SPAC Aktien - Boom an der Börse: Kurschancen für Anleger oder Seifenblasen, die bald platzen? | Online Broker LYNX

Während es in Deutschland kaum Börsengänge gibt, boomt in den USA das Geschäft mit Neuemissionen. Doch nicht alle Börsenaspiranten gehen dabei den recht aufwändigen, klassischen Weg eines Börsengangs in Form eines IPOs. Etliche Firmen schlüpfen per SPAC durch die „Hintertür“ an die Börse, so dass auch von Backdoor-Listings die Rede ist. SPACs werden als spezielle Zweckgesellschaften mit der Absicht geschaffen, nach dem eigenen IPO möglichst aussichtsreiche Firmen zu kaufen. Diese wiederum können auf diese Weise relativ rasch und unkompliziert an der Börse landen und profitieren so ebenfalls. Die Abkürzung „SPAC“ steht für „Special Purpose Acquisition Company“, was übersetzt so viel heisst wie „Zweckgesellschaft für Übernahmen“.

Was sind SPACs oder Special Purpose Acquisition Companies?

SPACs werden von einem sogenannten Sponsor gegründet. Das kann beispielsweise eine Investmentgesellschaft, ein Finanzinvestor oder ein Hedgefonds sein. Anfangs sind SPACs leere Hüllen, die noch über kein eigenes operatives Geschäft verfügen, sondern nach dem eigenen Börsengang als Akquisitionsvehikel dienen. Deshalb werden SPACs auch als „Blank check Company“ (Blankoscheck-Unternehmen) bezeichnet. Ziel solcher Mantelgesellschaften ist der Erwerb von erfolgsversprechenden Unternehmen, die allerdings den in der Gesellschaftssatzung vorgegebenen Kriterien (z.B. Branche, Grösse) entsprechen müssen.

Privatanleger können bei SPACs erst nach dem Börsengang einsteigen

Der Sponsor engagiert sich bereits vorbörslich in begrenztem Masse finanziell und leitet auch alle weiteren notwendigen Voraussetzungen für einen Börsengang (IPO) in die Wege. Im zweiten Schritt, beim Sprung an die Börse – typischerweise zu einem Aktienkurs von 10 USD – sammelt die SPAC dann weiteres Kapital ein, das später für die Übernahme einer geeigneten Firma verwendet werden kann. In der Regel werden die Anteile im Rahmen des IPOs ausschliesslich an institutionelle Anleger platziert, während Privatanleger erst nach dem Börsengang zugreifen können und somit am Ende der „Nahrungskette“ stehen. Spekulationsgetrieben notieren die meisten SPACs dann bereits deutlich höher, obwohl die Anleger immer noch im „Blindflug“ agieren und nicht wissen, welche Firma später einmal übernommen werden soll. Bis ein geeigneter Kandidat gefunden ist, werden die Barmittel risikolos, meist in kurzlaufenden Staatsanleihen treuhänderisch angelegt.

Scheitert die SPAC gibt es das Geld zurück

Wird nach einer bestimmten Zeit, meist innerhalb von 18 bis 24 Monaten kein geeignetes Unternehmen für eine Übernahme gefunden oder die Aktionäre lehnen eine vorgeschlagene Übernahme auf der Hauptversammlung ab, so erfolgt in der Regel die Auflösung der SPAC. In dem Fall erhalten die Anteilseigner der Special Purpose Acquisition Company die für Übernahmen vorgehaltenen Barmittel abzüglich aller bislang entstandenen Kosten wieder ausbezahlt. Darüber hinaus haben auch alle Anleger ein individuelles Wahlrecht: Entweder sind sie mit der Übernahme bzw. deren Konditionen einverstanden und bleiben beteiligt oder sie votieren stattdessen für eine anteilsmässige Auszahlung vom Firmenkonto und reichen ihre Anteile an die SPAC zurück. Das ist für die Investoren der ersten Stunde natürlich ein geniales Sicherheitsnetz. Denn falls es bis zur Abstimmung über eine Übernahme noch keine gewinnträchtige Verkaufsgelegenheit gab, so kann ein fast verlustfreier Ausstieg erfolgen. Kein Wunder, dass sich Grossinvestoren geradezu um neue SPACs reissen.

Schnellstart an der Börse via SPAC

Der Erfolg einer SPAC hängt am Verhandlungsgeschick und der Vernetzung des Sponsors, der deshalb auch als Dealmaker bezeichnet wird. Dieser erhält als Initiator für sein meist relativ überschaubares Anfangsinvestment in der Regel rund 20 % der SPAC Anteile. Ist ein Übernahmeobjekt identifiziert, so wird dieses – die Zustimmung der Hauptversammlung vorausgesetzt – durch einen Kauf bzw. eine Verschmelzung in die SPAC eingebracht. Das übernommene Unternehmen spart sich mit diesem Reverse IPO (Reverse Merger) den langwierigen und kostspieligen Prozess eines eigenen Börsengangs. Es muss keine Investmentbank mit den Vorbereitungen eines Börsengangs beauftragt werden und es ist auch kein umfangreicher Börsenprospekt mit den Bilanzen der vergangenen Jahre und weiteren Daten notwendig. Auch eine Genehmigung und Zulassung zum Börsenhandel durch die Wertpapieraufsichtsbehörde (in den USAdie SEC) ist nicht erforderlich, denn diese Aufgabe hat bereits die SPAC übernommen. Da eine solche Gesellschaft allerdings noch nicht über ein operatives Geschäft verfügt, gibt es auch nicht viel offen zu legen. Daher wird der Zulassungsprozess von üblichen 3-6 Monaten bei SPACs auf maximal ca. 2 Monate verkürzt.

Unterschied zwischen SPACs vs. Mantelspekulationen

Nicht alle leeren Börsenmäntel sind SPACs. In einigen Fällen bleiben Börsenlistings von gescheiterten Unternehmen vorläufig bestehen. Insbesondere dann, wenn nach der Aufgabe, Insolvenz oder Liquidation des operativen Geschäfts noch Barmittel vorhanden sind, kann in einen solchen „übrig gebliebenen“ Börsenmantel ebenfalls eine neue Firma schlüpfen. Das ist insbesondere bei geringem Streubesitz interessant, d.h. wenn die Eigentümer des neuen Geschäfts vorab einen grossen Anteil der Aktien von Altaktionären erwerben können. Das neue operative Geschäft wird dann meist in Form einer Sachkapitalerhöhung gegen neue Aktien eingebracht. Man spricht hierbei ebenfalls von einem Reverse IPO (Reverse Merger) oder von einem Back Door Listing. Das Prinzip ähnelt dem einer SPAC, wobei die Börsenhülle eben nicht gezielt als solche geschaffen wird.

Bei einer sogenannten Mantelspekulation setzten risikobewusste Anleger darauf, dass alte Börsenhüllen (Englisch: Shell Companies) mit einem neuen operativen Geschäft belebt werden. Im Erfolgsfall winkt dabei nicht selten eine Vervielfachung des Einsatzes. Das Risiko liegt hingegen darin, dass doch kein Unternehmen eingebracht wird und die Notierung an der Börse früher oder später aus Kostengründen eingestellt wird. Prominentestes Beispiel für ein solches Börsen Listing durch die Hintertür ist Warren Buffets Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway, einem ehemaligen Textilhersteller aus Massachusetts. Beispiele in Deutschland sind die Unternehmen Gigaset (ehemals Arques Industries, davor Bad Salzschlirf AG), TAG Immobilien (ehemals Tegernsee-Bahn) oder ElringKlinger (ehemals ZWL Grundbesitz, davor Ziegelwerke Ludwigsburg). Auch das insolvente Skandalunternehmen Wirecard ist aus einem Reverse Merger mit der Infogenie AG hervorgegangen, einem erfolglosen Betreiber von kostspieligen Telefonhotlines.

SPAC Boom in den USA

SPACs sind nicht neu. Die ersten Special Purpose Acquisition Companies wurden bereits in den 1990er Jahren gegründet und vor der Finanzkrise 2008/09 gab es eine erste kleine SPAC-Welle. In den vergangenen Jahren entwickelte sich ein neuer Trend, der sich nach dem Corona-Crash zu einem regelrechten Boom entwickelte. SPACs verhalfen zahlreichen Unternehmen vor allem aus Trend-Branchen wie erneuerbare Energien und Elektromobilität zu unkomplizierten Börsen Listings und sammelten viele Milliarden USD Investorengelder ein. So gingen allein in den USA im vergangenen Jahr 248 SPACs an den Start und sammelten 83 Mrd. USD Kapital ein. Immer häufiger sind auch bekannte Persönlichkeiten involviert, beispielsweise Hedgefonds Manager Bill Ackmann und Dan Loeb, Silicon Valley Investor Peter Thiel, Rapper Jay-Z oder Basketballer Stephen Curry. Sie helfen mit ihrer Bekanntheit Anleger für die jeweilige SPAC-Hülle zu mobilisieren – und verdienen auch entsprechend mit. Das Silicon Valley Business Journal erklärte das Jahr 2020 zum „Year of the SPAC“. Beispiele für SPACs sind Aktien wie Nikola Motors, Hyliion, Fisker, Lucid Motors oder QuantusmScape, allesamt Unternehmen aus der eMobility-Branche. Lesen Sie hier unseren Artikel Megatrend Elektroauto: Die besten Elektromobilität-Aktien und Batterie-Aktien. Auch das ambitionierte Raumfahrtunternehmen von Richard Branson, Virgin Galactic, sowie der Glückspiel- und Sportwettenanbieter Draftkings bewerkstelligten den Börsengang mittels SPAC.

Der SPAC-Boom hat sich Anfang 2021 sogar noch beschleunigt: Per Anfang März waren bereits weitere 232 neue SPACS börsennotiert, die in ca. 10 Wochen rund 75 Mrd. USD an Investorengeldern einsammelten. Damit dürfte der Rekord des Jahres 2020 möglicherweise noch im ersten Quartal übertroffen werden, denn insgesamt befinden sich aktuell knapp 200 SPACs kurz vor dem Börsengang. Das Volumen der SPAC-Börsengänge übertrifft das der traditionellen IPOs bereits bei weitem. Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es rund 500 börsennotierte SPACs mit einem Gesamtvermögen von 158 Mrd. USD. Mehr als 100 davon haben bereits einen Übernahmekandidaten gefunden und der Zusammenschluss wurde entweder bereits durchgeführt oder befindet sich in Planung. Entsprechend sind rund 400 SPACs auf der Suche nach geeigneten Übernahmezielen.

Kritik an SPACs: Bildet sich gerade eine SPAC-Blase?

SPACs erfreuen sich zwar unter Anlegern immer grösserer Beliebtheit, sind allerdings auch nicht unumstritten. Zum einen lautet die Kritik, dass sich in erster Linie die Initiatoren die Taschen voll machen. Die Sponsoren erhalten für ihr relativ kleines Anfangsinvestment, das meist nur bei ca. 5 bis 10 Mio. USD liegt in der Regel einen stattlichen 20 % Anteil der SPACs und obendrein oft auch noch gratis Warrants (Optionsscheine). Mit diesen können Sie, ähnlich wie bei einer Option, zu einem späteren Zeitpunkt Aktien zu einem festgelegten Preis kaufen. Wird die Fantasie der Anleger nach dem SPAC-Börsengang durch ein attraktives Übernahmeobjekt oder auch nur durch Versprechungen befeuert, so versilbern die Sponsoren ihre Anteile zu den gestiegenen Aktienkursen. Ob das gekaufte Unternehmen die hohen Erwartungen dann tatsächlich auch erfüllen und die Bewertung rechtfertigen kann zeigt sich jedoch erst in der Zukunft, so dass potenzielle Verluste in erster Linie auf Privatanleger abgewälzt werden dürften. Prof. Michael Ohlrogge von der Uni New York errechnete beispielsweise, dass der Sponsor der Clover Health SPAC rund 150 Mio. USD verdiente, obwohl die SPAC mittlerweile erheblich unter dem Ausgabepreis von 10 USD notiert.

SPACs: Unkontrollierter Wildwuchs an der US-Börse

Da kein Börsenprospekt erstellt wird und auch keine Prüfung durch die Börsenaufsichtsbehörde SEC notwendig ist, können auch Unternehmen an die Börse gelangen, die es über den klassischen Weg eines IPOs schwer hätten, eine Börsenzulassung zu bekommen. Dazu zählen beispielsweise Start Ups und Firmen mit bilanziellen Risiken oder mit Geschäftsmodellen, die hauptsächlich aus „heisser Luft“ bestehen. Denn im Gegensatz zu klassischen Börsengängen, bei denen sich die Unternehmen aus regulatorischen Gründen nur sehr vorsichtig zum Geschäftsverlauf äussern dürfen, gibt es bei SPACs Schlupflöcher, die es den Firmen erlauben ihre Geschäftsaussichten in den schillerndsten Farben darzustellen, ohne dabei Konsequenzen fürchten zu müssen.

Besonders attraktiv für SPACs sind Trendbranchen bei denen an der Börse zum Teil übermässig hohe Bewertungen bezahlt werden. So wie zuletzt beispielsweise in der Elektromobilitätsbranche, die getrieben durch den Boom der Tesla-Aktie gewaltige Summen an Anlegerkapital anzog. In einem Umfeld, in dem Mondpreise für Aktien bestimmter Trendbranchen bezahlt werden, macht ein SPAC-Deal auch für die Eigentümer von Unternehmen Sinn, die noch nicht unbedingt börsenreif sind. Beispielsweise weil hohe Verluste geschrieben werden oder Umsätze gar noch gänzlich fehlen. Hinter dem Motiv im Eiltempo an die Börse zu gelangen könnte aber in einigen Fällen auch ein dringender Kapitalbedarf stehen, der zum Fortbestehen des Unternehmens unbedingt gedeckt werden muss.

Alles in allem ermöglichen SPACs zwar auch seriösen Unternehmen einen raschen, unkomplizierten Börsengang, aber es dürfte auch eine Vielzahl von Fällen geben, in denen aufgrund der fehlenden Kontroll- und Regulierungsmöglichkeiten durch die Börsenaufsicht überbewertete Seifenblasen an der Börse landen – mit anschliessenden Verlusten für die Anleger. So entsteht zum Nachteil der Kleinanleger ein unkontrollierter SPAC-Wildwuchs, der früher oder später – nämlich dann, wenn die SPAC-Blase platzt – zu einem bösen Erwachen führen dürfte. Möglicherweise greift allerdings die SEC bald stärker regulierend ein, denn die Behörde wirft bereits einen gezielten Blick auf die Methoden der SPACs und wie sie an Privatanleger vermarktet werden.

Gewaltige Nachteile von SPACs für Privatanleger, Free Money für Grossanleger

Privatanleger haben einen signifikanten Nachteil schon bevor überhaupt ein Übernahmekandidat gefunden ist. Denn sie können die Aktien erst nach dem Börsengang kaufen, wenn die Preise meist schon deutlich oberhalb des Emissionspreises notieren, beispielsweise bei 15 oder 20 USD. Und je weiter der Aktienkurs über dem Emissionskurs liegt, desto höher ist der potenzielle Verlust, wenn entweder kein geeigneter Übernahmekandidat gefunden oder die Übernahme abgelehnt wird. Im Rahmen einer Studie recherchierte Prof. Ohlrogge, dass im Schnitt 97 % (!) der Anleger, die beim Börsengang der SPACs Anteile erhalten haben, diese im Vorfeld der Fusion entweder bereits wieder verkauft oder zum Kaufpreis zurückgegeben haben. Kein Wunder, denn mit der Garantie zur Rücknahme der Anteile sind SPACs zum Emissionspreis für Grossanleger quasi „free Money“: Entweder der Aktienkurs steigt bereits im Vorfeld einer geplanten Fusion und beschert Gewinne oder man lässt sich das Geld eben wieder zurückbezahlen und steigt aus. Entsprechend sind zum Zeitpunkt der eigentlichen Übernahme vor allem Privatanleger investiert. Diese haben ihre Anteile im Zuge der gezielt geschürten Übernahmefantasie meist zu weitaus höheren Aktienkursen gekauft und hoffen darauf, bei einer neuen Tesla- oder Nio-Aktie dabei zu sein. Dass das Chance-Risiko-Verhältnis dabei nicht unbedingt vorteilhaft ist, wird durch die Studie von Prof. Ohlrogge untermauert, wonach die Performance von 50 betrachteten SPACs im ersten Jahr im Schnitt um etwa 50 % niedriger ausfiel, als bei den traditionellen Börsengängen/IPOs im selben Zeitraum.

Immer mehr Kapital buhlt um Übernahmekandidaten: Gibt es eine SPAC-Blase?

Aufgrund der aktuellen Flut an Neuemissionen bei SPACs haben die potenziellen Kandidaten mittlerweile die Wahl, in welche SPAC sie schlüpfen möchten. Immer mehr Kapital buhlt um eine begrenzte Anzahl an geeigneten Kandidaten. Und je grösser die Konkurrenz, desto höher die Preise und desto schlechter die Deals aus Sicht der Privatanleger. Sogar der CEO der Investmentbank Goldman Sachs, David Solomon erklärte zu Jahresbeginn, dass der derzeitige SPAC-Boom nicht nachhaltig sei – obwohl die Bank selbst einer der grössten SPAC-Sponsoren ist. Das Ganze klingt also schon sehr nach einer SPAC-Blase, die früher oder später auch platzen dürfte. Denn bekanntlich geht der Krug nur so lange zum Brunnen bis er bricht. Noch bietet die allgemeine Börseneuphorie den SPAC-Intitatoren und Finanzinvestoren ein „Window of Opportunity“, doch dieses dürfte sich früher oder später wieder schliessen. Spätestens dann, wenn das Börsenumfeld etwas widriger wird.

Nikola Motors: Gezielte Investorentäuschung

Ein Negativbeispiel ist das eMobility-Unternehmen Nikola Motors, das wegen gezielter Investoren-Täuschung unter Beschuss geriet. Das im Jahr 2014 gegründete Unternehmen fusionierte im Juni 2020 mit der SPAC VectoIQ und gelangte so an die Börse. Der Leerverkäufer Nathan Anderson deckte in seinem Report Hindenburg Research im Herbst 2020 mehrere Täuschungshandlungen auf. Beispielsweise, dass Nikola in einem Werbevideo keineswegs die erste Fahrt eines emissionsfreien LKW-Prototypen zeigte. Der Truck war einen Hügel im US-Bundesstaat Utah hinaufgeschleppt worden und rollte anschliessend nicht mit den angegebenen 1.000 PS, sondern nur dank der eigenen Schwerkraft hinunter. Durch gezielte Kameraeinstellungen liess es das Video jedoch so erscheinen, als würde der Prototyp auf einer ebenen Fläche mit Wasserstoff-Antrieb selbstständig fahren. Auch wurden eingekaufte Technologie-Komponenten als Eigenentwicklungen dargestellt, indem die eigentlichen Hersteller-Logos überklebt wurden. Darüber hinaus wurde auch die Zahl der Fahrzeugreservierungen deutlich übertrieben dargestellt. Der Gründer Trevor Milton trat im September 2020 als CEO zurück und gegenüber der Wertpapieraufsichtsbehörde SEC wurden Falschaussagen eingeräumt.

Der Autokonzern General Motors, der im Rahmen einer umfangreichen Kooperation eigentlich auch 2 Mrd. USD in elf Prozent der Nikola-Anteile investieren wollte, kündigte daraufhin an, auf das Investment zu verzichten und auch die Zusammenarbeit bis auf eine unverbindliche Absichtserklärung einzuschränken. Der deutsche Bosch-Konzern, der bereits eine Beteiligung hielt, reduzierte diese daraufhin auf weniger als 5 Prozent. Die Aktie, die im Hoch 93,99 USD kostete, notiert aktuell bei etwa 16 USD. Das entspricht allerdings immer noch einer Bewertung von ca. 6 Mrd. USD.

Auch der SPAC Modern Media Acquisition brachte den Anlegern herbe Verluste. Nach der 200 Mio. USD teuren Übernahme des griechischen Musikstreaming Dienstes Akazoo stellte sich heraus, dass die angeblich knapp 6 Mio. Abonnenten überhaupt nicht existierten und es sich um einen grossangelegten Betrug handelte. Wer in die SPAC investiert hatte, verlor seinen gesamten Einsatz.

SPACs in Deutschland: Bislang noch keine Erfolgsgeschichte

In Deutschland wurden bislang nur vier SPACs aufgelegt. Die im Jahr 2008 von Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff und Roland Berger gegründete SPAC Germany 1 übernahm im Jahr darauf die Mehrheit am Hersteller von Stromversorgungsgeräten AEG Power Solutions,das Unternehmen scheiterte allerdings. Gleiches gilt für den im Jahr 2010 aufgelegten SPAC Europe Cleantech 1. Dieser musste nach der Pleite der übernommenen belgischen Electrawind Gruppe vor wenigen Jahren Insolvenz anmelden. Die SPAC Helikos übernahm im Jahr 2011 die Schweizer Firma Exceet Group und firmiert seitdem unter diesem Namen. Obwohl es das Unternehmen im Gegensatz zu den anderen beiden noch gibt, verlief die Kursentwicklung der Aktie sehr enttäuschend: Die SPAC erreichte den Ausgabekurs von 10 Euro nach der Übernahme nicht mehr und notiert heute abgeschlagen bei ca. 4 Euro.

IPO von Lakestar SPAC I: Erste deutsche SPAC seit zehn Jahren

Im Februar 2021 ging in Deutschland mit der Lakestar SPAC I (ISIN: LU2290523658 – Symbol LRS1– Währung: EUR) erstmals seit 2011 wieder ein SPAC an den Start. Das von Tech-Investor Klaus Hommels initiierte Unternehmen sammelte, mit dem ehemaligen Burda-Manager Stefan Winners an der Spitze, immerhin rund 275 Mio. Euro von Anlegern ein und feierte auch ein erfolgreiches Börsendebüt: Die in der Privatplatzierung achtmal überzeichnete Lakestar-Aktie startete an der Börse rund +11 % über dem Ausgabekurs von 10 Euro und notiert aktuell bei etwa 10,70 Euro. Neben der Aktie gab es für die Erstinvestoren noch Optionsscheine (Warrants), die derzeit für etwas mehr als 1 Euro gehandelt werden. Nun dürfen die Anleger gespannt sein, welches Übernahmeziel sich Initiator Klaus Hommels aussuchen wird, der Fokus liegt auf europäischen Technologieunternehmen. Hommels Ziel ist es, „den Ausverkauf europäischer Technologiefirmen an die USA“ zu verhindern und „die Entwicklung einer europäischen SPAC-Kultur voranzutreiben“. Wie üblich erhielten die Initiatoren der SPAC ca. 20 % bzw. rund 7 Mio. Gründeraktien, die zu zwei Drittel allerdings noch einer Sperrfrist (Lockup) unterliegen. Diese wurde – was sehr unüblich ist – an den Aktienkurs gekoppelt, der dazu einige Zeit über 12 Euro bzw. 14 Euro klettern muss.

SPACs kaufen: Das müssen Sie beim Investieren in SPACs beachten

Wer SPACs kaufen möchte, der sollte sich sehr genau ansehen mit welchem Management bzw. Sponsor er es zu tun hat und vor allem zu welcher Bewertung er die SPAC Aktien kaufen möchte. Es ist davon abzuraten, gleich nach dem Börsengang im Blindflug in eine SPAC zu investieren, zumindest dann, wenn diese bereits deutlich über dem Ausgabepreis notiert. In diesem Fall würden Sie sich als Anleger gegenüber den Erstinvestoren klar im Nachteil befinden. Denn diese können ihre Anteile quasi ohne Verlust wieder zurückgeben, falls ihnen die vorgeschlagene Übernahme nicht zusagen sollte oder ihnen der Preis zu hoch erscheint. Das gilt auch für den Fall, dass – aus welchen Gründen auch immer – innerhalb der vorgesehenen Zeitspanne doch kein Deal zu Stande kommen sollte. Wer höher gekauft hat bekommt trotzdem nur den pro Aktie geparkten Cashanteil zurückbezahlt.

Falls Sie ein erfahrener Anleger sind und tatsächlich die „Katze im Sack“ kaufen möchten, so sollten Sie nur im Bereich des Ausgabekurses einsteigen. Oder Sie warten eben, bis eine Übernahme abgeschlossen ist, falls Ihnen die Bewertung dann angemessen erscheint. Auf diese Weise stellen Sie sicher, dass Sie nicht zu den (oft unbedarften) Anlegern gehören, die hohe Euphorie-Preise für Aktien bezahlen, die nach der Transaktion mit recht hoher Wahrscheinlichkeit wieder deutlich tiefer notieren…

Bekannte SPAC in den USA

Hier finden Sie eine SPAC Liste mit einigen grösseren und bekannteren SPACs, die bereits erfolgreich ein Unternehmen integriert haben. Auf SPACs, die noch auf der Suche nach einem Übernahmekandidaten sind, wurde bewusst verzichtet. Anschliessend stellen wir Ihnen drei der Unternehmen kurz vor.

SPAC Aktien Liste:

SPAC AktieISINSymbolWährung
AdapthealthUS00653Q1022AHCOUSD
Chargepoint HoldingsUS15961R1059CHPTUSD
Danimer ScientificUS2362721001DNMRUSD
DraftkingsUS26142R1041DKNGUSD
ImmunovantUS45258J1025IMVTUSD
IridiumUS46269C1027IRDMUSD
Open LendingUS68373J1043LPROUSD
QuantumScapeUS74767V1098QSUSD
Vertiv HoldingsUS92537N1081VRTUSD
Virgin GalacticUS92766K1060SPCEUSD

Die besten SPACs 2021

Draftkings: Sportwetten und Online-Sportwettbewerbe

DraftKings (ISIN: US26142R1041 – Symbol DKNG – Währung: USD) ist ein amerikanischer Betreiber von Fantasy Sports-Wettbewerben und Sportwetten. Das Unternehmen ermöglicht es Benutzern, an täglichen und wöchentlichen Fantasy-Sport-Wettbewerben, bei Sportwetten oder Onlinekasino-Spielen teilzunehmen und Geld zu gewinnen. Die Wettbewerbe basieren auf den fünf grossen amerikanischen Sportarten Basketball (NBA), Eishockey (NHL), Football (NFL), Baseball (MLB) und Golf (PGA). Daneben befinden sich auch Angebote im Bereich Fussball (Premier League und Champions League), Nascar-Autorennen, Tennis und weiteren Sportarten im Portfolio.

Beeindruckende Erfolgsgeschichte an der Börse

SPAC Aktien: Entwicklung Drafking Aktie von Juli 2019 bis März 2021 | Online Broker LYNX

Draftkings wurde im April 2020 mit der SPAC Diamond Eagle Acquisition verschmolzen und verzeichnete seitdem eine beeindruckende Kursentwicklung. Ausgehend vom Ausgabepreis von 10 USD kletterte der Aktienkurs stetig nach oben und versiebenfachte sich auf aktuell rund 71 USD, was einer Marktkapitalisierung von 28 Mrd. USD entspricht. Das Unternehmen schreibt zwar noch Verluste, aber beeindruckt dafür mit hohem Umsatzwachstum. Nach 615 Mio. USD Umsatz im Vorjahr, soll Analysten zufolge im Jahr 2021 bereits ein Umsatz von 1 Mrd. USD erzielt werden (+64 %). Im kommenden Jahr soll der Umsatz dann bereits bei 1,42 Mrd. USD liegen. Aufgrund des starken Kursanstieges ist die Aktie nicht mehr wirklich günstig bewertet.

Open Lending: Automatisierte Kreditvergabe

Die Firma Open Lending (ISIN: US68373J1043 – Symbol LPRO – Währung: USD) bietet als Fintech-Unternehmen automatisierte Kreditvergabedienste für Finanzinstitute an. Das Unternehmen ist spezialisiert auf Kreditanalyse, risikobasierte Preisgestaltung, Risikomodellierung und automatisierte Entscheidungstechnologie für die Vergabe von Autokrediten und anderen Verbraucherkrediten. Das Unternehmen aus Austin, Texas wurde Anfang 2006 mit der SPAC Nebula Acquisition verschmolzen, die Transaktion hatte ein Volumen von 1,7 Mrd. USD und sollte dem Finanzdienstleister dazu verhelfen weitere Märkte zu erschliessen.

Kursvervierfachung seit dem SPAC-Deal

SPAC Aktien: Entwicklung Open Lending Aktie von Juli 2019 bis März 2021 | Online Broker LYNX

Die Aktie von Open Lending kletterte seit der Übernahme kontinuierlich nach oben und erreichte kürzlich bei 43 USD ein neues Hoch. Das hängt natürlich auch mit der positiven operativen Entwicklung zusammen. Nach einem Umsatz von 109 Mio. USD im Vorjahr erwarten Analysten für dieses Jahr eine Steigerung um +96 % auf 213 Mio. USD. Dabei soll nach einem Verlust von 1,09 USD je Aktie im Vorjahr bereits ein Gewinn in Höhe von 0,79 USD je Aktie erzielt werden. Im kommenden Jahr 2022 soll der Umsatz um weitere +39 % auf 296 Mio. USD zulegen, bei einem Ergebnis von 1,16 USD je Aktie. Mit einer Marktkapitalisierung von aktuell 5 Mrd. USD und einer Vervierfachung seit dem SPAC-Deal ist die Open Lending Aktie bei aktuell 40 USD gut bepreist. Für spekulative Einstiege können Rücksetzer in den Bereich 30 bis 33 USD abgewartet werden.

Vertiv Holdings: Technik für Rechenzentren und Netzwerke

Vertiv (ISIN: US92537N1081 – Symbol VRT – Währung: USD) ist Anbieter von digitaler Infrastrukturtechnik und Dienstleistungen für Rechenzentren und Kommunikationsnetze. Das Unternehmen mit weltweit mehr als 20.000 Mitarbeitern und mehr als 4 Mrd. USD Jahresumsatz bietet Hardware, (Cloud)Software, Analytik und Services, mit denen der reibungslose Betrieb von Rechenzentren, Kommunikationsnetzen und industriellen Anlagen gewährleistet wird. Dazu zählen beispielsweise auch Strom-, Kühlungs- und IT-Infrastrukturlösungen. Zu den Kunden zählen unter anderem Amazon, Google, AT&T, Verizon Tencent, Vodafone und China Telecom. Vertiv wurde Anfang 2020 mit der von der Investmentbank Goldman Sachs gegründeten SPAC GS Acquisition Holdings fusioniert.

Intakter Aufwärtstrend seit dem Corona-Crash

SPAC Aktien: Entwicklung Vertiv Aktie von Juli 2019 bis März 2021 | Online Broker LYNX

Analysten gehen davon aus, dass das Unternehmen, seinen Umsatz im laufenden Jahr 2021 um +10 % auf 4,8 Mrd. USD steigern kann. Dabei soll das Ergebnis je Aktie von 0,78 USD im Vorjahr um +35 % auf 1,05 USD steigen. Für das kommende Jahr 2022 erwarten die Marktexperten bei einem Umsatz von rund 5 Mrd. USD einen Gewinn je Aktie von 1,25 USD. Damit erscheint die Aktie bei einem aktuellen Aktienkurs von 21 USD auf den ersten Blick relativ günstig. Angesichts der relativ niedrigen Gewinnmargen und der Schuldenbelastung des Unternehmens ist die Bewertung jedoch angemessen. Die Vertiv-Aktie, die im Corona-Crash kurzzeitig auf unter 5 USD absackte, befindet sich in einem intakten Aufwärtstrend und konnte sich vom Startwert 10 USD aus bereits verdoppeln. Weiteres Kurspotenzial könnte dann freigesetzt werden, wenn es dem Management gelingt, das Unternehmen profitabler zu machen.

Fazit: Der SPAC-Spuk dürfte früher oder später vorbei sein

Wie z.B. die drei vorgestellten Unternehmen zeigen, gab es in den vergangenen Jahren durchaus einige Erfolgsgeschichten bei SPACs. Wer den richtigen Riecher hat, kann mitunter hohe Kursgewinne erzielen. Unterm Strich jedoch verläuft die Kursentwicklung der meisten SPAC Aktien nach getätigten Übernahmen enttäuschend. Doch das kümmert im Moment offenbar niemanden, das Tempo, mit dem neue SPACs aus dem Boden gestampft werden ist unglaublich. Da auf Seiten der Initiatoren und Erstinvestoren dank Rückgabe-Sicherheitsnetz quasi nur Gewinne gemacht werden können, ist dieser „Wettlauf“ auch kein Wunder. Denn Verluste fallen höchstens auf Seiten der Privatanleger an, die dank der allgemeinen Börseneuphorie zu überhöhten Kursen zugreifen und so einen „Free Lunch“ der Finanzinvestoren ermöglichen.

Der SPAC Boom wird allerdings nicht unbegrenzt weiterlaufen. Denn mittlerweile buhlen hunderte SPACs um eine begrenzte Anzahl an geeigneten Übernahmekandidaten und fast täglich kommen neue hinzu. Die Chancen auf wirklich attraktive Deals (aus Privatanlegersicht) schwinden von Tag zu Tag und so dürften sich die Anlegerhoffnungen auf Kursgewinne in vielen Fällen leider nicht erfüllen lassen. Der SPAC-Spuk dürfte vorläufig so lange weiter gehen, bis SPACs keine Vorschusslorbeeren mehr bekommen und nicht mehr wie selbstverständlich über den Ausgabepreis von 10 USD klettern. Denn dann lohnt es sich für Investoren nicht mehr an den Privatplatzierungen zum Börsengang teilzunehmen – die Zeit des „Free Money“ wäre vorbei.

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