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Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 09.-15.02.2026

Auffällige Umschichtungen am US-Aktienmarkt: Vom Glatteis in den Treibsand?

Von

09.02.2026 | 07:00 Uhr

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

Dass sich, wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, auch mal aus selbigem herausfallen kann, haben Trader bei den Edelmetallen und den Krypto-„Währungen“ unlängst erfahren. Aber es scheint, dass Kapital, das die Kurseinbrüche überstanden hat, nicht auf den Konten geparkt, sondern umgeschichtet wird. Denn auf einmal ziehen am US-Aktienmarkt Aktien davon, die man eher mit der „Old Economy“ in Verbindung bringen würde. Das wirkt vernünftig, ist aber eher riskant.

Erst sacken die zuvor extrem nach oben geschossenen Edelmetalle weg. Dann wird es bei den Kryptos ungemütlich. Und jetzt wackeln auch Aktien von Hightech-Unternehmen, bei denen man langsam Sorge hat, dass sie es mit den Investitionen in die KI übertreiben.

Was z.B. bei den 200 Milliarden US-Dollar, die Amazon alleine in diesem Jahr in diesen Bereich stecken will, durchaus nachvollziehbar ist, immerhin wäre diese Summe fast dreimal so hoch wie die knapp 78 Milliarden, die das Unternehmen 2025 als Gewinn verbuchte. Und wenn man sich fragt, wer all das Werbe- und Konsumwachstum, das die KI für die grossen Spieler in diesem Markt generieren soll, bezahlen soll, wenn diese Systeme menschliche Mitarbeiter in rauen Mengen ersetzt und die dann zusehen können, wie sie zurechtkommen, tut man sich mit Antworten schon ein wenig schwer.

Börse aktuell: Entwicklung Nasdaq 100 und Dow Jones im Vergleich von August 2025 bis Februar 2026 | marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Nasdaq 100 und Dow Jones im Vergleich von August 2025 bis Februar 2026 | marketmaker pp4

Solange die Hausse lief, hinterfragten das nur wenige. Die Aktien der KI-Nutzer liefen, diejenigen, die die Programme und die Chips dafür entwickelten, liefen mit und in deren Kielwasser auch noch diejenigen, die Anlagen und Speziallösungen für die Chiphersteller entwickeln.

Und auf einmal läuft die „Old Economy“

Doch jetzt wackelt das Kartenhaus. Der Nasdaq 100 als eine Art wandelndes Spiegelbild des KI-Hypes kommt nicht mehr vom Fleck … und zugleich bebt es auch noch im vermeintlich „sicheren Hafen“ der Edelmetalle und bei den Kryptos. Wohin mit dem Geld? Es scheint, als wären alle Autobahnen zum schnellen Gewinn auf einmal Sackgassen. Die Lösung, die angesichts der Performance-Entwicklung der Dow Jones-Aktien im folgenden Chart offensichtlich von nicht gerade wenigen gewählt wurde, verblüfft:

Man stürzt sich auf Unternehmen, die eher in „klassischen“ Branchen agieren. Der US-Baumaschinenhersteller Caterpillar führt die 2026er-Gewinnerliste des Dow Jones aktuell an. Es folgt der Mischkonzern Honeywell, der Ölkonzern Chevron und die Supermarktkette Walmart. Dafür finden sich unter den schwächsten fünf Aktien im Dow Jones gleich drei Dauerläufer früherer Jahre aus dem Tech-Sektor: Salesforce, Microsoft und Amazon. Seltsam?

Börse aktuell: Entwicklung Top und Flop Aktien aus dem Dow Jones im Jahr 2026 | marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Top und Flop Aktien aus dem Dow Jones im Jahr 2026 | marketmaker pp4

Durchaus. Davon mal abgesehen, dass man einerseits erkennt, dass auch bei KI die Bäume nicht in den Himmel wachsen und die Rendite dieser aktuell in diesen Bereich gestopften Milliarden bzw. mittlerweile Billionen durchaus auch unschön mager ausfallen könnte, man aber andererseits gerade Software-Aktien wie Microsoft oder SAP wie sauer Bier verkauft aus Angst, dass die KI viele Softwareanwendungen überflüssig machen könnte, ist dieser auffällige Kapitalzufluss bei Aktien, die man zur „Old Economy“ rechnen könnte, auch riskant.

Immerhin passt jetzt die Marktbreite wieder

Gut, positiv ist, dass die Aufwärtsbewegung des Dow Jones, der mit dem Rückenwind dieser Titel zum Wochenschluss die runde Marke von 50.000 Punkten überbot, damit ebenso wie die Entwicklung des Gesamtmarkts auf stabilere Füsse gestellt wird. Dass nur wenige Aktien im Vorjahr die Zugpferde stellten, war ein Risiko. Wenn bei diesen Highflyern etwas nicht mehr läuft, wie es sollte, kann das bei einem Markt, der nur von so wenigen Pferden gezogen wird, leicht zu einer Abwärtswende führen. Dadurch, dass zwar einige dieser Zugpferde jetzt in die falsche Richtung laufen, man das aber durch Käufe in „klassischen“ Aktien auffängt, sehen wir wieder für einen Aufwärtstrend normale Zahlen bei den neuen 52-Wochen-Hochs an der New York Stock Exchange, wie die folgende Grafik zeigt. Aber!

Börse aktuell: Entwicklung von US-Aktien, die ein neues Hoch erreicht haben von von 2021 bis 2026 | marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung von US-Aktien, die ein neues Hoch erreicht haben von von 2021 bis 2026 | marketmaker pp4

Die neuen „Schrittmacher“ der Hausse sind nur, weil sie neu auf der Liste der Top-Performer auftauchen, keineswegs mehr billig, was die Bewertung angeht. Caterpillar hat mittlerweile ein Kurs-/Gewinn-Verhältnis wie ein Technologietitel. Zudem notieren Caterpillar, Walmart und Amgen bereits über dem durchschnittlichen Analysten-Kursziel, Chevron und Honeywell nur minimal darunter. Das wäre nicht zwingend problematisch, wenn man davon ausgehen könnte, dass die US-Konjunktur und idealerweise auch die Weltwirtschaft „brummen“ und man deshalb kräftiges Wachstum beim Konsum, dem Energieverbrauch, der Bautätigkeit und im Pharma- und Biotechbereich erwarten kann. Denn wäre das der Fall, könnten die Analysten ihre Kursziele in Kürze anheben und es wäre wieder Spielraum für die Bullen vorhanden. Aber ist das denn so?

Das Umfeld passt nicht gerade ideal zu einer „Old Economy-Hausse“

Eben nicht. Zwar wurde eine kleine Aufhellung bei den Daten zur Konsumbereitschaft im Rahmen des von der Universität von Michigan erhobenen US-Verbrauchervertrauens als Argument für die kräftig steigenden Kurse des Dow Jones am Freitag genannt. Aber es gibt auch die Daten zum US-Verbrauchervertrauen, die vom Conference Board erhoben werden. Und die wurden gerade erst Ende Januar auf dem tiefsten Stand seit 2014, sogar noch unter dem Corona-Tief 2020, veröffentlicht, wie die nächste Grafik zeigt.

Börse aktuell: Entwicklung US-Verbrauchervertrauen von 1999 bis 2026 | marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung US-Verbrauchervertrauen von 1999 bis 2026 | marketmaker pp4

Und nicht nur die Weltwirtschaft wächst derzeit nicht gerade üppig, auch die US-Wirtschaft tut das nicht, was wir im folgenden Chart sehen:

Börse aktuell: Entwicklung BIP der USA und Dow Jones im Vergleich von 1989 bis 2025 | marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung BIP der USA und Dow Jones im Vergleich von 1989 bis 2025 | marketmaker pp4

Vergleicht man das US-Wirtschaftswachstum (von dem wir bis jetzt nur Daten bis zum 3. Quartal 2025 haben) mit dem des Vorjahres, sehen wir: Mit +2,3 Prozent wächst die US-Wirtschaft im langfristigen Vergleich eher unterdurchschnittlich. Haben sich diejenigen, die ihr Geld in diese „klassischen“ Branchen umgeschichtet haben, also nur vom Glatteis auf Treibsand begeben, ist diese neue Spekulation also womöglich keinen Deut weniger riskant als die Kaufwellen bei KI, Edelmetallen und Kryptos?

Auch konservativ wirkende Aktien können hochriskant sein

Grundsätzlich ist das meiner Ansicht nach so. Aber das bedeutet nicht, dass man leichtes Spiel hätte, würde man deswegen einfach dagegenhalten, indem man auf die Short-Seite setzt. Viel Luft nach oben hätte der Run in diese „Old Economy“ zwar auf rationaler Ebene nicht. Doch diese extremen Kursausschläge bei den Edelmetallen machen ja klar, dass hier nicht die Vernunft, sondern die Emotionen das Zepter in der Hand haben. Und das schon längere Zeit, denn die Aufwärtsbewegungen liessen ebenso jedes Mass und jede Vernunft vermissen wie die darauffolgenden Kurseinbrüche. Beides unterstreicht, wie viele sich da offenbar ohne Kapitalmanagement und taugliche Absicherung aufs Eis begeben haben in dem Glauben, da werde schon nichts passieren. Das kann also auch in dieser neuen Ausrichtung schiefgehen, nur:

Der vorstehende Chart, der den Dow Jones zusammen mit den Wachstumsraten des US-Bruttoinlandsprodukts im Vergleich zum Vorjahr zeigt, macht deutlich, dass mageres Wachstum nach einer Phase mit mehr Wachstum zuvor, wie wir das momentan sehen, eine Aktienmarkt-Hausse zwar ab und an gebremst hat, in vielen Phasen aber nicht. Fazit:

Es kann eine Zeit lang dauern, bevor Treibsand die Leichtsinngen schluckt

Wer als Anleger die hohe Kunst des Wegbleibens beherrscht, wird hier, wenn, dann mit Bedacht und kleinem Geld mitziehen … oder eben wegbleiben und sich andere Chancen suchen, die nicht auf Treibsand aufgebaut sind…

… wobei man da, das ist eine ganz persönliche Einschätzung, die selbstredend falsch sein könnte, zum Beispiel ein Auge auf Aktien werfen könnte, die wie z.B. Microsoft und andere Software-Aktien auf Basis eines plötzlich aus der Kiste gezogenen Spuks unter die Räder gekommen sind, nach dem die Software von der KI ins abseits gedrängt wird. Denn wer nüchtern überlegt, könnte bemerken, dass der KI-Hype jetzt fast drei Jahre andauert, diese „Idee“ also eigentlich von Anfang an oder zumindest viel früher hätte auftauchen müssen, aber erst jetzt auf einmal umgeht wie ein Schreckgespenst. So etwas sollte allemal eine hochgezogene Augenbraue wert sein.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 07.02.2026 um 23:11 Uhr. Wir beabsichtigen, diesen Artikel mindestens alle zu aktualisieren.

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv, seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d.h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentinentanalyse.

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

Börse: Aktuelle Entwicklung und Trends

Die aktuelle Entwicklung und der aktuelle Trend an der Börse werden massgeblich von Wirtschaftsnachrichten, Konjunkturdaten und Neuigkeiten von börsennotierten Unternehmen bestimmt. Diese wirken sich nicht nur auf Aktienkurse aus, sondern auch auf andere Assetklassen wie börsengehandelte Fonds, Optionen und Futures. Des Weiteren werden durch Börsennachrichten auch die Anleihemärkte und Rohstoffmärkte in Bewegung versetzt. Daher haben wir auch die Zinsen, den Ölpreis und Goldpreis immer im Blick.

Börse: Aktuelle Tipps zum Marktgeschehen

Neben Börsennews bekommen Sie auch hilfreiche Tipps, um das gegenwärtige Marktgeschehen besser zu interpretieren. Der Börsenmarkt setzt sich aus vielen verschiedenen Märkten zusammen. Jedes Land, jede Branche und jedes Finanzprodukt wird von individuellen Faktoren beeinflusst, sodass es schwierig ist, alle Märkte mit ihren jetzigen Chancen und Risiken zu verfolgen und zu analysieren. Mit Börse aktuell liefert Ihnen unser Börsenprofi die Börseninformationen, die wirklich wichtig sind, und zugleich eine kompakte Börsenvorschau der Woche.

Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Gültigkeit der Analyse: 1 Woche
Erwartung: Neutral
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 31.01.2026 um 16:45 Uhr. Wir beabsichtigen, diesen Artikel mindestens alle zu aktualisieren.

Am Freitag ereignete sich für viele eine Art „Black Swan“: Etwas, von dem man weiss, dass es rein theoretisch möglich wäre, was man aber für derart unwahrscheinlich hält, dass man das Risiko nicht ernst nimmt. Doch jetzt ist das scheinbar Unwahrscheinliche eben geschehen. Und genau genommen war das Risiko dafür keineswegs gering. Was vermutlich dahinter steckte und was das für die kommenden Tage bedeuten könnte, sehen wir uns hier einmal an.

Wenn Gold an nur einem Tag in der Spitze um 12,7 Prozent und zum Handelsende um 9,1 Prozent wegbricht und man mit Blick auf die anderen Edelmetalle (Silber -26,2, Platin -17,5 und Palladium -16,3 Prozent) konstatieren könnte: „Geht ja noch“, dann ist etwas mal so richtig schiefgegangen.

Ein Crash ausgerechnet im Bereich der Edelmetalle, die doch angeblich eine Art „sicherer Hafen“ sein sollen, das war vermutlich für viele etwas kaum Vorstellbares. Wenn da das Geld nicht sicher ist, wo denn dann? Aber aus heiterem Himmel kam die Sache nicht – im Gegenteil. Was da passiert sein dürfte, wie sich die Lage jetzt darstellt und was gelingen müsste, um Gold, Silber & Co. wieder nach oben zu drehen, gehen wir jetzt einfach mal Schritt für Schritt durch. Erstens: Warum dieser Kurseinbruch?

Börse aktuell: Entwicklung Gold, Silber, Palladium und Platin von Oktober 2025 bis Januar 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Gold, Silber, Palladium und Platin von Oktober 2025 bis Januar 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Was ist vermutlich passiert?

Meiner persönlichen Meinung nach liegt eine Ursache für solche fatalen Situationen darin, dass verblüffend viele Menschen nie antizyklisch denken. Sie folgen mit ihren Ansichten und Handlungen der Herde: Man tut, was die anderen auch tun und wähnt sich dabei sicher, weil ja die Mehrheit nicht falsch liegen kann. Das ist schon im normalen Leben so eine Sache, eine, die dazu führt, dass z.B. zu viele zugleich auf der gleichen Strecke zum gleichen Urlaubsort fahren. Dass Dinge in Mode kommen und wie wild gekauft werden, bei denen man nüchtern betrachtet fragen muss: Wer braucht denn sowas? Aber ausserhalb der Börse ist das gemeinhin harmlos. An der Börse jedoch kann es böse enden. Vor allem, weil es hier einen entscheidenden Unterschied gibt:

Man weiss in Wirklichkeit nie, was die Mehrheit denkt. Man weiss nicht einmal, was die Mehrheit tut. Denn das muss sich keineswegs direkt in den Kursen zeigen. Und das dürfte denen, die am Donnerstag und vor allem am Freitag bei den Edelmetallen überrollt wurden, zum Verhängnis geworden sein. Konkret geht es um Folgendes:

Der Kursanstieg war ohnehin schon ungewöhnlich intensiv, hatte aber in den Tagen vor dem Kurseinbruch noch einmal an Dynamik zugelegt, wie der untenstehende Chart des Goldpreises zeigt. Das Problem mit immer nur zyklisch denkenden Akteuren ist, dass sie diese ein aus dem Ruder laufendes Aufwärts-Momentum nicht als Gefahr, sondern als Bestätigung ansehen, mit noch mehr Kapital und noch riskanter zu agieren. Was den Eindruck erweckt, dass alle gerade Long sind, dabei könnten es auch nur relativ wenige sein, die mit extrem viel Geld auf Hausse setzen. Man kann das im Chartbild nicht unterscheiden. Und das Problem bei Derivaten wiederum ist, dass zum Beispiel Futures das auch möglich machen, indem es dort wie folgt läuft:

Börse aktuell: Entwicklung Gold von August 2025 bis Januar 2026 | Quelle: TWS | Online Broker LYNX
Entwicklung Gold von August 2025 bis Januar 2026 | Quelle: TWS

Hier gibt es die Möglichkeit, Positionen immer weiter zu vergrössern, ohne neues Geld zuzuführen. Und das liegt an der Struktur der Sicherheitsleistungen, die die Trader bei diesen Derivaten beim Broker zu hinterlegen haben, damit dieser für den Fall einer massiven Schieflage nicht auf einmal auf Verlusten sitzenbleibt, weil der Trader nichts mehr hat. Diese „Margin“ genannten Sicherheitsleistungen sind Teil der Liquiditätsberechnung für ein Trader-Depot. Dazu mal ein grobes, grundsätzliches Beispiel:

Hat ein Trader eine Position in Form eines Futures Long-Kontrakts in irgendeinem Asset, die eine Margin von 4.000 Euro erfordert und insgesamt 10.000 Euro auf dem Broker-Konto, sind diese 4.000 Euro Margin als Sicherheitsleistung blockiert, mit den anderen 6.000 kann er tun, was ihm beliebt … zum Beispiel einen weiteren Futures-Kontrakt kaufen, wodurch dann die Margin auf 8.000 Euro steigt. Es bleiben 2.000 Euro. Sollte diese jetzt doppelt so grosse Position aber in die falsche Richtung laufen, sinkt auch der Kapitalwert des Depots. Und sobald 2.000 Euro Verlust aufgelaufen sind und der dann auch nur einen Euro grösser wird, wäre die Margin-Anforderung nicht mehr erfüllt. Der Trader hätte dann zwei Optionen:

Entweder, er schiesst sofort frisches Geld nach, damit der Kapitalstand wieder über die 8.000 Euro Margin steigt. Oder er verkleinert die Position, z.B. indem er einen Kontrakt verkauft, wodurch er wieder genug freies Kapital hat. Tut er das nicht, stellt der Broker die Position sofort glatt. Aber:

Er musste aktiv werden, weil ein Verlust aufgelaufen war und war gezwungen, im Minus zu verkaufen, weil seine Barreserve zu klein war, um grössere Verluste bis zum Margin-Level aushalten zu können. Da muss man also immer genau überlegen, wie viel Reserve man behält. Und genau da kommen wir zu der Hausse der Edelmetalle und den zyklischen Tradern zurück:

Wenn „Pyramidisieren“ zur Falle wird

Da, wer zyklisch denkt und gerade schnelles Geld macht, dazu neigt zu glauben, dass da nichts schiefgehen kann und die Jubel-Hause einfach immer weitergeht, neigen viele dann dazu, ihre Barreserve zu klein zu halten. Das alleine ist gefährlich, aber jetzt kommt’s:

Wenn Gewinne erzielt werden, werden diese auch sofort dem Depotkapital zugerechnet, obwohl es ja nur Buchgewinne sind. Wirklich sicher ist ein Gewinn ja erst, wenn er in bar auf dem Konto liegt und nicht, wenn die Position noch läuft. Und diese Systematik, Verluste und Gewinne direkt auf das verfügbare Kapital zu rechnen, birgt für unbesonnene Trader eine fatale Falle.

Denn sie haben so die Möglichkeit, bei aufgelaufenen Buchgewinnen in den bereits vorhandenen Positionen mit diesem Buchgewinn weitere Positionen zu kaufen! Während kluge Trader also bei tief im Gewinn liegenden Positionen einfach Kurs halten und sich so ihr Risikopuffer immer weiter vergrössert, weil die Relation Buchgewinn zu Margin grösser wird, kaufen unvorsichtige Trader (bei denen man das Wort Zocker fast nicht vermeiden kann) immer mehr dazu, weil sie sich sagen: Jeder Cent, den ich aktiv in Positionen stecke, vergrössert meinen Gewinn. Man türmt also immer noch ein Steinchen mehr auf, baut eine Pyramide. Aber das wird, jeder erfahrene Anleger erkennt das sofort, zur Katastrophe, wenn …

… die Sache in die falsche Richtung läuft. Denn wer so agiert, hätte bei den Edelmetallen vielleicht mit ein, zwei Futures-Kontrakten angefangen, dann aber irgendwann zehn oder mehr gehabt. Und immer schön mit minimaler Barreserve, denn jeder Euro, der nicht „arbeitet“, ist ja (scheinbar) unnütz. Es sei denn, die Kurse fallen und man bräuchte Spielraum, um die Verluste auszuhalten, bevor der Broker einen freundlich darauf hinweist, dass die Margin-Grenze unterschritten ist und man doch bitte umgehend ein paar Tausend oder, wenn man es so gar nicht lassen konnte, Zigtausend Euro nachschiessen möge … die man, natürlich, nicht hat. Und dann geht die Fahrt in der Achterbahn eben rückwärts.

Von der Pyramide zur Lawine

Und das Tempo der Kurse ist in solchen Situationen eine ganz andere Hausnummer als bei der Aufwärtsbewegung zuvor. Denn kaum müssen die ersten, die zu wenig Barreserve für einen grösseren Rücksetzer hatten, ihre Positionen verkleinern, ganz verkaufen oder werden durch den Broker „zwangsverkauft“, gibt es Druck auf den Kurs. Das sehen nicht nur potenzielle Käufer, die dann sofort wegbleiben. Das drückt auch die nächsten Zocker mit zu kleinem Risikopuffer in die Margin-Klemme. Die nächsten verkaufen, der Kurs fällt dadurch weiter und die Sache wird zur Lawine, ganz so, wie es der folgende Intraday-Chart von Silber zeigt, der den Donnerstag und Freitag bei Silber auf 15-Minuten-Basis abbildet.

Börse aktuell: Entwicklung Silber am 29. und 30. Januar 2026 | Quelle: TWS | Online Broker LYNX
Entwicklung Silber am 29. und 30. Januar 2026 | Quelle: TWS

Ich hatte ja noch am Freitagmorgen im Börsenblick auf diesen höchst verdächtigen „Long Legged Doji“ hingewiesen, der sich bei Gold am Donnerstag etabliert hatte, aber auch bei den anderen Edelmetallen aufgetaucht war. Da gelang es zwar, die Verluste, die durch Gewinnmitnahmen bei zu geringer Nachfrage und vermutlich auch die ersten Margin-Klemme-Verkäufe entstanden waren, einigermassen wieder aufzuholen. Aber eben dieser Doji dürfte für die gescheiteren unter den Tradern das Signal gewesen sein, ihre Gewinne in Sicherheit zu bringen, indem sie Positionen schliessen. Und das reichte, um für diejenigen, die im Irrglauben, Gold, Silber, Platin und Palladium seien eine Einbahnstrasse ohne Risiko, Pyramiden gebaut haben, in die Lawine zu reissen.

Nüchtern betrachtet ein klarer Fall von „selbst schuld“. Aber führt diese Eisdusche für diejenigen, die die Kontrolle über ihr Kapitalmanagement verloren haben, auch dazu, dass die Hausse der Edelmetalle vorbei ist?

Wie ist die Lage jetzt?

Noch ist das zumindest, Stand am Wochenende, nicht der Fall. Denn weil die Kurse der vier Edelmetalle derart rasant nach oben davongezogen sind, reichte selbst dieser Crash vom Freitag noch nicht aus, um die für die Aufwärtsbewegung entscheidenden, gleitenden Durchschnitte zu durchschlagen.

Im Gegenteil, wenn wir uns oben den Goldpreis auf Tagesbasis und nachstehend Silber im gleichen Zeitraster ansehen, so haben beide Edelmetalle die Zone der wichtigsten, gleitenden Durchschnittslinien erst einmal gehalten. Es ist sogar zu erkennen, dass die Kurse sich in diesem Unterstützungsbereich von ihren Tagestiefs lösen konnten. Aber ist das bereits ein Beleg dafür, dass dieser Kurseinbruch in den kommenden Tagen und Wochen keine Nachfolger haben wird?

Börse aktuell: Entwicklung Silber von September 2025 bis Januar 2026 | Quelle: TWS | Online Broker LYNX
Entwicklung Silber von September 2025 bis Januar 2026 | Quelle: TWS

Nein, das sicher nicht. Denn clevere Trader dürften in dieser Situation ihre Position rasant, aber mit kurzfristigem Zeithorizont gedreht haben, indem sie, als denkbares Beispiel, fünf Long-Kontrakte im Silber-Future nicht mit fünf Short-Kontrakten neutralisiert haben, sondern gleich mit zehn Kontrakten Short gingen, um so eine Netto-Short-Position zu haben. Da läge es dann nahe, Richtung Handelsende umgehend die Gewinne einzustreichen, indem man, um beim Beispiel zu bleiben, die fünf Short-Kontrakte „eindeckt“, indem man sie mit fünf Long-Kontrakten neutral stellt. Und das würde die Kurse, wie geschehen, zum Handelsende wieder etwas nach oben ziehen.

Das hat also noch nichts zu sagen, es bräuchte ein paar Tage eines ruhigeren, tendenziell aufwärts weisenden Handels, bei dem die bisherigen Verlaufstiefs und die unteren Bereiche der gleitenden Durchschnitt-Supports nicht brechen. Das kann gelingen. Aber es muss nicht, denn:

Welche Folgen könnte dieser Crash haben?

Die Frage ist, ob dieser Crash dazu führt, dass normale Anleger wegbleiben und/oder bestehende Bestände verkaufen und die Hausse insgesamt dadurch endet. Denn wer sich nicht intensiv mit den Börsen beschäftigt und sich einfach mal vor Wochen, Monaten oder vielleicht sogar vor Jahren bei den Edelmetallen engagiert hat, mag sich über diese Super-Hausse gefreut, aber die damit einhergehenden Warnsignale nicht erkannt haben. Und dann hinterlässt so ein Crash einen tiefgehenden Eindruck.

Wenn diese Klientel anfängt, ihr Geld aus den vielen Edelmetall-ETFs abzuziehen, weil ihnen der Boden zu heiss wird, mag das Umfeld weiterhin für Edelmetalle sprechen, aber wenn bei den Anlegern der Eindruck entsteht, dass aus einem angeblich „sicheren Hafen“ ein brandheisses Eisen geworden ist, könnten sich die Käufer auch für eine längere Zeit rarmachen. Es kommt ganz auf diese kommenden ein, zwei Wochen an. Wenn die Kurse zeitnah wieder steigen und nicht sofort wieder kippen, hat die Edelmetall-Hausse eine zweite Chance. Wenn nicht, könnte dieser Crash durchaus nur der erste Akt des Dramas gewesen sein.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Über den Autor

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv, seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d.h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentinentanalyse.

Analysemethode

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

Gültigkeit der Analyse: 1 Woche
Erwartung: Neutral
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 06.12.2025 um 21:42 Uhr. Wir beabsichtigen, diesen Artikel mindestens alle zu aktualisieren.

In letzter Zeit taucht der Begriff „Hindenburg Omen“ öfter in Meldungen über die Aktienmärkte auf. Allein der Name klingt nach dunklen Wolken über den Kursen … und das soll auch so sein. Die Frage ist aber, ob dieses „Omen“ wirklich etwas taugt. Worum es sich hier handelt und wie man das „Hindenburg Omen“ aus meiner Sicht einordnen könnte, sehen wir uns in diesem Beitrag an.

Zunächst einmal ist diese Bezeichnung „Hindenburg Omen“ ein Kunstwort, d. h. diese Indikation, die vor einem nahen Crash warnen soll, leiht sich zwar den Bezug auf die Brandkatastrophe in Lakehurst 1937, als das deutsche Luftschiff Hindenburg Feuer fing und am Landemast abstürzte, aber das ist letztlich nur so, um der Sache einen dramatischen Namen zu geben. Weder hat die Sache an sich mit Zeppelin-Unglücken zu tun noch ist dieses Warnsignal damals, zum Zeitpunkt des Hindenburg-Unglücks, erstmalig aufgetaucht. Zu dieser Zeit gab es dazu nicht einmal die nötige Datenerfassung.

Diese Indikation ist auch noch nicht besonders alt, sie wurde von einem US-Mathematiker namens Jim Miekka vermutlich um die Jahrtausendwende entwickelt. Aber die entscheidende Frage ist, warum dieses „Omen“ regelmässig in den Börsenmedien auftaucht. Ist es, weil es oft entsteht und eine hohe Zuverlässigkeit hat … oder weil es so dramatisch klingt? Um der Sache gleich ein wenig die Spannung zu nehmen: Ich fürchte, es liegt an Letzterem. Um die Spannung aber ebenso hurtig wieder hochzufahren: Das heisst nicht, dass das Hindenburg Omen nichts taugen würde. Doch, das tut es. Man muss es nur richtig einzuordnen wissen.

Wie entsteht ein „Hindenburg Omen“: Die vier Komponenten dieser Indikation

Das Hindenburg Omen ist kein einzelner Indikator, sondern ergibt sich aus dem Eintreten von vier Bedingungen, die sich aus einzelnen, bereits zuvor existierenden Indikationen ableiten. Die da wären:

Erstens müssen die Zahl der neuen 52-Wochen-Hochs und die Zahl der neuen 52-Wochen-Tiefs am betreffenden Handelstag beide höher liegen als 2,8 Prozent der an der NYSE (der New York Stock Exchange) gelisteten Aktien.

Zweitens muss der 50-Tage-Durchschnitt der NYSE bzw. des die dort gelisteten Aktien erfassenden NYSE Composite Index steigen und der Index selbst höher notieren als vor 50 Tagen.

Drittens muss der McClellan-Oszillator fallen. Das ist eine Art MACD-Indikator, der die Dynamik der Veränderung der Differenz zwischen steigenden und fallenden Aktien an der NYSE abbildet. Damit zeigt er ein „softeres“, geglättetes Bild der Veränderung zwischen der Zahl steigender und fallender Aktien. Diesen Oszillator kann ich nicht mit meinen Charts abbilden, dazu kann meine Datenbank nicht die nötigen Berechnungen anstellen, aber Sie finden die Berechnungen bzw. den aktuellen Stand des Indikators hier: https://www.mcoscillator.com/market_breadth_data/. Aktuell fällt der Oszillator tatsächlich, diese Bedingung für ein Hindenburg Omen wäre also erfüllt.

Und Viertens darf die in Bedingung 1 bereits im Raum stehende Zahl neuer 52-Wochen-Hochs nicht mehr als doppelt so hoch sein wie die der neuen 52-Wochen-Tiefs.

Börse aktuell: Entwicklung NYSE Composite im Jahr 2025 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung NYSE Composite im Jahr 2025 | Quelle: marketmaker pp4

Haben wir aktuell ein Hindenburg Omen?

Klopft man diese vier Bedingungen ab und alle treffen zu, hat der entsprechende Handelstag ein Hindenburg Omen geliefert. Aber das wiederum wird nur zu einem gültigen Signal, wenn innerhalb von 36 Handelstagen ein weiteres Hindenburg Omen entsteht.

Aktuell steigt die 50-Tage-Linie des NYSE Composite, zugleich liegt der Index höher als vor 50 Tagen. Die 52-Wochen-Hochs und die 52-Wochen-Tiefs lagen am Freitag beide über der Schwelle von 2,8 Prozent der an der NYSE gelisteten Unternehmen. Der McClellan-Oszillator fiel. Aber Bedingung Nummer 4, die besagt, dass die Zahl der 52-Wochen-Hochs nicht mehr als doppelt so hoch sein darf wie die der 52-Wochen-Tiefs, ist NICHT erfüllt, denn sie ist beinahe dreimal so hoch (213 zu 72). Also: Nein, momentan gibt es kein Hindenburg Omen.

Warum diese Zusammensetzung wirr wirkt, es aber nicht ist

Gut, zugegeben, im ersten Moment wirkt das alles wie Hokuspokus. Das sind alles Indikationen, die man sich als normaler Anleger nie oder so gut wie nie anschaut. Und man könnte argwöhnen, dass das anders wäre, wenn sie wirklich taugliche Wegweisungen wären. Ausserdem wurde dieses „Omen“ deswegen von manchen so gepriesen, weil es den grossen Crash von 1987 vorhergesagt hätte. Wenn es das Hindenburg Omen damals schon gegeben hätte. Hat es aber nicht, daher ist dieser Treffer einer, der nur über einen Backtest ermittelbar ist. Und da liegt der Verdacht nahe, dass sich der Entwickler einfach ein paar Indikatoren zusammengemixt hat, die kurz vor dem 1987er Crash brenzlig aussahen und diese – für die Entwicklung von Signalen nicht korrekte – Arbeitsweise trotzdem als wegweisend pries.

Und warum es ausgerechnet 36 und nicht 30 oder 50 Tage sein sollen, in denen ein zweites Omen auftauchen muss und überhaupt, wieso es nach zwei Omen zu einem bärischen Warnsignal kommt und nicht schon nach einem oder erst nach drei: Das erschliesst sich mit Logik nicht.

Aber trotzdem ist diese Kombination aus vier absurd wirkenden Signalen alles andere als untauglich … wenn man sie als das nutzt, was sie ist: ein Hinweis bzw. Warnsignal. Ein Hindenburg Omen ist kein unmittelbares Verkaufssignal. Aber es war als solches auch nie angedacht worden.

Was diese Indikationen aussagen, wenn sie zusammen eintreten, ist: Mit der internen Struktur des Aktienmarkts stimmt was nicht. Denn was messen wir hier denn genau? Wir messen den „internen Gesundheitszustand“ des US-Aktienmarkts. Denken wir das mal durch:

Börse aktuell: Entwicklung Anzahl neuer Hochs von an der NYSE gelisteten Aktien von 2020 bis 2025 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Anzahl neuer Hochs von an der NYSE gelisteten Aktien von 2020 bis 2025 | Quelle: marketmaker pp4

Der Sinn hinter den vier Bedingungen

Wenn zugleich auffallend viele Aktien an der New York Stock Exchange neue Hochs und zugleich ebenso auffallend viele neue Tiefs ausbilden, ist das ziemlich ungewöhnlich und deutet an, dass die Marktbreite einer Aufwärtsbewegung zu klein wird. Einfach, weil zu viele Aktien bei einem steigenden Markt fallen. Was z.B. andeuten könnte, dass kaum oder kein frisches Kapital in den Markt fliesst, sondern Anleger schwache Aktien verkaufen, um auf den Zug der starken Titel aufspringen zu können, weil sie das sonst wegen einer bereits aufgebrauchten Barreserve nicht könnten.

Das wäre aber dann – zumindest noch – kein unmittelbares Warnsignal, wenn die Zahl der neuen 52-Wochen-Hochs sehr deutlich über der der neuen 52-Wochen-Tiefs läge, das ist der Sinn der Bedingung Nummer 4. Denn dann hätte der Markt noch genug „Aufwärts-Zugkraft“.

Da dieses Omen nur dann ein Warnsignal sein kann, wenn der Gesamtmarkt tatsächlich vom Trend her in einer Hausse ist, gilt ein Omen nur, wenn die 50-Tage-Linie des NYSE Composite Index steigt. Wobei der Index zusätzlich selbst über dem Kurs vor 50 Handelstagen liegen muss. Denn grundsätzlich könnte die Durchschnittslinie ja noch steigen, wenn der Index bereits unter sie gerutscht ist, dann wäre ein Omen aber nicht mehr gültig bzw. relevant, weil der Markt ja schon vorher begonnen hat, zu fallen.

Und ein fallender McClellan-Oszillator würde indizieren, dass nicht nur für ein paar wenige Tage, sondern schon eine Zeit lang mehr Aktien am Markt fallen als steigen. Das wirft einen Blick auf die Ratio steigender/fallender Aktien (Advance/Decline-Ratio), die man nur so erkennen kann, denn die neuen Hochs und Tiefs messen ja nur die extrem steigenden/fallenden Aktien, nicht die ganze Breite des Marktes. Insgesamt hätte man bei Eintreten eines solchen Hindenburg Omens also folgendes Bild:

Börse aktuell: Entwicklung Anzahl neuer Tiefs von an der NYSE gelisteten Aktien von 2020 bis 2025 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Anzahl neuer Tiefs von an der NYSE gelisteten Aktien von 2020 bis 2025 | Quelle: marketmaker pp4

Die Kernaussage des Hindenburg Omens und wie man damit umgehen könnte

Der Eindruck entsteht, dass der insgesamt, auf den Gesamtmarkt bezogen, noch intakt wirkende Anstieg in sich instabil geworden ist, weil immer weniger Aktien stark steigen, die Mehrheit der am Gesamtmarkt gelisteten Aktien aber bereits fällt und einige, siehe die relativ hohe Zahl an 52-Wochen-Tiefs, sogar schon stark. Und ja, das ist ganz und gar nicht gut. Aber nein, deswegen sofort auszusteigen, ergäbe keinen Sinn, denn:

So etwas kann ziemlich lange gutgehen. Aktuell zum Beispiel wird die Hausse des US-Aktienmarkts in der Tat nur von eher wenigen Aktien getragen, die dafür umso drastischer steigen. Dass diese Kurssteigerungen darüber hinaus auch auf einem „Hype“ (den in Sachen KI) basieren und extrem viel Geld in Investitionen und die Aktien der investierenden Unternehmen fliesst, ohne dass man sicher sein könnte, dass sich dieser monetäre Budenzauber am Ende wirklich auszahlt, macht die Sache nur noch brenzliger. Aber das läuft eben schon seit Monaten in dieser Intensität.

Also, ignorieren? Nein, das wäre aus meiner Sicht keine gute Idee. Nur sollte man eben erkennen: Nicht nach jedem doppelten Hindenburg-Omen (also einem, das binnen 36 Tagen von einem zweiten bestätigt wurde) kam in der Vergangenheit ein Crash oder auch nur eine grössere Korrektur. Aber anders herum sieht es anders aus: Wenn es zu grossen Korrekturen kam, waren sehr oft Hindenburg Omen davor aufgetaucht.

Also sollte man, wenn man ein solches Omen am US-Markt sieht, zumindest vorsichtiger werden. Das innere Ungleichgewicht ist dann da. Es muss sich nicht auswirken, aber es kann, also würde es nicht schaden, den Helm in diesem Fall ein wenig fester zu zurren. Für den faktischen Ausstieg aber gibt es ja genug andere, chart- und markttechnisch basierte Indikationen wie gleitende Durchschnitte, Trendlinien oder Trendwendeformationen. Aber als unmittelbares Ausstiegssignal war diese Indikation mit diesem theatralischen Namen auch nie gedacht, es wirkt auf viele nur so. Eben dieses Namens wegen.

Übrigens: Bei uns ist diese Methodik schwieriger einsetzbar, einfach, weil wir zwar auch einen „Composite Index“ in Form des derzeit etwa 340 Titel umfassenden CDAX haben, für den aber Daten wie neue 52 Wochen-Hochs und 52-Wochen-Tiefs oder ein McClellan Oszillator nicht so leicht zu bekommen sind wie für den NYSE Composite Index. Aber solange die US-Märkte ihre Rolle als Taktgeber der Weltbörsen beibehalten, ist es als Warnhinweis allemal ausreichend zu wissen, dass es jenseits des Atlantiks gerade zu einem Hindenburg Omen kam.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Über den Autor

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv, seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d.h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentinentanalyse.

Analysemethode

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.