Wer derzeit an der Börse unterwegs ist, sieht einen Markt im Ausnahmezustand – KI entscheidet über Gewinner und Verlierer. Das gilt auch für Gartner.
Trügerische Ruhe
Wer sich derzeit an der Börse umschaut, blickt auf einen zerrissenen Markt. Auf der einen Seite Aktien, die scheinbar jedes Bewertungsmass sprengen und von einem Hoch zum nächsten eilen. Auf der anderen Seite Titel, die regelrecht kollabieren, als wären wir mitten in einem Bärenmarkt.
Die Diskrepanz könnte grösser kaum sein. Und das alles, während DAX und S&P 500 nahe ihrer Allzeithochs notieren.
Die Trennlinie scheint klar entlang eines Themas zu verlaufen: Künstliche Intelligenz. Was als KI-Gewinner gilt, wird zur möglichen Kursrakete. Wer meine Analysen kennt, der weiss, dass ich bei diesem Thema von Beginn an ausserordentlich bullisch war.
Den andauernden Aussagen, die es schon seit 2022 gibt, dass es sich um eine Blase handelt, habe ich immer wieder eine Absage erteilt. Inzwischen ist die Bewertung vieler KI-Gewinner jedoch auf ein bedenkliches Mass gestiegen.
Auf der anderen Seite stehen Unternehmen ohne überzeugende KI-Story. Solide Geschäftsmodelle, stabile Cashflows oder attraktive Dividenden zählen plötzlich wenig.
Und wehe, wenn man als KI-Verlierer gilt.
Diese Spaltung sorgt für eine trügerische Ruhe in den Indizes. Die Schwergewichte ziehen nach oben, während die Marktbreite bröckelt. Das Risiko verschwindet nicht, es wird nur besser kaschiert.
Wer nur auf den Index schaut, übersieht die tektonischen Verschiebungen darunter.
Nicht jede KI-Aktie ist ein Goldesel
KI ist der Kurstreiber der Stunde, aber nicht jede Aktie mit KI im Pitchdeck ist automatisch ein Gewinner.
Der eine oder andere vermeintliche KI-Verlierer könnte sich als Gewinner herausstellen und ein kurstechnisches Comeback hinlegen, wie man es selten gesehen hat. Genau hier liegt die eigentliche Chance.
Nehmen wir beispielsweise Gartner. Das Unternehmen besitzt ein Geschäftsmodell, das durch wiederkehrende Einnahmen gekennzeichnet ist und eine hohe Kundenbindung aufweist.
Gartner liefert Benchmarks, Zahlen und Entscheidungshilfen, die Unternehmen brauchen, wenn sie riskante Projekte angehen. Kein Entscheidungsträger wird diese auf Basis von KI-Daten treffen.
Das wäre nicht nur unprofessionell, sondern auch gefährlich – für ihn selbst und das eigene Unternehmen. Denn die meisten von uns sollten wissen, dass auf die Daten aus den gängigen KI-Modellen kein Verlass ist.
So mancher vermeintliche Verlierer …
Gartner liefert hingegen geprüfte und zuverlässige Daten. Das macht Gartner zur wichtigen Anlaufstelle bei Unsicherheit.
Gartner ist weniger ein klassisches Beratungsunternehmen als eine Informationsmaschine, die Unternehmen wiederkehrend mit Orientierung versorgt. Rund vier Fünftel des Geschäfts entfallen auf Research-Abonnements.
Die Produktpalette ist klar auf Entscheidungsunterstützung getrimmt. Gartner definiert, was „gut“ bedeutet, benennt Marktführer im Magic-Quadrant, liefert Benchmarks und organisiert Peer-Netzwerke. Das ist nicht nur Theorie: Vergleiche und Benchmarks sparen Unternehmen oft deutlich mehr, als das Jahresabonnement kostet.
Gartner hat eine Analystenbasis und Reichweite, die Wettbewerber deutlich übertrifft. Diese Tiefe bedeutet bessere Abdeckung, mehr relevante Datenpunkte und eine reichhaltigere Community auf Konferenzen. Letztere tragen nicht nur zum Umsatz bei, sondern auch zur Kundenbindung und positiven Netzwerkeffekten.
Das Networking-Thema sollte man nicht unterschätzen. So mancher Teilnehmer einer Konferenz dürfte ausschliesslich aus diesem Grund (Networking) anwesend sein.
… könnte sich als Gewinner herausstellen
Als Bulle könnte man in Anbetracht dieser Tatsachen problemlos argumentieren, dass Gartner am Ende als KI-Gewinner vom Platz gehen könnte.
KI schafft neue Fragen und ausserordentlich viel Unsicherheit. Welche Anbieter sind vertrauenswürdig, wie integriere ich Modelle sicher, welche Use-Cases sind reif? Diese Unsicherheiten verstärken das Bedürfnis nach validierter Orientierung.
Zweitens kann Gartner KI als Hebel nutzen. Interne Einbettung von KI-Funktionen in Portale und Dashboards beschleunigt die Suche nach Antworten und erhöht die Reaktionsgeschwindigkeit.
Automatisierte Antworten können Standard-Anfragen abdecken, während menschliche Experten sich auf komplexere Fragestellungen konzentrieren. So entsteht eine Produktivitätssteigerung ohne Verdrängung des Kerngeschäfts.
Das könnte die Kostenseite von Gartner positiv beeinflussen. Womöglich wird Gartner dadurch profitabler als je zuvor.
Was wiegt schwerer?
Genau an dieser Stelle wird sich aus meiner Sicht entscheiden, ob Gartner am Ende ein KI-Gewinner oder Verlierer sein wird.
Was wird mehr Gewicht haben? Der Gegenwind, vor allem im Bereich Basiswissen, oder aber die interne Produktivitätssteigerung durch KI und eine unter Umständen erhöhte Nachfrage bei hochkomplexen Entscheidungen?
Derzeit ist Gartner an der Börse als Verlierer abgestempelt. Sollte sich diese Einschätzung als falsch herausstellen, wäre eine Neubewertung der Aktie denkbar.
Interessanterweise sieht der Ausblick auch nicht schlecht aus. Im laufenden Geschäftsjahr soll das Ergebnis um 6 % auf 13,55 USD je Aktie steigen. Werden die Schätzungen übertroffen, könnte Gartner sogar vor einem Rekordjahr stehen.
Gartner kommt demnach auf eine forward P/E von 17,2. Im langjährigen Durchschnitt lag die P/E bei über 30.
Die nächsten Quartale werden zeigen, ob der Kurssturz nicht etwas zu weit geführt hat. Sollten die Wachstumsraten plötzlich wieder wie gewohnt im zweistelligen Prozentbereich liegen, könnte die Aktie ein Comeback hinlegen.
Die nächsten Quartalszahlen werden bereits am 3. Februar vorgelegt. In diesem Zuge wird Gartner sicherlich auch einen aussagekräftigen Ausblick für 2026 liefern.

Derzeit versucht sich die Aktie an einer Bodenbildung. Gelingt ein Anstieg über 255 USD, könnte das eine Erholung in Richtung 267 oder 275 USD einleiten, möglicherweise werden sogar 300 USD angesteuert.
Fällt Gartner jedoch unter das bisherige Jahrestief, haben die Bullen ihre Chance vorerst vertan.
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