Richtig gut liefen die meisten Aktien von Software-Unternehmen schon 2025 nicht. Aber Mitte Januar begannen viele von ihnen plötzlich zeitgleich wie vom Blitz getroffen zu fallen. Die KI werde viele Software-Anwendungen vom Markt verdrängen, hiess es als Begründung. Mich beschleicht das Gefühl, dass diejenigen, die jetzt Aktien wie Microsoft oder SAP wie sauer Bier verkaufen, die Sache nicht allzu sehr hinterfragt haben. Ich für meinen Teil hätte da durchaus noch Fragen.
Seit ich Ende der Achtzigerjahre planlos meine ersten Aktien gekauft habe, zügig feststellte, dass cool klingende Unternehmensnamen wie „Bijou Brigitte“ und „Gold Mines of Kalgoorlie“ kein Garant für Gewinne sind und mich daran machte, die Sache doch lieber gründlich von der Pike auf zu erlernen, habe ich schon x-mal erlebt, dass die Masse der Anleger von dieser Sache mit dem Erlernen der Grundlagen wenig zu halten scheint. Erst handeln, dann denken – das scheint ein weit verbreitetes Motto zu sein. Kurz: Ich habe schon viele „dumme“ Trends gesehen, die bisweilen verblüffend hartnäckig waren.
Wobei das keineswegs heissen soll, dass ich glauben würde, die Mehrheit der Anleger wäre dumm. Nur die wenigen, die in kurzen Phasen, in denen irgendeine „Parole“ durch die Börsensäle geistert, massiv aktiv werden, gehören zur Verdachtsgruppe. Die grosse Mehrheit schaufelt ja nicht andauernd den Depotbestand von links nach rechts, sondern bleibt passiv. Ob diese Mehrheit begeistert über eine Idee ist oder den Kopf schüttelt, sieht man nicht. Aber wer nicht unmittelbar aktiv wird, bremst eben solche Kursimpulse auch nicht, so dass es zumindest so aussieht, als würden alle mitziehen.
Wenn „Meinungen“ plötzlich Trends machen, sollte man die Sache immer hinterfragen
Denken wir an die Phase vor dem Platzen der Internetblase, also an die Zeit von Mitte 1999 bis zum Frühjahr 2000. Oder an die Schnapsidee, als Absicherung vor einer durch die Subprime-Blase ausgelösten Krise „echte Werte“ zu kaufen, wodurch Hinz und Kunz in Rohöl „machte“ und der Preis durch die Decke ging, bis er dann komplett zusammenbrach. Oder die scheinbar feste Überzeugung, die durch die Nachwehen der Corona-Phase losgetretene Inflation werde schon von alleine weggehen, das Wachstum, das man erhoffte, aber umso grösser ausfallen … eine weitere nicht fundierte „Idee“, die zu dem unschönen Börsenjahr 2022 führte.
Und immer wieder waren die Triebfedern Aussagen, die extrem klangen. Vorgebliche „Gewissheiten“, die entweder Gier oder Angst auslösten und deshalb imstande waren, bei nicht wenigen die Ratio aus dem Spiel zu nehmen. Und immer endeten diese Spielchen damit, dass diejenigen, die ganz am Anfang auf den Zug aufsprangen, in die Reaktion der Masse hinein Kasse machten, während die Masse der Mitläufer am Ende die Gelackmeierten waren. Es ist also unbedingt angeraten, solche plötzlich aus dem Nichts auftauchenden „Trends“ zu hinterfragen um erst dann zu entscheiden: Gehe ich da mit … halte ich mich heraus .. oder halte ich vielleicht sogar dagegen?
Diese Sache mit dem nahenden Software-Sterben als Folge der KI-Revolution gehört für mich in diese Kategorie „hinterfragenswert“. Und ja, ich hätte dazu ein paar Fragen.
Es muss nur einer „Feuer“ schreien …
An der Künstlichen Intelligenz wird nicht erst seit 2023 gearbeitet. Unternehmen entwickeln entsprechende Systeme seit Jahren. Andere entwickeln und fertigen die nötige Hardware oder stellen die Infrastruktur-Umgebung bereit. Ja, keine Frage, wir sprechen hier von einem dynamischen Prozess, von einer Entwicklung, die sukzessiv in die Breite geht und sich beschleunigt. Trotzdem ist es ja eigentlich seltsam, dass der Aktienmarkt erst im Mai 2023, als Nvidia das Thema KI als entscheidenden Faktor starken Wachstums betonte, wirklich darauf aufmerksam wurde … dann aber alle gleichzeitig meinten, dabei sein zu müssen.

Es ist wirklich genauso, wie dieser alte Spruch es beschreibt: Es muss nur einer laut genug Feuer schreien, dann rennen alle los … ohne zu prüfen, wo es brennt, wie stark es brennt, ob sie selbst betroffen sind oder … ob es überhaupt brennt. Weil Feuer beim Menschen automatisch eine instinktive Angstreaktion auslöst, die suggeriert: Wer da zu lange nachdenkt, verliert. Wer sich schon ein paar Jahre durch das Börsen-Getümmel bewegt hat, weiss: Das funktioniert nicht nur mit Angst, sondern auch mit Gier.
Was wir wissen, ist: In die Entwicklung von KI-Systemen verschiedenster Art werden Hunderte von Milliarden gesteckt. Grosse Konzerne wie Alphabet, Meta oder Amazon pumpen Summen in diese Thematik, die irrwitzig wirken.
Was wir aber nicht wissen ist: Was wird bei diesem Investment-Schub am Ende als Rendite herauskommen? Sprich wer wird sich eine goldene Nase verdienen, wer wird draufzahlen oder sogar komplett scheitern? Welche Unternehmen, die sich mit der Thematik befassen oder sie für sich nutzen wollen, setzen sich am Ende durch? In welchen Bereichen wird die KI in zwei, fünf oder zehn Jahren dominant sein?

Bei mir entsteht der Eindruck, ebenso wie bei den oben genannten Beispielen für „dumme Trends“ differenzieren viele hier nicht besonders, man rennt immer noch blind weiter, weil immer wieder irgendwer „Feuer“ schreit.
Eines aber darf man als sicher festhalten: Wie bei jedem Hype verdienen am Ende einige derjenigen, die nach diesem neuen „Gold“ schürfen, viele aber nicht. Ganz sicher aber verdienen diejenigen, die wie bei den Goldrausch-Phasen früherer Zeiten die Hacken und Schaufeln verkaufen: Diejenigen also, die die Hardware liefern oder die Rechenzentren bauen. Denn sie produzieren und kassieren jetzt … sitzen zudem auf vollen Auftragsbüchern … und wer da am Ende mit der KI selbst erfolgreich ist und wer nicht, ist schlicht und einfach nicht deren Problem. Und das führt mich zum Thema „KI kills Software“ zurück:
Ich frage mich …
Ich frage ich: Wieso kommt man erst jetzt auf diese „Idee“, fast drei Jahre, nachdem ein Statement von Nvidia im Mai 2023 den KI-Hype lostrat. Man weiss, welche Anwendungsmöglichkeiten die KI hat, die auch schon jetzt genutzt werden. Man weiss, dass sich die KI in sehr vielen Sektoren zu einer wichtigen, wenn nicht entscheidenden Grösse etablieren kann. Aber erst im Januar 2026 geht die „Parole“ um, dass das ganz bestimmt fürchterlichen Schaden bei Unternehmen anrichten wird, die Software entwickeln und vertreiben? Sicher, man fragt sich ja bei manchen Dingen bisweilen „wieso ist da denn keiner vorher draufgekommen“, z.B. dass eine ungesunde Lebensweise ungesund sein könnte. Aber wirkt das nicht sehr wie ein Paradebeispiel dafür, dass nur einer laut genug „Feuer“ rufen muss?

Ich frage mich zudem, ob es realistisch ist zu unterstellen, dass z.B. SAP als Anbieter von Software, die Unternehmensprozesse „all in one“ und sicher abwickelt … oder Nemetschek, die Software für den Bau- und Architekturbereich entwickeln … oder ATOSS Software, die Workforce-Software anbieten … durch KI-Anwendungen überrollt werden könnten. Diese Software-Systeme arbeiten alle mit hochsensiblen Daten, die auf keinen Fall einen klar definierten Bereich verlassen dürfen. Und es geht um Bereiche, in denen kleinste Fehler zum Waterloo werden können. Ist es denn wirklich realistisch zu unterstellen, dass diese Systeme allen Ernstes „aussterben“, weil zukünftig zahlreiche Unternehmen lieber auf KI-Programme setzen?
Ich frage mich darüber hinaus, was diejenigen glauben, die jetzt Software-Aktien ggf. sogar spekulativ auf der Short-Seite handeln, warum es so kommen wird wie eben beschrieben. Richtig ist natürlich, dass einfachere Arbeitsschritte, wie sie z.B. teure Bildsoftware auch liefert, von KI genauso geleistet werden könnten. Das gilt auch für allerhand Aspekte im Bereich Lagerhaltung oder Transportwesen oder bei Versuchsreihen in der Forschung. Aber das ist denen, die entsprechende Software anbieten, ja nicht erst im gleichen Augenblick eingefallen wie dem Aktienmarkt. Man ist ja längst bemüht, die KI in neue Entwicklungen einzubeziehen. Eigentlich wäre es nur dann denkbar, dass dieser Prozess wirklich grössere Ausmasse annimmt und sehr viele Software-Firmen in die Bredouille bringt, wenn eines der Fall sein würde:

Wenn die Alternativen im KI-Bereich dramatisch preisgünstiger wären als die bisherigen Software-Lösungen. Aber wird das denn so sein? Das weiss doch derzeit noch niemand. Aber eines dürfte klar sein, wenn man sich die Sache mal durchdenkt: Aktuell werden Hunderte von Milliarden in die KI gesteckt. Wenn man die Investitionen der Unternehmen, in die die grossen Unternehmen wiederum in Sachen KI investieren, mit dazu nimmt, könnte die Billionen-Grenze leicht überschritten werden … nicht insgesamt, sondern für dieses und für die kommenden Jahre jeweils pro Jahr.
All diese gigantischen Summen fordern am Ende Rendite. Alles, was über Kinkerlitzchen hinausgeht, wird in Sachen KI Geld kosten, man will und muss diese Sache, wie man so schön sagt, „monetarisieren“. Erst, wenn die komplexen, für Unternehmen wirklich tauglichen Anwendungen bereitstehen, wenn sie getestet und robust sind und wenn absehbar ist, was ein solcher Spass die Firmen kostet, werden diese entscheiden, ob sie sich mehr auf KI als auf die bisherigen Software-Systeme verlassen wollen. Das sind Fragen, deren Antworten in der Zukunft liegen.
Aus meiner Sicht brennt hier gerade ein Strohfeuer ab
Diese vorstehenden Fragen sagen mir persönlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht nur ein „Software-Sterben“ geben wird, sondern dass es auch noch recht bald dazu kommen wird, ist aus meiner Sicht gering genug, um auf Basis dieser „KI-Angst“ abgestürzte Aktien dieser Branche jetzt eher als potenzielle Einstiegschancen in die Watchlist zu packen.
Ich meine, es könnte allemal lohnen, auf Signale im Chartbild zu warten, die die Vermutung unterstützen würden, dass dieser von einigen unterstellte Flächenbrand als Strohfeuer endet, das zwar im Moment lichterloh brennt und bedrohlich wirkt, am Ende aber einen deutlich geringeren Schaden anrichtet als den, den man angesichts der hier gezeigten „Absturz-Charts“ aktuell am Markt unterstellt.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 21.02.2026 um 10:07 Uhr. Wir beabsichtigen, diesen Artikel mindestens alle zu aktualisieren.
Sie möchten ein Depot für Ihre GmbH, AG oder UG eröffnen und Betriebsvermögen in Wertpapieren anlegen? Informieren Sie sich jetzt über unser Wertschriftendepot für Geschäftskunden: Mehr zum Firmendepot über LYNX










