Dass sich, wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, auch mal aus selbigem herausfallen kann, haben Trader bei den Edelmetallen und den Krypto-„Währungen“ unlängst erfahren. Aber es scheint, dass Kapital, das die Kurseinbrüche überstanden hat, nicht auf den Konten geparkt, sondern umgeschichtet wird. Denn auf einmal ziehen am US-Aktienmarkt Aktien davon, die man eher mit der „Old Economy“ in Verbindung bringen würde. Das wirkt vernünftig, ist aber eher riskant.
Erst sacken die zuvor extrem nach oben geschossenen Edelmetalle weg. Dann wird es bei den Kryptos ungemütlich. Und jetzt wackeln auch Aktien von Hightech-Unternehmen, bei denen man langsam Sorge hat, dass sie es mit den Investitionen in die KI übertreiben.
Was z.B. bei den 200 Milliarden US-Dollar, die Amazon alleine in diesem Jahr in diesen Bereich stecken will, durchaus nachvollziehbar ist, immerhin wäre diese Summe fast dreimal so hoch wie die knapp 78 Milliarden, die das Unternehmen 2025 als Gewinn verbuchte. Und wenn man sich fragt, wer all das Werbe- und Konsumwachstum, das die KI für die grossen Spieler in diesem Markt generieren soll, bezahlen soll, wenn diese Systeme menschliche Mitarbeiter in rauen Mengen ersetzt und die dann zusehen können, wie sie zurechtkommen, tut man sich mit Antworten schon ein wenig schwer.

Solange die Hausse lief, hinterfragten das nur wenige. Die Aktien der KI-Nutzer liefen, diejenigen, die die Programme und die Chips dafür entwickelten, liefen mit und in deren Kielwasser auch noch diejenigen, die Anlagen und Speziallösungen für die Chiphersteller entwickeln.
Und auf einmal läuft die „Old Economy“
Doch jetzt wackelt das Kartenhaus. Der Nasdaq 100 als eine Art wandelndes Spiegelbild des KI-Hypes kommt nicht mehr vom Fleck … und zugleich bebt es auch noch im vermeintlich „sicheren Hafen“ der Edelmetalle und bei den Kryptos. Wohin mit dem Geld? Es scheint, als wären alle Autobahnen zum schnellen Gewinn auf einmal Sackgassen. Die Lösung, die angesichts der Performance-Entwicklung der Dow Jones-Aktien im folgenden Chart offensichtlich von nicht gerade wenigen gewählt wurde, verblüfft:
Man stürzt sich auf Unternehmen, die eher in „klassischen“ Branchen agieren. Der US-Baumaschinenhersteller Caterpillar führt die 2026er-Gewinnerliste des Dow Jones aktuell an. Es folgt der Mischkonzern Honeywell, der Ölkonzern Chevron und die Supermarktkette Walmart. Dafür finden sich unter den schwächsten fünf Aktien im Dow Jones gleich drei Dauerläufer früherer Jahre aus dem Tech-Sektor: Salesforce, Microsoft und Amazon. Seltsam?

Durchaus. Davon mal abgesehen, dass man einerseits erkennt, dass auch bei KI die Bäume nicht in den Himmel wachsen und die Rendite dieser aktuell in diesen Bereich gestopften Milliarden bzw. mittlerweile Billionen durchaus auch unschön mager ausfallen könnte, man aber andererseits gerade Software-Aktien wie Microsoft oder SAP wie sauer Bier verkauft aus Angst, dass die KI viele Softwareanwendungen überflüssig machen könnte, ist dieser auffällige Kapitalzufluss bei Aktien, die man zur „Old Economy“ rechnen könnte, auch riskant.
Immerhin passt jetzt die Marktbreite wieder
Gut, positiv ist, dass die Aufwärtsbewegung des Dow Jones, der mit dem Rückenwind dieser Titel zum Wochenschluss die runde Marke von 50.000 Punkten überbot, damit ebenso wie die Entwicklung des Gesamtmarkts auf stabilere Füsse gestellt wird. Dass nur wenige Aktien im Vorjahr die Zugpferde stellten, war ein Risiko. Wenn bei diesen Highflyern etwas nicht mehr läuft, wie es sollte, kann das bei einem Markt, der nur von so wenigen Pferden gezogen wird, leicht zu einer Abwärtswende führen. Dadurch, dass zwar einige dieser Zugpferde jetzt in die falsche Richtung laufen, man das aber durch Käufe in „klassischen“ Aktien auffängt, sehen wir wieder für einen Aufwärtstrend normale Zahlen bei den neuen 52-Wochen-Hochs an der New York Stock Exchange, wie die folgende Grafik zeigt. Aber!

Die neuen „Schrittmacher“ der Hausse sind nur, weil sie neu auf der Liste der Top-Performer auftauchen, keineswegs mehr billig, was die Bewertung angeht. Caterpillar hat mittlerweile ein Kurs-/Gewinn-Verhältnis wie ein Technologietitel. Zudem notieren Caterpillar, Walmart und Amgen bereits über dem durchschnittlichen Analysten-Kursziel, Chevron und Honeywell nur minimal darunter. Das wäre nicht zwingend problematisch, wenn man davon ausgehen könnte, dass die US-Konjunktur und idealerweise auch die Weltwirtschaft „brummen“ und man deshalb kräftiges Wachstum beim Konsum, dem Energieverbrauch, der Bautätigkeit und im Pharma- und Biotechbereich erwarten kann. Denn wäre das der Fall, könnten die Analysten ihre Kursziele in Kürze anheben und es wäre wieder Spielraum für die Bullen vorhanden. Aber ist das denn so?
Das Umfeld passt nicht gerade ideal zu einer „Old Economy-Hausse“
Eben nicht. Zwar wurde eine kleine Aufhellung bei den Daten zur Konsumbereitschaft im Rahmen des von der Universität von Michigan erhobenen US-Verbrauchervertrauens als Argument für die kräftig steigenden Kurse des Dow Jones am Freitag genannt. Aber es gibt auch die Daten zum US-Verbrauchervertrauen, die vom Conference Board erhoben werden. Und die wurden gerade erst Ende Januar auf dem tiefsten Stand seit 2014, sogar noch unter dem Corona-Tief 2020, veröffentlicht, wie die nächste Grafik zeigt.

Und nicht nur die Weltwirtschaft wächst derzeit nicht gerade üppig, auch die US-Wirtschaft tut das nicht, was wir im folgenden Chart sehen:

Vergleicht man das US-Wirtschaftswachstum (von dem wir bis jetzt nur Daten bis zum 3. Quartal 2025 haben) mit dem des Vorjahres, sehen wir: Mit +2,3 Prozent wächst die US-Wirtschaft im langfristigen Vergleich eher unterdurchschnittlich. Haben sich diejenigen, die ihr Geld in diese „klassischen“ Branchen umgeschichtet haben, also nur vom Glatteis auf Treibsand begeben, ist diese neue Spekulation also womöglich keinen Deut weniger riskant als die Kaufwellen bei KI, Edelmetallen und Kryptos?
Auch konservativ wirkende Aktien können hochriskant sein
Grundsätzlich ist das meiner Ansicht nach so. Aber das bedeutet nicht, dass man leichtes Spiel hätte, würde man deswegen einfach dagegenhalten, indem man auf die Short-Seite setzt. Viel Luft nach oben hätte der Run in diese „Old Economy“ zwar auf rationaler Ebene nicht. Doch diese extremen Kursausschläge bei den Edelmetallen machen ja klar, dass hier nicht die Vernunft, sondern die Emotionen das Zepter in der Hand haben. Und das schon längere Zeit, denn die Aufwärtsbewegungen liessen ebenso jedes Mass und jede Vernunft vermissen wie die darauffolgenden Kurseinbrüche. Beides unterstreicht, wie viele sich da offenbar ohne Kapitalmanagement und taugliche Absicherung aufs Eis begeben haben in dem Glauben, da werde schon nichts passieren. Das kann also auch in dieser neuen Ausrichtung schiefgehen, nur:
Der vorstehende Chart, der den Dow Jones zusammen mit den Wachstumsraten des US-Bruttoinlandsprodukts im Vergleich zum Vorjahr zeigt, macht deutlich, dass mageres Wachstum nach einer Phase mit mehr Wachstum zuvor, wie wir das momentan sehen, eine Aktienmarkt-Hausse zwar ab und an gebremst hat, in vielen Phasen aber nicht. Fazit:
Es kann eine Zeit lang dauern, bevor Treibsand die Leichtsinngen schluckt
Wer als Anleger die hohe Kunst des Wegbleibens beherrscht, wird hier, wenn, dann mit Bedacht und kleinem Geld mitziehen … oder eben wegbleiben und sich andere Chancen suchen, die nicht auf Treibsand aufgebaut sind…
… wobei man da, das ist eine ganz persönliche Einschätzung, die selbstredend falsch sein könnte, zum Beispiel ein Auge auf Aktien werfen könnte, die wie z.B. Microsoft und andere Software-Aktien auf Basis eines plötzlich aus der Kiste gezogenen Spuks unter die Räder gekommen sind, nach dem die Software von der KI ins abseits gedrängt wird. Denn wer nüchtern überlegt, könnte bemerken, dass der KI-Hype jetzt fast drei Jahre andauert, diese „Idee“ also eigentlich von Anfang an oder zumindest viel früher hätte auftauchen müssen, aber erst jetzt auf einmal umgeht wie ein Schreckgespenst. So etwas sollte allemal eine hochgezogene Augenbraue wert sein.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 07.02.2026 um 23:11 Uhr. Wir beabsichtigen, diesen Artikel mindestens alle zu aktualisieren.
Sie möchten ein Depot für Ihre GmbH, AG oder UG eröffnen und Betriebsvermögen in Wertpapieren anlegen? Informieren Sie sich jetzt über unser Wertschriftendepot für Geschäftskunden: Mehr zum Firmendepot über LYNX







