Euro Stoxx 50: Es hielt, was halten musste … aber hält das auch?

von |
In diesem Artikel

EURO STOXX 50
ISIN: EU0009658145
|
Ticker: SX5E --- %

---
---% (1D)
1 W ---
1 M ---
1 J ---
Zur EURO STOXX 50

Fast punktgenau an der runden Marke von 4.300 Punkten ging der Euro Stoxx 50 gestern aus dem Handel. An einem Tag unmittelbar vor einer Abrechnung an der Terminbörse sollte man solche Punktlandungen mit Vorsicht geniessen, denn das ist selten ein Zufall.

Auch, wenn die aktuelle Variante des Corona-Virus deutlich weniger gefährlich ist: Die schiere Masse neuer Infektionen könnte die Infrastruktur der Eurozone heftig stören. Denn es reicht ja auch eine Erkrankung, die wie eine mittelschwere Grippe abläuft, um viele der Infizierten ins Bett zu verfrachten. Was angesichts der ohnehin wankenden Produktion erheblich negative Auswirkungen auf die Probleme des Materialmangels und der Lieferketten hätte, denn auch die Zulieferbetriebe und die Logistik würden ausgebremst, so dass die Produktion insgesamt noch mehr belastet und der „Flaschenhals“ auf der Zeitachse verlängert wurde.

Das ist den meisten Investoren klar, weshalb der fulminante Start des Euro Stoxx 50 ins Jahr 2022 auch nur drei Tage währte, bevor er von einem Abverkauf abgelöst wurde, der in der Unterstützungszone 4.242/4.253 Punkte erst einmal aufgefangen wurde. Eine hochgezogene Augenbraue bei erfahrenen Tradern war es wert, dass der europäische Leitindex die Gegenbewegung nach oben früh abbrach und die Zone 4.242/4.253 erneut testete. Das sah gar nicht gut aus … doch ab Mittwoch wurde wieder gekauft.

Euro Stoxx 50: Tages-Chart vom 20.01.2022, Kurs 4.299,61 Euro, Kürzel SX5E | Online Broker LYNX

Eine wichtige Unterstützung, die innerhalb kurzer Zeit zweimal hielt: Reicht das aus, um den Index wieder in Schwung zu bringen und ihn im zweiten Versuch über das 2021er-Hoch bei 4.415 Punkten zu tragen? Wäre nicht ausgerechnet heute die Abrechnung der Optionen auf Aktien und Indizes an der Terminbörse, könnte man einer Rallye trotz der obengenannten Problematik in Sachen „Omikron“ gute Chancen zumessen. Doch heute ist eben diese Terminbörsen-Abrechnung. Und wenn verteidigte, wichtige Unterstützungen mit einer solchen Abrechnung zusammenfallen, ist die Stabilität nicht selten trügerisch.

Den aktuellen Kurs und Chart des EURO STOXX 50 sowie Kursinformationen und alle Aktien des Index finden Sie hier.

Expertenmeinung: Selbst ohne diesen Abrechnungstermin sollte man sich des Aufwärtspotenzials des Euro Stoxx 50 nicht zu sicher sein, immerhin laufen die Erzeugerpreise immer neue Rekorde an (gestern kam der deutsche Dezember-Wert mit unglaublichen +24,2 Prozent auf den Tisch), was nicht spurlos an den Unternehmensgewinnen vorbeigehen kann. Und die brenzlige Lage in Sachen Ukraine ist ebenfalls ein Damoklesschwert für die europäischen Aktien.

Und wenn man weiss, dass die erfahrenen, grossen Adressen all das genau wissen und somit auch wissen müssten, dass der Euro Stoxx 50 ganz leicht nach unten wegrutschen kann, stellt sich natürlich die Frage, warum er das nicht tut, sondern zur Wochenmitte fleissig an dieser jetzt wieder gehaltenen Unterstützung verteidigt wurde. Zudem: Wer wendet Kapital auf, um eine Supportzone zu halten, die ohnehin eigentlich nur eine Art vorgelagerte Verteidigungslinie der Bullen ist?

Denn die eigentlich entscheidende Zone liegt etwa 100 Punkte tiefer, im Bereich von 4.145 Zählern. Warum das und nicht der jetzt so fleissig verteidigte Bereich 4.242/4.253 Punkte die Entscheidungszone darstellt, offenbart sich im Chart auf Wochenbasis:

Dort bilden die 200-Tage-Linie und die im März 2020 etablierte Aufwärtstrendlinie den eigentlichen Leitstrahl der Hausse seit dem „Corona-Crash“. Daher darf man mutmassen, dass es vor allem grosse Akteure an der Terminbörse sind, die den in dieser Woche erneut gehaltenen, vorgelagerten Supportbereich verteidigen – mit Blick auf die heutige Abrechnung der Index-Optionen. Und danach, wenn die Abrechnung vorüber ist?

Dann kann es gut sein, dass die „Schwerkraft“ der negativen Rahmenbedingungen wieder einsetzt. Dass die vorhanden ist, liess sich gestern Abend an der Wall Street gut erkennen, denn auch dort war man angetreten, die Kurse vor der Terminbörsen-Abrechnung zu stabilisieren. Doch dort kamen die Bullen im Gegensatz zum Euro Stoxx 50 nicht einmal heil über den Tag vor der Abrechnung, die US-Indizes starteten im Plus … und endeten allesamt kläglich im Minus. Eine Blaupause für den Euro Stoxx 50 heute und in der kommenden Woche? Möglich. Achten Sie vor allem auf diese Schlüsselzone um 4.145 Punkte: Wenn die fällt, wird es womöglich sehr schnell äusserst ungemütlich für Long-Trades.

Euro Stoxx 50: Wochen-Chart vom 20.01.2022, Kurs 4.299,61 Euro, Kürzel SX5E | Online Broker LYNX
Sie möchten an der Börse handeln?

Nutzen Sie für Ihre Börsengeschäfte ein Depot über den Online-Broker LYNX. Alles aus einer Hand: Aktien kaufen, Optionen handeln, Futures traden oder in ETFs investieren.

Informieren Sie sich hier über den Online-Broker LYNX.

--- ---

--- (---%)
Mkt Cap
Vol
Tageshoch
Tagestief
---
---
---
---

Displaying the --- chart

Heutigen Chart anzeigen

Alle Börsenblick-Artikel

Nachricht schicken an Ronald Gehrt
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.

Der Start ins neue Jahr war fulminant, aber die Käufe wurden verdächtig früh von Abgaben ausgebremst. Die wurden zwar an einer wichtigen Unterstützung gestoppt, aber die liegt immer so nah, dass die Bullen beim Euro Stoxx 50 jederzeit in die Bredouille kommen könnten.

Das „Zehn-Tage-Omen“ ist zwar nicht völlig bar jeder Logik, aber trotzdem nicht so fundiert und zuverlässig, dass man über die Aufwärts-Chancen eines Index das Kreuz schlagen müsste, nur, weil der in den ersten zehn Tagen eines Börsenjahres ein Minus ausweist. Allerdings sind viele Regeln an der Börse nur deswegen relevant, weil genug Marktteilnehmer an sie glauben. Und dieses „Zehn-Tage-Omen“ ist allgemein bekannt. Und ob man daran glauben mag oder nicht, hinschauen tun sie alle. Was bedeutet: Heute wird es da für den Euro Stoxx 50 spannend.

Euro Stoxx 50: Tages-Chart vom 13.01.2022, Kurs 4.315,90 Punkte, Kürzel ESTX50 | Online Broker LYNX

Denn nachdem der europäische Leitindex das Jahr 2021 mit 4.306 Punkten abgeschlossen hatte, steht er jetzt, nach neun absolvierten Handelstagen, mehr oder weniger genau auf der Nulllinie. Würde er heute nennenswert tiefer schliessen, dürfte die sich daraus ergebende, negative Aussage des „Omens“ im Hinterkopf festsetzen: In die Richtung, in die ein Kurs die ersten zehn Tage des Jahres tendierte, wird er auch im Gesamtjahr tendieren. Aber warum sollte der Index in den kommenden Monaten denn schwächer gehen?

Expertenmeinung: Corona dürfte nicht mehr das Problem sein, aber die gerissenen und weiterhin nicht funktionierenden Lieferketten, die in der Eurozone extrem gestiegenen Erzeugerpreise, die nervösen Verbraucher, die untätige EZB: All das sind Belastungsfaktoren, die einerseits auf die Unternehmensgewinne und andererseits auf den Geldbeutel und die Investitionsbereitschaft der Bürger drücken können.

Zwar ist noch völlig offen, wann sich diese Aspekte in Wohlgefallen auflösen, so dass, wer optimistisch ist, damit auch einfach für das Frühjahr rechnen und bullisch bleiben könnte. Aber das fällt eben deutlich schwerer, wenn der Euro Stoxx 50 mit einem charttechnisch negativen Gesamtbild daherkommt. Da bräuchte es dann solche eher dem Aberglauben zuzurechnenden Dinge wie das „Zehn-Tage-Omen“ nicht mehr. Und das Risiko eines negativen Chartbilds besteht, wie wir in den Chart sehen.

Viel würde ja nicht fehlen, damit endlich auch der Euro Stoxx 50 ein neues Rekordhoch erreichen, das alte Hoch aus dem Jahr 2007 bei 4.573 Zählern überwinden würde. Aber gerade die Nähe zu diesem ultimativen Hoch lässt viele auch nach unten schauen. Um diese Zweifel abzuschütteln, müsste aus dem Auffangen der vergangene Woche einsetzenden Abgaben auf Höhe der Unterstützungszone 4.242/4.253 Punkte ein neuer und diesmal erfolgreicher Ausbruch über das 2021er-Hoch bei 4.415 Punkten entstehen, an dem der Euro Stoxx 50 nach seinem anfänglich starken Start ins Jahr 2022 gescheitert war. Doch die Käufe wichen gestern bereits ersten Abgaben.

Damit bleibt das Risiko bestehen, dass der Index doch noch durch die Zone 4.242/4.253 Punkte in Richtung der zuletzt zweimal verteidigten 200-Tage-Linie rutscht. Das bullische Lager täte daher gut daran, jetzt umgehend nachzulegen, um die Chance, zum Jahresbeginn Zeichen zu setzen, nicht liegen zu lassen.

Euro Stoxx 50: Monats-Chart vom 13.01.2022, Kurs 4.315,90 Punkte, Kürzel ESTX50 | Online Broker LYNX

Mit etwa 20 Prozent Kursgewinn war 2021 für den Euro Stoxx 50 ein gutes, leicht überdurchschnittliches Jahr. Jetzt stellt sich vor allem eine Frage: Ist das, worauf man 2022 hofft, bereits in den Kursen drin … oder ist da in nächster Zeit noch Spielraum nach oben?

Natürlich schauen die Anleger zu Beginn eines neuen Jahres voraus. Und der Blick nach vorne birgt die berechtigte Hoffnung, dass das Thema Corona immer mehr in den Hintergrund treten wird. Man darf erwarten, dass die immer noch überforderte Logistik irgendwann 2022 wieder in die Spur zurückfindet, dass die extrem gestiegenen Erzeugerpreise, die immens höheren Energie-, Rohstoff- und Transportkosten wieder sinken. Und mit ein wenig Glück und klugen Entscheidungen könnte es gelingen, die Inflation dadurch vor allzu viel höheren Levels zu bewahren. Verunsicherte Verbraucher würden den Gürtel wieder weiter schnallen, das Wachstum würde einen soliden Level erreichen und halten können. Wunschdenken?

Chart mit Tageskerzen vom 30.12.2021, Kurs 4.304,47 Punkte, Kürzel ESTX50 | Online Broker LYNX

Nein, es könnte in der Tat so kommen. Aber ob das den Euro Stoxx 50 als europäischen Leitindex am Ende dieses neuen Jahres deutlich höher getragen haben wird, ist eine ganz andere Frage. Denn wer besonnen handelt, schaut nicht nur stur voraus, sondern wirft auch einen Blick zurück und prüft, wie stabil der Sockel ist, auf dem der Aktienmarkt steht und von hier aus weiter klettern soll. Und findet ungewöhnlich reichlich verteilte Vorschusslorbeeren.

Expertenmeinung: Was das Jahr 2022 insgesamt knifflig machen könnte, sind zwei Aspekte. Zum einen hatte man mit grosser Mehrheit erwartet, dass die Weltwirtschaft bereits 2021, spätestens im Sommer, wieder normal laufen würde. Das war der Grund, wieso der Euro Stoxx 50 seit Herbst 2020 bis zum Sommer so stark unterwegs war. Und da hatte man ursprünglich weder mit reissenden Lieferketten noch mit einer aus dem Ruder laufenden Inflation gerechnet. Doch auch, wenn der Index in der zweiten Jahreshälfte volatiler wurde und kaum noch vorankam, das Gros derer, die zuvor auf die Normalisierung gesetzt hatten, ist ja offenkundig weiterhin investiert. Geld, das längst im Markt ist, kann die Kurse aber nicht weiter ziehen.

Zum anderen würde eine echte, tragfähige Belebung des Konsums die Sparquoten reduzieren. Unternehmen würden geparktes Geld in neue Projekte investieren. Und die Notenbanken werden 2022 weniger (EZB) bis gar kein (US-Notenbank) Geld mehr in die Anleihemärkte pumpen, um die Renditen künstlich niedrig zu halten, so dass die zuletzt verschwundene Alternative eines Investments in Anleihen wieder relevant werden könnte. Hinzu kommt, dass wir 2020 und 2021 eine derartige Flut neuer Anleger gesehen haben, dass man zweifeln darf, dass noch frisches, die Aktien höher ziehendes Kapital in vergleichbarer Grössenordnung zufliessen könnte. Die Frage lautet somit:

Könnte es sein, dass sich die Rahmenbedingungen 2022 verbessern, der Euro Stoxx 50 aber trotzdem nicht nennenswert zulegen wird, weil das frische Geld knapper wird und zu viele zu lange im Vorfeld auf diese sich immer wieder verspätende Normalisierung gesetzt haben?

Chart mit Monatskerzen vom 30.12.2021, Kurs 4.304,47 Punkte, Kürzel ESTX50 | Online Broker LYNX

Man sollte das zumindest nicht ausschliessen. Eine „Fire & Forget“-Taktik, das Kaufen von Long-Positionen, die man dann einfach liegen lässt, sollte man besser im neuen Jahr bleiben lassen. Dabei ist es allemal möglich, dass das erste Quartal noch sehr gut läuft, dass der Euro Stoxx 50 das uralte, aus dem Jahr 2007 stammende Rekordhoch bei 4.573 Punkten angeht und sogar überwindet. Aber das Phänomen „buy the rumor, sell the news“ könnte 2022 zu einem kniffligen Jahr machen.

Wenn ein geringer werdender Zustrom frischen Kapitals auf Verkäufe derjenigen trifft, die womöglich bereits im Frühjahr 2020 auf die Rückkehr der Normalität gesetzt hatten und jetzt auf hohen Gewinnen sitzen, kann die Hausse kippen. Immerhin bedingt die Erkenntnis, dass Anleger die Zukunft handeln, dass das Gros der Akteure längst investiert ist, wenn diese erhoffte Zukunft zur Gegenwart wird. Und dann müsste die Erwartung, dass alles wieder gut wird, von der Überzeugung abgelöst werden, dass ab jetzt alles sogar noch viel besser wird, damit die Akteure ihre Gewinne nicht mitnehmen, sondern im Gegenteil weiter zukaufen. Und allzu sicher sollte man da lieber nicht sein, dass die Entwicklung dieses neuen Jahres solche Überzeugungen hervorbringen wird.

Solange ein Kurs über seiner 200-Tage-Linie notiert, ist die Welt noch in Ordnung? Das ist zwar grundsätzlich nicht falsch. Aber beim Euro Stoxx 50 zeigen sich bärische Strukturen bereits über dieser Linie … die zudem bald erneut getestet werden und dann fallen könnte.

Gute Ansätze gab es ja. Nach dem Selloff als Reaktion auf das Auftauchen der Omikron-Mutation rang der europäische Leitindex tagelang mit seiner 200-Tage-Linie – und am Ende gewannen die Bullen. Der Euro Stoxx 50 schoss förmlich nach oben. Aber das war eben nur die „Pflicht“. Und die „Kür“ haben die Bullen in den Sand gesetzt. Denn dazu hätte das durch „Omikron“ entstandenen Gap Down, diese am 26.11. entstandene Abwärts-Kurslücke, nicht nur geschlossen, sondern eindeutig überboten werden müssen. Und genau das ging schief.

Das Gap, dessen Obergrenze der Schlusskurs des 25. Novembers bei 4.293 Punkten war, wurde zwar mit einem Zwischenhoch von 4.288 Zählern fast punktgenau geschlossen. Aber dann kam eben sofort wieder Abgabedruck auf. Und die Grundregel der technischen Analyse lautet: Wird ein Gap nur geschlossen, laufen die Kurse danach in den meisten Fällen in der vorherigen Trendrichtung weiter. In diesem Fall also nach unten. Und so kam es auch.

Dadurch wurde auch der kurze Anstieg über die Widerstandszone 4.242/4.253 Punkte zur Bullenfalle. Seither bröckelt der Index ab. Und der Versuch, sich am vergangenen Donnerstag über die 20-Tage-Linie, dem Leitstrahl der Abwärtsbewegung, hinaus abzusetzen, wurde abverkauft. Zugleich sehen wir jetzt ein neues Verkaufssignal im Trendfolge-Indikator MACD, den Sie im Chart auf Tagesbasis unten mit eingeblendet sehen. Adieu, Jahresendrallye?

Tageschart vom 17.12.2021, Kurs 4.161,35 Punkte, Kürzel ESTX50 | Online Broker LYNX

Expertenmeinung: Die Chancen dafür sind zumindest gesunken. Zwar müsste man das erst dann wirklich abhaken, wenn der Euro Stoxx 50 umgehend einen erneuten Test dieser bei derzeit 4.103 Punkten verlaufenden 200-Tage-Linie vollzieht und diese dann um mindestens ein Prozent auf Schlusskursbasis bricht. Aber er steuert ja gerade auf diese Linie zu. Und psychologisch sind die Bullen hier schon jetzt in die Defensive geraten.

Dass es nach der US-Notenbankentscheidung zu einer Rallye kam, die aber dann am Donnerstag nach dem EZB-Entscheid schnell eliminiert wurde, ist ernüchternd für die Käuferseite. Dass es auch am „dreifachen Hexensabbat“, der am Freitag vollzogenen Abrechnung der Futures und Optionen an der Terminbörse, Druck auf den Index gab, nicht minder. Und dass diese 200-Tage-Linie jetzt schon wieder in unmittelbarer Schlagdistanz ist, trotz dieser so solide wirkenden Verteidigung Ende November/Anfang Dezember, so dass das bullische Lager zeitnah erneut Geld in die Hand nehmen muss, um Defensivarbeit zu leisten, ist ebenso problematisch.

Man könnte jetzt auf das „Window Dressing“ der Fonds hoffen, die Optimierung der Performance vor dem Jahresultimo, die, da der Index im Jahressaldo immerhin zugelegt hat, eher in Käufe münden würde. Aber wenn auch die Fonds die Füsse stillhalten sollten, wird es eng. Um diese bereits bärische Struktur im Chart loszuwerden, müsste der Euro Stoxx 50 das schaffen, was er zuletzt eben nicht geschafft hatte: einen Anstieg über die obere Begrenzung des Gaps durch Schlusskurse über 4.293 Punkten. Da läge die 200-Tage-Linie als „Trigger“ für die Bären deutlich näher. Die Bären wissen das.

Monatschart vom 17.12.2021, Kurs 4.161,35 Punkte, Kürzel ESTX50 | Online Broker LYNX

Den ersten Matchball haben die Bullen genutzt, jetzt muss der zweite aber auch noch sitzen. Das „Gap Down“, das am 26.11. entstanden war, ist geschlossen. Das ist zwar gut, aber wenn der Euro Stoxx 50 nicht zügig weiter steigt, kann das als Bullenfalle enden!

Mehrfach hatte der europäische Leitindex nach dem Selloff des 26.11. als Reaktion auf die Entdeckung der Omikron-Mutante auf der 200-Tage-Linie aufgesetzt, diese aber im Gegensatz z.B. zum DAX nicht nennenswert auf Schlusskursbasis unterboten. Und nach mehreren Tagen des Ringens zwischen Bullen und Bären löste sich der Euro Stoxx 50 am Dienstag mit grosser Dynamik von diesem wichtigen gleitenden Durchschnitt. Zwischenstand damit: Bullen 1, Bären 0. Aber die Messe ist damit noch nicht ganz gelesen. Aus fundamentaler Sicht ohnehin nicht, aber auch aus charttechnischer Sicht wären die Bullen noch nicht durch.

Die fundamentale Ebene, also der Rückhalt seitens der Rahmenbedingungen, ist deswegen eher wacklig, weil sich dieser immense Kurssprung der ersten Wochenhälfte auf die zunehmende Wahrscheinlichkeit stützt, dass diese Omikron-Mutante weniger gefährlich ist als Delta. Noch ist das nicht sicher, trotzdem kam es zu einer Art Kaufpanik, die durch die Verteidigung der 200-Tage-Linie zusätzlich befeuert wurde. Aber damit hätten wohl die meisten, die aufgrund dieser Entwicklung einsteigen bzw. wieder einsteigen wollten, bereits gehandelt. Möglich also, dass der Rallye die Puste ausgeht, sofern es keine weiteren, positiven Nachrichten geben sollte, die die bei diesem Kurssprung ausgeblendeten Risikofaktoren betreffen: Inflation, „Flaschenhals“, Notenbanken, Chinas wankender Immobilienmarkt.

Euro Stoxx 50: Tages-Chart vom 08.12.2021, Kurs 4.233,09 Punkte, Kürzel SX5E | Online Broker LYNX

Solche „good news“ könnten sich zwar ein wenig Zeit lassen, sofern die Chart- und Markttechnik eindeutig grünes Licht signalisieren würde, aber noch ist das ja nicht vollumfänglich der Fall, denn:

Expertenmeinung: Eine wichtige Unterstützung zu verteidigen, das ist eine Sache. Da können sogar die Bären zu Erfüllungsgehilfen werden, wenn sie ihre Short-Trades dort eindecken, um ihren Gewinn zu sichern. Aber wichtige Widerstände zu bezwingen, an denen dann wiederum mit aktiver Gegenwehr der Bären zu rechnen wäre, das ist eine andere Sache. Und deren gibt es auf dem aktuellen Kursniveau zwei.

Zum einen den Bereich 4.242/4.253 Punkte, die Hochs der Monate August und September. Zum anderen der Schlusskurs des 25. November bei 4.293 Punkten als obere Begrenzung des eingangs erwähnten „Gaps“ (Kurslücke) vom 26. November.

Diese Kurslücke muss geschlossen werden und der Euro Stoxx 50 weiter zulegen, erst dann wäre das Risiko einer Bullenfalle massiv reduziert und die Chance recht gross, dass der Index dann auch zügig das bisherige Jahres-Verlaufshoch bei 4.415 Punkten angeht. Dann könnte man sich vorstellen, dass die Käufer bei der Stange bleiben, obwohl den meisten klar sein dürfte, dass es nicht alleine „Omikron“ war, was den Euro Stoxx 50 seit Mitte November unter Druck setzte und die anderen negativen Faktoren alle noch genauso problematisch sind wie zuvor. Die Bullen müssten also umgehend nachlegen, hier und jetzt!

Euro Stoxx 50: Monats-Chart vom 08.12.2021, Kurs 4.233,09 Punkte, Kürzel SX5E | Online Broker LYNX

Die wichtige 200-Tage-Linie des Euro Stoxx 50 fiel am Dienstag nur knapp. Knapp genug, das bullische Lager zu ermutigen, diese Linie aktiv zu verteidigen. Und das gelang am Dienstag eindrucksvoll. Ist der Rücksetzer damit ausgestanden?

Dass eine derart wichtige, von so vielen Anlegern beachtete Unterstützung wie die 200-Tage-Linie nicht im ersten Anlauf signifikant durchbrochen wird, ist eher die Regel als die Ausnahme. Und die Käuferseite hatte am Mittwoch einen Vorteil. Denn normalerweise fliesst das meiste Geld in Fonds und ETFs zur Monatswende, weil da die regelmässigen Überweisungen aus Sparplänen anstehen. Und da ist es nicht überraschend, dass die Fondsmanager und Verwalter von ETFs dieses frische Kapital umgehend in den Markt geben. Immerhin hängt ihr Erfolg davon ab, dass diese Hausse weitergeht. So traf eine entscheidende Unterstützungslinie auf grosse Adressen, die genau zum richtigen Zeitpunkt über frisches Kapital verfügten – das Ergebnis sehen Sie in den Charts.

Euro Stoxx 50: Tages-Chart vom 01.12.2021, Kurs 4.179,15 Punkte, Kürzel SX5E | Online Broker LYNX

Aber dieser Gegenangriff der Bullen mag charttechnisch eine gute Basis haben, die Frage steht dennoch im Raum, ob das alleine ausreicht, um sich gegen die negative Gesamtsituation zu stemmen. Gegen diese Kombination aus der Sorge vor neuen Lockdowns, einer bislang ungebremsten Inflation, Lieferproblemen, deren Ende sich nicht abzeichnet und nervösen Verbrauchern. Eine wichtige Unterstützung zu verteidigen, das zeigt zwar, dass die Bullen bereit sind, sich gegen dieses negative Umfeld zu stemmen. Aber das reicht nicht als Beweis, dass die am Ende auch erfolgreich sein werden. Was dann?

Expetenmeinung: Die Käufe müssten den Euro Stoxx 50 auch dort durchbringen, wo aktiver Widerstand des bärischen Lagers zu erwarten wäre. Da der Bruch der 200-Tage-Linie am Dienstag noch keineswegs signifikant war, war eher nicht damit zu rechnen, dass die Short-Seller versuchen würden, den Index dort direkt nach unten durchzudrücken. Nicht, nachdem der bullische Gegenangriff bereits am frühen Morgen mit einem Sprung im Euro Stoxx 50 Future begonnen hatte, so dass man bereits oberhalb dieser Linie in den Handel ging. Aber im Bereich der markanten Widerstandszone 4.242/4.253 Punkte dürfte das anders aussehen.

Solange sich die Rahmenbedingungen nicht verbessern, wäre damit zu rechnen, dass die Bären spätestens dort erneut Druck ausüben. An der 200-Tage-Linie dürfte man sogar noch Schützenhilfe von einigen Short-Sellern bekommen haben, die ihre Trades dort erst einmal eingedeckt und den Gewinn mitgenommen haben. Aber dort oben, auf Höhe der Hochs vom August und September, gälte es, sich durch dort liegende Verkaufsorders durchzubeissen.

Wenn das gelingen würde, liesse sich in der Tat vermuten, dass die Sache zu Gunsten der Bullen entschieden ist. Aber bis dahin ist diese Sache noch völlig offen. Die Wall Street, wo es anfangs noch nach einem ungefährdeten Start/Ziel-Sieg der Bullen aussah, dann aber scheinbar aus heiterem Himmel Druck aufkam, unterstreicht schon, dass man das Fell der Bären besser nicht verkaufen sollte, bevor sie wirklich erlegt sind!

Euro Stoxx 50: Monats-Chart vom 01.12.2021, Kurs 4.179,15 Punkte, Kürzel SX5E | Online Broker LYNX