geworden, die Spekulanten wenigstens von Energie- und Nahrungsmittel-Rohstoffen fernzuhalten. Aber solche Bemühungen wurden nie ernsthaft verfolgt und verliefen im Sande, so dass uns dieser Spuk jetzt an der Börse aktuell erneut einholen könnte. Und die folgenden Charts zeigen, dass der „Bauholz-Crash“ ein Einzelfall ist. Viele andere, wichtige Rohstoffpreise steigen immer weiter.

Börse aktuell: Preisentwicklung bei Erdgas von 2010 bis 2021 | Online Broker LYNX

Und das führt zu einem weiteren, inflationstreibenden Problem, das EZB und US-Notenbank entweder nicht berücksichtigen oder so tun, als gäbe es diesen Aspekt nicht, um die Kapitalmärkte zu beruhigen. Denn das Beruhigen des Marktes ist entscheidend. Die Märkte sind das eigentliche Problem, warum sich die Notenbanken mit Händen und Füssen dagegen sträuben, die Inflation anzugehen, wie sie es eigentlich längst tun müssten, allen voran die „Fed“ bei einer Juni-Inflation von besorgniserregenden 5,4 Prozent. Denn die Kapitalmärkte sind fragil.

Dort steht und fällt alles mit dem bis zum Anschlag geöffneten Geldhahn. Die Schuldenblase kann nur am Platzen gehindert werden, indem man verhindert, dass bei den Krediten ein Dominoeffekt aus platzenden Forderungen entsteht. Wie?

Indem man es ermöglicht, alte Kredite durch neue zu ersetzen, die noch weniger Zinsen kosten. Zugleich werden die Renditen vor allem am kurzen Ende der Anleihe-Laufzeiten mit Milliarden-Käufen der Notenbanken künstlich niedrig gehalten, damit dieses Spiel ja nicht schiefgeht. Höhere Leitzinsen, ja schon ein völliges Zurückfahren der Anleihe-Stützungen, das wäre genau die Nadel, die diese Blase platzen lassen könnte. Also tut man … nichts.

Börse aktuell: Preisentwicklung bei Kohle von 2017 bis 2021 | Online Broker LYNX

Aber nicht nur die an den Börsen aktuell weiter steigenden Rohstoffpreise und/oder eine beginnende Lohn/Preis-Spirale können die Inflation weiter befeuern. Der Verbraucher kann sich das auch selbst einbrocken.

Der Verbraucher wohnt nicht auf dem Reissbrett

Die Notenbanken neigen dazu, mit Rechenmodellen in die Zukunft zu blicken. Für alle wichtigen Parameter werden Annahmen getroffen, Spielräume gesetzt und dann wird auf „Enter“ gedrückt. Schwupp, fertig ist die Zukunft. Aber davon mal abgesehen, dass das 2008 so was von schiefging und man es trotzdem weiterhin so macht, ignorieren die „Experten“ eines: Menschen wohnen nicht auf dem Reissbrett. Ihr Verhalten ist nicht vorhersehbar.

Börse aktuell: Preisentwicklung bei Mais von 2016 bis 2021 | Online Broker LYNX

Was passiert denn, wenn die Verbrauchernachfrage immer weiter steigt und die Unternehmen dadurch nicht nur ihre eigenen, gestiegenen Kosten auf die Preise draufschlagen können, sondern noch einiges mehr, um die Gewinne zu steigern? Dann hätten wir im schlimmsten Fall eine Kaufpanik der Verbraucher, eine Lohn/Preis-Spirale und steigende Rohstoffpreise auf einmal.

Warum die Verbraucher das tun sollten? Ganz einfach. Aus demselben Grund, weshalb sie bei Deflation nicht kaufen, sondern auf tiefere Preise warten. Sie blicken voraus und sagen sich: Ich bekomme Geld von der Bank gerade nachgeworfen, fast zinslos und die Preise steigen überall. Da kaufe ich mir doch lieber jetzt sofort die neue Küche, das neue Auto, leiste mir umgehend die Renovierung oder die Weltreise, bevor alles noch teurer wird!

Diese Angst vor höheren Preisen führt auf diesem Weg dazu, dass sie durch die anziehende Nachfrage in der Tat steigen. Bis dann alle „vorgekauft“ haben und die Konjunktur bei hoher Inflation ins Loch fällt.

Das müssten die Notenbanken wissen. Das müssten sie einkalkulieren. Aber sie unternehmen nicht das Geringste, weil die kleinste Reaktion dazu führen könnte, dass sie dieses mit den immer tieferen Zinstiefs schon vor vielen Jahren begonnene Pokerspiel dadurch verlieren könnten. Dumm nur, dass sie es auch verlieren, wenn sie nichts tun.

Da kann man ja froh sein, dass wir in der Eurozone solche Probleme nicht haben. Bei einer Inflation von 2,3 Prozent in Deutschland und sogar nur 1,9 Prozent in der Eurozone passt ja alles … oder?

Europa ist keine Insel der Glücksseligen, im Gegenteil

Ganz und gar nicht. Denn die Wachstumsraten in der Eurozone sind ja viel niedriger als in den USA. Hier gab es keine Barschecks für die Bürger, die dazu führten, dass es einen kurzfristigen, aber starken Kaufkraftimpuls gab, den wir im folgenden Chart sehen (da werden die Löhne, nicht die um die Inflation bereinigten Reallöhne gezeigt). Gerade bezogen auf Deutschland sehen wir, dass die Löhne auch ohne Einberechnung der Inflation fallen, statt zu steigen. Dadurch ist der Druck auf das Wachstum auch mit einer niedrigeren Inflationsrate zu hoch. Und würde man die Löhne deutlich anheben, um die Inflation auszugleichen, würde das passieren, was ich oben beschrieben hatte: eine Lohn/Preis-Spirale würde entstehen, bei der die Löhne am Ende immer verlieren.

Börse aktuell: Vergleich der Lohnentwicklung in den USA, der Eurozone und Deutschland von 2011 bis 2021 | Online Broker LYNX

Hinzu kommt die wachsende Schere zwischen den Einkommen. Diejenigen, die in diesem Umfeld weiterhin gut dastehen und ggf. sogar deutlich ansteigende Gehälter einfahren, würden letztlich hier nicht anders reagieren als in den USA: Man kauft lieber jetzt und nötigenfalls einfach auf Pump, bevor es noch teurer wird. Die Immobilienblase ist so entstanden … wenn die Inflation weiter zulegt, kann das andere Bereiche ebenso schnell erfassen. Und davon abgesehen, dass z.B. US-Importgüter parallel zu den dort steigenden Preisen teurer werden und uns so die Inflation durch die Hintertür bringen, ist noch ein anderer Aspekt vorhanden, der dafür sorgen kann, dass wir auch bei schwachem Wachstum eine ausufernde Inflation bekommen: der US-Dollar.

Vorsicht Dollar: Die Inflation kann bei uns durchs Hintertürchen kommen!

Denn alle Rohstoffe werden in US-Dollar fakturiert. Das bedeutet, dass Europa, das viele wichtige Rohstoffe importieren muss, nicht nur durch den Anstieg der Rohstoffpreise an sich Inflation ins Haus geliefert bekommt. Der Preisdruck steigt zusätzlich, wenn der US-Dollar zum Euro teurer wird. Und das zeichnet sich gerade ab.

Börse aktuell: Entwicklung Dollar zum Euro von 2018 bis 2021 | Online Broker LYNX

Die höheren Wachstumsraten in den USA und die dort noch höheren Renditen bei Anleihen sind für internationale Investoren attraktiv. Am Devisenmarkt geht man daher davon aus, dass der US-Dollar gegenüber dem Euro mehr nachgefragt wird und daher tendenziell steigen muss. Der Chart zeigt die Relation US-Dollar/Euro, also den Preis, den man in Euro für einen US-Dollar zahlen muss. Das ist für unseren Fall anschaulicher als die übliche, auf den Kopf gestellte Darstellung Euro/US-Dollar. Sie sehen:

Man spekuliert auf einen steigenden US-Dollar. Dadurch ist seit Herbst 2020 ein Doppeltief entstanden, das, wenn die näher kommende Nackenlinie überboten wird, vollendet wäre und einen deutlichen Aufwärtsschub des US-Dollars nach sich ziehen könnte. Es dürfte klar sein, was mit der Inflationsrate in Deutschland, die alleine wegen des wegfallenden Basiseffekts kurzfristig anziehen dürfte, passiert, wenn auch noch die Rohstoffe durch einen Anstieg des US-Dollars zusätzlich teurer werden!

Europa könnte einer anziehenden Inflation wenig entgegensetzen

Und die EZB hat bereits seit Jahren ihre Leitzinsen bei null. Der Anleihemarkt wird längst mit Unsummen gestützt. Die Schulden sind bereits jetzt zu hoch. Das Wachstum ist instabil. All das hiesse:

Wenn die Inflation in Europa durchs Hintertürchen steigt, wird das eine äusserst knifflige Situation. Und eine EZB, die dann nur wählen kann, das ohnehin geringe Wachstum durch Inflationsbekämpfung zu eliminieren oder mit etwas Zeitverzögerung durch eine aus dem Ruder laufende Inflation zu ruinieren, wenn sie nichts tut, wird da keine grosse Hilfe sein.

Noch tut man auch an der Börse aktuell mehrheitlich so, als sei alles in allerbester Ordnung. Das war 2007/2008 nicht anders. Jedem wäre zu raten, diesmal nicht so leichtgläubig zu sein, wie zu viele es damals waren. Am Aktienmarkt nie mit Geld handeln, dass man sich über Kredite besorgt hat, dafür aber immer mit Stoppkursen zu agieren, ist in einem Umfeld, in dem nicht nur Inflationsgefahr herrscht, sondern diese auch noch ignoriert wird, alternativlos!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 15.07.2021, marketmaker pp4

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden massgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Auf dem Reissbrett oder im Nachhinein sieht das alles ganz einfach aus: Einfach oben die Long-Positionen verkaufen, auf die Short-Seite wechseln und am Abwärtstrend verdienen. In der Praxis aber verzweifeln viele, die sich an der Short-Seite versuchen und geben entnervt auf, bevor der Abwärtsschub dann am Ende doch noch kommt. Ein paar Tipps zu einem Thema, das einfacher aussieht, als es ist.

Warum ist es so viel schwieriger, erfolgreich auf der Short-Seite zu agieren als Long zu sein? Gleich vorweg: Ich habe dafür kein Patenrezept und keine simple Lösung. Es ist einfach schwieriger. Aber es gibt ein paar Aspekte, die man verstehen und beachten sollte, um diese Herausforderung besser in den Griff zu bekommen. Darum soll es in diesem Beitrag gehen.

Also noch einmal: Warum ist es so viel schwieriger, erfolgreich auf der Short-Seite zu agieren als Long zu sein? Das hat mehrere Gründe, die aber alle auf eines hinauslaufen: Die Bullen sind normalerweise weit zahlreicher, sogar in Abwärtstrends, weil viele Anleger einfach nur Long „können“ oder „wollen“. Und die Masse der Anleger macht den Trend, ob sie erfahren sind oder nicht. Denn sie überweisen den Fonds oder ETFS das Geld, die müssen es anlegen … und so geht es grundsätzlich eher nach oben.

Und wenn es dann mal abwärts geht, muss das keineswegs parallel zu negativ werdenden Rahmenbedingungen ablaufen. Denn die Masse der Anleger hat wenig bis kein Börsen-Fachwissen, kennt sich mit volkswirtschaftlichen Aspekten ebenso wenig aus wie mit der Chart- oder Markttechnik und kümmert sich oft erst um ihre Depots, wenn die Nachrichten von dramatischen Kursverlusten berichten. Die aber nur selten auftreten, weil das eben meist nur dann möglich ist, wenn die „Masse“ verkauft die nicht mitbekommt, dass in Sachen Rahmenbedingungen der Baum brennt. Aber wenn ein schnell fallender DAX oder Dow Jones erst einmal in den Nachrichten landet, kommt es nicht selten vor, dass so viele auf einmal unlimitiert und unüberlegt von Bord wollen, dass es dann gleich fast senkrecht abwärts geht.

Die Wende kommt fast immer später, als erfahrene Trader denken

Börse aktuell: Subprime Blase 2008 ist schon geplatz, doch erstmal steigt der DAX weiter | Online Broker LYNX

Ein typisches Beispiel dafür haben wir 2007 erlebt. Die Immobilienblase in den USA war längst geplatzt. Hierzulande belegte ein deutlich nachgebender ifo-Geschäftsklimaindex, dass die Lage kritisch würde. Aber der DAX fiel einfach nicht. Es kam immer wieder zu Rücksetzern, ja. Aber wer da Short ging, wurde ein ums andere Mal „rasiert“, denn der DAX kam, wie der vorstehende Chart aus dieser Zeit auf Wochenbasis zeigt, immer wieder nach oben. Viele, sehr viele, gaben es damals entnervt auf, auf der Short-Seite zu agieren. Und natürlich glaubten sie dann, als es im Januar 2008 auf einmal nicht mehr gleich wieder nach oben ging, nicht daran, dass die Abwärtswende jetzt beginnt und waren ausgerechnet da dann nicht mehr Short. Schlimmer geht’s nimmer. Und das war kein Einzelfall.

Börse aktuell: Mögliche Auswirkungen von Corona werden deutlicher, doch der DAX steigt erstmal weiter | Online Broker LYNX

Im Fall der Corona-Problematik schienen die Akteure genauso auf dem Schlauch zu stehen. Ich hatte bereits im LYNX Wochenausblick vom 27. Januar 2020 davon gewarnt, was passieren würde, wenn sich das Virus weltweit ausbreiten würde. Und erstens war ich nicht der einzige, der Alarm gab (wenngleich viele so taten, als wäre das alles harmlos), zweitens wurde mit jeder weiteren Woche deutlicher, dass die Sache schiefgehen würde. Aber der DAX markierte, wie der vorstehende Chart zeigt, danach sogar noch neue Rekordhochs und begann erst ganze vier Wochen (!) später zu fallen. Wer klug genug war zu erkennen, wie brenzlig die Gesamtsituation geworden ist und auf diese Erkenntnis hin Short ging, musste entweder Nerven wie Stahlseile haben oder wurde mehrfach mit Verlust ausgestoppt. Fassen wir einfach mal zusammen, warum das immer wieder passiert:

Warum man mit „müsste eigentlich“ auf der Short-Seite unter die Räder kommt

Die Wende kommt fast immer später, als erfahrene Trader denken, weil die Mehrheit der Anleger wenig bis kein Fachwissen hat und es diese meist passiven Sparer sind, die den Trend bestimmen.

Da diese grosse Gruppe erst reagiert, wenn die Kurse bereits fallen, muss die Lage erst deutlich negativer werden, als man rein von der Logik her glauben möchte. Denn erst, wenn die grossen Adressen, die unabhängig(er) von den einfachen Anlegern reagieren können, massiv verkaufen, z.B. Banken im Eigenhandel oder Hedgefonds bzw. diese Klientel gezielt und massiv Short geht, wird die Lawine losgetreten. Und die warten gerne, bis sich die Anleger in Sicherheit wiegen und die ersten Short-Seller entnervt aufgegeben haben. Denn das führt oft dazu, dass die Kurse trotz negativer Gesamtlage noch einmal neue Hochs markieren. Dann lohnt es sich für diese grossen Trader richtig, gezielt den Trend abzuschiessen, indem sie massiv Short gehen.

Schlussfolgerung: Man sollte abwarten, bis diese grossen Akteure Short gehen. Damit wird klar: Mit „müsste eigentlich“, egal, ob man da dann auf Bilanzen, Konjunkturdaten oder Zinsen schaut, kommt man nicht weit. Die Kurse selbst gilt es zu beobachten. Nur anhand des Kursverhaltens kann man erahnen, ob sich da etwas tut. Sehen wir uns zunächst an, wie sich das Bild meist darstellt, wenn die „Grossen“ noch nicht bereit sind, zuzuschlagen. Das Chartbild der vergangenen zwei, drei Monate ist dafür ein Paradebeispiel:

Die Bären-Taktik: Beobachten, abwarten und dann aus dem Nichts angreifen

Börse aktuell: Schwächefälle im DAX häufen sich, doch werden derzeit sofort wieder aufgekauft | Online Broker LYNX

Ein ums andere Mal wurden seit April schwache Tage sofort wieder „weggekauft“. Das hat zum einen den Hintergrund, dass die Privatanleger an der Börse aktuell einfach immer weiter kaufen, wie auch seitens mehrerer Banken gemeldet wurde. Es hat aber auch damit zu tun, dass viele grosse Adressen im Fall eines echten, erneuten Baisseimpulses grosse Probleme bekommen würden, weil ihre Portfolios viel zu riesig sind, um einem solchen Abriss durch Verkäufe entkommen zu können. Wollten diese ganz grossen Fische auch nur fünf oder zehn Prozent ihrer Bestände verkaufen, würden sie dadurch den Kurseinbruch selbst auslösen, dem sie entkommen wollen. Daher versuchen sie, wackelnde Trends so lange zu stabilisieren, wie es irgend geht.

Aber das „Warum“ ist eigentlich nebensächlich. Wichtig ist: Wenn solche schwachen Tage sofort wieder aufgekauft werden, sind die echten Short-Seller noch nicht aktiv. Denn wäre es so, könnten sie Gegenbewegungen problemlos brechen und damit die Selbstsicherheit, die den Bullen momentan noch zu Eigen ist, in Panik verwandeln. Und genau darum geht es auch:

Die grossen Trader, die auf die Short-Seite switchen, wollen natürlich die Masse der Akteure als „Erfüllungsgehilfen“ sehen. Je länger eine Abwärtswende ausbleibt, je länger die Mehrheit glaubt, der Markt sei „unfallbar“, desto grösser werden die Verkäufe, wenn es wider Erwarten anders kommt. Diese Verkäufe sind es, die die Short-Positionen in die Gewinnzone tragen. Also geht man bei diesen grossen Adressen geschickt vor, nutzt die Schläfrigkeit scheinbar ungefährdeter Bullen. Und das sieht dann oft so aus:

Typische Indizien, die eine Short-Phase ankündigen können

Börse aktuell: DAX K.O. im Jahr 2008 durch 3 gezielte Treffer | Online Broker LYNX

Der scheinbar gegen das Platzen der Subprime-Blase immune DAX wurde Anfang 2008 mit drei gezielten Treffern in den K.O. geschickt. Erst wurde der Versuch, ein noch relativ kleines Doppeltopp zu verhindern, abverkauft. Danach ging es um die im Chart dick rot markierte, wichtige 200-Tage-Linie knapp darunter. Es schein, als gelänge es, diese Linie zu halten. Aber dann schlugen die Bären gezielt zu und sorgten dafür, dass dieser gleitende Durchschnitt deutlich brach. Dadurch ging es mit den Verkäufen der breiten Masse langsam los. Schnell ging es in die wichtige Supportzone 7.370/7.445 Punkte. Am 18. Januar 2008, dem Tag, auf den die unterste blaue Linie zeigt, schien es zuerst, als könnte man die Verkäufe abfangen. Der DAX stieg, lief bis 7.500 Punkte. Und das war genau der Moment, in dem die Bären den Sack zumachten. Es kam zu einem kräftigen Abverkauf, der den DAX an diesem Tag doch noch deutlich unter diese Unterstützungszone drückte. Und das war dann der Moment, an dem den vorher arglosen Anlegern die Nerven durchgingen. Die Subprime-Baisse war geboren.

Auf solche Chartstrukturen gilt es zu achten. Das sieht natürlich nie gleich aus. Entscheidend ist, dass Gegenbewegungen nach oben scheitern, wodurch die Zuversicht und Kaufbereitschaft der Bullen unterminiert wird. Das kann auch so aussehen:

Börse aktuell: Bären gewinnen im Jahr 2015 die Oberhand im DAX | Online Broker LYNX

Sukzessiv tiefer liegende Zwischenhochs machen erfahrenen Tradern deutlich, dass dem bullischen Lager sukzessiv das Geld und/oder die Zuversicht ausgeht, wie das im Frühjahr/Sommer 2015 der Fall war. Nachdem es im Juli erst einmal gelang, den DAX mit Schwung von der 200-Tage-Linie nach oben zu ziehen, dürften viele ihre Short-Pläne auf Eis gelegt haben. Es wurde aber sofort wieder interessant, denn es kam nach dieser Verteidigung der 200-Tage-Linie zu einer Korrektur und bald darauf zu einem erneuten Anstieg. Der „verhungerte“ aber unter dem vorherigen Hoch. Und das bedeutete: Die Bullen konnten die 200-Tage-Linie zwar verteidigen, mehr war aber scheinbar nicht drin. Wenn sich zeigt, dass die „Beute“ schwächer wird, werden die Bären aufmerksam … und aktiv. Das Ergebnis sehen Sie: Ein zweiter Test der 200-Tage-Linie wurde provoziert und der DAX diesmal nach unten durchgedrückt.

Ein paar Grundregeln für die „Bären-Rolle“

  1. Die Bullen wehren sich immer, oft, weil sie es müssen, da z.B. zu viele Long-Trades auf Kredit laufen, die Portfolios zu gross zum Weglaufen sind und, und, und. Erfahrene, grosse Trader wissen, wann sie eine Chance haben, diese Gegenwehr zu brechen. Man muss daher versuchen, zwischen reinen Verkäufen normaler Anleger und gezielten Short-Attacken zu unterscheiden. Abverkaufte Gegenreaktionen sind da ein typisches Indiz für aktive Short-Seller
  2. Drehen und stehen, sprich Long-Trades auf Verdacht und ohne explizite bärische Signale im Chartbild verkaufen und auf Short wechseln: Das kann vernichtend enden, wenn man zu früh agiert, zu viel Kapital einsetzt und dann auch noch ohne Stopps agiert. Erfolgreiche Bären agieren behutsam, vorsichtig, aus guter Deckung heraus. Das unterscheidet sie von den Bullen. Da so gut wie niemand immer bärisch agiert, bedeutet das: Wer imstande sein will, erfolgreich auf beiden Seiten zu agieren, muss auch imstande sein, sein Verhalten so umzustellen, dass man nicht mehr wie ein Bulle mutig (oder blind) voranstürmt, sondern auf der Short-Seite deutlich vorsichtiger ist.
  3. Abwärts geht es immer schneller, das muss man einkalkulieren. Und das gilt auch für die Gegenbewegungen nach oben innerhalb von Abwärtstrends. Was daran liegt, dass Bären, die Aktien leer verkaufen oder in den Futures in den Indizes Short gehen, ihren Gewinn nur mitnehmen können, indem sie die Gegenposition aufbauen und den Trade so schliessen. Das heisst: Sie müssen kaufen, Long gehen. Das trifft dann auf hoffnungsvoll kaufende Bullen, die dann glauben, das Tief sei erreicht. Oft laufen solche Gegenreaktionen in Abwärtstrends daher blitzschnell ab und reichen weit. Und manchmal, wie im Fall des März 2020, kommen die Short-Seller nicht zurück, siehe der folgende Chart. Daher muss man enge Stop Loss setzen, ggf. auch mal in noch fallende Kurse Gewinne mitnehmen, wenn man den Eindruck bekommt, der Hexenkessel brodelt schon stark genug oder es könnte ein Punkt erreicht sein, an dem viele Bären Gewinne mitnehmen, sprich kaufen wollen.

    Börse aktuell: Langfristige Super-Unterstützung löst im März 2020 Gegenreaktion des DAX aus | Online Broker LYNX

    Im Fall des März 2020 hätte ich selbst auch nicht erwartet, dass die Rallye einfach weitergeht, kein neuer Baisseschub mehr kommt. Im Nachhinein sieht man es nun, damals konnte man es nicht wissen. Daher muss man im Zweifel lieber zu früh aus Short-Trades rausgehen oder enge Stop Loss-Orders zur Absicherung platzieren und erst wieder Short gehen, wenn die Kurse erneut klar nach unten drehen, indem eine Rallye abverkauft wird.
  4. Das gemeinhin immense Tempo von Abwärtsimpulsen verleitet einen als Short-Seller dazu, den Zeitraster des Tradings auf sehr kurze Zeitspannen herunterzufahren. Da orientiert man sich schnell nicht mehr an Tagescharts, sondern geht auf die Stundenebene, in hektischen Phasen auf die 15-, die 5- oder gar die 1-Minuten-Ebene. Aber bedenken Sie, dass man das nicht lange durchhalten kann. Kurze Zeit kann man so mehr verdienen, sicher. Aber irgendwann lässt die Konzentration nach. Und dann wird es teuer. Bedenken Sie, dass die das Geschehen in solchen Phasen dominierenden computergesteuerten Handelsprogramme der grossen Trader nie müde werden und immer schneller sind als wir. Bleiben Sie daher besser bei überschaubaren Zeitrastern beim Trading.

Fazit: Nicht zu viel von sich selbst erwarten

Ist man ein perfekter Short-Seller, wenn man diese Tipps umsetzt? Sicher nicht. Es kommt immer wieder zu Konstellationen, die es so noch nie gab. Es gibt immer Situationen, in denen Nachrichten von aussen plötzlich ein scheinbar klares Szenario auf den Kopf stellen. Und niemand kommt auf Dauer ohne Fehler über die Runden. Aber das ist die Börse.

Am besten fährt man, wenn man sich dessen bewusst ist und weiss: Es kann nicht immer alles klappen. Es reicht, wenn am Ende des Monats mehr in der Kasse ist als zuvor. Sich auszurechnen, was man theoretisch alles hätte verdienen könnten, wenn man hier und dort gewusst hätte, was passieren wird … diese gefährliche Unart habe ich bereits vor über 20 Jahren überwunden. Wohl ein entscheidender Grund dafür, dass ich immer noch dabei bin.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 08.07.2021, marketmaker pp4

Die Jugend muss ihre eigenen Erfahrungen machen, sagt man. Da kann man Ratschläge erteilen wie man will, die Jungen glauben es nicht und machen es anders. An der Börse geht es dabei nicht um das Lebensalter, sondern um die Erfahrung als Anleger. Und selten, womöglich noch nie, kamen so viele „Junge“ an die Börse wie seit dem Corona Crash. Börsenlegende Warren Buffet richtete letzte Woche gezielt an diese Gruppe der Unerfahrenen den Rat: „Es ist nicht so leicht, wie es klingt“. Aber ob viele auf ihn hören werden?

Es gilt keineswegs für alle. Aber wenn man beispielsweise an Fahranfänger denkt, die gerade ihren Führerschein bekommen haben: Wie viele von ihnen glauben, mit dem „Lappen“ automatisch zum Rennfahrer qualifiziert zu sein? Oder wie ist es mit denen, die auf einmal entscheiden, zum Sportler zu werden: Runter vom Sofa … und sich gleich mal so übernehmen, dass es mehr schadet als nützt? Sich bei etwas Neuem zu überschätzen, ist keine Seltenheit. Für die Börse gilt das genauso. Vor allem, wenn man von Anfang an Gewinne erzielt und damit zu erkennen glaubt: Das ist ja ein Kinderspiel!

Wie bei Fahranfängern auch ist dieses Gefühl nur so lange gegeben, bis eine kritische, komplizierte Situation eintritt. Dann erst merken viele, dass sie bei Weitem nicht so souverän unterwegs sind wie gedacht. Manchmal ist es dann für Einsicht und Lernen zu spät – auch an der Börse. 2000 bis 2003, 2008/2009 waren solche Phasen, in denen viele, die dachten, es ist leicht, an der Börse Geld zu machen, dieses Geld verloren. Träume und Pläne platzten, viel kleinere Brötchen wurden gebacken. Die so ungewöhnlich vielen, die in den letzten fünf Quartalen neu an die Börsen kamen, haben diese kritischen Situationen nicht erlebt. Deswegen laufen sie Gefahr, ebenfalls Lehrgeld zahlen zu müssen.

Dass sie davon überzeugt sind, ihnen werde das nicht passieren, ist kein besonders gutes Argument. Das dachten die geschlagenen Neu-Investoren in den beiden vorherigen Eisdusche-Phasen nämlich auch. Das ist der Grund, warum sich sogar die Börsenlegende Warren Buffett genötigt fühlte, diese Einsteiger vor zu viel Leichtsinn und zu wenig Fachwissen zu warnen, indem er vor einigen Tagen betonte: „Es ist nicht so leicht, wie es klingt.“

An der Börse wird nicht geklingelt!

Aber wo soll denn der Fehler sein? Wo sollen denn die Gefahren lauern? Die Kurse steigen an der Börse aktuell doch? Schon. Aber bekanntlich nicht für immer. Und genau das ist es, womit man sich rechtzeitig beschäftigen sollte. Denn viele glauben: Wenn die anderen verkaufen, kann ich ja immer noch aussteigen. Diese „Taktik“ ist Murks. Denn das verleitet dazu, die Füsse hochzulegen und zu glauben, dass es reicht, aktiv und aufmerksam zu werden, wenn die Nachrichten melden, dass jetzt verkauft wird. So funktioniert es aber nicht.

Zum einen wäre es schon spät, womöglich zu spät, erst dann zu reagieren, wenn fallende Kurse in den Schlagzeilen auftauchen. Zum anderen kann man nie sicher sein, ob gerade das Hoch erreicht wurde und eine längere Baisse beginnt oder ob es sich, egal, wie kräftig das Minus ist, nur um eine kurze Korrektur handelt, die schnell neuen Rekorden weichen wird.

Börse aktuell: Entwicklung DAX im Jahr 2020 | Online Broker LYNX

Was Warren Buffett mit dieser Warnung mitteilen will, ist: An der Börse wird nicht geklingelt, wenn der beste Zeitpunkt zum Kaufen und zum Verkaufen erreicht wird. Da hängt kein Zettel an einem Index, auf dem steht „in Kürze erreichen wir unser Reiseziel“, so dass man schon mal die Koffer in die Hand nehmen und zum Ausgang marschieren könnte. Was die meisten Anleger – und die noch Unerfahrenen naturgemäss erst recht – unterschätzen, ist die Unberechenbarkeit des Mediums, dem sie ihr Geld anvertrauen. Die Börse bewegt sich als Reaktion auf die Aktivitäten der Anleger. Und das macht die Sache knifflig.

Denn nie agieren alle zugleich, so dass man nicht wissen kann, was diejenigen morgen vielleicht tun werden, die heute nicht ge- oder verkauft haben. Werden diese unsichtbaren Akteure die Tendenz morgen drehen? Oder intensivieren? Ein Rücksetzer kann sich zu einer grösseren Korrektur auswachsen … oder auch nicht. Eine Korrektur kann in eine Trendwende und diese in eine Baisse übergehen … oder auch nicht. Gleiches gilt, wenn die Kurse am Boden liegen. Ein, zwei starke Tage können der Beginn der Aufwärtswende sein … oder nur eine Gegenreaktion, bevor alles auf neue Tiefs absackt. Der erste Chart zeigt die Phase im März 2020. Sicher, im Nachhinein sieht das einfach aus. Einfach kaufen und die Gewinne laufen lassen. Aber was, wenn es so kommt wie im folgenden Fall aus dem Jahr 2008?

Börse aktuell: Scheinbare Wendepunkte im DAX im Jahr 2008 | Online Broker LYNX

Man darf es gern optimistisch sehen: Eines Tages kommt die Wende – aber bis dahin eben nicht!

An der Börse trifft man immer „Entscheidungen unter Unsicherheit“. Das ist es, was nahezu alle Neueinsteiger unterschätzen. Das ist es, was Warren Buffett mit seiner Warnung hervorheben will.

Dass der Aktienmarkt schwieriger zu beherrschen und riskanter ist, als es in einem scheinbar ewigen Aufwärtstrend den Anschein hat, ist aber kein Grund, ihm fernzubleiben. Man muss nur erkennen, dass man immer auf der Hut sein sollte. Wer verstanden hat, dass man sich stets auf unsicherem Terrain bewegt, dass niemand sicher vorhersagen kann, was morgen, in einer Woche oder gar in einem Jahr sein wird (das Tückische ist, dass viele das behaupten und den Neueinsteigern dabei erzählen, was die gerne hören wollen), der hat schon einmal das grösste Risiko im Griff: Unwissenheit.

Wer die Risiken kennt, profitiert genauso von einer Hausse wie jemand, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat und einfach nur den Sprüchen der Dauer-Bullen folgt, sich nicht absichert und zugleich das Risiko immer weiter steigert. Die Spreu trennt sich erst dann vom Weizen, wenn die Sache schiefgeht, der Markt kippt. Wer weiss, wie knifflig es dann wird, handelt besonnen und vorsichtig. Die Leichtsinnigen hingegen gehen baden. Und nicht nur das:

Wer die Börse verstanden hat, reagiert flexibel, klammert sich weder an eine vom eigenen Depotbestand diktierte Meinung noch hat der Besonnene ein Problem damit, auch mal einen Verlust hinzunehmen. Wer durchblickt und versteht wie die Börsen bzw. die Menschen ticken, die an ihnen agieren, kann auch in einer Abwärtsbewegung verdienen, indem man von Long auf Short umschwenkt und bestehende Aktienbestände zeitgerecht in defensivere Aktien mit solidem Fundament umschichtet.

Es gibt also keinen Grund, ob der grossen Gefahren, die sich hinter dieser scheinbar ewigen Hausse verbergen, schwarz zu malen. Eines Tages wird die Party vorbei sein. Aber an allen Tagen vorher eben nicht.

Mitschwimmen, dabei aber immer den Rettungsring in Griffweite haben, das ist kein Pessimismus, sondern die nötige „kaufmännische Vorsicht“. Vorsichtige Bullen können problemlos zu fröhlichen Bären werden. Unvorsichtige Bullen nicht.

Die Letzten beissen die Hunde

Ein Aspekt, den Neueinsteiger selten wahrnehmen und der auch vielen schon länger investierenden Anleger nicht bewusst ist, ist, dass die Börse im Prinzip wie ein Schneeball-System funktioniert: Wer als letzter kauft, zahlt in der Regel die Zeche. Wieso? Weil Geld nicht endlos vorhanden ist. Und weil, was an der Börse aus dem Nichts an Gewinn aufläuft, auch wieder zu Nichts werden kann. Es sieht nur so aus. Man muss sich das einfach mal bildlich vorstellen.

Seit dem Tief im März 2020 saugt der Aktienmarkt immense Geldsummen an. Die Kurse steigen an der Börse aktuell gewaltig. Richtig ist aber – und auch dessen muss man sich bewusst sein – dass die explodierende weltweite Marktkapitalisierung nicht alleine durch neu zufliessendes Geld entsteht. Beispiel:

Wenn es von einem Unternehmen 1.000 Aktien gibt und diese gestern bei 100 standen, hätte das Unternehmen eine Marktkapitalisierung (oder „Börsenwert“) von 100.000 Euro. Es reicht, wenn dann heute nur 10 Aktien umgehen, die, weil die Nachfrage höher ist als das Angebot, zu einem höheren Kurs von 110 gekauft werden. Dann haben auch die 990 nicht gehandelten Aktien auf einmal einen Kurs von 110, der Börsenwert des Unternehmens beträgt dadurch auf einmal 110.000 Euro. Aber!

Dieses Geld ist ja nicht „echt“. Diejenigen, die diese Aktien halten, haben keinen wirklichen Gewinn gemacht. Es ist ein „Buchgewinn“, mehr nicht. Erst, wenn es möglich wäre, dass alle, die diese Aktien halten, diese auch zu 110 Euro verkaufen könnten, wäre dieser Gewinn wirklich real, weil das Geld auf dem Konto ist. Und genau das ist etwas, das vielen nicht klar ist:

Wollten alle aussteigen und die grossen Gewinne, die sie gemacht haben, wirklich realisieren, würden diese zerplatzen wie eine Seifenblase, denn damit das gelingt, müsste es auch entsprechend viele Käufer geben, die alles zu dem letzten Kurs aufnehmen. Und das ist eben nicht so.

Wir haben eine Phase mit extrem vielen Neueinsteigern gesehen, die ihr Erspartes in Aktien gesteckt haben. Eine Hausse, die immens weit geführt hat und einen Boom, der auch die Grösse des Aktienmarkts an sich aufgebläht hat. Da ist es auszuschliessen, dass da so unglaublich viele Anleger bereit stehen, zu Höchstkursen zu kaufen, dass noch so viel freies Kapital vorhanden wäre, dass ein Kurseinbruch vermeidbar wäre, wenn zu viele zur selben Zeit aussteigen wollten.

Und je später man kauft, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Boot voll ist, dem Markt die nötigen Käufer ausgehen, um einen kapitalen Kursrutsch zu verhindern, falls zu viele zur selben Zeit durch einen zu engen Ausgang wollen. Die Letzten beissen die Hunde, das ist ein Spruch, der für die Börse perfekt passt.

Der Geld-Staubsauer läuft auf Hochtouren

Das gilt umso mehr, wenn die Risikobereitschaft steigt, das Fachwissen aber nicht. Das Volumen der Börsenkredite steigt stetig. D.h. immer mehr Marktteilnehmer investieren auf Pump. Alleine für die Sicherheitsleistungen für Derivate-Spekulationen lag das Kreditvolumen in den USA bis Ende Mai (auf die Juni-Daten, die bald kommen, dürften wir gespannt sein), bei unglaublichen 862 Milliarden US-Dollar.

Börse aktuell: Entwicklung der Börsenkredite in den USA von 1985 bis 2021 | Online Broker LYNX

Und immer mehr Unternehmen „ziehen“ sich Geld aus den Anleger-Ersparnissen, indem sie neu an die Börse gehen. Ein Phänomen, dass wir 1999/2000 auch schon gesehen haben. Bis jetzt sind in den USA im laufenden Jahr 589 Unternehmen neu an die Börse gegangen. Das ist jetzt schon ein Rekord für ein Halbjahr. 2020 sahen wir bereits untypisch viele Börsengänge in den USA (480). 2000 waren es 397, 1999 856. In den Jahren dazwischen viel, viel weniger. Dieser alte Rekord aus dem Jahr 1999 dürfte dieses Jahr fallen. Und alleine die US-Börsengänge des ersten Quartals haben dabei 129 Milliarden US-Dollar „aufgesaugt“.

Es ist kein Zufall, dass die Zahl der Börsengänge (engl. Initial Public Offering oder IPO) damals, 1999/2000, so hoch war. Die Unternehmen nutzten die Gelegenheit, dass die Anleger euphorisch waren und ihnen das Geld locker in der Tasche steckte, um eben dieses Geld einzusammeln und dabei besonders gute Preise für ihre Aktien herauszuschlagen. Damals endete das böse. Warum sollte das diesmal denn anders kommen?

Besonders verblüffend bei diesem „Geldstaubsauger-Phänomen“ ist dabei die Häufung der sogenannten SPACS. Sie dominieren mittlerweile in den USA die Börsengänge (in Europa spielen sie erfreulicherweise noch keine Rolle). Das ist ein Signal dafür, dass Leichtsinn und Unwissenheit langsam in den roten Bereich vorgedrungen sind. Denn was ist ein „SPAC“?

Börse aktuell: Entwicklung der Anzahl von SPACs in den USA von 2003 bis 2021 | Online Broker LYNX

SPAC ist die Abkürzung für „Special Purpose Acquisition Company“. Das bedeutet, dass eine Person oder Gruppe als eine Art „Mantelgesellschaft“ an die Börse geht und dadurch Geld bei Anlegern einsammelt, um mit diesem Geld ein nicht börsennotiertes Unternehmen zu kaufen und es in diesem „Mantel“ dann an die Börse zu bringen. D.h. zuerst fliesst Geld. Dann erst wird entschieden, welches Unternehmen gekauft wird, denn das ist ja abhängig davon, wieviel Geld zusammenkommt. Und das muss sich dann erst einmal als guter Kauf erweisen und an der Börse überleben. Kurz: Die Geldgeber kaufen die Katze im Sack.

Dass das mittlerweile in den USA boomt, ist neben dem Anstieg des Zockens auf Pump nicht nur ein weiterer Beleg, dass Gier und Leichtsinn an der Börse aktuell Besonnenheit und Fachwissen ersetzt haben. Es zeigt auch, wie viel Geld in letzter Zeit neu an die Börse geflossen ist. Und dieser Strom ist nun einmal endlich, wodurch der „Notausgang“ in Form von Anlegerkapital, das bereit stünde, um im Fall abwärts drehender Kurse den Abstieg mit Käufen aufzuhalten, sukzessiv kleiner wird.

Fazit: Optimist sein ist gut … wenn man es auf sich selbst bezieht!

Und vergessen wir nicht, was alles an Geld in die Kryptowährungen wandert. Da muss man sich in der Tat fragen: Wie viel freies Kapital wartet noch auf seinen Einsatz, wie viel ist längst im Markt drin? Wobei man nicht einfach mit dem insgesamt grundsätzlich vorhandenen Vermögen der Menschen rechnen kann. Denn egal, wie irre eine Boomphase ist: Es wird immer viele geben, die von Aktien die Finger lassen, die ihr Geld in Anleihen oder Gold belassen, auf andere Bereiche wie Gemälde, Münzen etc. ausweichen oder auch einfach eine grosse Barreserve für Anschaffungen halten wollen oder müssen. Wann genau das Boot voll ist, weiss niemand. Und ja, solange es nicht kentert, kann man gerne dabei bleiben. Wichtig ist nur eines:

Im Gegensatz zu den (aus eigener Erfahrung unglaublich vielen) völlig Ahnungs- und Arglosen muss man wissen, was da läuft. Man muss verstehen, dass Kursgewinne nur Buchgewinne sind, dass eine Hausse frisches Geld und immer noch weitere neue Anleger braucht, um weiterzugehen und dass die letzten, die ins Boot einsteigen, auch diejenigen sind, die „ganz oben“, zu extrem hohen Kursen, kaufen.

Man muss wissen, dass die Börse keine exakte Wissenschaft ist, dass man das Verhalten der Menschen nicht vorhersagen kann, weil Emotionen und nicht Computer das Tun bestimmen.

Wenn man das weiss, hat man alles, was man braucht, um aus dem Boot heraus zu sein, bevor es kentert und, wenn man womöglich Short geht, sogar in einem brandneuen Boot zu sitzen. Dann kann man in der Tat grundsätzlich Optimistisch sein. Aber nicht in der Form, dass man ohne Ahnung, aber mit viel Hoffnung und Gier „optimistisch“ wäre, dass die Kurse immer höher steigen. Sondern man darf optimistisch sein, genug zu verstehen, um auch dann das Richtige zu tun, wenn die meisten anderen die Kontrolle verlieren!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 02.07.2021, marketmaker pp4

Wenn die Börsen auch dort Schlagzeilen machen, wo sie normalerweise kein Thema sind, wenn die Aktienmärkte rasant von einem Rekord zum nächsten steigen und es heisst, dass die Anleger noch nie besserer Stimmung waren, erhöhen erfahrene Investoren nicht ihre Long-Exposition und lehnen sich entspannt zurück. Sie werden unruhig – und das zu Recht. Die Disziplin, die sich mit den Tücken der Marktstimmung befasst, nennt sich „Behavioural Finance“. Die heutige Kolumne bietet eine kurze Zusammenfassung dessen, was Sie darüber wissen sollten.

Wer sich der Börse in der Erwartung nähert, hier klare Parameter vorzufinden, anhand denen man einschätzen kann, wann es an der Zeit ist zu kaufen oder auszusteigen, wird schnell an einem Faktor verzweifeln: am Verhalten der Anleger. Sie sind der Filter zwischen den Fakten in Form von Konjunkturdaten, Unternehmensbilanzen oder Zinsveränderungen und den Kursen selbst.

Es ist schon knifflig, aus der Flut der Daten, die die Rahmenbedingungen liefern, die Konjunkturentwicklung der kommenden Monate zu prognostizieren, denn es tauchen immer wieder unvorhergesehene Einflussfaktoren auf, die eine Prognose auf den Kopf stellen. Corona ist da ein gutes, beileibe aber nicht das einzige Beispiel in der Börsengeschichte. Aber wenn es darum geht einzuschätzen, was die Anleger als diejenigen, die mit ihren Kauf- und Verkaufsentscheidungen zwischen den Fakten und der Kursentwicklung stehen, tun, da wird der alte Spruch nur umso wahrer: Die Börse ist keine exakte Wissenschaft. Den „homo oeconomicus“, der über alle Fakten verfügt und konsequent entsprechend der Logik handelt, gibt es nicht. Das gilt für die Vergangenheit und auch für die Börse aktuell.

Wissen, was nicht geht

Doch so ganz blind ist man auch in Sachen Anlegerverhalten, dem „Behavioural Finance“, nicht. Man muss nur mit der nötigen Demut an die Sache herangehen und sich darüber im Klaren sein, dass der Mensch nicht durch Formeln in ein berechenbares Verhalten zu pressen ist. Nicht als Masse, nicht als Individuum. Man muss sich diesem Ansatz des „Behavioural Finance“ deshalb nähern, indem man versteht, was er nicht kann: Das zukünftige Anlegerverhalten sicher vorherzusagen. Vom Timing mal ganz zu schweigen. Aber:

Wenn man das erkennt, ist man schon einmal viel weiter. Man versteht, dass nicht die Konjunkturdaten oder die Notenbanken, sondern die emotional getriebenen Menschen die Kurse bewegen und damit die Trends „machen“. Und dass man genau deshalb an der Börse immer, ob man nun kauft oder verkauft, Entscheidungen in der Ungewissheit ihrer Richtigkeit treffen muss. Denn was die wilde Hatz, die gestern die Kurse durch die Decke trieb oder in Grund und Boden verkaufte, morgen tun wird, ist schwer … oder besser: gar nicht … prognostizierbar. Das mag jetzt für viele weniger erfahrene Anleger ziemlich schwach und/oder demotivierend klingen, ist es aber nicht:

Zu wissen, was nicht geht, ist ein entscheidender Schlüssel zum Erfolg!

Wie Anleger „ticken“

Das Anlegerverhalten ist vor allem von Emotionen bestimmt: Den eigenen Erwartungen und Hoffnungen, die wiederum immer direkt mit dem eigenen Depotbestand zusammenhängen. Und von der daraus resultierenden Filterung der einlaufenden Informationen. Man neigt dazu, Nachrichten, die entsprechend der eigenen Markterwartung günstig sind, in ihrer Relevanz zu überhöhen und negative, sprich „unpassende“ Nachrichten kleinzureden oder gar komplett auszublenden. Was dabei herauskommt, ist ein rein subjektives Bild der Lage. Und dieses subjektive, von den eigenen Ansichten verzerrte Bild ist es, das die Akteure zu Aktionen veranlasst. Wer könnte, wenn er ehrlich zu sich selbst ist, behaupten, selten oder nie so gedacht und gehandelt zu haben?

Das bedeutet, dass es zwar ohne Zweifel sinnvoll ist, die tatsächliche Lage zu kennen. Aber eben weil es diesen objektiv handelnden „homo oeconomicus“ nicht gibt, sind es die Emotionen der Anleger, an denen man ansetzen muss. Man muss verstehen, wie die Anleger gerade ticken, wenn man den Markt „erfühlen“ will.

Die „grossen Adressen“ müssen den Emotionen der Masse folgen

Einschränkend gilt es hervorzuheben: Dem grossen Lager der emotional handelnden Akteure stehen die computergesteuerten Handelsprogramme der grossen Adressen gegenüber, die grundsätzlich auf Basis von chart- und markttechnischen Faktoren agieren und über die Jahre immer mehr Anteil am Börsenumsatz erlangen. Aber sie irritieren normalerweise nur auf der ganz kurzfristigen Ebene. Da dominieren sie … aber was den übergeordneten Trend angeht, sind es die Emotionen der breiten Masse, die die Richtung vorgeben.

Auch, weil z.B. eine sehr zuversichtliche Anlegerschaft regelmässig Geld in den Aktienmarkt pumpt, das zu einem grossen Teil bei den grossen Adressen wie Fonds oder ETFs landet, die keine andere Wahl haben, als dieses zufliessende Kapital zeitnah anzulegen. Sie sitzen daher im selben Boot, egal, ob die Experten dort besorgt die Stirn runzeln oder nicht. Solange der Strom des Geldes weiter fliesst, ist ein Aufwärtstrend normalerweise robust.

Warum die Stimmung zum Kontraindikator werden kann

Eine grundsätzlich optimistische Stimmung der Mehrheit der Anleger ist daher eine tadellose Vorlage für weiter steigende Kurse. Die Sache ist indes wackliger, wenn sich dieser Optimismus gegen negative Rahmenbedingungen stemmt und nur das unterbewusste Ausblenden der „bad news“ die gute Stimmung aufrechterhält. Denn da kann es jederzeit sein, dass das Mass voll ist, die Last negativer Einflüsse so gross wird, dass die Akteure sie eben doch wahrnehmen und reagieren. Aber es kann lange dauern, bis das passiert … was auch der Grund ist, warum gerade Aufwärtstrends oft viel länger anhalten, als man das angesichts der Gesamtsituation der Wirtschaft vermuten würde … wenn man den Aspekt der „Behavioural Finance“ nicht berücksichtigt.

Kritisch wird es aber dann, wenn die Stimmung extrem positiv (oder in einer Baisse extrem negativ) wird. Der Grund ist eigentlich einfach, man muss nur darauf kommen – was übrigens für alles in der „Behavioural Finance“ gilt:

Der alte Börsenspruch „die Stimmung ist am Hoch am besten“ trifft den Nagel dabei auf den Kopf. Wer wäre denn bullisch und hätte zugleich sein Geld auf dem Konto belassen oder wäre sogar Short? Niemand. Und daraus lässt sich ableiten: Je mehr und je extremer die Anleger bullisch sind, sprich mit weiter steigenden Kursen rechnen, desto mehr sind eben auch schon investiert – und das meist voll. Daher rückt in solchen Situationen der Zeitpunkt näher, an dem dem Markt die Käufer ausgehen. Es beginnt die Phase, in der die „SE-Bullen“ zu zahlreich werden.

Das grosse Fragezeichen: Die Zahl der „SE-Bullen“

„SE“ ist die Abkürzung für „someone else“. Gemeint sind Anleger, die längst bis über die Halskrause investiert sind und deswegen, natürlich, mit weiter steigenden Kursen rechnen. Nicht, weil die Marktlage das hergeben würde, das wird meist gar nicht hinterfragt. Sie rechnen damit, weil sie noch mehr Gewinn erzielen wollen: Ihr Depotbestand bestimmt ihre Erwartungen. Aber da sie längst voll dabei sind, müssten andere kaufen, um ihre Positionen tiefer in die Gewinnzone zu tragen, also „somenone else“. Ist die Zahl dieser Akteure zu gross, kann das aber nicht funktionieren, es sind einfach zu wenige Käufer übrig. Und das ist der Moment, in dem es knifflig wird. Der Haken dabei:

Ob der Optimismus bereits gefährlich hoch ist und dabei die Zahl der „SE-Bullen“ einen brenzlig hohen Anteil hat, ist nur grob zu erahnen. Denn ja, natürlich werden regelmässig Umfragen durchgeführt, die genau das ermitteln sollen. Aber die sind nicht wirklich zuverlässig, aus mehreren Gründen:

Zunächst erreichen solche Umfragen fast nur erfahrene Investoren, die sich mit der Materie Börse intensiv auseinandersetzen und nicht die unerfahrenen Akteure, deren Stimmungslage und Investitionsgrad zu ermitteln besonders wichtig wäre. Zum anderen kann niemand wissen, wie viele, die nicht nur von der Umfrage erreicht werden, sondern auch teilnehmen, die Wahrheit sagen. Denn wer weiss, dass eine zu gute Stimmung ein Kontraindikator ist und zugleich will, dass die Kurse weiter steigen, verkleidet sich bei solchen Umfragen gerne als „Bär“, um seinen Teil beizutragen, damit eben kein überhitzter Optimismus ermittelt wird.

Die Experten haben auch keine Glaskugel

Wirklich sicher sagen kann man also nie, ob ein Trend noch solide ist, weil ein moderater Optimismus mit der nötigen Portion Vorsicht die Grundlage für noch länger anhaltende Käufe bildet – oder aber zu viele längst zu hoch investiert sind. Aber es gibt doch den einen oder anderen Indikator, den man dahingehend im Auge behalten sollte. Zuerst aber zu einem, von dem man glauben könnte, dass er besonders zuverlässig wäre … und der genau das nicht ist: die Meinungen der Experten.

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung Dow Jones mit der Expertenstimmung von 2014 bis 2021 | Online Broker LYNX

Wenn man sich vorstehenden Vergleich zwischen dem Verlauf des Dow Jones und dem Anteil bullisch gestimmter Experten ansieht, könnte man denken, dass deren Einschätzung tadellos ist, denn die beiden Linien laufen ziemlich parallel. Das Problem offenbart sich, wenn man genauer hinschaut, indem man sich einen kurzfristigeren Zeitraum genau anschaut:

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung S&P 500 mit dem Anteil bullischer Experten von 2019 bis 2021 | Online Broker LYNX

Hier sehen wir, dass es durchaus auffällige Diskrepanzen gibt. So hat das Stimmungstief bei den Experten im Frühjahr 2020 deutlich hinter dem Wendepunkt des US-Aktienmarkts nach oben gelegen. Und aktuell bröckelt der Optimismus der Experten ab, der Aktienmarkt steigt aber einfach weiter. Woran liegt das?

Einfach daran, dass auch diese Experten nicht imstande sind, in die Köpfe der Anleger hinein zu sehen. Sie können dieses unberechenbare Element zwischen Daten und Kursen eben nicht greifen. Dass die Experten der Wende im März 2020 hinterherliefen lag daran, dass diese Wende nicht mit einer Verbesserung der Lage einherging. Es waren zuerst Eindeckungen, dann Hoffnungskäufe … aber die Daten an sich gaben diese Rallye eben damals nicht her.

Derzeit werden die Experten skeptischer, weil sie sehr wohl die Gefahr erkennen, die von einer Schuldenblase mit einer zeitgleich ausufernden Inflation ausgeht. Aber die meisten Anleger können oder wollen diese Gefahr an der Börse aktuell nicht sehen – und kaufen weiter.

Aber es gibt durchaus einige Daten, die andeuten, ob das Boot der Bullen bereits übervoll ist, dem Markt über kurz oder lang die Käufer ausgehen könnten und ob der Aktienmarkt die Realität zu sehr ausblendet. Drei Beispiele:

Indikationen, die man im Auge behalten sollte

In Sachen Realitätsbezug ist es definitiv so, dass die grossen Investoren am Anleihemarkt grundsätzlich erfahrener und besonnener agieren und die Rahmenbedingungen engmaschiger in ihr Handeln einbeziehen als die Masse der Anleger am Aktienmarkt. Daher ist es immer gut, sich bei haussierenden Aktienmärkten anzusehen, ob diese Risikobereitschaft auch bei den Anleihen existiert. Wenn nicht, wird es Zeit, mit offenen Augen zu schlafen. Eine gute Indikation für den Grad der Risikobereitschaft bei den Bonds ist der „Barron’s Confidence Index“.

Börse aktuell: Entwicklung Barron’s Confidence Index zur Abschätzung der Risikobereitschaft von 2005 bis 2021 | Online Broker LYNX

Dieser Index der US-Börsenzeitschrift „Barron’s“ indiziert die Differenz zwischen den Renditen erstklassig bewerteter US-Anleihen und solchen mit nur mittlerer Bonität. Wenn die Differenz der Renditen zwischen diesen beiden Bonitäten geringer wird, lässt das „Risikohunger“ erkennen, d.h. dann kaufen die Akteure gerne höher verzinste, dafür aber riskantere Anleihen, weil sie das höhere Gewinnpotenzial über das höhere Risiko stellen. In solchen Fällen würde der Index nahe bei 100 liegen. Sie sehen: Das war zwar vor der Corona-Krise der Fall, aber seither agiert man mit deutlich höherer Vorsicht, sprich geringer Risikobereitschaft. Während man am Aktienmarkt seit über einem Jahr „all in“ auf Hausse spekuliert, ist die Vorsicht am Anleihemarkt geblieben. Diese Divergenz ist ein Warnsignal.

Auch wichtig ist ein Blick auf das Volumen der „Margin Debt“, d.h. der Kredite, die aufgenommen wurden, um als Sicherheitsleistung für Derivate-Geschäfte zu dienen. Diese Börsenkredite schrauben sich immer höher, wobei auffällt:

Börse aktuell: Entwicklung der US-Kredite zur Hinterlegung von Sicherheitsleistungen im Derivatebereich von 1985 bis 2021 | Online Broker LYNX

In jeder Krise krachen diese Kredite dann zwar ruckzuck weg, weil den Zockern die Sicherheit in Form ihrer Derivate-Trades wegschmilzt, aber nach jeder dieser Einbrüche ging es früher und steiler wieder nach oben mit diesem Symbol der Risikobereitschaft. Diese derzeit wie eine Fahnenstange steigenden Kredite deuten an, dass der Grad des Leichtsinns mittlerweile immens hoch ist. Und je höher diese Kredite, desto dünner ist das Eis, wenn die Kurse kippen sollten. Denn diese Zocker haben gerade wegen der auf Kredit laufenden Sicherheiten keine Chance, einen grösseren Rücksetzer auszusitzen: Die müssen dann verkaufen und würden damit den Druck massiv erhöhen. Zum Vergleich: Vor dem Crash 1929 lag das Volumen der Margin Debt bei ca. acht Milliarden US-Dollar. Heute hat ein US-Dollar zwar nur noch ein Zehntel der Kaufkraft von damals. Aber die Börsenkredite liegen nicht zehn- sondern über hundertmal höher.

Das letzte Beispiel für Daten, die man immer beobachten sollte, ist das Verbrauchervertrauen. Normalerweise gibt es zwischen dem Verbrauchervertrauen und dem Aktienmarkt eine enge Korrelation, die auch durchaus logisch ist:

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung S&P 500 mit dem US-Verbrauchervertrauen von 1995 bis 2021 | Online Broker LYNX

Sind die Verbraucher guter Dinge, heisst das: Sie haben gute Jobs, verdienen gut, sind hinsichtlich der der Zukunft optimistisch. Ist das so, ist man normalerweise auch gegenüber den Chancen am Aktienmarkt optimistisch. Doch da sehen wir jetzt eine bemerkenswerte Divergenz. Zwar hat sich das hier gezeigte US-Verbrauchervertrauen von den Tiefs im Frühjahr 2020 spürbar erholt, liegt aber noch lange nicht auf dem Niveau, das wir vor der Corona-Krise gesehen hatten. Der Aktienmarkt aber ist bereits weit über diesen Level hinaus geschossen. Das deutet an, dass da an der Börse aktuell nicht unbedingt die Breite der Bevölkerung hinter der Super-Hausse steht – auch das ist ein Warnsignal.

Behavioural Finance und Timing

So wichtig es ist zu erforschen, wie die Anleger ticken, wie viel Substanz hinter einer Hausse (oder einer Baisse, klar) steht: Hier werden positive oder negative Indizien generiert, keine absoluten Kauf- oder Verkaufssignale. Schieflagen können sich lange hinziehen, so dass jemand, der alleine auf Basis von Behavioural Finance agiert, schnell verzweifeln kann. Es geht nur darum zu erkennen, wann es an der Zeit ist, besonders vorsichtig und wachsam zu sein. Was hier und heute in jedem Fall gilt. Aber:

Das konkrete Timing für den Ausstieg oder auch nur das Signal, Positionen auf der Long-Seite nicht mehr auszubauen, sollte man aus einem Pool an Werkzeugen ermitteln. Keine Lehre, sei es die Fundamentalanalyse, Behavioural Finance, die Charttechnik oder die Markttechnik, ist unfehlbar und würde alleine ausreichen, um erfolgreich zu agieren. Nutzen Sie, was Sie bekommen können, um sich zu orientieren … wobei die unmittelbaren Signale, die Segel zu setzen oder aber zu reffen, vor allem von der klassischen Charttechnik in Kombination mit der Candlestick-Analyse kommen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 24.06.2021, marketmaker pp4

Es sollte eine „Politik der ruhigen Hand“ sein, was die US-Notenbank am Mittwoch verkündete. Aber die positive Reaktion der Märkte blieb aus, trotz der Sogwirkung der kurz darauf anstehenden Terminmarkt-Abrechnung. Und die Investoren sind an der Börse aktuell zu Recht eher beunruhigt als beruhigt, denn die „Fed“ könnte sich und den Investoren mit ihrer Passivität nach hinten hinaus ernste Probleme einbrocken.

Zinssenkungen können nie früh genug kommen, Zinserhöhungen nie zu spät, wenn es nach dem Willen der Spekulanten geht. Schliesslich geht es dem Aktienmarkt dann am besten, wenn das Wachstum ungebremst laufen kann und das Geld reichlich verfügbar und günstig ist. Inflation ist dabei ein Aspekt, der relativ selten auf dem Zettel der Investoren-Probleme steht. Denn zunächst steht für die Anleger da die Formel “höhere Preise = höhere Unternehmensgewinne“.

Aber diese Formel geht nicht auf, wenn die Preise vor allem für die Unternehmen steigen, sie nicht imstande sind, das vollständig auf Zulieferer und Verbraucher abzuwälzen. Und wenn die ungeliebten Gegenmassnahmen der Notenbanken so spät beginnen, dass sie nach hinten hinaus radikal werden müssen, um den Preisauftrieb zu stoppen und dann als Nebenwirkung das Wachstum abwürgen.

Die US-Notenbank ist auf dem besten Weg, sich in diese Situation zu bringen. Und die EZB wird in deren Kielwasser bleiben und das Zaudern der „Fed“ als Ausrede missbrauchen, warum man nichts unternommen hat, während man auch in der Eurozone Probleme mit der Inflation bekommt. Mit einer Inflation, die derzeit noch viel zu niedrig wirkt, um der Europäischen Zentralbank Versäumnisse unterstellen zu können.

Was hat die US-Notenbank wirklich beschlossen?

Auf den ersten Blick ist die „Fed“ vor den Hoffnungen der Bullen eingeknickt und unternahm gar nichts, liess die Inflation also einfach weiter laufen, obwohl die mittlerweile bei fünf Prozent liegt und die Erzeugerpreise 6,6 Prozent über dem Mai 2020 liegen. Daraus konnte, wer sich mit diesem „ersten Blick“ begnügte, interpretieren:

Die US-Notenbank opfert die Preisstabilität auf dem Altar des Wachstums oder besser: auf dem Altar der Schuldenblase. Denn auch nur moderat höhere Leitzinsen, ein Level von vielleicht zwei oder drei Prozent, würde eine hohe Wahrscheinlichkeit einer Welle an platzenden Krediten und einem schnellen Rückgang des Konsums bergen, sprich: Man würde das Wachstum abwürgen, das gerade jetzt nicht abgewürgt werden darf, weil zu viele noch arbeitslos sind, von denen es viele auch so schon bleiben werden. Und weil einem China im Nacken sitzt und die Eurozone als wirtschaftlicher Konkurrent auf Distanz gehalten werden soll.

Zaudern und Tändeln, wo Konsequenz nötig wäre, das hat die „Fed“ bereits öfter getan. Der folgende Chart seit den Siebzigerjahren zeigt, dass das aber, wenn man zu lange gewartet hatte, dramatische Zinserhöhungen nach sich zog. Was man nicht gleich erledigt, türmt sich nach hinein hinaus eben zu einer kaum zu bewältigenden Aufgabe auf. Da ist dann die Brechstange nötig, weil man sich vorher nicht zu sensiblen, kleinen Schritten hatte durchringen können. Immer war es die Angst, das Wachstum könnte massiv darunter leiden. Und am Ende wurde immer eine Rezession daraus, weil die Zinsen zu schnell zu weit angehoben werden mussten, um die ausufernde Inflation zu stoppen

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung der US-Leitzinsen mit der US-Inflationsrate von 1976 bis 2021 | Online Broker LYNX

Nun konnte, wer genauer hinsah, erkennen, dass die US-Notenbank durchaus versuchte, Hand in Hand mit ihrem aktuellen Nichtstun Handlungsbereitschaft zu suggerieren. Die Inflationsprognose per Ende 2021 wurde von den 2,4 Prozent, die man noch im März voraussagte, auf 3,4 Prozent angehoben und mitgeteilt, dass die aktuelle Geldpolitik so lange beibehalten werde, bis die Inflation eine Zeitlang moderat über zwei Prozent liege. Damit wiederholte man zwar eigentlich nur das derzeitige, aufgeweichte Inflationsziel. Aber bei aktuell 5,0 Prozent Inflation und einer Inflationsprognose von 3,4 Prozent für Dezember 2021 kann man sich leicht ausrechnen, dass das definitiv als eine „Zeitlang“ anzusehen und mehr als „moderat“ wäre. Also?

Also würde, wenn sich in Sachen Preisauftrieb keine rasante Besserung ergibt, in der nächsten Sitzung in sechs Wochen als erster Schritt eine Verringerung des Volumens der Anleihekäufe avisiert … z.B. von den aktuell 80 Milliarden US-Dollar pro Monat auf 60 … und das dann wiederum sechs Wochen später umgesetzt. Aber dann haben wir bereits September. Und wenn das Reduzieren der Anleihekäufe in 20er-Schritten weitergeht, würde eine erste Leitzinsmassnahme nicht vor Frühjahr 2022 anstehen.

Und wenn man sich den vorstehenden Chart noch einmal ansieht: Das wäre dann wohl nur der erste Schritt von vielen. Es sei denn, die Preise fallen, weil das Wachstum eh abreisst und die Lohn/Preis-Spirale, die bereits begonnen hat, weil trotz der vielen Arbeitslosen die Fachkräfte rar werden, stoppt. Man ist also auf dem Weg, wieder mal ins Hintertreffen zu geraten, was mittelfristig nicht minimal, sondern deutlich höhere Leitzinsen bedeuten kann.

Klare Reaktion auf die „Fed“ am Devisenmarkt, bei den Bonds … und beim Dow Jones

Und darauf reagierte man an der Börse aktuell vor allem dort, wo die Terminbörsen-Abrechnung eben nicht unmittelbar nach der Fed-Sitzung anstand und der Markt deswegen aktiv gestützt wurde, z.B. am Devisenmarkt:

Börse aktuell: Entwicklung des Kurses des Währungspaares Euro Dollar von November 2020 bis Juli 2021 | Online Broker LYNX

Sie sehen hier, dass der Euro zum US-Dollar am Mittwoch kräftig unter Druck geriert und bis einschliesslich Freitag zügig weiter nachgab. D.h. der US-Dollar wurde spürbar stärker, die Trader arbeiteten die Erwartung, dass die „Fed“ tatsächlich etwas tun wird, in die Währung ein. Denn mit steigenden Zinsen wird auch die Währung attraktiver … während man auf der Euro-Seite unterstellt, dass die EZB weiterhin nichts unternehmen wird, weil die Teuerungsrate nach wie vor deutlich unter der der USA liegt.

Auch am US-Anleihemarkt gab es eine Reaktion, indem es keine Reaktion gab. Was im ersten Moment abstrus klingt, hat durchaus Logik: Die Renditen der längeren Laufzeiten blieben auf ihrem gegenüber dem Vorjahr deutlich höheren Niveau. Das war insofern eine „Antwort“ auf das Notenbank-Statement, weil man hier im Gegensatz zum Devisenmarkt, wo der US-Dollar zuletzt immer schwächer wurde, eine solche Entwicklung bereits eingepreist hat. Dass die Renditen der US-Bonds nicht stante pede in die Tiefe rauschten, machte klar, dass man sich in seiner Erwartung bestätigt sah. Man kann also nicht behaupten, dass die Börse insgesamt gelassen auf diese Notenbank-Entscheidung reagiert hätte, die eben nur scheinbar „Nichtstun“ beinhaltete.

Der Dow rutscht … was wird aus DAX und Euro Stoxx 50?

Und das gilt ja auch für den Aktienmarkt, nur bislang nur eingeschränkt, sprich es kommt auf den Index an. Denn ja, in Europa und an der Nasdaq gab man sich unbeeindruckt … oder besser: Es gelang, die Kurse bis zur Terminbörsen-Abrechnung vor dem Abrutschen zu bewahren … aber das gelang beim US-Index-Flaggschiff Dow Jones nicht:

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung des Nasdaq 100 mit dem Dow Jones auf Wochenbasis von Februar 2020 bis Juni 2021 | Online Broker LYNX

Der Dow rutschte in diesen drei Tagen seit der Fed-Entscheidung flotte 1.000 Punkte ab, das ist nicht gerade ein Pappenstiel. Der DAX hingegen hielt sich am Mittwoch und Donnerstag noch tadellos, erst am Freitag kam es dann auch hierzulande zu Abgabedruck. Dass das noch während dieser Terminmarkt-Abrechnung passierte, ist auffällig, normalerweise schaffen es die grossen Akteure an der Terminbörse, ihre Schäfchen bis 17:30 Uhr, wenn die Optionen auf Einzelaktien abgerechnet werden, beisammen zu halten. So gesehen wird diese neue Woche eine spannende Sache. Gehen die Verkäufe an den Börsen jetzt weiter?

Dass man hierzulande noch leicht behaupten kann, dass Inflation ein Problem anderer Leute sei und deshalb bis jetzt kaum reagierte, mag sein. Aber das Argument, dass weniger Wachstum in Europa auch weniger Inflation bedeutet, beginnt zu wackeln. Davon mal abgesehen, dass man, wenn man sich auf dieses Argument versteift, die Frage stellen müsste, wieso der DAX dann trotzdem von einem Rekordhoch zum nächsten läuft, wenn das Wachstum hier geringer ist als in den USA, könnte der am Freitag dann doch aufkommende Druck auch mit den am Freitagmorgen vorgelegten deutschen Erzeugerpreisen für Mai zusammenhängen, siehe Chart:

Börse aktuell: Vergleich der Inflation mit den Erzeugerpreisen in Deutschland von 1989 bis 2021 | Online Broker LYNX

Bislang hatte man ja nur die Verbraucherpreisentwicklung in Deutschland auf dem Tisch. Und die da gemeldeten 2,5 Prozent (Eurozone insgesamt 2,0 Prozent) hielten sich ja in Grenzen. Aber die Erzeugerpreise, d.h. die Kostensteigerung, die die Unternehmen betrifft, liegt mit 7,2 Prozent dramatisch hoch. Das ist eine Bugwelle, die die Unternehmen wenn irgend möglich an die Verbraucher weitergeben werden. Und gelingt das nicht, bleiben sie auf höheren Kosten sitzen, was auf die Unternehmensgewinne drückt.

Da die wirklich wichtigen Rohstoffpreise bislang nicht nennenswert nachgeben (das schlagzeilenträchtige Bauholz ist zwar kräftig zurückgekommen, spielt aber für die Gesamtentwicklung keine entscheidende Rolle), ist zumindest einzukalkulieren, dass wir da nicht von einem flüchtigen Phänomen sprechen. Und das scheint an der Börse aktuell mehr und mehr Investoren langsam zu dämmern, daher:

Die Bullen müssten jetzt dagegenhalten. Sofort und massiv.

Um diese aufkommende Nervosität nieder zu ringen, müsste das bullische Lager massiv dagegenhalten, idealerweise sofort. Wenn es gelingen würde, die Aktienindizes schnell wieder in die Spur zu bringen, kann es gut sein, dass die Vielzahl neuer, unerfahrener Anleger ihre Positionen hält und idealerweise weiter zukauft, weil dann die „Message“ dort nicht ankommen würde. Diese Botschaft, dass man jetzt die Wahl zwischen Skylla und Charybdis hätte:

Entweder bekommt man ein Problem mit auf Sicht steigenden Zinsen und deren Konsequenzen auf Konsum und Schuldenblase … oder man handelt sich eine das Wachstum langsam drückende Inflation ein, die, wenn sie zu lange nicht angegangen wird, danach nur umso höhere Zinsen nach sich ziehen würde. Die Hoffnung, dass die Inflation einfach von alleine wieder weggeht und dadurch keines der beiden Szenarien greift, verliert sukzessiv an Boden. Jetzt ist daher ein stetes Auge auf die Kurse angesagt, das Sommerloch dürfte wohl, wie so oft, ausfallen und durch kräftige Schwankungen ersetzt werden. Überprüfen Sie daher Ihre Stoppkurse!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Die US-Inflationsdaten bleiben kritisch hoch. Was wird die US-Notenbank tun, nachdem die EZB weiterhin keine Anstalten macht, einer ausufernden Teuerung entgegenzuwirken? Am Mittwochabend werden wir es wissen. Der Aktienmarkt ist im Vorfeld spürbar nervös, nicht zuletzt, weil am Freitag auch noch der „dreifache Hexensabbat“ an der Terminbörse ansteht, der aufgrund dieser Kombination Inflationsdaten/Notenbank ein heisser Ritt werden könnte.

Heute schrieb mir ein Kollege: „Die Börse ist echt öde geworden, die Spannung ist raus“. Tja, so wirkt es zwar. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das derzeitige Geschiebe auf engem Raum nichts anderes ist als die Ruhe vor dem Sturm. Weniger sicher bin ich mir, dass dieser Sturm noch in dieser Woche losbricht. Aber ich halte es für möglich. Denn das, was da an der Börse aktuell auf uns zukommt, hat Pfeffer.

Diese ewige „unheilige Verbindung“

Es ist schon grundsätzlich nicht gerade gut, dass eine US-Notenbankentscheidung und ein Abrechnungstermin an der Terminbörse nur zwei Tage auseinander liegen. Und doch ist das seit vielen Jahren sehr oft so. Diese enge Verbindung birgt Risiken, denn eine heftige Reaktion auf eine Notenbankentscheidung kann die komplexen Positionen der grossen Terminmarkt-Akteure in Schieflage bringen. Die müssen sich in diesem Fall gegen zu grosse Verluste absichern, sprich „hedgen“ und blasen die Kursreaktionen am Markt dadurch auf. Das lässt dann die Reaktion auf eine Entscheidung der „Fed“ unnatürlich stark wirken und verunsichert die normalen Investoren.

Oder aber es gelingt, eine erste, heftige Reaktion abzufangen, die Kurse wieder in den von den Terminmarkt-Granden anvisierten Abrechnungs-Zielbereich zurückzuführen. Dann kann der Eindruck entstehen, eine Notenbank-Entscheidung, die eigentlich eine Veränderung der Gesamtsituation bedeutet, wäre irrelevant, weil der Markt schliesslich – scheinbar – kaum reagiert hat. Ja, das ist an sich schon eine unheilige Verbindung. Aber diesmal ist die Sache noch weitaus extremer, aus zwei Gründen:

Zum einen, weil es diesmal um eine grosse Abrechnung geht, um den sogenannten „dreifachen Hexensabbat, in den USA „triple witching day“ genannt, an dem neben den Optionen auf Aktien und Indizes auch noch die Futures auf Indizes auslaufen.

Zum anderen, weil diese US-Notenbanksitzung womöglich eine deutlich grössere Tragweite hat als die meisten anderen. Denn jetzt hat die US-Inflation einen Level erreicht, auf dem es für die „Fed“ äusserst schwierig wird, so zu tun, als gäbe es keinerlei Handlungsbedarf. Sehen wir uns das mit dieser Inflation mal an:

Bei der letzten Fed-Sitzung konnte man noch so tun, als wäre nichts … aber jetzt?

Die letzte Sitzung der US-Notenbank war Ende April. Zu diesem Zeitpunkt waren die aktuellsten US-Inflationsdaten die für den März. Da lag die Teuerungsrate noch bei 2,6 Prozent. Erst danach kamen die Daten zum April mit 4,2 Prozent und, letzte Woche, die für den Mai mit satten 5,0 Prozent. Das ist weit über dem, was die US-Notenbank tolerieren dürfte. Und es ist auch weit über dem, was die US-Notenbanker in ihren Kommentaren unmittelbar vor und nach dieser letzten Sitzung avisiert hatten. Es könnten drei, ganz kurz vielleicht vier Prozent werden, hiess es. Man lag daneben. Und das hat niemand übersehen. Warum also sollte die „Fed“ nicht auch mit ihrer Behauptung schief liegen, dass sich das alles in Kürze von alleine erledigen werde? Die US-Notenbank hat mit ihren Vorhersagen in den letzten Jahrzehnten schon unangenehm oft danebengelegen.

Diese jetzt erreichten fünf Prozent sind auch im ganz langfristigen Vergleich viel, wie der folgende Chart zeigt. Und morgen, nur einen Tag vor der Entscheidung der „Fed“, kommen noch die US-Erzeugerpreise für den Mai. Die hatten im April schon bei 6,2 Prozent gelegen. Die Unternehmen müssen derzeit also eine klar höhere Teuerung hinnehmen als die Verbraucher. Die Grafik zeigt, dass das oft, wenngleich nicht immer, den Anstieg der Verbraucherpreise weitertreibt.

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung der US-Erzeugerpreise mit der US-Inflationsrate von 1989 bis 2021 | Online Broker LYNX

Somit wird es womöglich schon morgen „heiss“ am Markt, der letzte Woche noch so vor sich hin dümpelte. Und das gilt auch für DAX & Co, denn davon abgesehen, dass die heimischen Indizes der Wall Street derzeit mal wieder folgen wie ein Dackel, ist vielen klar, dass das Inflationsproblem auch für die Eurozone und die EZB gilt, auch, wenn wir da für Deutschland zuletzt „nur“ 2,5 Prozent, für die Eurozone 2,0 Prozent gesehen haben. Da kann leicht noch einiges nachkommen.

Die Frage ist, warum die Inflation den Aktienmarkt überhaupt irritieren sollte und wenn ja, warum die Anleger dann nicht gleich bei der Vorlage der US-Inflationszahlen letzte Woche verschreckt reagiert haben. Antwort:

Die Notenbanken und ihre Zwickmühlen

Weil weiterhin viele an der Börse aktuell darauf wetten, dass die US-Notenbank trotz dieser fünf Prozent Inflation nichts unternehmen wird. Sollte es tatsächlich so kommen, könnte (muss nicht!) es am Mittwochabend zu einem kräftigen Kurssprung nach oben kommen. Wie stellt sich die Problematik dar?

Inflation ist deswegen ein Problem, weil sie immer schneller zulegt als die Löhne. Auch, wenn die bei zu stark steigenden Preisen angeglichen werden: Da das die Kosten der Unternehmen zusätzlich erhöht, wird das wieder auf die Preise abgewälzt, drückt die Kaufkraft also erneut. Bei einer Lohn/Preis-Spirale sind es immer die Löhne, die verlieren. Was wiederum den Konsum drückt und damit am Ende die Gewinne der Unternehmen, egal, ob es da um Einzelhändler, Hersteller von Konsumgütern oder die Produzenten von Teilen oder Maschinen zur Herstellung von Konsumgütern geht.

Und fallende Unternehmensgewinne und Aktienindizes auf Rekordhoch, das passt nicht gerade gut zueinander. Vor allem nicht, wenn der Markt mit Blick auf die jetzt schon untypisch hohe Bewertung z.B. des Dow Jones darauf wettet, dass diese Unternehmensgewinne nicht fallen, sondern stark steigen.

Also müsste man ja eigentlich erfreut sein, wenn die „Fed“ handelt, indem sie das Wachstum so dämpft, dass es auf einem Level weiterläuft, das keine ausufernden Preise verursacht. Was man in der Tat annehmen könnte, würden wir uns an der Börse aktuell in einem normalen Umfeld bewegen. Tun wir aber nicht.

Über die vergangen Jahrzehnte, vor allem aber seit dem Platzen der Subprime-Blase 2007 und der daraus resultierenden Baisse am Aktienmarkt und der Rezession der Weltwirtschaft 2008/2009 ist eine Schuldenblase entstanden. Eine Blase, die immer weiter und weiter aufgebläht wurde, weil die Notenbanken nicht zurück konnten, als sie erst einmal damit angefangen hatten, eine Krise dadurch zu lösen, Geld derart billig und leicht zugänglich zu machen, dass viele förmlich nicht anders konnten als noch mehr Kredite aufzunehmen und das Geld für egal was aus dem Fenster zu werfen. Das belebte zwar das Wachstum wieder. Aber es schuf auch ein dauerhaftes Problem.

Selbst leicht anziehende Zinsen konnten bereits vor der Corona-Krise fatal wirken, denn wer versteht, dass das Wachstum in den USA, Japan, Europa und China nur noch durch immer mehr Kredite funktioniert, versteht auch, was passiert, wenn solche Kredite weniger oder kaum noch nachgefragt werden, weil sie zu teuer bezahlt werden müssen. Nach so vielen Jahren mit nahezu Nullzinsen, siehe auch die folgende Grafik, laufen zudem derart viele Kredite auf niedrigstem Zinslevel, dass ein höherer Zins nach Ende der Zinsbindung dazu führen kann, dass Kredite platzen wie Seifenblasen. Das ist der eigentliche Grund, warum Donald Trump derart auf die Palme ging, als die „Fed“ 2017/2018 die Leitzinsen anhob.

Börse aktuell: Entwicklung des US-Leitzins von 1971 bis 2021 | Online Broker LYNX

Selbst das Zurückfahren des Volumens der Notenbank-Käufe am US-Anleihemarkt könnte jetzt reichen, um diesen Effekt auszulösen. Am Anfang könnte es noch eine Welle neuer Kredite geben, weil sich viele noch einen Billig-Zins sichern wollen, bevor der steigt. Aber nicht einmal das wäre sicher. Das Problem der Notenbank ist also: Tut sie umgehend, was sie eigentlich tun müsste und beginnt, den Geldhahn etwas zuzudrehen, kann das Verbraucher und Unternehmen und mit ihnen das Wachstum im D Zug-Tempo ausbremsen. Die Deutsche Bank führte in einer Studie kürzlich an, dass die US-Notenbank in ihrer gut hundertjährigen Geschichte noch nie imstande war, die Inflation effektiv zurückzudrängen, ohne dabei eine Rezession auszulösen.

Tut sie hingegen nichts, wird die Inflation womöglich noch weiter zulegen und die dann das Wachstum abwürgen. Das aber würde man am Aktienmarkt eher hinnehmen, denn das hiesse: Erst noch eine Zeitlang billiges Geld … von dem ja immer auch einiges am Aktienmarkt ankommt … und ein böses Ende, das auf der Zeitachse weiter hinten liegt. Das heisst:

Fed-Massnahmen könnten jetzt sofort übel ausgehen, ein erneutes Nichtstun vielleicht erst in drei, sechs oder gar zwölf Monaten eine Abwärts-Trendwende am Aktienmarkt nach sich ziehen. Sie erkennen die Zwickmühle: Egal, was die „Fed“ tut, es wäre am Ende problematisch.

Diese scheinbare Ruhe bei Dow & Co. ist eher nur die Ruhe vor dem Sturm

Sollte die US-Notenbank am Mittwoch den Eindruck haben, dass sie einen „glücklichen“ Aktienmarkt einfach nicht mehr gegen ein langfristiges, massives Inflationsproblem eintauschen darf, das dann alle trifft, auch die, die nicht am Aktienmarkt aktiv sind, wird es also zur Sache gehen. Denn wie eingangs hervorgehoben, folgt die Abrechnung der Optionen und Futures gleich am übernächsten Tag. Sollte es zu heftigen Kursreaktionen kommen, sind die grossen Akteure am Terminmarkt mittendrin.

Gerade deswegen schleichen die Kurse an der Börse momentan so vor sich hin. Nicht, weil man allerorten gelassen und zufrieden ist, sondern weil alle grossen Akteure wissen, dass es jetzt richtig heiss wird. Man tut nichts, weil man sich nicht auf dem falschen Fuss erwischen lassen will. Aber Obacht, es ist völlig offen, was dann ab Mittwoch passiert, gerade weil so immens viel auf dem Spiel steht, direkt vor dem „dreifachen Hexensabbat“.

Börse aktuell: Vergleich der Entwicklung des Dow Jones mit dem RSI-Indikator von Oktober 2020 bis Juni 2021 | Online Broker LYNX

Es kann sein, dass die Aktienindizes wie ein defekter Fahrstuhl nach unten rauschen, der Dow Jones die wichtige Unterstützungszone bei 34.000 Punkten durchschlägt und sich panisch hedgende Terminmarkt-Akteure und ausgelöste Stop Loss-Verkäufe den Selloff noch intensivieren.

Es kann aber auch sein, dass eine negative Reaktion sofort mit aller Macht aufgefangen und gedreht wird. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Terminmarkt das hinbekommt. Klar ist das Risiko gross, dass das schiefgeht. Aber das Risiko, ansonsten haltlos nach unten abzurauschen, ist eben noch grösser. Und angekommen es gelingt, Dow, S&P und Nasdaq zu drehen und ins Plus zu kaufen, obwohl die US-Notenbank etwas unternimmt, kann das dazu führen, dass die Kurse senkrecht davonziehen. Erstens, weil sich dann das bärische Lager am Terminmarkt hedgen muss, weil die Kurse dann am Freitag noch höher in die Abrechnung gehen als erwartet. Und zweitens, weil dann viele aufgrund einer solchen Rallye glauben werden, man sei begeistert, dass die „Fed“ konsequent und zugleich behutsam agiert und das Wachstum so bleiben, die Inflation aber verschwinden wird.

Erwarten Sie das Unerwartete

Dass es eher unwahrscheinlich ist, dass der US-Notenbank dieses Kunststück in einem Umfeld wie diesem gelingt, wissen diejenigen, die sich mit der Materie auskennen und schon lange am Markt dabei sind. Aber all die Unerfahrenen, die seit letzten Frühjahr in Massen an die Börse geströmt sind, wissen es nicht. Und die könnten dann eine solche, eigentlich absurde Kaufwelle noch immens intensivieren. Was bedeutet:

Es ist unmöglich vorherzusagen, wie diese Börsenwoche endet. Aber eines kann man schon mal behaupten: Es wird ruppig zugehen in der zweiten Wochenhälfte. Und man täte gut daran, nichts auszuschliessen. Diesmal gilt, mehr noch als sonst, die alte Börsenregel: Erwarten Sie das Unerwartete!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 11.06.2021, marketmaker pp4