Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 08.-14.08.2022

Inflation: Die Mär von der Wende

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ISIN: DE0008469008
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Weil die Inflationsrate hierzulande seit drei Monaten scheinbar nicht weiter zulegt, kommen die ersten daher und behaupten, dass der Zenit der Teuerung bereits überschritten sei. Was ist da dran? Können wir aufatmen?

Wenn man mit einem Rückgang der Jahresveränderung der Preise argumentiert, argumentiert man mit dem falschen Werkzeug, wollte man dadurch zeigen, ob sich die Inflation wirklich wieder nach unten bewegt. Entweder sind das dann also Taschenspielertricks oder diejenige Person, die einen Abstieg der deutschen Inflationsrate als potenzielle Wende propagiert, versteht nicht, wovon sie redet. Ja, wenn man sich diese Messgrösse zu Gemüte führt, siehe der folgende Chart, sieht man: In der Tat ist die Inflationsrate zurückgekommen. Aber bevor man das als gutes Zeichen ansieht, muss man verstehen, was da eigentlich berechnet wird.

Börse aktuell: Entwicklung der Inflation in Deutschland von 1979 bis 2022 | Online Broker LYNX

Die allgemein gezeigte „Inflationsrate“ liefert kein korrektes Bild

Denn diese Inflationsrate liefert ein verzerrtes Bild. Auch, weil der zugrundeliegende Warenkorb, dessen Preisveränderungen dafür gemessen werden, nicht für jeden gleich relevant ist. Aber das ist klar und nun einmal nicht zu ändern. Nein, das Problem ist, dass man für diese Inflationsrate die heute berechneten Preise mit denen desselben Monats ein Jahr zuvor misst. Das bedeutet:

Wenn die Preise im entsprechenden Vorjahresmonat ungewöhnlich stark gestiegen sein sollten, ist der „Sockel“ der Berechnung hoch, so dass dieselben Preise dann eine niedrigere prozentuale Veränderung zum Vormonat ausweisen, als wäre der jeweilige Vorjahresmonat einer gewesen, an denen die Preise zufällig sogar gefallen sind. Anders formuliert:

Diese Rate ist nicht nur davon abhängig, was gerade mit den Preisen passiert, sondern auch davon, was vor einem Jahr passiert war … was aber für die derzeitige Lage völlig egal ist. Daher ist es sinnvoller, sich nur die Veränderung zum Vormonat anzusehen und diese dann zu indizieren. So sieht man wie in einem echten „Preisspiegel“, ob und wie stark und schnell die Preise steigen. Daher sollte man sich den sogenannten Verbraucherpreisindex ansehen, nicht die Inflationsrate, um zu beurteilen, ob da in Sachen Ende der Inflation etwas vorangeht. Diesen Verbraucherpreisindex haben wir im folgenden Chart … und sehen:

Börse aktuell: Entwicklung harmonisierter Verbraucherpreisindex HVPI für Deutschland von 1995 bis 2022 | Online Broker LYNX

Nein, da ist von einer Wende nichts zu sehen. Und dass die Inflationsrate zuletzt stagnierte, liegt auch daran, dass der vorgenannte „Sockel“ hoch ist, weil die Teuerung im vergangenen Sommer schon ziemlich Fahrt aufgenommen hatte. Diese Kurve des „Harmonisierten Verbraucherpreisindex“ (harmonisiert heisst, dass der Warenkorb für die Berechnung auf einen Eurozone-Standard abgeglichen wurde) muss seitwärts laufen, idealerweise fallen, erst dann könnte man von einem Erfolg bei der Inflationsbekämpfung sprechen. Was kein Selbstläufer wird. Und wenn die Preise fallen, passiert das in der wahrscheinlichsten Variante der Zukunft aus Gründen, die uns allen nicht gefallen werden. Aber erst einmal zu einem anderen Punkt:

Sondereinflüsse durch die Energie-Problematik

Sie haben im vorstehenden Chart des HVPI gesehen, dass es da aber immerhin im Juni einen kleinen Knick gab. Ja, und der ist ein Grund, warum man lieber noch nicht auf die Wende hierzulande wetten sollte, denn der „Knick“ fällt uns in Kürze auf die Füsse.

Der wurde durch die Steuerminderungen bei Benzin und Diesel verursacht. Doch die ist ja nur für drei Monate terminiert, zumindest ist das jetzt, drei Wochen vor Ende der drei Monate, noch der Stand der Dinge. Das, was die Teuerung ab Juni ein klein wenig verlangsamt hat, fällt also ab September weg. Und mehr noch, ab Oktober kommt ja die Gasumlage. Was die Inflationsrate wiederum kräftig anschieben kann.

Dass diese momentane Verflachung der Inflationsrate kein taugliches Bild abgibt, wird dabei auch deutlich, wenn man sieht, dass die Inflationsrate der Eurozone derweil weiter angezogen hatte. Da andere Länder diese Benzin- und Diesel-Steuerermässigungen nicht haben bzw. schon vorher absolviert hatten, haben wir für die Eurozone für den Juli ein neues Hoch der Inflation von 8,9 Prozent gesehen.

Börse aktuell: Inflation in Deutschland und der Eurozone im Vergleich von 1886 bis 2022 | Online Broker LYNX

Und dann wären da ja noch die vielen Unternehmen, die bei den regelmässigen Umfragen des ifo-Instituts melden, dass sie ihre Preise in den kommenden Wochen und Monaten weiter anheben werden, einfach, weil sie sonst nicht mehr zurande kommen. Auch das wird die Inflation vorerst noch hoch halten. Darüber hinaus sollte man eines bedenken:

Die „Rosskur“ der Notenbanken könnte uns vom Regen in die Traufe führen

Die Notenbanken haben als erklärtes Ziel, die Jahresveränderung der Preise auf zwei Prozent zurück zu drücken. Aber was hiesse das? Das hiesse nur, dass das Preisniveau langsamer, nämlich in einer Jahresrate von zwei Prozent, zulegt. Aber zwei Prozent statt jetzt in etwa acht, das heisst eben nicht, dass alles wieder billiger wird, sondern, dass es langsamer teurer wird, gerechnet vom derzeitigen Niveau aus. Das heisst, die Geldbeutel werden nur etwas langsamer leerer, nicht aber wieder voller.

Und die eigentliche Gefahr ist gar nicht mal, dass die Inflation zur Hyperinflation wird. Denn das Anheben der Leitzinsen und in der Folge die Verteuerung von Krediten und das „Absaugen“ von Geld aus dem Kapitalmarkt, all das ist durchaus geeignet, die Inflation zu stoppen und sogar umzukehren. Normalerweise ohne grösseren Schaden, aber diesmal ist die Ausgangslage eben nicht normal. So gesehen wäre es durchaus angemessen, sich vor den Nebenwirkungen, die diese Vorgehensweise nach Schema F, sprich „zu hohe Teuerung = Zinsen rauf“, hat, zu fürchten.

Denn dadurch, dass wir eine durch ein zu geringes Angebot ausgelöste Teuerung haben, kann die Bekämpfung der Inflation durch höhere Zinsen und damit durch höhere Kredit- und Refinanzierungskosten dramatisch schiefgehen. Nicht, weil die Inflation nicht zurückkommen würde, denn das wird sie. Sondern weil wir das zum Preis einer Rezession bekommen, die sehr schwierig zu bereinigen wäre. Weil?

Weil diejenigen, die die Preise mit getrieben haben, indem sie trotzdem fleissig weiter kauften und diejenigen, die von den Massnahmen der Inflationsbekämpfung am härtesten getroffen werden, zwei verschiedene Gruppen sind.

Börse aktuell: Preisentwicklung von Mais, Rohöl, Aluminium und Weizen im Vergleich von 2020 bis 2022 | Online Broker LYNX

Die Preise sind deswegen gestiegen, weil Materialknappheit dazu geführt hat, dass weniger angeboten wurde, das aber zu viel höheren Preisen, z.B. bei Neufahrzeugen oder beim Bau. Diejenigen, die diese Preise akzeptiert und bezahlt haben, sorgten dadurch mit dafür, dass die Preise durch die enge Verbindung aller Branchen am Ende überall gestiegen sind. Aber diese Klientel, die solche Preise bezahlen konnte und wollte, ist eher klein. Das sind die, die relativ vermögend sind.

Die Preise in anderen Bereichen aber stiegen für alle, auch für die wachsende Zahl an Haushalten, denen längst massiv das Geld knapp wird. Und für die sind steigende Kreditkosten fatal, sie leiden unter höheren Zinsen viel mehr als die Vermögenden. Wenn also die Nachfrage fällt und das die Preise drückt, dann deswegen, weil immer mehr Menschen immer weniger kaufen können. Was sich beim Ende der Steuerminderung für Benzin und Diesel und dem Beginn der Gasumlage noch verschärfen wird.

Von der Preisspirale mit der Zins-Brechstange in die Rezessionsspirale

Und dieser Rückgang der Nachfrage, der die Inflation in der Tat drücken kann, womöglich sogar in einigen Monaten zu sinkenden statt nur zu langsamer steigenden Preisen führen wird, lässt somit das Wachstum implodieren, sprich die Wirtschaftsleistung schrumpft. Mit den üblichen Konsequenzen: Steigende Arbeitslosigkeit, massiver Druck auf die Unternehmen und ihre Gewinne etc.

Und überlegen wir mal was passiert, wenn die Preise wirklich insgesamt zu sinken beginnen. Nämlich das, was dann immer passiert: Während man im Frühjahr noch vorgezogene Käufe von denen sah, die noch höhere Preise vermeiden wollten, pflegen die Verbraucher bei fallenden Preisen immer weniger zu kaufen, weil sie da, wo es geht, abwarten, bis es noch billiger wird. Und das zeitgleich mit einer steigenden Arbeitslosigkeit und einem gestiegenen Anteil an Menschen, die durch die gestiegenen Zinsen sowieso nicht mehr in der Lage sind, grössere Anschaffungen zu tätigen.

Aus einer solchen Rezessionsspirale wieder herauszukommen, wird knifflig und langwierig, so gesehen: So wirklich toll wird es womöglich auch nicht, wenn die Inflation wirklich ihr Hoch gesehen hat, darauf sollte man sich sicherheitshalber im Hinterkopf einstellen.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 05.08.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Top Flop Aktien – Übersicht der Gewinner und Verlierer

Welche Aktien in den wichtigen Indizes sind in letzter Zeit am meisten gestiegen oder gefallen? Was sind die Top-Aktien 2022? Welche Aktien haben die beste Performance über die letzten 5 Jahre und welche Aktien sind stark gefallen? Hier finden Sie es heraus: DAX Top FlopMDAX Top FlopEuro Stoxx Top FlopDow Jones Top FlopNasdaq 100 Top Flop

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden massgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

US-Präsident Biden verkündete am Donnerstag, dass sich die USA nicht in einer Rezession befänden. Und wenn man auf den Aktienmarkt im Juli zurückblickt, könnte man denken, alle glauben ihm, denn die Indizes stiegen, als gebe es keine Baisse. Aber sie ist ebenso da wie die US-Rezession. Und nur, weil beides niemand will, verschwinden die Probleme nicht. Joe Biden spielt ein extrem riskantes Spiel. Wenn er es verliert, verlieren viele Anleger mit … und dann wird es erst so richtig kritisch.

„The economy is strong“, wiederholte der damalige US-Präsidentschaftskandidat McCain gebetsmühlenartig im Jahr 2008 … und viele wollten ihm glauben. Aber er hatte Unrecht. Das zeigte sich nur kurze Zeit später, noch vor der Wahl 2008, die er womöglich vor allem deswegen verlor, weil diese Fehleinschätzung ihn nicht hinreichend kompetent erschienen liess und viele, die ihm geglaubt hatten, eine Menge Geld verloren hatten.

McCain hatte Unrecht, Biden auch. Warum tut er das?

Biden hatte sich am Donnerstag zur Wirtschaftslage geäussert, nachdem das US-Bruttoinlandsprodukt der USA nach -1,6 Prozent zum Vorquartal im zweiten Quartal ebenfalls fiel, um 0,9 Prozent. Die Volkswirte, die ebenso stur die Optimisten-Trommel schlagen, hatten im Vorfeld +0,5 Prozent geschätzt. Wie kann Biden da einfach das Offensichtliche leugnen? Er stützt sich auf zwei Aspekte, die als Ausrede dienen könnten, dass die Regel, dass eine Rezession vorliegt, wenn die Wirtschaft zwei Quartale nacheinander schrumpft, diesmal nicht gilt: auf den Arbeitsmarkt und die Jahresveränderung des Wachstums.

In der Tat ist das Bruttoinlandsprodukt der USA im Vergleich zum Vorjahresquartal noch positiv, konkret sind das +1,6 Prozent. Da kann man natürlich so tun, als sei es so, wie Biden vorgibt, nämlich dass es nicht überraschend sei, dass „das Wachstum sich abschwächt“, weil die Notenbank die Inflation bekämpft. Wobei die dann folgende Aussage schon zeigt: Das muss was faul sein, denn er erklärte, dass man aber auf dem richtigen Weg sei, denn: Der Arbeitsmarkt ist stark und Verbraucher geben mehr aus. Aua.

Börse aktuell: Vergleich der Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts zum jeweiligen Vorjahresquartal für die USA und Eurozone von 2006 bis 2022 | Online Broker LYNX

Das war unklug. Denn genau das befördert doch die Inflation. Ein Arbeitsmarkt, der in Bezug auf Fachkräfte so eng ist, dass das die Löhne hochtreibt, ist inflationsfördernd. Und dass die Verbraucher mehr ausgeben, ist kein Beweis der Stabilität, sondern die Folge der Inflation. Und da der Basiseffekt, der jetzt noch ein Plus von 1,6 Prozent im Jahresvergleich ausweist, dazu führen wird, dass auch diese Jahresrate spätestens im vierten Quartal negativ wird, sofern die US-Wirtschaft jetzt nicht davonzieht wie eine Rakete, spielt Biden da ein gefährliches Spiel, dass unnötig, sogar dumm wirkt.

Schliesslich ging das auch damals bei McCain in die Hose, denn die Krise kochte genau vor der Wahl so richtig hoch, der Aktienmarkt brach ein, McCain verlor die Wahl 2008. Und ob Trumps Hochreden des Aktienmarkts, während die Fortschritte im Handelskrieg gegen China auf sich warten liessen, dafür aber das US-Wachstum wegknickte, nicht auch zu einer Bauchlandung bei der Wahl geführt hätte, man weiss es nicht, weil Corona dazwischenkam. Aber möglich wäre auch das gewesen.

Börse aktuell: Entwicklung S&P vor den Wahlen in den USA 2008 und aktuell im Vergleich | Online Broker LYNX

Von blühenden Landschaften zu fabulieren, während das Wachstum gerade verdorrt, ist also höchst unklug. Warum tut er das also, er muss doch um das Risiko wissen?

Biden brennt der Hut, daher beginnt er zu pokern

Das weiss er auch zweifellos. Aber Biden schwimmen die Felle weg. In gut drei Monaten finden die „Midterm Elections“ statt. Wenn die derzeitigen Umfragewerte so bleiben, verliert er die Mehrheiten im Senat und im Repräsentantenhaus und hat dann zwei Jahre lang beide Kongress-Kammern gegen sich, denn die Republikaner werden rigoros alles blockieren, was er durchbringen will, sei es noch so dringend und sinnvoll. Damit wird er zur „lame duck“ … ein katastrophales Szenario, das zwar keine Seltenheit ist, zusammen mit der seit zehn Jahren immer massiver werdenden Blockadepolitik der Opposition aber gewaltigen Schaden anrichten würde, national ebenso wie international. Das will er noch umbiegen.

Natürlich schieben ihm die Republikaner alle Probleme direkt in die Schuhe. Und da die grosse Mehrheit der US-Bürger von Wirtschaft so viel Ahnung hat wie vom Synchronschwimmen, klappt das perfekt. Aber Biden weiss auch: Wahlen und Geld in der Tasche sind eng verbandelt. Wenn es den US-Bürgern gut geht, hat der Amtsinhaber weit bessere Chancen.

Also redet Biden die Lage schön und dadurch auch automatisch die Börse rauf. Das klappt kurzfristig oft, wie sich an der Börse aktuell zeigt, weil die Politiker den Bürgern damit ja genau das vorgaukeln, was die hören wollen: dass alles im Griff, die Lage in Kürze wieder besser und des Bürgers Tasche dann wieder voll ist.

Aber mittelfristig halt nicht. Denn eine Wall Street Hausse repariert die Wirtschaft manchmal, weil die Leute bei einer Hausse wieder mehr ausgeben, weil sie keine Angst mehr um ihre Ersparnisse haben. Aber oft halt auch nicht, siehe 2008. Und gerade dieses Argument mit einem starken Arbeitsmarkt kann einem da schwer auf die Füsse fallen, denn:

Der Arbeitsmarkt ist kein Beweis, sondern die Fallgrube, in der Biden landen könnte

Der Arbeitsmarkt ist ein sogenannter „lagging indicator“, d.h. er läuft der Entwicklung der Konjunktur hinterher, in der Regel um drei bis sechs Monate, manchmal, wie 2007, sogar länger. Und der Arbeitsmarkt ist eben nicht so stabil, wie er scheint. Der Marktstratege Albert Edwards von der Société Générale sagte dazu: Der starke US-Arbeitsmarktbericht wird als Beweis angeführt, dass die USA sich nicht in einer Rezession befinden. Es hängt allerdings davon ab, welchen Arbeitsmarktbericht man sich anschaut. Der konjunktursensiblere „Household Survey“ zeigt Werte an, die auch jetzt schon im Einklang mit einer Rezession stehen würden.

Börse aktuell: Entwicklung Arbeitslosenrate und Industrieproduktion in der USA im Vergleich von 2004 bis 2009 | Online Broker LYNX

Das entscheidende Problem ist nicht, dass die Arbeitslosenrate jetzt noch niedrig ist, sondern dass alle Voraussetzungen dafür gegeben sind, dass es hier zu einer Doppel-Krise kommen kann. Was heisst: Während die Fachkräfte weiter knapp bleiben und das die Durchschnittslöhne und mit ihnen die Inflation hoch hält, egal, wie die Notenbank mit den Zinsen hantiert, werden weniger qualifizierte Fachkräfte Richtung Herbst/Winter massiv auf die Strasse gesetzt. Denn der deutlich unter Druck stehende Konsum löst eine Kettenreaktion aus, die am Ende fast alle Branchen treffen wird. Biden kann nur pokern, dass das nicht schon vor den „Midterm Elections“ am 8. November passiert. Aber er könnte sich da böse verzocken, so wie einst John McCain 2008.

Auch wenn es vielen nicht passt: NEVER FIGHT THE FED!

Dass der Markt solchen Aussagen nur zu gerne folgt, wundert nicht. Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, dass erschreckend viele, die ihr Geld am Aktienmarkt investiert haben, überhaupt kein Fachwissen besitzen. Wenn dann Sprüche kommen, dass alles in allerbester Ordnung ist, laufen die Kurse wie geschmiert. Das war 2008 nicht wirklich anders, wie der folgende Chart zeigt, in dem ich die Jahre 2008 und 2022 untereinander gestellt habe, wobei die prozentuale Skalierung rechts so liegt, dass der S&P 500 aktuell etwa genauso viel im Minus liegt wie Anfang August 2008.

Börse aktuell: Entwicklung S&P 500 im Krisenjahr 2008 und aktuell im Vergleich | Online Broker LYNX

Wie das 2008 ausging, sehen Sie. Und auch, wenn man diesen Spruch immer nur aus der Mottenkiste holt, wenn es um die ewige Hausse geht: NEVER FIGHT THE FED – stell dich nie gegen die Notenbank. So etwas wird immer wieder heruntergebetet, wenn es darum geht, dass ein überkaufter, überbewerteter Markt trotzdem nicht kippen wird, weil die Notenbank Geld in den Markt pumpt. Nun, aktuell hebt sie die Zinsen im Eilzugtempo an und flutet den Anleihemarkt nicht mehr wie früher mit Geld, indem sie Anleihen aufkauft, sondern pumpt die eigenen Anleihen wieder in den Markt und entzieht ihm so Geld.

Ob diese Entwicklung eher über kurz oder über lang ihre toxische Wirkung entwickeln wird, sei mal mit Blick auf diese Hoffnungsrallye seit Mitte Juni (die genau nach dem grossen Abrechnungstermin an der Terminbörse begann, was definitiv kein Zufall ist) dahingestellt. Aber dass der US-Aktienmarkt und in dessen Kielwasser auch der unsere deutlich mehr Luft nach unten als nach oben haben, ist eine Behauptung, mit der man wohl nicht falsch liegt. Was auch dazu führen dürfte, dass Bidens Pokerspiel schiefgeht. Und mit einer grossenteils kaltgestellten US-Regierung werden die Probleme erst richtig unschön.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 29.07.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Wenn man sich ansieht, wie emsig manche Anleger in den letzten Wochen kaufen, könnte man glauben, dass sie gar nicht mitbekommen, was um sie herum vorgeht. Und ja, das ist in der Tat zu vermuten, schliesslich ist die Gemengelage kompliziert und viele vor allem noch neue Anleger nicht mit dem nötigen Fachwissen gesegnet. Zeit, sich einmal ein paar Charts anzusehen, über die man besser Bescheid weiss.

DAX, Dow Jones & Co. steigen seit einigen Tagen kräftig an. Und natürlich liest man daraufhin sofort von „der grossen Sommer-Rallye“ oder gar der Wende an sich. An der Börse etwas völlig auszuschliessen, ist unklug, denn wir wissen ja, „Unverhofft kommt oft“. Aber wenn wir uns heute mal neben dem Blick auf die Charttechnik beim DAX einige Charts ansehen, die das Umfeld beleuchten, kann man zumindest erkennen:

Dass aus diesen derzeitigen Käufen wirklich viel wird, ist ziemlich unwahrscheinlich. Unwahrscheinlich genug, um sich der alten Börsenregel „folge dem Trend“ zu erinnern und zu erkennen: Der weist weiter abwärts. Und das würde er auch tun, wenn der DAX noch ein paar Prozentpunkte nach oben draufpackt.

Eine Menge markanter Charthürden und diese Sache mit der „Torero-Taktik“

Der DAX hat im Zuge der bislang erfolgreichen Verteidigung des März-Tiefs ein Doppeltief ausgebildet und dieses im Verlauf der Vorwoche vollendet: gut. Das rechnerische Kursziel dieser Formation läge um 13.640 Punkte. Aber solche rechnerischen Kursziele sind nicht „bindend“, sie können überboten werden … oder gar nicht erst erreicht. Das kommt darauf an, ob viele Trader diesen Level als Ziel ansehen (dann dreht der Kurs meist schon vorher wieder nach unten, weil viele lieber etwas früher aussteigen) oder als Etappe (dann kann der Kurs problemlos darüber laufen).

Börse aktuell: Charthürden im DAX auf dem Weg nach oben im Juli 2022 | Online Broker LYNX

Aber selbst wenn es gelingt, dieses rechnerische Kursziel zu überbieten: Die übergeordnete Abwärtstrendlinie wartet bei momentan 14.200 Punkten, die 200-Tage-Linie um 14.660 Punkte. Die Rahmenbedingungen müssten sich glaubhaft und deutlich aufhellen, damit diese Hürden genommen werden. Und momentan sieht es danach eben nicht aus. Und die Bären sollte man nicht unterschätzen, denn dass die sich in den letzten Tagen nicht mehr gezeigt haben, heisst gar nichts.

Es hat schliesslich keinen Sinn, in starkes Kaufvolumen auf der Short-Seite aktiv zu werden. Erfahrene Short-Seller, sprich Bären, warten, bis sich das Kaufvolumen reduziert, sprich die Bullen müde werden. Erst dann schlagen sie zu. Und dazu hätten sie mit Blick auf die zahlreichen, über dem aktuellen Kurs wartenden Widerstände noch einige Gelegenheiten, auch, wenn sich das momentan als Widerstand fungierende Mai-Tief als durchlässig erweisen sollte.

Die Zocker werden vorsichtig … dieses Signal kann man gar nicht zu hoch einschätzen

Nun würden die Short-Seller natürlich sehr vorsichtig, wenn die Rahmenbedingungen an der Börse aktuell gegen sie sprechen würden. Aber das tun sie ja nicht: Die bleiben für Aktien derzeit klar bärisch. Nur nehmen viele Marktteilnehmer das nicht wahr. Diejenigen, die steigende Kurse „wollen“, entweder weil sie keine Stopps gesetzt und in fallende Kurse auch noch zugekauft haben oder weil sie endlich wieder aktiv werden wollen, weil sie, aus welchen Gründen auch immer, nie Short-Positionen eingehen.

Daher ist es wichtig, jederzeit das im Blick zu haben, was sich hinter dem Vorhang der in die Augen stechenden Kursbewegungen der Indizes abspielt. Zum Beispiel die Entwicklung der sogenannten „Börsenkredite“. Denn was sich da tut, ist bezeichnend:

Börse aktuell: Entwicklung der Margin-Kredite und Kursentwicklung S&P 500 im Vergleich von 1999 bis 2022 | Online Broker LYNX

Die Profis, die Kredite aufnehmen, um damit die Margins, sprich die Sicherheitsleistungen für Derivate, die sie bei ihren Brokern hinterlegen müssen, zu finanzieren, riskieren viel. Aber gerade weil diese Leute derart halsbrecherisch zocken, reagieren sie auch sehr schnell und konsequent auf steigende Gefahren am Markt. Da die meisten traditionell auf der Long-Seite zocken, ist ein Rückgang des Volumens dieser Margin-Kredite ein Warnsignal. Wenn die Zocker in Deckung gehen, sollten die weniger Erfahrenen es erst recht tun. Wozu man diese Signale allerdings erst einmal wahrnehmen muss.

Der logarithmisch skalierte Chart zeigt, dass der Rückgang dieses Volumens der Margin Debits (die Zahl im Chart weist übrigens Milliarden US-Dollar aus, d.h. wir reden aktuell von einem Kreditvolumen von 683 Milliarden!) in früheren Baissen zwar grösser war. Aber erstens ist er ja vermutlich noch nicht zu Ende. Zweitens ist das Volumen seit dem Hoch von 936 Milliarden im Oktober 2021 ja bereits um satte 27 Prozent zurückgegangen.

Fear & Greed-Index mit widersprüchlichen Indikationen

Der Fear & Greed-Index ist ein vom US-Sender CNN stetig aktualisierter Indikator, der sieben verschiedene Indikationen zu einem Index zusammenfasst und mit einer Skala zwischen 0 und 100 zeigen soll, ob am Aktienmarkt derzeit Angst oder Gier dominieren. Immer dann, wenn ein Extrem erreicht wird, ob extreme Angst oder extreme Gier, ist mit einer baldigen Gegenbewegung des Marktes zu rechnen. Und zwar, weil ihm dann bei extremer Angst die Verkäufer ausgegangen sind, weil ausgestiegen ist, wer aussteigen wollte … während bei extremer Gier gekauft hat, wer kaufen wollte und damit die Luft nach oben mangels neuer Käufer dünn wird. Per Freitagabend lag dieser Fear & Greed-Index mit 39 Punkten noch im Bereich „Fear“, so dass man erwarten könnte, dass da noch allerhand Luft für den Aktienmarkt nach oben ist. Aber man muss genauer hinsehen, denn derzeit liefern diese sieben Indikatoren sehr widersprüchliche Signale.

Da ich keine Lizenz habe, um diesen Indikator als Chart oder Grafik abzubilden, muss ich Sie da auf den Link zu der entsprechenden Webseite bei CNN verweisen, so können Sie sich selbst ein Bild machen: https://edition.cnn.com/markets/fear-and-greed

Da sehen wir beim Blick auf die sieben Unterindikatoren, dass der S&P 500 zwar noch weit unter der hier als Benchmark genutzten 125-Tage-Linie notiert, was als „extreme Angst“ in den Fear & Greed-Index eingeht. Aber direkt darunter folgt der Subindex der neuen 52-Wochen-Hochs an der NYSE (New York Stock Exchange), der so schnell so hoch gelaufen ist, dass die Interpretation dort „extreme Gier“ lautet. Die dann folgende Messung der Advance/Decline-Linie, hier „Breath“ genannt, weist wiederum „extreme Angst“ aus, die Relation der Put- zu den Call-Käufen hingegen „Gier“. Und so zieht sich das durch alle Indikationen seit Wochen. Das Marktumfeld ist knifflig, daher: unbedingt genau hinsehen, egal, worum es geht.

Wenn die Inflationsraten wieder sinken, muss das keine Entwarnung bedeuten

Wenn immer mehr Menschen durch die ungewöhnlich starke Inflation nichts mehr haben, was sie auf die Seite legen können, ist das automatisch problematisch für den Aktienmarkt. Damit die Kurse steigen können, muss immer mehr Geld zufliessen. Und da kommt es sehr wohl entscheidend auf die ein-, zweihundert Euro an, die so viele in Sparpläne oder direkt in Fonds oder ETFS investieren. Dass immer mehr Superreiche sich Aktien kaufen können, so viel sie wollen, mag sein. Aber es ist die grosse Masse, die den Geldfluss ausmacht. Aber was, wenn die Inflation zurückgeht?

Grundsätzlich geht man davon aus, dass eine Rezession die Inflation bremsen wird. Und wenn die erst einmal auf zwei, drei Prozent zurückgekommen ist, haben die Leute ja wieder genug Geld übrig, um am Aktienmarkt durchzustarten… oder?

Die übliche Messung der Inflation hat einen grossen Haken: Es wird ja nur die Veränderung zum Vorjahresmonat in Prozent gemessen. Da übersieht man automatisch den tatsächlichen Level der Preissteigerungen. Beispiel: Wenn die Inflation jetzt neun Prozent beträgt und in einem Jahr dann im Vergleich zum heutigen Level bei zwei Prozent liegt, wurde der Preisanstieg von neun Prozent dadurch ja nicht eliminiert. Auf zwei Jahre gerechnet sind die Preise dann die aktuellen neun Prozent höher (von 100 im Vorjahr gerechnet also bei 109) und dann noch einmal zwei Prozent über den 109 Euro, also bei 111,18 Euro. Die Preise steigen bei einer Rückkehr auf zwei Prozent Inflation nur langsamer … aber sie steigen trotzdem weiter! Und das bedeutet, dass die Sparer dann auch nicht mehr Geld haben als vorher, um Aktien zu kaufen.

Börse aktuell: Der faktische Preisanstieg dargestellt im harmonisierten Verbraucherpreisindex HVPI von 1995 bis 2022 | Online Broker LYNX

Daher fährt man besser, wenn man sich keine Grafiken der prozentualen Inflationsentwicklung ansieht um zu beurteilen, wie es um die Sparmöglichkeiten der potenziellen Aktionäre steht, sondern einen Index. Und da dann idealerweise den sogenannten „harmonisierten“ Verbraucherpreisindex HVPI, der die deutsche Inflation mit dem EU-einheitlichen Warenkorb misst. Den sehen Sie vorstehend … und Sie sehen, wie steil der Preisanstieg derzeit abläuft. Eine Inflation wie diese dreht dem Aktienmarkt den Geldhahn zu und macht eine nachhaltige Trendwende nach oben deutlich schwieriger. Zumal es allemal dazu kommen kann, dass die Teuerung so extrem wirkt, dass Anleger Geld aus dem Aktienmarkt abziehen müssen, weil sie es an anderer Stelle brauchen!

DAX und Euro Stoxx haben ein Problem: Die EZB

Die EZB weiss, dass die Eurozone konjunkturell schwach und die Verschuldung bei Unternehmen und vor allem Privathaushalten so hoch ist, dass höhere Leitzinsen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit als Bumerang erweisen, weil sie zwar die Inflation, weil diese angebotsinduziert ist, kaum bremsen, dafür aber eine Rezession auslösen können. Das wissen die anderen Notenbanken wie z.B. die US-Notenbank zwar auch, aber sie haben trotzdem gehandelt. Und das entschlossener und früher. Wenn die US-Notenbank übermorgen den Leitzins auf vermutlich 2,5 Prozent anheben wird, wird die Schere zwischen dem europäischen und dem US-amerikanischen Leitzins satte zwei Prozent betragen. Was soll das den Aktienmarkt kümmern?

Börse aktuell: Leitzins der FED und der EZB im Vergleich von 2005 bis 2022 | Online Broker LYNX

Einiges. Durch diese Zinsdifferenz, aber auch durch die faktische Schwäche der Eurozone und die zögerliche Haltung der EZB erleidet der Euro einen Wertverfall. Was auch bedeutet: Internationale Investoren müssen bei Investments im Euroraum damit rechnen, dass Gewinne durch den fallenden Euro reduziert, Verluste vergrössert werden. Und kippt Euroland in eine Rezession, kann das den Abstieg des Euro umso mehr befeuern.

Fazit: Die Zeit dürfte für Hausse-Träume noch nicht reif sein

Auch dieser Aspekt ist einer, den man im Hinterkopf haben sollte, wenn man von der grossen Aufwärtswende am Aktienmarkt träumt oder sogar schon mal darauf setzt. Diese Wende wird kommen. Aber wann und auf welchem Niveau der Aktienmärkte das passieren wird, das sind zwei Fragen, auf die heute noch keine Antwort existiert.

Es gäbe noch eine ganze Reihe mehr Aspekte hinter dem Vorhang der reinen Index-Bewegungen, die es zu zeigen lohnt, aber ich will diese Dinge auch regelmässig bringen und auffrischen, also: In Kürze mehr dazu.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 22.07.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Die Börse und die Realität, das können oft und lange zwei scheinbar völlig verschiedene Welten sein. Am Ende siegt immer die Logik, aber der Weg dorthin kann oft lang sein. Und die vorherigen Ab- und Umwege der Kurse irritieren klar denkende Investoren ein ums andere Mal. Wie soll man damit umgehen?

Wer meine täglichen Analysen im LYNX Börsenblick kennt, weiss, dass ich im vergangenen Herbst sehr oft auf Aktien hingewiesen hatte, die dramatisch überbewertet waren. Ich hatte dann immer wieder erklärt: Das geht am Ende schief, aber bis dahin muss nie, kann aber allemal noch viel Zeit vergehen und die Aktie einfach weiter steigen.

Der heutige Beitrag zeigt die Charts einiger dieser damaligen „Kandidaten“: Eckert & Ziegler, Delivery Hero, Sartorius, Nemetschek oder, zuletzt auffällig, Bayer. Sie sehen: Am Ende ging es in der Tat schief mit dieser scheinbar ewigen Hausse.

Börse aktuell: Hausse und Absturz der Eckert & Ziegler Aktie von 2020 bis 2022 | Online Broker LYNX

Aber wie war es möglich, dass solche Aktien derart aus dem Ruder liefen, während der Gesamtmarkt zwar auch teurer wurde, aber nicht ansatzweise so überbewertet war wie diese Ausreisser? Die waren so viele Monate überbewertet, dass das eigentlich niemandem hätte entgehen dürfen. Es hätte also eigentlich nicht zu solchen Super-Haussen kommen dürfen, weil ein Anleger von vornherein hätte wissen müssen: Das geht daneben … und je höher der Anstieg, desto tiefer dürfte der Fall werden. Nun, das entscheidende Wort in vorstehender Aussage lautet „eigentlich“.

Die Ursache ist schnell gefunden: Der emotionale Filter

„Eigentlich“ ist so ein Wort, das an der Börse permanent auftaucht. Und dass das so ist, macht eines klar: Hier läuft keineswegs immer alles logisch. Im Gegenteil bewegt sich die Börse die meiste Zeit über unlogisch, weil Wünsche und Hoffnungen, Ängste und monetäre Zwänge der Marktteilnehmer dazu führen, dass zwischen die Fakten und die daraus resultierenden Entscheidungen über Kauf, Verkauf oder Passivität ein emotionaler Filter gesetzt wird, der ausblendet, was den jeweiligen Akteuren nicht in den Kram passt. Und damit haben wir schon die (logische, sieh an) Erklärung dafür, dass so vieles unlogisch abläuft.

In einer Hausse ist die Sensibilität gegenüber Signalen, die deren Ende andeuten können, ziemlich gering. Da die grosse Mehrheit der Marktteilnehmer immer nur Long geht, ob durch den Kauf von Aktien oder mit Derivaten, und gar nicht auf die Idee kommt, dass man an Abwärtsbewegungen verdienen könnte … bzw. müsste … ist das der Grund, warum es so gut wie immer erst dann zu einer mittelfristig relevanten Abwärtstrendwende kommt, wenn die Rahmenbedingungen längst bärisch sind. Dafür kommt eine Aufwärtswende meist weit vor der realen Verbesserung der Lage. Wobei man da in der Regel viele Fehlversuche sieht, denn erst, wenn die reale Lage denen, die schon mal vorkaufen, zeitgerecht zu Hilfe kommt, indem sie wirklich besser wird, wird aus einer Bodenbildung mehr als nur eine Pause von dem nächsten Tief. Aber zurück zum Punkt:

Börse aktuell: Hausse und Absturz der Delivery Hero Aktie von 2019 bis 2022 | Online Broker LYNX

„Rauf“ ist in den Augen der meisten eben gut, „runter“ ist schlecht bzw. einfach falsch. Damit hat diese Mehrheit der Anleger das Gefühl, dass der Weg nach oben unbegrenzt ist bzw. einem da weniger passieren könnte.

Und natürlich kommt ein anderer Faktor dazu: Je länger eine Hausse dauert, desto grösser wird die Zahl an Akteuren, denen die nötigen Grundkenntnisse fehlen, um überhaupt erkennen zu können, dass eine Aktie viel zu teuer und damit absturzgefährdet ist. Denn warum sich kundig machen und Zeit investieren, die Börse zu verstehen, wenn man auch ohne diese Kenntnisse Geld machen kann? Wir wissen: Diese letzte Hausse war lang, sie begann im Frühjahr 2009.

Und dass der Corona-Crash Anfang 2020 so schnell aufgeholt wurde, bestärkte nicht nur viele darin, dass man hier auch ohne Ahnung gut durchkommt. Das lockte auch noch viele neue, völlig unerfahrene Anleger an den Aktienmarkt. Kann es da überraschen, wenn einige Aktien einfach immer weiter laufen, weil sie doch alle kaufen und kaum jemand merkt bzw. merken will, dass die Bewertung langsam haarsträubend ist?

Börse aktuell: Hausse und Absturz der Sartorius Aktie von 2020 bis 2022 | Online Broker LYNX

Aber müssen solche Aktien dann so dermassen in Grund und Boden verkauft werden, wie es jetzt vor allem bei diesen Ex-Super-Performern der Fall ist? Es fällt ja auf, dass diese Aktien nicht nur wieder ins Glied zurückgetreten sind, sondern im Eilzugtempo von der Spitze der Performance-Listen an deren unteres Ende durchgereicht wurden. Das ist doch nicht … ach so, ja, die Logik. Das ist sie wieder. Bzw. deren Fehlen. Aber doch, eine gewisse Logik hat das schon.

Gerade weil einigen der Trader sehr wohl bewusst ist, dass solche Ausreisser zu teuer geworden sind, steigen sie oft sicherheitshalber aus, weil die Aktie gerade kurzfristig besonders überkauft ist. Dann aber sehen sie, dass es doch nicht zu einer Abwärtswende kommt, steigen wieder ein und befeuern damit die überzogene Hausse, die durch immer neue Hochs zudem immer weitere, neue Käufer anzieht. Nicht anders ist das bei der dann folgenden Quittung für die überzogene Hausse:

Börse aktuell: Hausse und Absturz der Nemetschek Aktie von 2021 bis 2022 | Online Broker LYNX

Wir hatten ja gesagt, dass viele Anleger ein Problem damit haben, eine drastisch zum Negativen veränderte Lage der Rahmenbedingungen zu erkennen und/oder zu akzeptieren. Solche Akteure glauben, dass Rücksetzer bei diesen Aktien, die doch so lange so weit gestiegen sind, nichts anderes als Einstiegschancen sein können. Sie kaufen in fallende Kurse hinein und erzeugen so kurze Gegenbewegungen. Aber diejenigen, die sich auskennen, nutzen gerade dieses Fehlverhalten konsequent aus. Sie gehen in solche Gegenbewegungen hinein Short, drücken die Aktie dadurch und bringen die nervös werdenden Käufer dazu, schnell wieder auszusteigen. Da Letztere es dann ein paar Prozent tiefer aber gleich erneut versuchen und das erfahrungsgemäss x-mal so laufen kann, kann das dazu führen, dass solche vorher klar überbewerteten Aktien viel zu weit fallen und auf einmal sogar unterbewertet sein können. Aber:

Wie soll man mit solchen „verrückten“ Bewegungen umgehen?

Deswegen sind sie ebenso wenig automatisch Einstiegschancen wie man in dem Moment, in dem man eine Überbewertung erkannt hat, risikolos Short gehen könnte. Denn diese Charts zeigen ja: Nach „überbewertet“ kann leicht eben nicht „abwärts“ kommen, sondern „noch drastischer überbewertet“. Aber kann man solche Aktien dann überhaupt handeln, wenn man selbst entgegen der Masse logisch und besonnen agieren kann und will?

Börse aktuell: Hausse und Absturz der Bayer Aktie im Vergleich zur Kursentwicklung des Dax von 2021 bis 2022 | Online Broker LYNX

Aber ja, warum nicht? Wenn man erkennt, dass eine Aktie aus dem Ruder läuft, steigt zwar das Risiko eines “Sudden Death“ der Hausse oder einer „Short Squeeze“ nach einem überzogenen Selloff. Aber wenn man das … im Gegensatz zu den meisten anderen … weiss, kann man dieses Risiko ja durch einen moderaten Kapitaleinsatz und konsequente Stop Loss im Griff behalten. Und die Charts zeigen ja auch, dass sich solche Aktien keineswegs einer charttechnischen Orientierung entziehen würden. Was unter dem Strich heisst:

Solche unlogischen Kursbewegungen sind kniffliger, letztlich aber, ob zuerst auf der Long- oder später auf der Short-Seite, sehr lukrativ, weil hier eben besonders viel Momentum im Trend vorliegt. Wer versteht, dass man an der Börse am besten fährt, wenn man selbst logisch und konsequent agiert, indem man die Inkonsequenz des emotionalen Handelns der Mehrheit als nun einmal vorhanden akzeptiert, kann man solche scheinbar verrücktspielenden Aktien genauso traden wie allen anderen!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 15.07.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Der Dow Jones hat im Juni genau auf Höhe eines gleitenden Durchschnitts nach oben gedreht, den man als Investor eher nicht auf dem Schirm hat: an der 1.000-Tage-Linie. Auch der Nasdaq 100 hatte diese Linie touchiert – und der Abgabedruck hörte auf. Grund genug, sich diese wenig bekannte Linie einmal genauer anzusehen.

Wer schon länger an der Börse agiert, dürfte diese 1.000-Tage-Linie (oder 200-Wochen-Linie) wohl kennen, denn dass Dow und Nasdaq an der Börse aktuell ausgerechnet dort erst einmal nach oben drehten, ist kein Zufall. Aber da die meisten Jahre am Aktienmarkt Hausse-Jahre sind, entsteht ein Kontakt zu dieser Linie selten, so dass sie zwischenzeitig normalerweise in Vergessenheit gerät. Zumal europäische Anleger weniger mit dieser Linie am Hut haben, denn bei DAX und Euro Stoxx 50 funktioniert sie nicht. Was daran liegt, dass US-Trader mehrheitlich andere gleitende Durchschnitte als Leitlinien nutzen als wir in Europa. Aber der Reihe nach:

Börse aktuell: Dow Jones dreht im Juni 2022 im Bereich der 1000-Tage-Linie wieder nach oben | Online Broker LYNX

Warum funktionieren gleitende Durchschnitte als Orientierung überhaupt?

Wie kommt es eigentlich, dass die Kurse von Aktien und Indizes (bei Rohstoffen und Währungen klappt das auch, aber weniger zuverlässig) an gleitenden Durchschnittslinien der letzten x oder y Handelstage so verdächtig oft wieder nach oben oder, wenn sie darunter liegen, nach unten drehen? Wo ist da die zwingende Logik?

Es gibt keine. Dass markante obere und untere Wendepunkte im Chartbild als Widerstand oder Unterstützung dienen, kann man von der Logik her nachvollziehen. Aber schon bei Auf- und Abwärtstrendlinien, bei Signalen markttechnischer Indikatoren und letztlich auch bei gleitenden Durchschnitten kommt man da mit Logik nicht weit. Solche Indikationen funktionieren einfach deswegen, weil genug Marktteilnehmer sie kennen und sie als Leitlinie nutzen. Daher funktionieren auch ganz bestimmte Zeitraster bei gleitenden Durchschnitten zuverlässig, andere, die niemand beachtet, eben nicht.

Börse aktuell: Nasdaq 100 dreht im Juni 2022 im Bereich der 1000-Tage-Linie wieder nach oben | Online Broker LYNX

Die Berechnung von gleitenden Durchschnitten und die gebräuchlichsten Varianten

Gleitende Durchschnitte liegen auf dem Kursniveau, das den Durchschnitt der letzten n Schlusskurse bezeichnet und bewegen sich dementsprechend mit dem aktuellen Kursverlauf, laufen ihm aber hinterher. Hierzulande sind es vor allem die 20-Tage-Linie und die 200-Tage-Linie, die viel beachtet werden. D.h. man ermittelt z.B. den Schnitt der letzten 20 Schlusskurse des DAX, wobei der älteste Schlusskurs in der Berechnung am Folgetag herausfällt und dafür der neueste mit hineinkommt. Dabei gibt es verschiedene Berechnungsweisen, am verbreitetsten sind die lineare (alle Schlusskurse bekommen das gleiche Gewicht) und die exponentielle (die jüngsten Schlusskurse haben ein höheres Gewicht als die älteren).

Während bei uns in Europa vor allem der 20-Tage- und der 200-Tage-Durchschnitt als Standard genutzt werden, sind die klassischen Durchschnitte in den USA die 50-Tage-, die 100- und 200-Tage-Linien … und eben auch die 1.000-Tage-Linie, die dort sehr oft als letzte Verteidigungslinie der Bullen fungiert. So wie im Juni bei Nasdaq und Dow Jones und, wie der folgende Chart zeigt, beim DAX eben nicht.

Börse aktuell: Beim Dax funktioniert die 1000-Tage-Linie nicht | Online Broker LYNX

Aber wenn man sich ansieht, wie oft diese Linie auch in früheren Jahren funktioniert hat, dazu der unten folgende Chart, der den Dow Jones über die Jahre 1950 bis 1963 in logarithmischer Skalierung zeigt, erkennt man schnell:

 Sich nach einer erfolgreichen Verteidigung der 1.000-Tage-Linie stur weiter Short zu positionieren, kann übel ausgehen, diese Linie hat „Power“. Vor allem, wenn solche Tests noch mit charttechnisch bullischen Formationen einhergehen wie z.B. diesem (noch nicht vollendeten) Doppeltief beim Nasdaq 100, das wir oben gesehen haben. Aber wie alles in Bezug auf chart- und markttechnische Analysen reden wir auch hier nicht von einer „exakten Wissenschaft“: Man muss mit dieser 1.000-Tage-Linie behutsam umgehen bzw. sollte sie nicht überbewerten.

Börse aktuell: Kursentwicklung Dow Jones von 1950 bis 1963 und die Rolle der 1000-Tage-Linie | Online Broker LYNX

Wie man mit der 1.000-Tage-Linie umgehen sollte

In dem vorstehenden, historischen Chart des Dow Jones sehen wir im Jahr 1962, dass diese Linie in beide Richtungen „funktioniert“. Ist sie erst einmal klar gebrochen, löst das zum einen Anschlussverkäufe aus, eben weil ein Bruch dieser Linie meist bedeutet, dass darunter keine potenziellen Leitlinien für die Bullen mehr warten. Zum anderen ist ein solcher Bruch das Signal, das auch sonst stur und ausschliesslich Long agierende Investoren auf die Short-Seite bringt, was dazu führt, dass diese Linie dann als Widerstand wirkt und Aufwärts-Trendwenden vereiteln kann. Was liesse sich als Faustregeln formulieren, wenn es darum geht, wie man mit diesem besonderen gleitenden Durchschnitt umgehen könnte?

Zunächst einmal: Setzen Sie nicht zu sehr darauf, dass diese Linie auch bei unseren europäischen Indizes oder Aktien funktioniert. Das kann so laufen, aber wenn beim DAX oder einem europäischen Einzelwert die 1.000-Tage-Linie hielte, sollte man darüber hinaus eine charttechnische Trendwendeformation und/oder eine bullische Formation in den Candlesticks, vorzugsweise auf Wochenbasis, sehen, bevor man einem Touchdown auf der 1.000-Tage-Linie traut. Wobei das grundsätzlich auch für die US-Märkte sinnvoll wäre, denn:

Wenn die Rahmenbedingungen nach einem solchen erfolgreichen Test negativ bleiben, so, wie das derzeit der Fall ist, dürfte die Reichweite dieses Signals begrenzt sein. Wenn, sollte man dann wenigstens Begleitschutz von Trendwendeformationen oder bullischen Candlestick-Formationen sehen, bevor man daraufhin in grösserem Umfang Long geht.

Börse aktuell: Kursentwicklung Nasdaq 100 von 2007 bis 2022 und die Rolle der 1000-Tage-Linie | Online Broker LYNX

Und man sollte bei dieser Linie einen gewissen „Rangierabstand“ beachten. Der vorstehende Chart zeigt den Verlauf des Dow Jones über die vergangenen 15 Jahre. Hier sehen Sie, dass diese Linie nicht zwingend punktgenau erreicht werden muss … 2011, 2016 und Ende 2018 reichte eine Annäherung auf einige wenige Prozentpunkte, um die Kurse nach oben zu drehen. Und bisweilen, so z.B. Anfang 2008 oder im darüber gezeigten historischen Chart in den Jahren 1950 und 1957, kann sie auch kurze Zeit leicht unterboten werden, trotzdem wird dann noch versucht, die Linie zu retten … und oft mit Erfolg. Was bedeutet:

Aktuell gälte: Noch ist die Messe nicht gelesen

Sobald sich ein Kurs in einer Zone um zwei, drei Prozent um die Linie herum bewegt, gilt es, wachsam zu werden und das Kursgeschehen genau zu beobachten. Bricht der Kurs weiter ein und bleibt länger als ein, höchstens zwei Wochen mehr als zwei, drei Prozent unterhalb der 1.000 Tage-Linie, ist das ein massiv bärisches Signal. Schafft er einen erfolgreichen Test, wäre das ein markantes Long-Signal, das indes erst dann verlässlich wird, wenn entweder die Rahmenbedingungen zugleich bullischer werden und/oder dieser Test von positiven Signalen in der klassischen Charttechnik oder den Candlesticks begleitet wird. Was für Lage an der Börse aktuell heisst:

Die Tests dieser Linie zeigen, dass die Käufer nicht nur noch „wollen“, sondern auch „können“. Und wenn Dow Jones und Nasdaq 100 die Zwischenhochs von Ende Juni überwinden, käme der Geleitschutz in Form von Doppeltiefs hinzu, der das Signal noch intensiviert. Für eine endgültige Aufwärtswende sind aber die Rahmenbedingungen zu bärisch, daher sollte man auch dann davon ausgehen, dass die Short-Seller, sprich die Bären, die Sache noch lange nicht aufgegeben haben. Wahrscheinlicher ist es daher, dass die Reichweite dieses Touchdowns auf der 1.000-Tage-Linie überschaubar bleibt.

Sich dem aber alleine deshalb entgegenzustellen und darauf zu wetten, dass die Linie eher über kurz als über lang doch noch fällt, wäre ziemlich gewagt. Damit sollte man besser warten, bis die Rallye an Widerständen abprallt, einfach mangels Käufer „verhungert“ … oder aber sogar zuwarten, bis die 1.000-Tage-Linie in einem erneuten Test dann doch noch fällt und damit den mittelfristig immer noch intakten Abwärtstrend dadurch beschleunigt.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

* Charts vom 08.07.2022, Chartquelle marketmaker pp4

Lassen Sie sich den Artikel vorlesen:

Ist das Tief und mit ihm die Aufwärtswende endlich nahe? Tja, die einen sagen so, die anderen so. Aber muss es denn nicht irgendwelche klaren Indikationen geben, anhand derer man erkennen kann, dass ein Boden da ist und man so richtig zulangen könnte? Schliesslich gibt es in Sachen unterer Wendepunkte eine ganze Menge Beispiele in der Geschichte. Schön, schauen wir uns die einmal an.

In den letzten 33 Jahren gab es keinen Tag, an dem ich mich nicht mit der Börse beschäftigt hätte. Noch als Student hatte ich den Crash 1987 anhand der Reaktionen derjenigen Kommilitonen miterlebt, die da schon genug Geld für Aktien hatten … und war dann selbst und „on the job“ dabei, als nach heftigen Baissen die Aufwärtswenden 2003 und 2009 anstanden. Und die von 2020, klar. Da sollte man ja so langsam wissen, wie es geht. Und ja, alle drei unteren Wendepunkte haben eine Gemeinsamkeit:

Sie fanden im März statt. Dumm nur, dass es a) schon fast kriminell dumm wäre, deswegen den März als den einzig möglichen Monat einer Aufwärtswende auszurufen und es b) dann ja noch ein wenig dauern müsste mit dem Abwärtstrend, denn der nächste März ist noch weit weg. Schauen wir uns doch einfach mal vier Wendephasen an: 1998, 2003, 2009 und 2020.

Kann man im Chartbild irgendwelche Parallelen erkennen?

Den Crash 1987 nehme ich bewusst heraus, weil ich da für den DAX zum einen keine Open/High/Low-Kurse auf Tagesbasis in der Datenbank habe und zum anderen ein Crash halt etwas anderes ist als eine Baisse. Dafür kommt die Asien/Tigerstaaten-Krise 1998 mit hinein. Von vielen längst vergessen, aber auch überaus sportlich für die Nerven gewesen. Dazu dann die Wenden 2003, 2009 und 2020.

Börse aktuell: Bodenbildung DAX während Tigerstaaten Krise 1998 und 1999 | Online Broker LYNX

Dabei wähle ich eine logarithmische Skalierung, um die Bewegungen vorher und nachher besser in ihrer prozentualen Grössenordnung erkennbar zu machen. Und ich packe einen Indikator mit in die Charts, von dem man vermuten könnte, dass er bei der Identifizierung eines Tiefs hilfreich sein könnte: den RSI. Und, ganz wichtig: Ich zeige die Charts auf Wochenbasis. Denn auf dieser Zeitebene sind Trendwendeformationen, Candlestick-Umkehrformationen und Signale markttechnischer Indikatoren deutlich bedeutsamer. Sehen wir uns das mal an. Beispiel 1, oben bereits abgebildet: Die Tigerstaaten-Baisse im Sommer 1998. Und da haben wir gleich mal ein Beispiel dafür, dass eine Wende ziemlich klar im Chart erkennbar sein kann. Es hatte sich auf Wochenbasis im DAX ein „Morning Star“ herausgebildet (rotze Kerze, Doji, weisse Kerze), zugleich hatte der RSI-Indikator die überverkaufte Zone erreicht. Zufall?

Börse aktuell: Bodenbildung im DAX im Jahr 2003 | Online Broker LYNX

Dass Candlestick-Umkehrformationen und der RSI für Aufwärts-Trendwenden eine Rolle spielen, ist schon wahr, da war 1998 keine Ausnahme. Das sehen wir daran, dass der RSI bei den Trendwenden 2003 und 2009 (vorstehender und nachfolgender Chart) jeweils positive Divergenzen zum Index ausbildete, d.h. der DAX machte ein neues Tief, der RSI aber drehte über seinem vorherigen Tief nach oben. Und auch die Candlesticks zeigten Signale. 2003 hatten wir da einen „Hammer“, der zusammen mit den Wochenkerzen vorher und nachher einen, wenngleich nicht ganz regelkonformen, Morning Star ausbildete. 2009 hatte da nichts zu bieten, aber immerhin gab es auch da diese positive Divergenz des RSI. Weiter zu 2020:

Börse aktuell: Bodenbildung im DAX im Jahr 2009 | Online Broker LYNX

2020 bildete der DAX zwar „nur“ ein „bullisch engulfing pattern“ aus, aber immerhin ist auch das ein positives Signal in den Candlesticks, ausserdem war der RSI auch da wieder in die überverkaufte Zone gerutscht. Wobei man mit 2020 vorsichtig sein sollte, denn das gehörte ja doch mehr in die Kategorie „Crash“ als in die Baisse-Schublade. Aber jetzt gleich mal zu der üblichen kalten Dusche für diejenigen, die glauben, Börse sei einfach.

Börse aktuell: Bodenbildung im DAX im Jahr 2020 | Online Broker LYNX

Auf eine erfolgreiche Wende kommen meist zwei bis drei Fehlversuche im Vorfeld

Was man gerne völlig übersieht, weil man sich bei der Suche nach wiederkehrenden Trendwende-Signalen natürlich auf diese historischen Wendepunkte fokussiert und dann eher nicht „die Umgebung beobachtet“, ist: Auf fast jede am Ende dann erfolgreiche Wende kommen vorher mehrere Fehlversuche, die allesamt zwar wie eine Wende aussahen, auch eine hätten sein können, es dann aber eben doch nicht wurden!

Schauen Sie dazu mal auf den folgenden Chart. Da habe ich jetzt ein wenig mehr der Vorgeschichte der Wende vom März 2009 eingeblendet. Im März 2008 (März, ha!) entstand ein „Morning Star“ im DAX-Chart, der mit einem überverkauften Level des RSI einherging. Daraufhin ging es zwar wochenlang aufwärts, aber die Wende wurde es eben nicht. Dann kam im Sommer 2008 ein neues Tief, das von einer positiven Divergenz im RSI begleitet wurde. Auch das zog die Kurse höher … aber auch das wurde am Ende nicht die Wende.

Börse aktuell: Versuche einer Bodenbildung im DAX vor der erfolgreichen im Jahr 2009 | Online Broker LYNX

Und wenn Sie sich mal die Phase vom Herbst 2008 anschauen: Das erste Tief zeigte eine kleine positive Divergenz zum Index, es entstand Anfang November ein „bullish engulfing pattern“ … aber auch daraus wurde nichts.

Ist die „Kapitulation“ ein besseres Signal?

Ob man womöglich nur auf die „Kapitulation“ der Bullen warten muss, von der immer geredet wird? Das klänge irgendwie logisch. Wenn die letzten Bullen aufgeben, gehen nicht nur dem Markt die Verkäufer aus, weil dann die letzten, die noch verkaufen könnten, ausgestiegen sind. Es hiesse ja auch, dass alle die negative Lage akzeptiert haben, es von hier aus also nur noch besser werden kann. Das klingt aber nur so lange logisch, bis man genauer darüber nachdenkt. Dann nämlich erkennt man: Das ist Mumpitz. Aus einer ganzen Reihe von Gründen.

Erstens hat die Lage meist kein Problem damit, einfach noch schlechter zu werden als das, was diejenigen, die das Problem bislang nicht hatten wahrhaben wollen, dann einräumen.

Zweitens ist es dann ja nicht so, wie manche Medien nach einem herben Selloff titeln, dass „niemand mehr Aktien hat“. Irgendwer muss sie ja haben, denn die Verkäufer haben sie ja irgendwem verkauft. Und die, die sie dann haben, könnten sie ebenfalls verkaufen … zu noch tieferen Kursen.

Drittens hat sich das Bild der Märkte in den letzten 30 Jahren verändert. Heute dominieren computergesteuerte Handelsprogramme das Geschehen. Und in einem Abwärtstrend können die so lange Short gehen, bis denen, die dagegen halten, das Blut aus den Ohren kommt.

Und viertens bringt eine kurzfristige Kapitulation nichts, wenn die Rahmenbedingungen dann nicht hurtig besser werden und die bisherigen Käufe nachträglich unterfüttern. Und das, genau das, ist der eigentliche Punkt in Sachen Wende!

Worauf es ankommt, ist, dass die Vorhut überlebt

Dass die letzten Bullen kapitulieren, ist ohnehin Blödsinn, weil diejenigen, die ihnen dann zu Schleuderpreisen die Aktien abkaufen, das tun, weil sie glauben, damit einen guten Schnitt zu machen. Also wechselt nur das Gesicht der Bullen, aber Leute, die auf steigende Kurse setzen, gibt es logischerweise immer. Aber das mit den Rahmenbedingungen, das ist der Punkt. Die (Achtung, grammatikalische Katastrophe) „müssen passen werden“.

Was ich damit meine, ist: Eine Wende in den Kursen greift normalerweise einer Wende bei den Rahmenbedingungen vor. Das heisst, am Tief ist die Lage noch mies, könnte sogar noch mieser werden. Aber einige, die das Gras wachsen hören (oder glauben, sie könnten es), nutzen eine bestimmte, bullische Konstellation, um kräftig zu kaufen. Das tun sie aus folgenden Gründen:

Sie waren vorher massiv Short und können es sich leisten, den Gewinn einzusammeln und auf Long zu drehen, weil ihnen, wenn es schiefgeht, immer noch ein sattes Plus aus der Short-Phase bliebe.

Sie tun das, weil sie eine chart- und markttechnisch positive Gemengelage sehen oder sogar selbst erzeugen wollen. Beispiel 2020: Der DAX setzte auf den Hochs der Jahre 2000 und 2008 auf und produzierte dabei das oben gezeigte „bullish engulfing pattern“ bei einem zugleich überverkauften RSI. Ein idealer Moment für eine Wende. Dadurch konnte man darauf hoffen, dass andere auf den Zug aufspringen werden und die eigenen, vorher gekauften Positionen in die Gewinnzone ziehen.

Sie setzen darauf, dass sich die den Markt beeinflussenden Faktoren relativ bald stabilisieren und aufhellen werden, so dass sie als „Käufer der ersten Stunde“ tatsächlich zu Beginn eines neuen Aufwärtstrends eingestiegen sind. Damit das klappt, muss diese „Vorhut“ der Wende aber überleben, was bedeutet:

 Andere Akteure müssen auf diesen Zug aufspringen und die Rahmenbedingungen müssen sich wirklich verbessern. Und das klappt eben keineswegs immer, da spielt die Zeit eine entscheidende Rolle. Es darf nicht so lange dauern, dass zu viele Käufer aufgeben und wieder aussteigen. Genau das war bei den gescheiterten Wendeversuchen 2008 passiert.

Auch 2020, auch das ist vielen gar nicht mehr gegenwärtig, wäre das um ein Haar schiefgegangen. Schauen Sie nochmal auf den Chart:

Börse aktuell: Erfolgreiche Verteidigung der Hause im Jahr 2020 | Online Broker LYNX

Im Oktober 2020 drohte die Hoffnungs-Hausse … denn mehr war sie bis dahin ja nicht … zusammenzubrechen. Man erkannte, dass Corona in eine zweite Welle geht, Impfstoffe waren noch keine da und Donald Trump holte bei den US-Wahlumfragen auf. Der DAX kriege Anfang November nur die Kurve, weil Biden dann doch gewann und nur wenige Tage später gemeldet wurde, dass die ersten Impfstoff-Hersteller startbereit sind. Wäre das nicht so gekommen, hätten diese Signale im Candlestick-Chart und im RSI vom März nichts genutzt, es wäre trotzdem wieder rasant abwärts gegangen.

So aber wurde das Wagnis, eine Besserung der Gemengelage vorweg zu nehmen, im allerletzten Moment doch noch aufgefangen und es wurde, im Nachhinein weiss man es jetzt ja, damals aber nicht, doch „die“ Wende. Und was bedeutet das jetzt für das Hier und Heute und die Börse aktuell?

Rallyechance? Immer! Wendechance? Jetzt eher noch nicht!

Davon abgesehen, dass der DAX momentan weder eine bullische Konstellation in den Candlesticks auf Wochenbasis noch einen überverkauften RSI zu bieten hat, haben wir aktuell eine Gemengelage, die das „Überleben der Vorhut“ knifflig machen dürfte. Richtig ist zwar, dass der Markt schon einiges an „Krise“ vorweggenommen hat, dass der DAX schon 20 Prozent unter das Rekordhoch gefallen ist, obwohl die üblen Quartalsbilanzen erst jetzt nach und nach kommen werden, aber:

Wir sehen uns einer Situation gegenüber, in der Inflation mit Rezession, der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben wird. Dass man mit Nullzinsen nicht weitermachen konnte, ist zwar richtig und der Weg der Notenbanken daher wohl dummerweise für den Moment alternativlos. Aber das führt zu einer Gemengelage, die absolut alles im Hut haben könnte, was die nächsten Quartale und sogar Jahre angeht. Daher ist es nicht wahrscheinlich, dass, wer jetzt der grossen Wende vorgreifen wollte, rechtzeitig von einer nachhaltigen Verbesserung der Rahmenbedingungen aufgefangen würde. Eine Rallye, die geht immer, wenn die Kurse nur schnell und weit genug gefallen sind. Aber jetzt bereits das Depot wieder randvoll mit Aktien zu packen, dafür spricht derzeit noch nichts.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

*Charts vom 01.07.2022, Chartquelle marketmaker pp4