Börsensprüche gibt es reichlich. Mit ihnen versucht man seit Anbeginn des Börsenhandels, eine eigentlich hoch komplexe Sache zu vereinfachen, indem man so etwas wie Faustregeln liefert, die Orientierung geben sollen. Viele davon sind nur Plattitüden. Manche aber taugen durchaus etwas. Hier ein paar taugliche Beispiele aus meiner Sicht.
Immer, wenn es um irgendwelche, angeblich statistisch fundierte „Faustregeln“ geht, kriege ich noch mehr graue Haare. Sprüche wie „Sell in May and go away, but remember to come back in September“ oder „wie die ersten zehn Tage, so das ganze Jahr“ wirken zwar wie grandios clevere Hilfestellungen. Aber der Haken ist: Erstens sind solche Dinge nicht bzw. nicht mehr rational unterfüttert. Zweitens liegt ihre Trefferquote nur dann in einem einigermassen tauglichen Bereich, wenn man die entsprechende Statistik an einem dafür optimalen Zeitpunkt startet. Alles, was mit Prognosen zu tun hat, ist an der Börse eine gewaltig wacklige Geschichte … meine Meinung dazu werden die meisten Leser nach zahlreichen Kolumnen zu diesem Thema vermutlich längst kennen.
Aber nur, weil etwas als flotter Spruch mit simplen Handlungsvorgaben daherkommt, muss es keineswegs zu einfach oder sogar falsch sein. Denn die Börse an sich ist kein Hexenwerk. Das Knifflige an der Sache ist, sich an Regeln zu halten, wenn diese den eigenen Emotionen zuwiderlaufen. Daran scheitern die meisten, nicht an der Börse an sich. Und da sind so ein paar verbale Handreichungen allemal von Nutzen. Ein paar Beispiele, mit denen man meiner Ansicht nach etwas anfangen könnte … und sollte:
Kaufe, wenn niemand kaufen will … und verkaufe, wenn alle kaufen wollen
Auf den ersten Blick wirkt dieser Spruch zu einfach gestrickt, aber es geht da auch nur um das Grundsätzliche: In dem Augenblick, in dem eine Aktienmarkt-Hausse in den Schlagzeilen von Medien auftaucht, die normalerweise mit Börse nichts am Hut haben, weil scheinbar alle jetzt mit Aktien reich werden können, wird es gefährlich. Aus der einfachen Überlegung heraus, dass in dem Moment, in dem auch der letzte mögliche Käufer wirklich gekauft hat, die Luft dünn wird. Umgekehrt gilt das, wenn aus einer normalen Korrektur eine Baisse wird und diese dann panikartige Züge annimmt und/oder auffallend lange anhält.

Typische Beispiele wären die extreme Hausse in einigen Indizes und Einzelwerten, die bis Ende 2021 andauerte. Oder, im Gegenzug, die lange Baisse 2000 bis 2003, bei der man Anfang 2003 trotz wieder aufgehellter Rahmenbedingungen den Eindruck einer Kapitulation derer bekam, die zuvor immer wieder gegen den Trend gekauft und damit nur immer wieder erneut Verluste erlitten hatten. Dieses Beispiel sehen wir im folgenden Chart. Aber dieser Grundsatz, gegen die Masse zu handeln, wenn der Eindruck aufkommt, dass die Kurse extrem überzogen oder übertrieben gedrückt sind, kann und darf nur sehr allgemein betrachtet werden, denn:

In Sachen Timing kommt man damit natürlich nicht weit … eine Übertreibungsphase, egal, ob nach oben oder nach unten, kann deutlich länger anhalten, als man es auf Basis rationaler Überlegungen annehmen würde. Mittel- und langfristig kann dieser Börsenspruch erfolgversprechend sein, aber nur, wenn man sich darüber im Klaren ist, dass man womöglich noch eine Zeitlang auf der falschen Seite steht, wenn man unmittelbar dagegenhält. Wobei man dazu den folgenden Spruch beherzigen sollte:
Zum Ein- und Ausstieg wird nicht geklingelt
Trends können durch unerwartete Veränderungen der Rahmenbedingungen jederzeit abrupt enden und die Kurse in die Gegenrichtung sausen. Trends können aber auch verblüffend lange andauern. Wann genau und auf welchem Kursniveau eine Wende eintreten wird, die anhält und sich nicht nur als Gegenbewegung entpuppt, kann man definitiv nie vorher genau wissen. Daher hat dieser alte Spruch, dass zum Ein- und Ausstieg nicht geklingelt wird, sprich dass man nie ein klares Signal bekommen wird, dass genau hier und jetzt das Hoch oder das Tief erreicht ist, schon seine Berechtigung, denn er macht eines glasklar:
Stur darauf zu warten, bis einem auf irgendeine Weise deutlich gemacht wird, dass man genau jetzt verkaufen oder im Gegenzug genau jetzt kaufen müsste, ist eine ganz schlechte Idee. Die alte Regel, dass einen Anleger der Versuch, die letzten Paar Euro oder Punkte in einer Hausse mitnehmen zu wollen, am Ende fast immer teuer zu stehen bekommt … entweder, weil diese letzten Schritte zum selbst vorgegebenen Ziel nicht kamen oder man so gierig wird, dass man einfach das Ziel höher legt und es dann nicht erreicht wird … hat schon ihre Berechtigung.
Und das mit dem ausbleibenden „Klingeln“ macht ebenso deutlich: Wann was zu tun ist, wird einem gemeinhin nicht auf dem Silbertablett gereicht, man muss sich schon selbst ein wenig um sein Geld kümmern. Wobei eines gerne vergessen wird, wenn es gerade gut läuft:
Runter geht es immer schneller oder: Was hoch steigt, kann auch tief fallen
Abwärtsbewegungen laufen meist deutlich abrupter ab als Aufwärtstrends. Der Grund hierfür ist, dass viele, teils auch sehr grosse Akteure die Grundregeln der Märkte einfach ignorieren und stetig weiter zukaufen … ihr Risiko immer weiter steigern, je länger nichts schiefging … und dabei die Absicherung schleifen lassen. Kommt es dann zu einer grösseren Irritation, fallen viele aus allen Wolken und neigen zu einer Überreaktion, indem man unlimitiert und bisweilen auch viel zu umfassend verkauft, nach dem Motto: erst handeln, dann denken … aus Angst, ansonsten noch grössere Verluste zu erleiden oder ggf. sogar aus Positionen mangels Käufer gar nicht mehr herauszukommen.

Diesen Spruch „runter geht es meistens schneller als rauf“ sollte man daher immer im Hinterkopf haben. Denn er macht nicht nur klar, dass das Unerwartete an der Börse zuhause ist, sondern auch, dass man gut daran tut, immer darauf vorbereitet zu sein, indem man sein Risiko kalkuliert und nie ohne Absicherung vorgeht, statt selbstsicher die Zügel schleifen zu lassen. Wobei all diese Sprüche eigentlich am Ende zu einem „Kernspruch“ führen:
„the trend is your friend“
Folge dem Trend oder, in der englischen Variante, „the trend is your friend“. Eine Börsenregel kann kaum lapidarer klingen als diese … und doch tut sich wohl fast jeder immer wieder schwer damit. Denn einfach der Herde zu folgen, ist intellektuell nicht gerade herausfordernd und führt auch nicht zu Ruhm und Ehre, indem man anderen erzählen könnte, genau unten ein- und oben wieder ausgestiegen zu sein. Und das ist nicht das Einzige, was diese simple Regel zu einer kniffligen Sache macht:

So ein Trend muss sich erst einmal etablieren, das erfordert Geduld. Kein Trend verläuft schnurgerade, es gibt immer wieder Gegenbewegungen. Da nicht voreilig auszusteigen, sondern abzuwarten, bis klar wird, ob der Trend erhalten bleibt oder nicht, erfordert Disziplin. Und wenn es sich um Trends handelt, die eigentlich gegen die Logik weitergehen, muss man auch noch imstande sein, eigene Ansichten auszusperren. Dieser Börsenspruch ist ein Nukleus des Investierens. Aber eben nicht so ganz einfach umzusetzen.
Schafft man es, ist man grundsätzlich gut dabei. Gelingt das nicht, wird einem irgendjemand womöglich angesichts hektischer Aktivitäten auf Basis von Nervosität, Besserwissens oder Ungeduld mit dem ebenso platten wie wahren Börsenspruch daherkommen: „Hin und Her macht Taschen leer.“
Das ewige „ja, aber“-Problem
Zieht man einen Strich unter diese Börsensprüche, könnte man als Aussenstehender auf die Idee kommen: Börse ist ja eigentlich doch ganz einfach. Und ja, das wäre sie, wenn wir stur nach den Regeln funktionierende Maschinen wären. Aber wir sind nun einmal Menschen und somit mit Emotionen ausgestattet. Die einem im „normalen Leben“ oft zugutekommen, als Anleger aber mehr Schaden als Nutzen einbringen.
Denn dadurch wird die nötige Disziplin und Emotionslosigkeit immer wieder von dieser inneren Stimme unterminiert, die ihre Argumente üblicherweise mit „ja, aber“ beginnt:
Ja, aber vielleicht geht es ja noch höher! Ja, aber das ist jetzt doch schon mehr als billig und bis zum vorherigen Hoch würdest du 100 Prozent Gewinn machen! Ja, aber ich habe das Geld eben jetzt, warum sollte ich warten, langfristig steigen Aktien doch eh? Ja, aber so ein Stoppkurs kann auch mal mehr kosten als bringen, wenn es danach sofort wieder hoch geht. Ja, aber die anderen machen es doch auch so! Die Liste liesse sich abendfüllend fortführen.
Fazit: Börsensprüche sind nicht alle tiefgründige Weisheiten, aber viele taugen durchaus etwas. Nicht umsonst halten sie sich seit Generationen. Aber sie zu beherzigen, ist eben nicht ganz einfach. Mir hat es eine Zeit lang geholfen, sie auszudrucken und um mich herum ins Büro zu hängen. Einfach, um immer wieder daran erinnert zu werden, dass man leicht glaubt, schlau genug zu sein, um keine Regeln zu brauchen, wodurch man indes beweist, dass man dann doch dumm genug ist, das zu glauben.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!
Ihr
Ronald Gehrt
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 28.02.2026 um 17:48 Uhr. Wir beabsichtigen, diesen Artikel mindestens alle zu aktualisieren.
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