S&P 500 aktuell S&P 500: Was muss gelingen, damit die Bullen am Ruder bleiben?

News: Aktuelle Analyse des S&P 500 Index

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S&P 500
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Zum S&P 500

Der Freitag war der letzte Handelstag des Januars und hat mit seinen Abschlägen dazu geführt, dass dieser erste Monat des neuen Börsenjahres auch für den marktbreiten S&P 500 im Minus endete. Der Abschlag war zwar nur ein kleiner. Aber wer sich den Index, wie hier auf Monatsbasis dargestellt, in einer die prozentuale Veränderung besser vergleichbar machenden logarithmischen Skalierung ansieht, stellt fest: Der Index bewegt sich nahe der oberen Begrenzung des langfristigen Aufwärtstrendkanals und ist auf dieser Zeitebene markttechnisch überkauft.

Zwar gelang es 2013 bis 2015, verblüffend lange an dieser oberen Begrenzung entlang zu schleichen, ohne dass den Bullen damals eine wirklich nennenswerte Korrektur in die Parade gefahren wäre. Aber heute sind die Nerven dünner, die Gesamtsituation ist schwieriger und das Volumen der Derivate-Positionen ungleich höher. Ein „langsam leicht aufwärts“ dürfte dieser Situation nicht gerecht werden. Die Akteure wollen „Action“. Allerdings nicht so viel wie derzeit, auch das macht die Lage momentan spannend.

S&P 500: Tages-Chart vom 01.02.2021, Kurs 3.773,86 Punkte, Kürzel SPX | Online Broker LYNX

Dass die über Trading-Apps agierenden, sich in Foren zusammenschliessenden, meist jungen und unerfahrenen Akteure jetzt sogar Silber ins Visier genommen haben und sich an die „Mission“ machen, auch dort die Leerverkäufer zu „bestrafen“, wird zwar für diese Klientel am Ende tendenziell übel ausgehen. Denn bei solchen Short-Squeezes braucht man, wenn sie gezielt provoziert werden, viel Geschick, um beim Abriss im Anschluss an einen solchen Squeeze nicht mit in die Tiefe gezogen zu werden. Aber primär sorgt die Investoren natürlich nicht das Wohl und Wehe derer, die den Markt durcheinanderwirbeln, sondern die Frage, welche Dimensionen das noch annehmen könnte.

Den aktuellen Kurs und Chart des S&P 500 sowie Kursinformationen und alle Aktien des Index finden Sie hier.

Grundsätzlich sind diese Trader von ihrer Zahl und dem aufzubringenden Kapital her zwar nicht imstande, grössere Assets wie den S&P 500 in Turbulenzen zu stürzen. Aber es scheint momentan, als würden sich bislang eher verhalten agierende Trader von diesem „Hype“ anstecken lassen. Das wäre zwar erst dann ein Problem, wenn auch neu hinzukommende Zocker konzertiert agieren würden, was unwahrscheinlich ist. Aber die Nervosität, dass hier etwas aus dem Ruder laufen könnte, war mit Händen zu greifen und hat immerhin den Ausbruch des Index aus seinem November-Trendkanal bewirkt. Aber noch ist für die Bullen nicht viel angebrannt. Der Kursanstieg des Montags hat den S&P 500 immerhin wieder in diesen Trendkanal zurückgetragen. Allerdings … vom Eis ist die Kuh damit noch nicht.

Es bräuchte heute und morgen sofortiger Anschlusskäufe, die den Index auch über seine bei 3.793 Punkten verlaufende 20-Tage-Linie tragen. Danach darf es kein Zaudern, keinen Rückschlag geben, der S&P 500 müsste schnell wieder an die obere Begrenzung des Trendkanals, idealerweise auch darüber hinauslaufen. Nur so würde den Akteuren das Gefühl der Sicherheit zurückgegeben. Das schon vorher recht instabil war angesichts des sich abzeichnenden Gezerres um das nächste Konjunkturpaket. Und die aktuell in die heisse Phase kommenden Quartalsbilanzen ebenso wie die jüngsten Konjunkturdaten liessen sich nur mit dem Wort „gemischt“ beschreiben. Da muss es die Chart- und Markttechnik richten: Umgehend neuer Schwung ist das Einzige, was die Bullen am Ruder halten kann. Was simpel klingt, denn so könnte man sich ja am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Aber bullisch sein und hoffen, dass andere weiter kaufen und selbst in einer Phase steigender Nervosität weiteres Kapital investieren, das sind zwei Paar Schuhe. Erst die kommenden Tage werden zeigen, ob die Käuferseite noch stark genug ist, um den S&P 500 schnell genug zu drehen!

S&P 500: Monats-Chart vom 01.02.2021, Kurs 3.773,86 Punkte, Kürzel SPX | Online Broker LYNX
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Ronald Gehrt, Chart- & Fundamentalanalyst | LYNX Börsenexperten
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Vorherige Analysen des S&P 500 Index

Wer hätte vor einem Jahr erwartet, dass eine Pandemie die vielleicht grösste Hausse aller Zeiten auslöst? Welche Folgen das haben könnte, habe ich ausgeführt:
Ich mache mir Sorgen

Timing ist alles

Es wäre aber gut möglich, dass die Rallye vorerst weitergeht. Es bringt jedenfalls nichts, sich gegen den Trend zu stellen. Solange die Hausse läuft, sind Shorts keine gute Idee.

Man muss den richtigen Zeitpunkt ganz genau abpassen und dann schnell handeln. Eine Hausse kann sehr viel länger anhalten, als man annimmt.
Die Allerwenigsten hätten vor einigen Monaten erwartet, dass die Kurse bis heute nur eine Richtung kennen.

Der richtige Zeitpunkt für Shorts oder die Absicherung eines Portfolios ist gekommen, wenn der Markt gerade kippt oder bereits gekippt ist.

Wer zuvor schon versucht, den genauen Zeitpunkt zu erraten – und nichts anderes ist es – verliert meist nur Geld.

Beispiellose Geldschwemme

All das billige Geld der Notenbanken muss eben irgendwohin und die Flut hebt alle Boote.
Derzeit trifft diese Börsenweisheit in ganz besonderer Weise zu.

Man sollte diesen Faktor auch nicht unterschätzen. Das Ausmass der Geldschwemme ist beispiellos.

Egal ob man als Massstab die Geldmenge M1 (Bargeld und sofort verfügbare Ersparnisse), M2 (M1 zuzüglich Anlagen mit maximal zweijähriger Laufzeit) oder M3 (Alles verfügbare Geld inklusive Schulden und Wertpapieren) heranzieht, der Anstieg ist enorm.

20% allen Geldes wurde 2020 gedruckt

Den US-Dollar gibt es bereits seit über 300 Jahren. Man hatte also viel Zeit um USD zu „drucken“.
Offiziellen Zahlen der Fed zufolge (Link) wurde allerdings ein Viertel aller Dollar im vergangenen Jahr „gedruckt“.

In der Eurozone sieht es nicht viel anders aus. Der Bundesbank zufolge (Link) ist die Geldmenge M3 in nur einem Jahr um 11% gestiegen.
Wobei die Geschwindigkeit zuletzt immer weiter zugenommen hat und die jüngsten Daten aus dem November 2020 stammen.

In einigen Währungsräumen sind die Zuwächse sogar noch höher ausgefallen. Weltweit dürfte die Geldmenge im Krisenjahr 2020 wohl um 20% oder mehr zugenommen haben.

Man könnte also argumentieren, dass das entsprechend höhere Kurse rechtfertigt. Zumindest, wenn man alle realwirtschaftlichen Probleme und Kleinigkeiten wie die Pandemie ausblendet.

Aus dieser Perspektive hätte der MSCI World Index sogar noch 7% Luft zur Oberseite. Beim S&P500 wären es sogar 10%, was einem einem Kursziel von 4.250 Punkten entsprechen würde.

S&P500 Chart vom 27.01.2022 Kurs: 3.849 Kürzel: SPX - Tageskerzen | Online Broker LYNX
S&P500 Chart vom 27.01.2022 Kurs: 3.849 Kürzel: SPX – Tageskerzen

Wer hätte vor einem Jahr erwartet, dass eine Pandemie die vielleicht grösste Hausse aller Zeiten auslöst? Im Endeffekt steigt einfach alles. Ist das gesund?  

Auf der Jagd

Unzählige neue Anleger drängen auf der Suche nach Rendite an die Börse und kaufen alles was nicht niet- und nagelfest ist.
Nahezu alle Sektoren und Anlagen haussieren. Egal ob Immobilienpreise, Aktien, Rohstoffe, Sammlerstücke oder Kryptowährungen.

Das habe ich in über fünfzehn Jahren an der Börse und über zehn Jahren als Vollzeit-Investor noch nicht erlebt. Das Börsenumfeld fühlt sich sehr merkwürdig und ungesund an.

Ich mache mir Sorgen

Für Anleger wie mich, die Buy & Hold betreiben und antizyklisch kaufen, waren die letzten Monate zwar ein Geschenk (wie jeder Crash), ich mache mir inzwischen aber ernsthafte Sorgen über das Morgen.

Die Erfahrung hat mich eins gelehrt: Je grösser die Party in einem Sektor oder einer Assetklasse, desto schlimmer und langwieriger wird der Kater danach.

Es ist einfach nicht gesund, wenn selbst Schrottaktien durch die Decke gehen. Für mich gibt es nur noch ein Szenario, welches die aktuellen Assetpreise rechtfertigt: Eine nachhaltig steigende Inflation.

Es hilft nur eins

Vielleicht haben die Notenbanken und Regierungen der Welt endlich den seit Jahren gewollten „Durchbruch“ erzielt.
Womöglich führen die beispiellosen Konjunkturprogramme und Massnahmen dazu, dass der Knoten platzt und die Inflation deutlich steigt.

Im Endeffekt ist das auch der einzige Weg aus der Misere. Selbstverständlich hat eine höhere Inflation auch ihre Schattenseiten.
Für die meisten Assetklassen wäre es aber eine überwiegend positive Nachricht.

Das wichtigste ist aber, dass es massgeblich dazu beitragen würde Haushalte und Staaten zu entschulden. Es ist wohl die einzige Möglichkeit, um die (Staats-)Schuldenquote jemals wieder nachhaltig zu senken.
Das ist wiederum eine der Voraussetzungen für die Gesundung des Wirtschaftssystems als Ganzem.

Ist das unser Zukunft?

Mindestens genauso wahrscheinlich ist aber, dass auf die Party Ernüchterung folgt.

Vielen Anlegern dürfte gar nicht klar sein, wie lange so ein Kater dauern kann. Das gilt für einzelne Aktien genauso wie für Indizes oder ganze Assetklassen.

Manch ein Sektor verschwindet nach einem Hype für ein Jahrzehnt in der Versenkung.
Nach dem Boom um die Jahrtausendwende ging es mit den Kursen aller grossen Indizes drei Jahre konstant abwärts. Egal ob Dax oder S&P500.

Je länger die derzeitige Hausse anhält, desto grösser ist die Chance, dass uns anschliessend ein ähnliches Szenario bevorsteht.

Das ist jedenfalls nicht gesund:

S&P500 Chart vom 27.01.2022 Kurs: 3.849 Kürzel: SPX - Tageskerzen | Online Broker LYNX
S&P500 Chart vom 27.01.2022 Kurs: 3.849 Kürzel: SPX – Tageskerzen

Zum Redaktionsschluss Freitagnacht bleibt offen, ob es am Sonntag wirklich zu den gewaltsamen Demonstrationen gekommen sein wird, vor denen das FBI eindringlich warnte. Aber aufgrund der Zeitverschiebung wäre das womöglich auch am Sonntagabend noch nicht ganz sicher, hinzu kommt, dass der Montag in den USA ein Feiertag ist (Martin Luther King-Gedenktag), so dass die Reaktion beim S&P 500 offen bliebe und der kritischste Moment ohnehin die Vereidigung von Joe Biden am Mittwoch wird. Trotzdem ist auch jetzt schon eine Analyse der Lage machbar.

Was wir in den vergangenen Tagen gesehen haben, ist der Versuch vor allem grosser Adressen (nur sie haben die Kapitalkraft, dergleichen zu erreichen), jeglichen Abgabedruck sofort aufzufangen. So etwas sehen wir oft, wenn die Lage kritischer wird und die Fonds, ETFs, Hedgefonds, aber auch die grossen Versicherungen und Pensionskassen, die immense Aktienbestände halten, fürchten, dass ihnen diese um die Ohren fliegen könnten. Das Problem dieser grossen Adressen ist: Sie sind zu gross, um davonlaufen zu können. Hier geht es um derartig gewaltige Portfolios, dass es schon zu einem Crash führen würde, wollte die Hälfte der grossen Adressen ein Zehntel ihrer Portfolios auf einmal abstossen. Also tritt man die Flucht nach vorne an und kauft, um zu verhindern, dass die Anleger davonlaufen. So entsteht das Bild eines völlig gelassenen Aktienmarkts, an dem man keinen Grund sieht, besorgt zu sein.

Aber das Thema möglicher Unruhen ist nicht das einzige Problem. Vor allem bei Aktienmärkten auf Rekordlevel, die eine umfassende Rückkehr zu einem konjunkturellen „Prä Corona“-Level eingepreist haben, wird die wirtschaftliche Entwicklung zur Achillesferse.

Zwar war die US-Industrieproduktion mit +1,6 Prozent im Dezember unerwartet deutlich zum Vormonat gestiegen, wie am Freitag gemeldet wurde. Sie liegt aber immer noch 3,6 Prozent unter dem Niveau des Vorjahresmonats. Und das war noch eine gute Nachricht. Ebenfalls am Freitag wurde ein unerwartet deutlicher Rückgang in der Kernrate der Einzelhandelsumsätze um 1,4 Prozent gemeldet (nach -1,3 Prozent im November, jeweils zum Vormonat). Dazu kamen ein relativ schwacher Konjunkturindex der Notenbank von New York und ein gefallener Level beim „Januar-Halbzeitwert“ des von der Universität Michigan ermittelten Verbrauchervertrauens. Bereits am Donnerstag meldete das US-Arbeitsministerium einen deutlichen Anstieg bei den Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe (965,000, Prognose 795.000). Die Erholung, die in den Aktienmärkten vorweggenommen wurde, ist längst einem erneuten Abrutschen gewichen. Was muss gelingen, um den Rückfall in die Rezession aufzuhalten?

Die Pandemie müsste jetzt durch rasante Impfungen schnell in den Griff kommen, so dass man ohne Lockdown auskommt. Das ist derzeit unwahrscheinlich.

Die neue Regierung müsste schnelle Konjunkturmassnahmen mit ausreichender Tragweite umsetzen können, ohne von den Republikanern ausgebremst zu werden. Auch das ist unwahrscheinlich, auch mit dem 51:50-Verhältnis im Senat kann man nicht einfach so „durchregieren“.

Und Unruhen dürfen die Situation nicht noch verschlimmern, was offen bleibt.

Sieht man sich dazu die chart- und markttechnische Lage an, stellt man fest, dass der marktbreite S&P 500 im langfristigen Bild bei einer logarithmischen Skalierung, die die prozentualen Veränderungen unverfälscht abbildet, nahe am oberen Ende des 2009 etablierten Aufwärtstrendkanals angekommen ist. Auf Tagesbasis wird der Index durch einen Mitte November etablierten Aufwärtstrendkanal geführt und ist derzeit seitens schnell reagierender Indikatoren wie dem Stochastik-Oszillator (im Chart unten mit eingeblendet) relativ überkauft, wenngleich noch nicht zwingend heiss gelaufen.

Tageschart vom 15.01.2021, Kurs 3.768,25 Punkte, Kürzel SPX | Online Broker LYNX

Das Risiko, dass sich das Ignorieren kritischer Rahmenbedingungen nicht durchhalten lässt, ist hoch, egal, wie die Sache mit diesen bewaffneten Protesten ausgeht. Die Pandemie-Lage und das Abkippen der Konjunktur reichen als Belastungsfaktoren schon aus, zumal jetzt auch noch die Saison der Quartalsbilanzen beginnt. Aber:

Sollte es in den kommenden Tagen auf den Strassen ruhig bleiben, kann das erneute Käufe auslösen, einfach als Signal einer kurzfristigen Erleichterung, die die vorgenannten Faktoren erst einmal in den Hintergrund drängen. Aber wie gesagt, auf Dauer geht das nicht gut, daher:

Mit dem weiterhin intakten Trend mit zu schwimmen ist derzeit zwar noch alternativlos, eine konsequente Absicherung über Stoppkurse aber ebenfalls. Kurzfristige, aggressive Trader hätten in der unteren Begrenzung des November-Trendkanals, aktuell bei 3.700 Punkten, eine Orientierung für einen Stopp. Wer etwas weniger aggressiv agiert, sollte die Supportzone 3.550/3.588 Punkte im Auge behalten.

Monatschart vom 15.01.2021, Kurs 3.768,25 Punkte, Kürzel SPX | Online Broker LYNX

Das bullische Lager an der Wall Street ist unbestritten stark besetzt. Aber es ist unübersehbar, dass man dort nicht ohne Zweifel ist. Die immense, weil neu belebte Zuversicht, ausgelöst durch den anstehenden Regierungswechsel, die Chance auf eine baldige Verabschiedung des dringend benötigten Stimulus-Pakets und die nahenden Impfstoffe, trugen die Trader durch einen grandiosen November. Jetzt, Anfang Dezember, kehren die Zweifel zurück. Zu Recht.

Denn unerfreuliche Dämpfer bleiben nicht aus. Noch kämpfen die Bullen diese Rückschläge erfolgreich nieder, immerhin hat der marktbreite S&P 500 am Donnerstag mit 3.682,73 Punkten einen neuen Verlaufsrekord erreicht. Aber als das Wall Street Journal knapp eine Stunde vor Handelsende meldete, dass Pfizer aufgrund von Lieferketten-Problemen nur die Hälfte der für 2020 geplanten Impfstoff-Dosen ausliefern kann, sackte der S&P in wenigen Minuten um über 20 Punkte durch. Man ist anfällig für „bad news“.

S&P 500: Tages-Chart vom 03.12.2020, Kurs 3.666,72 Punkte, Kürzel SPX | Online Broker LYNX

Das wird so bleiben, solange aus den Hoffnungen nicht wirklich positive Fakten geworden sind. Zu lange wurden die Anleger immer wieder vertröstet. Das galt für die Impfstoffe, immerhin hatte Donald Trump die ersten Impfstoffe auf den Oktober terminiert. Und viele wollten das glauben. Das gilt für das Stimulus-Paket, das Ende Juli hätte stehen sollen. Und es wird auch für Veränderungen gelten, die man von der Biden-Regierung erwartet.

Gerade erst mussten die USA den Tag mit der bislang höchsten Zahl an Corona-Todesopfern melden. Und man fürchtet, dass die Thanksgiving-Tage die Lager dramatisch zuspitzen könnten. Die Impfstoffe sind aber noch nicht da … und bis genug US-Bürger geimpft sind, wird es viele Monate dauern.

Die neue Regierung wird nicht am 20. Januar arbeitsbereit sein. Bis alle Minister vereidigt sind, wird es dauern, da alle vom Senat überprüft und bestätigt werden müssen. Und wenn die Senats-Nachwahlen in Georgia Anfang Januar zu Ungunsten der Demokraten ausgehen, wird Joe Biden den Senat gegen sich haben, weil die Republikaner dort die Mehrheit behalten. 

Was das Stimulus-Paket angeht, erleben die Investoren die üblichen politischen Gefechte, die konstruktive Massnahmen in entnervenden Grabenkriegen ersticken. Der einzige Vorteil ist: Da haben die Anleger offenbar keine grossen Hoffnungen auf ein baldiges Ende des Dramas, immerhin reagierte man am Donnerstag kaum auf Statements, dass man kurz vor einem Kompromiss stehen könnte. Was bedeutet: Hier lauert die Chance auf eine echte, positive Überraschung. Allerdings:

Um ein solches Konjunkturpaket zum Treibstoff für einen erneut durchstartenden S&P 500 zu machen, müsste das, was dann durch die Mühlen der Politik hindurchging, wirklich tauglich sein, der US-Wirtschaft das Fundament zu bieten, zu nachhaltigem Wachstum zurückzukehren. Und wie die Anleger einen solchen Kompromiss werten, lässt sich erst erkennen, wenn er auf dem Tisch liegt. Unter dem Strich bleibt indes: Mit dem wiedergekehrten Zweifel bleibt auch die Chance für neue Hochs, denn an der sogenannten „Mauer der Angst“ klettern die Kurse oft am sichersten höher. Wieso?

Weil diejenigen, die dann Long gehen, wissen, dass Gegenwind möglich ist und woher er kommen könnte. Euphorie, wie man sie zeitweise im November sah, ist hingegen fatal, weil zu viele zu leicht von ihren Wolken geworfen werden können. Wer indes weiss, dass das Eis dünn ist, geht vorsichtig zu Werke. Es sind daher gerade diese Zweifel, die dem Aufwärtstrend des S&P 500 Robustheit verleihen können. Aber nur unter der Voraussetzung, dass negative Nachrichten im Rahmen dessen bleiben, womit die bullischen Akteure derzeit rechnen.

Darauf kann man sich in einem so unsicheren Umfeld nicht einfach blind verlassen, daher wäre es unbedingt zu überlegen, laufende Long-Trades konsequent abzusichern. Sollte der S&P 500 die jetzt bezwungene und damit zur Unterstützung gewordene Zone 3.550/3.588 Punkte wieder unterschreiten, müsste man unterstellen, dass diese „Mauer der Angst“ nicht stark genug war, um der Realität standzuhalten. Aber solange sie hält, wäre es verwegen, deren Einsturz einfach zu unterstellen und sich auf das noch dünnere Eis von gegen den Trend gerichteten Short-Trades zu begeben.

S&P 500: Monats-Chart vom 03.12.2020, Kurs 3.666,72 Punkte, Kürzel SPX | Online Broker LYNX

Die Zahl der täglichen Todesopfer durch die Corona-Pandemie in den USA liegt nach offiziellen Zahlen wieder über 1.000. Die Zahl der Neuinfektionen sprengt selbst die düstersten Prognosen. Und aus dem Weissen Haus, wo es von Mr. Trump im Frühjahr hiess, man werde zukünftig Corona-„Brandherde“ gezielt isolieren und effektiv und schnell bekämpfen, kommt keine Reaktion. Dasselbe gilt hinsichtlich des seit Ende Juli überfälligen und auf dem Altar des Wahlkampfs geopferten Konjunkturpakets. Und die Personal-Rochade in Verteidigungs- und Heimatschutzministerium macht immer mehr Militärs, Politikern und Bürgern grosse Sorge.

Die beiden grössten Probleme, Pandemie und Konjunktur, werden also mindestens noch gut zwei Monate auf konstruktive Gegenmassnahmen warten müssen. Und nüchtern betrachtet noch länger, denn die neue Regierung kann nicht am ersten Tag erledigen, was zuvor monatelang ignoriert wurde, zumal der US-Senat mit hoher Wahrscheinlichkeit seine republikanische Mehrheit behalten wird.

S&P 500: Tages-Chart vom 13.11.2020, Kurs 3.585,15 Punkte, Kürzel SPX | Online Broker LYNX

So gesehen scheint es, dass sich die Käuferseite am US-Aktienmarkt sehr weit aus dem Fenster lehnt, wenn man den Dow Jones am Freitag wieder an das „Prä Corona“-Rekordhoch vom 12. Februar zog und den Versuch startete, den marktbreiten S&P 500-Index auf einen neuen Schlussrekord zu hieven. Denn dass jetzt die ersten Impfstoffe in den Zulassungsprozess kommen, war für diese Zeit erwartet worden. Dass Biden die Wahl gewinnt, ebenso. Reicht es, um das bisherige Rekordhoch des S&P 500 nachhaltig zu überwinden, nur weil eintrifft, woraufhin viele Wochen und Monate vorgekauft wurde?

Da die Realität erst in Monaten weitere Fortschritte „liefern“ kann, ist das fraglich. Denn schliesslich können sich so Pandemie und Konjunkturlage erst einmal brisant lange verschlechtern. Dass der Halbzeitstand des Novembers beim von der Universität Michigan ermittelten US-Verbrauchervertrauen wider der Prognosen der Volkswirte gegenüber dem Stand vom Oktober nachgab, macht deutlich, dass die Wirtschaft weiteren Stimulus braucht … der vorerst nicht kommt.

Es fällt auf, dass der S&P 500 am vergangenen Montag mit 3.646 Punkten einen neuen Verlaufsrekord erzielte, der dann aber abverkauft wurde. Es blieb zwar ein Plus zum Freitag davor, aber es reichte nicht für einen Schlusskurs über dem bisherigen Schlusskurs-Hoch vom September bei 3.580,84 Punkten. Heute gingen es die Bullen erneut an:

Bis auf 3.593,66 Zähler lief der Index, dann bremsten ihn in der letzten Handelsviertelstunde leichte Gewinnmitnahmen. Mit 3.585,15 Punkten reichte es immerhin, den alten Schlusskurs-Rekord knapp zu überbieten. Das Ziel solcher Aktionen ist klar, vor allem, wenn es seitens der Nachrichtenlage für solche Käufe keine unmittelbaren Auslöser gibt: Man will das Momentum der Rallye aufrechterhalten und die Anleger mit einem guten Gefühl ins Wochenende schicken, um weitere Käufe zum Wochenstart zu provozieren, die dann einen nachhaltigen Ausbruch nach oben sicherstellen sollen.

Das funktioniert öfter, aber nicht immer. Und ebenso oft kommt es dann dazu, dass die Anschlusskäufe ausbleiben und der Index wieder unter das vorherige, knapp überbotene Hoch zurückfällt. Sollten bis heute Früh keine neuen, wirklich bullischen Nachrichten hinzukommen, könnte es auch diesmal so laufen. Nicht zuletzt mit einem Seitenblick auf den Chart auf Wochenbasis, wo auffällt, dass der Rallye des vergangenen Montags womöglich nicht zufällig knapp unterhalb der über die Hochs vom Februar und September zu zeichnenden Hausse-Begrenzungslinie die Puste ausging.

Grundsätzlich bullisch ist der S&P 500 zwar dennoch. Aber diesem in der Spitze schon um die 400 Punkte ausmachenden Rallye-Schub seit der Monatswende jetzt noch hinterherzulaufen, erscheint gewagt.