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Börse aktuell

Hier erfahren Sie, was an der Börse aktuell geschieht. Unser Börsenexperte Ronald Gehrt beobachtet täglich das aktuelle Börsengeschehen und fasst die neuesten Börsendaten und Börsenberichte wöchentlich für Sie zusammen. Mit Börse aktuell bringen wir die wichtigsten Börsennachrichten auf den Punkt und kommentieren, was momentan an der Börse los ist.

Börse: Aktuelle Nachrichten der Woche

Neues von der Börse: Unsere aktuellen Börsennachrichten informieren Sie jede Woche über die derzeitige Börsenentwicklung. Was beschäftigt die Börse? Was steht diese Woche an? Diktieren Bullen oder Bären die Märkte? Sollten Sie Ihre Investitionen erhöhen oder lieber Gewinne mitnehmen? Wir geben Ihnen die Antworten auf diese Fragen, wagen einen Ausblick auf die kommende Börsenwoche und bewerten anstehende Ereignisse, die Auswirkungen auf den Börsenverlauf haben könnten.


Börse aktuell vom 02.-08.02.2026

Crash bei den Edelmetallen: Was lief da schief – und wie könnte es weitergehen?

Von

02.02.2026 | 07:00 Uhr

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

Am Freitag ereignete sich für viele eine Art „Black Swan“: Etwas, von dem man weiss, dass es rein theoretisch möglich wäre, was man aber für derart unwahrscheinlich hält, dass man das Risiko nicht ernst nimmt. Doch jetzt ist das scheinbar Unwahrscheinliche eben geschehen. Und genau genommen war das Risiko dafür keineswegs gering. Was vermutlich dahinter steckte und was das für die kommenden Tage bedeuten könnte, sehen wir uns hier einmal an.

Wenn Gold an nur einem Tag in der Spitze um 12,7 Prozent und zum Handelsende um 9,1 Prozent wegbricht und man mit Blick auf die anderen Edelmetalle (Silber -26,2, Platin -17,5 und Palladium -16,3 Prozent) konstatieren könnte: „Geht ja noch“, dann ist etwas mal so richtig schiefgegangen.

Ein Crash ausgerechnet im Bereich der Edelmetalle, die doch angeblich eine Art „sicherer Hafen“ sein sollen, das war vermutlich für viele etwas kaum Vorstellbares. Wenn da das Geld nicht sicher ist, wo denn dann? Aber aus heiterem Himmel kam die Sache nicht – im Gegenteil. Was da passiert sein dürfte, wie sich die Lage jetzt darstellt und was gelingen müsste, um Gold, Silber & Co. wieder nach oben zu drehen, gehen wir jetzt einfach mal Schritt für Schritt durch. Erstens: Warum dieser Kurseinbruch?

Börse aktuell: Entwicklung Gold, Silber, Palladium und Platin von Oktober 2025 bis Januar 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Gold, Silber, Palladium und Platin von Oktober 2025 bis Januar 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Was ist vermutlich passiert?

Meiner persönlichen Meinung nach liegt eine Ursache für solche fatalen Situationen darin, dass verblüffend viele Menschen nie antizyklisch denken. Sie folgen mit ihren Ansichten und Handlungen der Herde: Man tut, was die anderen auch tun und wähnt sich dabei sicher, weil ja die Mehrheit nicht falsch liegen kann. Das ist schon im normalen Leben so eine Sache, eine, die dazu führt, dass z.B. zu viele zugleich auf der gleichen Strecke zum gleichen Urlaubsort fahren. Dass Dinge in Mode kommen und wie wild gekauft werden, bei denen man nüchtern betrachtet fragen muss: Wer braucht denn sowas? Aber ausserhalb der Börse ist das gemeinhin harmlos. An der Börse jedoch kann es böse enden. Vor allem, weil es hier einen entscheidenden Unterschied gibt:

Man weiss in Wirklichkeit nie, was die Mehrheit denkt. Man weiss nicht einmal, was die Mehrheit tut. Denn das muss sich keineswegs direkt in den Kursen zeigen. Und das dürfte denen, die am Donnerstag und vor allem am Freitag bei den Edelmetallen überrollt wurden, zum Verhängnis geworden sein. Konkret geht es um Folgendes:

Der Kursanstieg war ohnehin schon ungewöhnlich intensiv, hatte aber in den Tagen vor dem Kurseinbruch noch einmal an Dynamik zugelegt, wie der untenstehende Chart des Goldpreises zeigt. Das Problem mit immer nur zyklisch denkenden Akteuren ist, dass sie diese ein aus dem Ruder laufendes Aufwärts-Momentum nicht als Gefahr, sondern als Bestätigung ansehen, mit noch mehr Kapital und noch riskanter zu agieren. Was den Eindruck erweckt, dass alle gerade Long sind, dabei könnten es auch nur relativ wenige sein, die mit extrem viel Geld auf Hausse setzen. Man kann das im Chartbild nicht unterscheiden. Und das Problem bei Derivaten wiederum ist, dass zum Beispiel Futures das auch möglich machen, indem es dort wie folgt läuft:

Börse aktuell: Entwicklung Gold von August 2025 bis Januar 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Gold von August 2025 bis Januar 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Hier gibt es die Möglichkeit, Positionen immer weiter zu vergrössern, ohne neues Geld zuzuführen. Und das liegt an der Struktur der Sicherheitsleistungen, die die Trader bei diesen Derivaten beim Broker zu hinterlegen haben, damit dieser für den Fall einer massiven Schieflage nicht auf einmal auf Verlusten sitzenbleibt, weil der Trader nichts mehr hat. Diese „Margin“ genannten Sicherheitsleistungen sind Teil der Liquiditätsberechnung für ein Trader-Depot. Dazu mal ein grobes, grundsätzliches Beispiel:

Hat ein Trader eine Position in Form eines Futures Long-Kontrakts in irgendeinem Asset, die eine Margin von 4.000 Euro erfordert und insgesamt 10.000 Euro auf dem Broker-Konto, sind diese 4.000 Euro Margin als Sicherheitsleistung blockiert, mit den anderen 6.000 kann er tun, was ihm beliebt … zum Beispiel einen weiteren Futures-Kontrakt kaufen, wodurch dann die Margin auf 8.000 Euro steigt. Es bleiben 2.000 Euro. Sollte diese jetzt doppelt so grosse Position aber in die falsche Richtung laufen, sinkt auch der Kapitalwert des Depots. Und sobald 2.000 Euro Verlust aufgelaufen sind und der dann auch nur einen Euro grösser wird, wäre die Margin-Anforderung nicht mehr erfüllt. Der Trader hätte dann zwei Optionen:

Entweder, er schiesst sofort frisches Geld nach, damit der Kapitalstand wieder über die 8.000 Euro Margin steigt. Oder er verkleinert die Position, z.B. indem er einen Kontrakt verkauft, wodurch er wieder genug freies Kapital hat. Tut er das nicht, stellt der Broker die Position sofort glatt. Aber:

Er musste aktiv werden, weil ein Verlust aufgelaufen war und war gezwungen, im Minus zu verkaufen, weil seine Barreserve zu klein war, um grössere Verluste bis zum Margin-Level aushalten zu können. Da muss man also immer genau überlegen, wie viel Reserve man behält. Und genau da kommen wir zu der Hausse der Edelmetalle und den zyklischen Tradern zurück:

Wenn „Pyramidisieren“ zur Falle wird

Da, wer zyklisch denkt und gerade schnelles Geld macht, dazu neigt zu glauben, dass da nichts schiefgehen kann und die Jubel-Hause einfach immer weitergeht, neigen viele dann dazu, ihre Barreserve zu klein zu halten. Das alleine ist gefährlich, aber jetzt kommt’s:

Wenn Gewinne erzielt werden, werden diese auch sofort dem Depotkapital zugerechnet, obwohl es ja nur Buchgewinne sind. Wirklich sicher ist ein Gewinn ja erst, wenn er in bar auf dem Konto liegt und nicht, wenn die Position noch läuft. Und diese Systematik, Verluste und Gewinne direkt auf das verfügbare Kapital zu rechnen, birgt für unbesonnene Trader eine fatale Falle.

Denn sie haben so die Möglichkeit, bei aufgelaufenen Buchgewinnen in den bereits vorhandenen Positionen mit diesem Buchgewinn weitere Positionen zu kaufen! Während kluge Trader also bei tief im Gewinn liegenden Positionen einfach Kurs halten und sich so ihr Risikopuffer immer weiter vergrössert, weil die Relation Buchgewinn zu Margin grösser wird, kaufen unvorsichtige Trader (bei denen man das Wort Zocker fast nicht vermeiden kann) immer mehr dazu, weil sie sich sagen: Jeder Cent, den ich aktiv in Positionen stecke, vergrössert meinen Gewinn. Man türmt also immer noch ein Steinchen mehr auf, baut eine Pyramide. Aber das wird, jeder erfahrene Anleger erkennt das sofort, zur Katastrophe, wenn …

… die Sache in die falsche Richtung läuft. Denn wer so agiert, hätte bei den Edelmetallen vielleicht mit ein, zwei Futures-Kontrakten angefangen, dann aber irgendwann zehn oder mehr gehabt. Und immer schön mit minimaler Barreserve, denn jeder Euro, der nicht „arbeitet“, ist ja (scheinbar) unnütz. Es sei denn, die Kurse fallen und man bräuchte Spielraum, um die Verluste auszuhalten, bevor der Broker einen freundlich darauf hinweist, dass die Margin-Grenze unterschritten ist und man doch bitte umgehend ein paar Tausend oder, wenn man es so gar nicht lassen konnte, Zigtausend Euro nachschiessen möge … die man, natürlich, nicht hat. Und dann geht die Fahrt in der Achterbahn eben rückwärts.

Von der Pyramide zur Lawine

Und das Tempo der Kurse ist in solchen Situationen eine ganz andere Hausnummer als bei der Aufwärtsbewegung zuvor. Denn kaum müssen die ersten, die zu wenig Barreserve für einen grösseren Rücksetzer hatten, ihre Positionen verkleinern, ganz verkaufen oder werden durch den Broker „zwangsverkauft“, gibt es Druck auf den Kurs. Das sehen nicht nur potenzielle Käufer, die dann sofort wegbleiben. Das drückt auch die nächsten Zocker mit zu kleinem Risikopuffer in die Margin-Klemme. Die nächsten verkaufen, der Kurs fällt dadurch weiter und die Sache wird zur Lawine, ganz so, wie es der folgende Intraday-Chart von Silber zeigt, der den Donnerstag und Freitag bei Silber auf 15-Minuten-Basis abbildet.

Börse aktuell: Entwicklung Silber von September 2025 bis Januar 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Silber von September 2025 bis Januar 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Ich hatte ja noch am Freitagmorgen im Börsenblick auf diesen höchst verdächtigen „Long Legged Doji“ hingewiesen, der sich bei Gold am Donnerstag etabliert hatte, aber auch bei den anderen Edelmetallen aufgetaucht war. Da gelang es zwar, die Verluste, die durch Gewinnmitnahmen bei zu geringer Nachfrage und vermutlich auch die ersten Margin-Klemme-Verkäufe entstanden waren, einigermassen wieder aufzuholen. Aber eben dieser Doji dürfte für die gescheiteren unter den Tradern das Signal gewesen sein, ihre Gewinne in Sicherheit zu bringen, indem sie Positionen schliessen. Und das reichte, um für diejenigen, die im Irrglauben, Gold, Silber, Platin und Palladium seien eine Einbahnstrasse ohne Risiko, Pyramiden gebaut haben, in die Lawine zu reissen.

Nüchtern betrachtet ein klarer Fall von „selbst schuld“. Aber führt diese Eisdusche für diejenigen, die die Kontrolle über ihr Kapitalmanagement verloren haben, auch dazu, dass die Hausse der Edelmetalle vorbei ist?

Wie ist die Lage jetzt?

Noch ist das zumindest, Stand am Wochenende, nicht der Fall. Denn weil die Kurse der vier Edelmetalle derart rasant nach oben davongezogen sind, reichte selbst dieser Crash vom Freitag noch nicht aus, um die für die Aufwärtsbewegung entscheidenden, gleitenden Durchschnitte zu durchschlagen.

Im Gegenteil, wenn wir uns oben den Goldpreis auf Tagesbasis und nachstehend Silber im gleichen Zeitraster ansehen, so haben beide Edelmetalle die Zone der wichtigsten, gleitenden Durchschnittslinien erst einmal gehalten. Es ist sogar zu erkennen, dass die Kurse sich in diesem Unterstützungsbereich von ihren Tagestiefs lösen konnten. Aber ist das bereits ein Beleg dafür, dass dieser Kurseinbruch in den kommenden Tagen und Wochen keine Nachfolger haben wird?

Börse aktuell: Entwicklung Silber am 29. und 30. Januar 2026 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Silber am 29. und 30. Januar 2026 | Quelle: marketmaker pp4

Nein, das sicher nicht. Denn clevere Trader dürften in dieser Situation ihre Position rasant, aber mit kurzfristigem Zeithorizont gedreht haben, indem sie, als denkbares Beispiel, fünf Long-Kontrakte im Silber-Future nicht mit fünf Short-Kontrakten neutralisiert haben, sondern gleich mit zehn Kontrakten Short gingen, um so eine Netto-Short-Position zu haben. Da läge es dann nahe, Richtung Handelsende umgehend die Gewinne einzustreichen, indem man, um beim Beispiel zu bleiben, die fünf Short-Kontrakte „eindeckt“, indem man sie mit fünf Long-Kontrakten neutral stellt. Und das würde die Kurse, wie geschehen, zum Handelsende wieder etwas nach oben ziehen.

Das hat also noch nichts zu sagen, es bräuchte ein paar Tage eines ruhigeren, tendenziell aufwärts weisenden Handels, bei dem die bisherigen Verlaufstiefs und die unteren Bereiche der gleitenden Durchschnitt-Supports nicht brechen. Das kann gelingen. Aber es muss nicht, denn:

Welche Folgen könnte dieser Crash haben?

Die Frage ist, ob dieser Crash dazu führt, dass normale Anleger wegbleiben und/oder bestehende Bestände verkaufen und die Hausse insgesamt dadurch endet. Denn wer sich nicht intensiv mit den Börsen beschäftigt und sich einfach mal vor Wochen, Monaten oder vielleicht sogar vor Jahren bei den Edelmetallen engagiert hat, mag sich über diese Super-Hausse gefreut, aber die damit einhergehenden Warnsignale nicht erkannt haben. Und dann hinterlässt so ein Crash einen tiefgehenden Eindruck.

Wenn diese Klientel anfängt, ihr Geld aus den vielen Edelmetall-ETFs abzuziehen, weil ihnen der Boden zu heiss wird, mag das Umfeld weiterhin für Edelmetalle sprechen, aber wenn bei den Anlegern der Eindruck entsteht, dass aus einem angeblich „sicheren Hafen“ ein brandheisses Eisen geworden ist, könnten sich die Käufer auch für eine längere Zeit rarmachen. Es kommt ganz auf diese kommenden ein, zwei Wochen an. Wenn die Kurse zeitnah wieder steigen und nicht sofort wieder kippen, hat die Edelmetall-Hausse eine zweite Chance. Wenn nicht, könnte dieser Crash durchaus nur der erste Akt des Dramas gewesen sein.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 31.01.2026 um 16:45 Uhr. Wir beabsichtigen, diesen Artikel mindestens alle zu aktualisieren.

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv, seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d.h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentinentanalyse.

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Börse aktuell: DAX, Dow Jones und Co.

Die heutigen Top-News und Börsenmeldungen zum DAX und der Börse USA mit dem Dow Jones, dem Nasdaq und dem S&P 500 als weltweit einflussreiche Indizes bilden einen Schwerpunkt unserer aktuellen Berichterstattung von der Börse. Auch gute Aktien, die momentan sehr stark im Fokus der Anleger stehen und steigende Börsenkurse prophezeien, werden wir Ihnen hier vorstellen. So bekommen Sie einen umfassenden Börsenausblick und können Ihre eigenen Börsenprognosen verifizieren oder falsifizieren.

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Börse aktuell: Die letzten Nachrichten

Gültigkeit der Analyse: 1 Woche
Erwartung: Neutral
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 06.12.2025 um 21:42 Uhr. Wir beabsichtigen, diesen Artikel mindestens alle zu aktualisieren.

In letzter Zeit taucht der Begriff „Hindenburg Omen“ öfter in Meldungen über die Aktienmärkte auf. Allein der Name klingt nach dunklen Wolken über den Kursen … und das soll auch so sein. Die Frage ist aber, ob dieses „Omen“ wirklich etwas taugt. Worum es sich hier handelt und wie man das „Hindenburg Omen“ aus meiner Sicht einordnen könnte, sehen wir uns in diesem Beitrag an.

Zunächst einmal ist diese Bezeichnung „Hindenburg Omen“ ein Kunstwort, d. h. diese Indikation, die vor einem nahen Crash warnen soll, leiht sich zwar den Bezug auf die Brandkatastrophe in Lakehurst 1937, als das deutsche Luftschiff Hindenburg Feuer fing und am Landemast abstürzte, aber das ist letztlich nur so, um der Sache einen dramatischen Namen zu geben. Weder hat die Sache an sich mit Zeppelin-Unglücken zu tun noch ist dieses Warnsignal damals, zum Zeitpunkt des Hindenburg-Unglücks, erstmalig aufgetaucht. Zu dieser Zeit gab es dazu nicht einmal die nötige Datenerfassung.

Diese Indikation ist auch noch nicht besonders alt, sie wurde von einem US-Mathematiker namens Jim Miekka vermutlich um die Jahrtausendwende entwickelt. Aber die entscheidende Frage ist, warum dieses „Omen“ regelmässig in den Börsenmedien auftaucht. Ist es, weil es oft entsteht und eine hohe Zuverlässigkeit hat … oder weil es so dramatisch klingt? Um der Sache gleich ein wenig die Spannung zu nehmen: Ich fürchte, es liegt an Letzterem. Um die Spannung aber ebenso hurtig wieder hochzufahren: Das heisst nicht, dass das Hindenburg Omen nichts taugen würde. Doch, das tut es. Man muss es nur richtig einzuordnen wissen.

Wie entsteht ein „Hindenburg Omen“: Die vier Komponenten dieser Indikation

Das Hindenburg Omen ist kein einzelner Indikator, sondern ergibt sich aus dem Eintreten von vier Bedingungen, die sich aus einzelnen, bereits zuvor existierenden Indikationen ableiten. Die da wären:

Erstens müssen die Zahl der neuen 52-Wochen-Hochs und die Zahl der neuen 52-Wochen-Tiefs am betreffenden Handelstag beide höher liegen als 2,8 Prozent der an der NYSE (der New York Stock Exchange) gelisteten Aktien.

Zweitens muss der 50-Tage-Durchschnitt der NYSE bzw. des die dort gelisteten Aktien erfassenden NYSE Composite Index steigen und der Index selbst höher notieren als vor 50 Tagen.

Drittens muss der McClellan-Oszillator fallen. Das ist eine Art MACD-Indikator, der die Dynamik der Veränderung der Differenz zwischen steigenden und fallenden Aktien an der NYSE abbildet. Damit zeigt er ein „softeres“, geglättetes Bild der Veränderung zwischen der Zahl steigender und fallender Aktien. Diesen Oszillator kann ich nicht mit meinen Charts abbilden, dazu kann meine Datenbank nicht die nötigen Berechnungen anstellen, aber Sie finden die Berechnungen bzw. den aktuellen Stand des Indikators hier: https://www.mcoscillator.com/market_breadth_data/. Aktuell fällt der Oszillator tatsächlich, diese Bedingung für ein Hindenburg Omen wäre also erfüllt.

Und Viertens darf die in Bedingung 1 bereits im Raum stehende Zahl neuer 52-Wochen-Hochs nicht mehr als doppelt so hoch sein wie die der neuen 52-Wochen-Tiefs.

Börse aktuell: Entwicklung NYSE Composite im Jahr 2025 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung NYSE Composite im Jahr 2025 | Quelle: marketmaker pp4

Haben wir aktuell ein Hindenburg Omen?

Klopft man diese vier Bedingungen ab und alle treffen zu, hat der entsprechende Handelstag ein Hindenburg Omen geliefert. Aber das wiederum wird nur zu einem gültigen Signal, wenn innerhalb von 36 Handelstagen ein weiteres Hindenburg Omen entsteht.

Aktuell steigt die 50-Tage-Linie des NYSE Composite, zugleich liegt der Index höher als vor 50 Tagen. Die 52-Wochen-Hochs und die 52-Wochen-Tiefs lagen am Freitag beide über der Schwelle von 2,8 Prozent der an der NYSE gelisteten Unternehmen. Der McClellan-Oszillator fiel. Aber Bedingung Nummer 4, die besagt, dass die Zahl der 52-Wochen-Hochs nicht mehr als doppelt so hoch sein darf wie die der 52-Wochen-Tiefs, ist NICHT erfüllt, denn sie ist beinahe dreimal so hoch (213 zu 72). Also: Nein, momentan gibt es kein Hindenburg Omen.

Warum diese Zusammensetzung wirr wirkt, es aber nicht ist

Gut, zugegeben, im ersten Moment wirkt das alles wie Hokuspokus. Das sind alles Indikationen, die man sich als normaler Anleger nie oder so gut wie nie anschaut. Und man könnte argwöhnen, dass das anders wäre, wenn sie wirklich taugliche Wegweisungen wären. Ausserdem wurde dieses „Omen“ deswegen von manchen so gepriesen, weil es den grossen Crash von 1987 vorhergesagt hätte. Wenn es das Hindenburg Omen damals schon gegeben hätte. Hat es aber nicht, daher ist dieser Treffer einer, der nur über einen Backtest ermittelbar ist. Und da liegt der Verdacht nahe, dass sich der Entwickler einfach ein paar Indikatoren zusammengemixt hat, die kurz vor dem 1987er Crash brenzlig aussahen und diese – für die Entwicklung von Signalen nicht korrekte – Arbeitsweise trotzdem als wegweisend pries.

Und warum es ausgerechnet 36 und nicht 30 oder 50 Tage sein sollen, in denen ein zweites Omen auftauchen muss und überhaupt, wieso es nach zwei Omen zu einem bärischen Warnsignal kommt und nicht schon nach einem oder erst nach drei: Das erschliesst sich mit Logik nicht.

Aber trotzdem ist diese Kombination aus vier absurd wirkenden Signalen alles andere als untauglich … wenn man sie als das nutzt, was sie ist: ein Hinweis bzw. Warnsignal. Ein Hindenburg Omen ist kein unmittelbares Verkaufssignal. Aber es war als solches auch nie angedacht worden.

Was diese Indikationen aussagen, wenn sie zusammen eintreten, ist: Mit der internen Struktur des Aktienmarkts stimmt was nicht. Denn was messen wir hier denn genau? Wir messen den „internen Gesundheitszustand“ des US-Aktienmarkts. Denken wir das mal durch:

Börse aktuell: Entwicklung Anzahl neuer Hochs von an der NYSE gelisteten Aktien von 2020 bis 2025 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Anzahl neuer Hochs von an der NYSE gelisteten Aktien von 2020 bis 2025 | Quelle: marketmaker pp4

Der Sinn hinter den vier Bedingungen

Wenn zugleich auffallend viele Aktien an der New York Stock Exchange neue Hochs und zugleich ebenso auffallend viele neue Tiefs ausbilden, ist das ziemlich ungewöhnlich und deutet an, dass die Marktbreite einer Aufwärtsbewegung zu klein wird. Einfach, weil zu viele Aktien bei einem steigenden Markt fallen. Was z.B. andeuten könnte, dass kaum oder kein frisches Kapital in den Markt fliesst, sondern Anleger schwache Aktien verkaufen, um auf den Zug der starken Titel aufspringen zu können, weil sie das sonst wegen einer bereits aufgebrauchten Barreserve nicht könnten.

Das wäre aber dann – zumindest noch – kein unmittelbares Warnsignal, wenn die Zahl der neuen 52-Wochen-Hochs sehr deutlich über der der neuen 52-Wochen-Tiefs läge, das ist der Sinn der Bedingung Nummer 4. Denn dann hätte der Markt noch genug „Aufwärts-Zugkraft“.

Da dieses Omen nur dann ein Warnsignal sein kann, wenn der Gesamtmarkt tatsächlich vom Trend her in einer Hausse ist, gilt ein Omen nur, wenn die 50-Tage-Linie des NYSE Composite Index steigt. Wobei der Index zusätzlich selbst über dem Kurs vor 50 Handelstagen liegen muss. Denn grundsätzlich könnte die Durchschnittslinie ja noch steigen, wenn der Index bereits unter sie gerutscht ist, dann wäre ein Omen aber nicht mehr gültig bzw. relevant, weil der Markt ja schon vorher begonnen hat, zu fallen.

Und ein fallender McClellan-Oszillator würde indizieren, dass nicht nur für ein paar wenige Tage, sondern schon eine Zeit lang mehr Aktien am Markt fallen als steigen. Das wirft einen Blick auf die Ratio steigender/fallender Aktien (Advance/Decline-Ratio), die man nur so erkennen kann, denn die neuen Hochs und Tiefs messen ja nur die extrem steigenden/fallenden Aktien, nicht die ganze Breite des Marktes. Insgesamt hätte man bei Eintreten eines solchen Hindenburg Omens also folgendes Bild:

Börse aktuell: Entwicklung Anzahl neuer Tiefs von an der NYSE gelisteten Aktien von 2020 bis 2025 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Anzahl neuer Tiefs von an der NYSE gelisteten Aktien von 2020 bis 2025 | Quelle: marketmaker pp4

Die Kernaussage des Hindenburg Omens und wie man damit umgehen könnte

Der Eindruck entsteht, dass der insgesamt, auf den Gesamtmarkt bezogen, noch intakt wirkende Anstieg in sich instabil geworden ist, weil immer weniger Aktien stark steigen, die Mehrheit der am Gesamtmarkt gelisteten Aktien aber bereits fällt und einige, siehe die relativ hohe Zahl an 52-Wochen-Tiefs, sogar schon stark. Und ja, das ist ganz und gar nicht gut. Aber nein, deswegen sofort auszusteigen, ergäbe keinen Sinn, denn:

So etwas kann ziemlich lange gutgehen. Aktuell zum Beispiel wird die Hausse des US-Aktienmarkts in der Tat nur von eher wenigen Aktien getragen, die dafür umso drastischer steigen. Dass diese Kurssteigerungen darüber hinaus auch auf einem „Hype“ (den in Sachen KI) basieren und extrem viel Geld in Investitionen und die Aktien der investierenden Unternehmen fliesst, ohne dass man sicher sein könnte, dass sich dieser monetäre Budenzauber am Ende wirklich auszahlt, macht die Sache nur noch brenzliger. Aber das läuft eben schon seit Monaten in dieser Intensität.

Also, ignorieren? Nein, das wäre aus meiner Sicht keine gute Idee. Nur sollte man eben erkennen: Nicht nach jedem doppelten Hindenburg-Omen (also einem, das binnen 36 Tagen von einem zweiten bestätigt wurde) kam in der Vergangenheit ein Crash oder auch nur eine grössere Korrektur. Aber anders herum sieht es anders aus: Wenn es zu grossen Korrekturen kam, waren sehr oft Hindenburg Omen davor aufgetaucht.

Also sollte man, wenn man ein solches Omen am US-Markt sieht, zumindest vorsichtiger werden. Das innere Ungleichgewicht ist dann da. Es muss sich nicht auswirken, aber es kann, also würde es nicht schaden, den Helm in diesem Fall ein wenig fester zu zurren. Für den faktischen Ausstieg aber gibt es ja genug andere, chart- und markttechnisch basierte Indikationen wie gleitende Durchschnitte, Trendlinien oder Trendwendeformationen. Aber als unmittelbares Ausstiegssignal war diese Indikation mit diesem theatralischen Namen auch nie gedacht, es wirkt auf viele nur so. Eben dieses Namens wegen.

Übrigens: Bei uns ist diese Methodik schwieriger einsetzbar, einfach, weil wir zwar auch einen „Composite Index“ in Form des derzeit etwa 340 Titel umfassenden CDAX haben, für den aber Daten wie neue 52 Wochen-Hochs und 52-Wochen-Tiefs oder ein McClellan Oszillator nicht so leicht zu bekommen sind wie für den NYSE Composite Index. Aber solange die US-Märkte ihre Rolle als Taktgeber der Weltbörsen beibehalten, ist es als Warnhinweis allemal ausreichend zu wissen, dass es jenseits des Atlantiks gerade zu einem Hindenburg Omen kam.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Über den Autor

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv, seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d.h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentinentanalyse.

Analysemethode

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.

Gültigkeit der Analyse: 1 Woche
Erwartung: Neutral
Der Inhalt dieses Artikels wurde erstellt am 28.11.2025 um 9:34 Uhr. Wir beabsichtigen, diesen Artikel mindestens alle zu aktualisieren.

Die Börse ist bisweilen kompliziert. Daher stehen Faustregeln seit jeher hoch im Kurs, so lebt es sich als Anleger einfacher … aber auch gefährlicher. Denn dass aus X immer Y folgt, ist eben ein Irrtum. Genauso verhält es sich mit der beliebten und dieser Tage wieder hoch im Kurs stehenden Faustregel, dass Leitzinssenkungen für Konjunktur und Aktienkurse immer bullisch seien. Das sind sie in der Tat bisweilen. Aber keineswegs immer.

In der vergangenen Woche starteten die US-Aktienindizes nach einer Konsolidierungsphase auf einmal so richtig durch. Zwei Argumente wurden dafür herumgereicht. Zum einen die Statistik, nach der die Indizes in der Thanksgiving-Woche in über zwei Drittel der Jahre Kursgewinne erzielen. Was man auf „patriotische Gedanken“ und „gute Feiertagslaune“ zurückführt, letzten Endes aber, nachdem man das Jahr für Jahr in die Ohren geblasen bekommt, mehr eine „self fullfilling prophecy“ ist. Und eine, die flüchtig ist, denn was ist jetzt, nach der Kaufwelle und eben nach Thanksgiving?

Da springt dann hilfreich die Nummer zwei der Argumente ein: Die Chance, dass die US-Notenbank doch schon in ihrer kommenden Sitzung am 10. Dezember erneut und dann in der dritten Sitzung in Folge den Leitzins senkt, sei gestiegen. Primär verbindet man das mit Aussagen einiger Mitglieder des Entscheidungsgremiums der „Fed“, des FOMC (Federal Open Market Committee). Aber dass diese Notenbanker „weich“ werden, obgleich es wegen des Shutdowns massiv an aktuellen Daten mangelt, ist der zweite, der dahinterstehende Grund:

Es scheint, der Arbeitsmarkt wackelt erheblich. Und es scheint zudem, als würden die US-Verbraucher langsam nervös und würden, wo noch vorhanden, ihr Geld zusammenhalten. Schlecht für das Wachstum. Gefährlich sogar. Und da sind Leitzinssenkungen eben das Allheilmittel, so die Mär.

Sinkende Leitzinsen sind immer gut für Aktien? Stimmt nicht.

Denn niedrigere Leitzinsen bedeuten niedrigere Kreditzinsen. Und zu billigeren Zinsen werden Unternehmen mehr investieren, Verbraucher mehr Kredite für Anschaffungen aufnehmen und ruckzuck läuft wieder alles rund. Folgerichtig kauft man da am Aktienmarkt schon mal vor, das Wachstum kommt dann schon in Kürze von alleine und rechtfertigt die höheren Kurse nachträglich. So einfach ist das also?

Börse aktuell: Entwicklung Leitzins und BIP der USA im Vergleich von 1977 bis 2025 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Leitzins und BIP der USA im Vergleich von 1977 bis 2025 | Quelle: marketmaker pp4

Nein, so einfach ist das eben nicht. Weder springt das Wirtschaftswachstum automatisch an, wenn die Leitzinsen sinken, wie die vorstehende Grafik zeigt. Noch muss der Aktienmarkt im Zuge einer Zinssenkungsphase steigen, wie Sie im unten folgenden Chart sehen können. Denn es kommt ganz entscheidend darauf an, warum die Leitzinsen gesenkt werden und in welchem Gesamtumfeld sich Konjunktur und Aktienmarkt bewegen. Und wenn man das erst einmal weiss, versteht man umgehend: Mit einer simplen Faustregel kommt man da nicht weit, sondern geht im Zweifelsfall vor die Hunde.

Die zwei gegensätzlichen Basis-Szenarien bei sinkenden Leitzinsen

Im Idealfall, das ist Szenario 1, senkt die Notenbank die Leitzinsen, weil sie es kann. Das Wachstum ist solide, aber nicht überschäumend. Die Inflation bewegt sich im Bereich der Zielzone oder leicht darunter. Zuvor höhere Zinsen sind daher nicht mehr nötig, weil der Preisauftrieb, den man damit bremsen oder ihm zuvorkommen wollte, nicht da ist. Das ist ein Umfeld, das man gerne als Goldilocks-Szenario bezeichnet: Ein perfekter Rahmen für steigende Aktienkurse.

Szenario 2 ist das aber ganz und gar nicht. Hier senkt die Notenbank den Leitzins, weil sie es muss. Sie muss es tun, weil sie ein wegbrechendes Wachstum bzw. einen schwachen Arbeitsmarkt stützen will. Im Gegensatz zur EZB hat die US-Notenbank ja unter anderem auch die Schaffung eines günstigen Umfelds für Vollbeschäftigung (und damit im Prinzip für Wachstum) im Pflichtenheft stehen. Und wenn man mit Leitzinssenkungen versuchen muss, ein abschmierendes Wachstum aufzufangen, stellt sich die Bedeutung für den Aktienmarkt komplett anders dar als bei Szenario 1.

Börse aktuell: Entwicklung Leitzins der USA und Dow Jones im Vergleich von 1971 bis 2025 | Quelle: marketmaker pp4 | Online Broker LYNX
Entwicklung Leitzins der USA und Dow Jones im Vergleich von 1971 bis 2025 | Quelle: marketmaker pp4

Denn dann sind sinkende Leitzinsen kein „Bonbon“, das ein intaktes Wachstum stabilisieren und/oder intensivieren kann, sondern der Versuch, ein negatives Umfeld entweder zu verhindern oder, wenn das Kind schon im Brunnen liegt, umzukehren. Wobei dann auch immer die Frage im Raum steht: Was ist da möglich? Denn nur, wenn ein nachlassendes Wachstum nicht dummerweise zugleich Inflation mit sich bringt, sprich keine Stagflation eingetreten ist, kann die Notenbank überhaupt grosse Zinssenkungen vornehmen. Ansonsten würde man das Wachstum auf Kosten schneller steigender Preise stützen und damit gleich vor dem nächsten Problem stehen, das dann wiederum, so wie 2022, schnell steigende Zinsen erfordern würde.

Bullisch wären Zinssenkungen der „Fed“ für den US-Aktienmarkt daher nur, wenn a) die Lage dergestalt ist, dass man sich Zinssenkungen leisten kann, aber nicht wegen „Not am Mann“ vornehmen muss und b) der Aktienmarkt nicht in einer Situation wäre, in der auch niedrigere Zinsen die Abwärtsrisiken nicht mindern würden. Wo stehen wir da gerade?

Wo stehen wir aktuell, welches Szenario gilt gerade?

Ja, wo stehen wir? Genau das ist der Punkt, der eine Einordnung sinkender Zinsen zumindest im Moment fast unmöglich macht. Denn bedingt durch den Shutdown fehlen entscheidende Daten, zur Inflation ebenso wie zum Arbeitsmarkt. Was wir haben, sind private Datenerhebungen und Stimmungsbilder. Aber die sehen eher so aus, als sei Szenario 2 eher zutreffend, also das, in dem die US-Notenbank stützen muss, damit die US-Konjunktur nicht wegrutscht.

Denn die jüngsten Daten zum US-Verbrauchervertrauen zeigen zum einen, dass die gefühlte Inflation mit 4,5 bis 4,8 Prozent, je nach Datenquelle, sehr hoch ist und die Konsumenten ihr Geld zusammenhalten, weil eine steigende Zahl an US-Haushalten ihre finanzielle Situation und deren Perspektive als schlecht ansehen. Und privat ermittelte Daten bzw. Schätzungen zum US-Arbeitsmarkt zeigen zugleich, dass der Oktober womöglich sogar einen Stellenabbau mit sich brachte, über den November weiss man ja noch überhaupt nichts. Auch die Zahl der angekündigten Entlassungen ist gestiegen, auch das ist ein Warnsignal.

Zum einen hiesse das: Wer sich jetzt darüber freut, dass die „Fed“ am 10. Dezember womöglich erneut den Leitzins senkt, freut sich darüber, dass die Feuerwehr kommt und hat kein Problem damit, dass die anrücken muss, weil das eigene Haus in Flammen steht. Zum anderen hiesse diese vorgenannte Gemengelage, dass ein Inflationsrisiko herrscht, das die US-Notenbank beim Löschen des konjunkturellen Feuers bremst. Und das ist, alles in allem, eben eher nicht bullisch, zumal:

Es ist ja nicht so, dass der US-Aktienmarkt gerade, so wie Ende 2023, als nach der kräftigen Anhebung wegen der Inflationsphase die ersten Zinssenkungen kamen, einen längeren Abstieg hinter sich hat. Es ist auch nicht so, dass die US-Aktienmärkte niedrig bewertet oder gar unterbewertet wären. Das Gegenteil ist der Fall. Und noch ein Aspekt wird, wenn man mit dieser Zinssenkungs-Faustregel hantiert, immer ignoriert:

Wenn Unternehmen und Verbraucher wissen, dass die Leitzinsen und in deren Schlepptau die Kreditzinsen sinken, werden sie, wo irgend möglich, abwarten, bis der Boden erreicht ist. Warum einen Zins von z.B. fünf Prozent für einen Ratenkredit bezahlen, wenn man darauf hoffen darf, dass der in einem halben oder ganzen Jahr nur noch bei vier Prozent liegt? Was bedeutet: Ein die Konjunktur wirklich stützender bzw. belebender Effekt kommt nicht nach den ersten kleinen Zinssenkungen, sondern am Ende des Senkungszyklus. Und der würde, sofern die „Fed“ nicht durch zu stark steigende Preise gebremst werden sollte, noch ein gutes Stück in der Zukunft liegen. Fazit:

Zinssenkungs-Rallyes sind oft auf Sand gebaut, aber …

Es ist gut möglich, dass die Käufer in Bezug auf die bullische Wirkung sinkender Leitzinsen in diesem derzeitigen Umfeld auf Sand bauen. Aber daraus zu folgern, dass man da wegbleiben muss oder gar sorglos auf die Short-Seite setzen kann, weil das Kartenhaus über kurz oder lang zusammenbricht, wäre ein Fehler, denn:

Ja, in einem Umfeld eines KI-Hypes, einer fehlenden Marktbreite der Hausse, problematischer Zölle und einer unberechenbaren politischen Landschaft wird das Kartenhaus wohl zusammenbrechen. Aber bei „über kurz oder lang“ kann trotzdem „lang“ richtig sein. Denn die Kurse steigen ja nicht entlang der Fakten, sondern sie werden davon getrieben, was die Käufer als real und richtig ansehen wollen. Wichtig ist nur, zu erkennen, dass Zinssenkungen nicht automatisch bullisch sind, um gewappnet zu sein. Denn wer das weiss, folgt zwar dem Trend und verdient an ihm, solange er hält, verliert dabei aber nie den Notausgang aus den Augen, über dessen Lage vermutliche viele bislang nicht einmal nachdenken!

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Börsenwoche!

Ihr

Ronald Gehrt

Über den Autor

Nach dem Abitur 1984 studierte der gebürtige Hamburger an der Universität der Bundeswehr Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss an seine Dienstzeit als Offizier begann seine Zeit als Analyst und Finanzjournalist. Seit 1996 war und ist er als Redakteur, Referent und Kolumnist in zahlreichen Funktionen aktiv, seit 2016 ist er unter anderem Analyst bei LYNX. Gehrt ist ein Allrounder, der in der fundamentalen, d.h. volks- und betriebswirtschaftlichen Analyse ebenso sattelfest agiert wie in den verschiedenen Disziplinen der Technischen Analyse wie Chart- und Markttechnik und Sentinentanalyse.

Analysemethode

Die Analysen von Ronald Gehrt basieren auf einer Kombination fundamentaler Fakten und Daten mit der aktuellen chart- und markttechnischen Situation des/der hier vorgestellten Index/Rohstoffs/Währungspaars/Aktie. Bilanz- und Konjunkturdaten sowie wirtschafts- und finanzpolitische Fakten, Nachrichten und/oder Statements werden als Grundlage zur Beurteilung der charttechnischen und markttechnischen Perspektive des untersuchten Werts analysiert.